Redaktion

Federsysteme für Mast, Gabel, Trapez

  • Stephan Gölnitz
15.09.2010

Im Bikesport gibt es Federungen für Rahmen, Gabel, Sattelstütze und sogar im Lenkervorbau. Jetzt scheint die Zeit reif für mehr Komfort auch im Windsurfen – durch Mensch und Material schonende Federungen. Wir haben die drei momentan erhältlichen Konzepte, die ganz unterschiedlich am Gabelbaum, Trapeztampen oder der Mastverlängerung ansetzen, gründlich in der Praxis getestet. Wir sind tatsächlich auf dem Weg zur gelungenen Vollfederung.

Die neue North Sails Shox.XTR im harten Praxistest. Hier bügelt sie für surf-Tester Stephan den Chop von Fuerte glatt.

Ich bolze mit Slalomhobel und 5,5er- Racesegel durchs Kabbelwasser – mein Auftrag in Sotavento: Ich soll mich dienstlich mal ordenlich durchschütteln lassen. Erstmal mit Material von der Stange. Also bounce ich ohne Körperspannung über den Salzwasseracker wie ein angeschossener Hase, dann wieder versuche ich mit voller Anspannung maximalen Speed zu fahren. Das fühlt sich dann an wie in einem entgleisten ICE-Zug, der statt auf der Schiene über die Schwellen rast. Ich versuche, das Gefühl dabei im Kopf abzuspeichern, im Körper einzufrieren, dann baue ich nacheinander die verschiedenen Dämpfersysteme ein.

Shox-Test Teil I – Freeride und Slalom

“Es ist als wenn man aus Buckelpisten Tiefschnee machen würde”, wird ein leicht übereuphorisierter Gasttester später über die North Shox.XTR philosophieren. Als abgebrühter Tester nimmt man das etwas sachlicher wahr. Doch nachdem wir bei Leichtwind-Tests an Gardasee und Walchensee kaum Vorteile für die Shox erkennen konnten, weiß ich hier bei harten Wind- und Wellenbedingungen bereits nach 50 Metern in den Schlaufen: “Das Teil funktioniert – und zwar richtig gut.”

Schon das zuvor harte Knallen der Wellen gegen das Board klingt jetzt wie eine Oktave tiefer gestimmt, das Rigg liegt ruhiger in der Hand, das Board wirkt softer, nicht so aggressiv hart, es lässt nicht mehr bei jeder Welle die steife Carbonbauweise durchklingen und durchschlagen. Neun aufeinander folgende Elastomer-Elemente in der Mastverlängerung arbeiten ständig, schon bei Vollgas im Kabbelwasser wird ein beachtlicher Teil der maximal acht Zentimeter Federweg ausgenutzt. Für die ersten 40 Millimeter sind rund 90 Kilo Kraft notwendig.

Das haben wir im Labor nachgemessen – erst jetzt wird mir klar, welche Kräfte ständig auf Brett, Mast und Mensch einwirken, denn selbst nach flachen Sprüngen federt die Shox sichtlich weiter durch, wie unser Kontrollvideo der Testfahrten später zeigt.

>>>Hier geht's zum SURF Video-Center: North Shox.XTR ->

Der Komfortgewinn durch die gefederte Verlängerung ist drastisch spürbar, Speedvorteile lassen sich dagegen kaum herausfahren, zumindest nicht im Topspeed. So ist das Feedback aus der Profi-Ecke auch zweigeteilt. Absolute Top-Racer lassen das Board überwiegend so frei an der Grenze zum kapitalen Megaabgang fliegen, wie es kein Normalsterblicher je hinbekommt – und wenn das Board das Wasser kaum mehr berührt, benötigt man natürlich auch keine Federung. Lediglich North-Racer Jimmy Diaz, der im Worldcup zu den schmächtigeren Fahrern zählt, schwört darauf – und war diese Saison schon richtig schnell.

