Windmesser Test 2012

  • Gerd Kloos
 • Publiziert vor 9 Jahren

Wetterstation gegen Taschentool – der ungleiche Wettstreit geht nicht nur in der Handhabung an die praktischen Windmesser für die Hosentasche. Auch in der Genauigkeit und Auswertung der Messungen erweisen sich die besten