Freizeitsurfer, die mehr mit Druck fahren als zu fliegen, die etwas mehr über den Mastfuß pressen, können sehr wahrscheinlich ebenfalls ihre Durchschnittsgeschwindigkeit verbessern, es fällt bei schwierigen Bedingungen auch versierten surf-Testern leichter, den persönlichen Topspeed zu erreichen und zu halten. Den Freeride-Surfer dürfte am Konzept nur die noch wirklich unkomfortable Verbindung zwischen Mastfuß und Verlängerung stören – die Bedienung ist nicht nur fummelig, sondern auch eine Fingerfalle. Am besten betätigt man den Druckknopf mit dem Knoten des überschüssigen Tampens statt mit dem Finger – auch wenn die neuesten Versionen jetzt besser entgratet sind.

Freeride-Fazit

Für Flachwasser und Leichtwind besteht keine Notwendigkeit, in kabbeligen Revieren will man sie nicht mehr missen, wenn man einmal damit gefahren ist.

+ Großer Komfortgewinn bei viel Wind und kabbeligem Wasser

+ Mensch und Material werden geschont

+ Trimmratsche inklusive

- Schlechte Bedienbarkeit des Quick Release

Shox-Test Teil II – Wave und Freestyle

Unser Testteam Nord hat die Shox.XTR in RDM-Version über Monate hart ran genommen. Vor allem bei viel Wind und in ruppigen Freestylebedingungen wirkte sich der Dämpfer angenehm auf die Fahreigenschaften aus. Das Brett läuft dann ruhiger, es wirkt, als wäre der Wind etwas weniger geworden. Das hilft spürbar, wenn man bei Vollspeed versucht, auf Switch Stance zu wechseln oder man sich auf den nahenden Absprung konzentrieren will. Dass man mit der Shox, wie angepriesen, mehr Pop für den Absprung bekommt, konnten wir im Freestyletest nicht wirklich bestätigen. Harte Landungen, etwa bei Spinloops, federt die Shox spürbar ab, das schont die Knochen und vor allem die nicht immer auf maximale Haltbarkeit ausgelegten Freestyleboards.

Die gedämpften Landungen wurden auch von den Gasttestern positiv hervorgehoben, denen wir die Shox während unserer Testphase in die Hand gedrückt hatten. Im unteren Windbereich hat der Dämpfer keinen erkennbaren Vorteil, ein Teil der Energie die man beim Anpumpen aufwendet um ins Gleiten zu kommen, wird von der Verlängerung eher etwas geschluckt. In der Welle punktet der North-Dämpfer ebenfalls dann, wenn Kontrolle zählt. Beim Rausfahren gegen das Weißwasser schluckt die Shox die harten Schläge, wodurch man sich etwas sicherer fühlt und den Speed gut mitnehmen kann, um etwas Höhenluft zu schnuppern.

Wer schon öfter einmal sein Board nach einem hohen Frontloop in zwei Teilen zum Strand geschwommen hat, könnte durch die Shox Geld und Nerven sparen, denn vor allem bei der Landung hoher Sprünge merkt man, dass der Dämpfer wirklich arbeitet. Hier werden die Belastungsspitzen spürbar geschluckt. Im Wave-Einsatz schlägt der Dämpfer regelmäßig weit durch, vor allem schwerere Fahrer sollten den längeren Federweg von 80 Millimeter einstellen. Auch im Bottom Turn kann das Konzept punkten, hier läuft das Brett über die Kante etwas ruhiger und kontrollierbarer.

Wave und Freestyle – Fazit Knapp 370 Euro für eine Mastverlängerung?!

Mit der Frage nach dem Kaufpreis hat sich für viele das Thema North Shox. XTR bereits erledigt. Wer allerdings regelmäßig in ruppigen Wave-Revieren surft, und gerne in den zweiten Stock springt, könnte das Geld an anderer Stelle – an nicht gebrochenen Boards und Gabelbäumen – wieder einsparen. Für den reinen Freestyle-Einsatz auf Flachwasser erscheinen die Vorteile zu gering, als das sich die Investition lohnen würde.

+ Mehr Kontrolle im Kabbelwasser und im Bottom Turn

+ Dein Board wird dir die Dämpfung bei harten Landungen danken

North iFront im Federtest

Dieser Testbericht ist schnell gelesen: Die Gabel funktioniert tadellos und liegt super in der Hand – Dämpfungs- und Federungseigenschaften waren im Slalom- und Freerideeinsatz aber selbst in der weichen Einstellung kaum spürbar.

Was kann das “Bungee”-Trapez?

Die gefederten Tampen von Mystic sind eine gelungene Ergänzung zur Shox für komfortliebende Surfer. Während die Shox alle Schläge, die senkrecht von unten vom Kabbelwasser kommen, ausfiltert, kümmern die Tampen sich darum, die unangenehmen Böenspitzen abzuschneiden. Gerade in Sideoffshorerevieren, wo es schon mal unerwartet und heftig am Haken zerrt, schont der Tampen den Rücken, weil sich erstmal die Feder dehnt und der Zug dann gemildert weitergegeben wird. Wir empfanden die Tampen in Fuerte als sehr angenehm. Lediglich harte Speed-Jungs, die kein Hundertstel Windenergie verschwenden möchten, vermissen vielleicht das brutale Gefühl am Haken, wenn die Böe einfällt.

Ansonsten funktioniert auch die variable Längeneinstellung trotz des Federmechanismus gut, den Federweg von etwa zwei Zentimetern spürt man beim Surfen hinsichtlich der Armhaltung kaum.

>>>Hier geht's zum SURF Video-Center: Mystic Shock ->  

Kopf-Arbeit von Tecno Limits

Für eine Carbongabel ist die Cont@ct zwar spürbar weniger steif, dafür aber auch wirklich sehr leicht. Das zweigeteilte Kopfstück lässt sich nach etwas Übung sehr einfach montieren. Auf dem Wasser vermittelt die Gabel vielleicht ein weniger direktes Gefühl zum Rigg, dämpft aber Schläge gut und wirkt dadurch im ruppigen Wasser sehr komfortabel. In der Halse liegt das Rigg flexibler in der Hand und die Kabbelwassereinflüsse im Rigg sind weniger zu spüren. Durch die direkte Anbindung der Holme an den Mast lässt sich das Rigg sehr gezielt im Manöver dirigieren. Auf der Kabbelpiste bietet die Gabel zwar spürbar weniger Dämpfung als das North-Dämpfersystem, bügelt die Spitzen der härtesten Schläge aber spürbar weg.

North Shox.XTR

 

So sieht der neue Maßstab für Surf-Fahrwerke von innen aus. Eine Reihe von Polymeren federt Stöße nicht nur ab, sondern dämpft die Schwingung gleichzeitig. Preis: 299 Euro für die gefederte Verlängerung inklusive Ratschenmechanismus plus 69,90 Euro für die erforderliche Base. Federung: +++ Gesamtfunktion: o (Abwertung nur wegen Druckknopf)

 

Nach vier Monaten im surf-Dauer-Test zeigt der schwarz eloxierte Vorserien-Stoßdämpfer eindeutig, wie weit das System tatsächlich regelmäßig einfedert. Die aktuellen Serienprodukte sind in Silber eloxiert.

North Sails iFront  

Funktionelle Gabel, die aber vergleichsweise nur sehr wenig Federung bietet. Ansonsten empfehlenswert. Federung: o Gesamtfunktion: ++ Preis: 375 Euro

Mystic Shock  

Trapeztampen, der vor allem ruppige Windböen spürbar abmildert und sanfter aufs Trapez leitet. Federung: ++ Gesamtfunktion: + Preis: 49,95 Euro

 

Tecno Limits Cont@ct  

Tecno Limits Cont@ctInnovative Gabel, die Kabbelwasser-Schläge leicht mildert und die Belastung auf den Mast bei Landungen reduziert.Federung: +Gesamtfunktion: +Preis: 799 Euro

Die erste echte Feder-Gabel

 

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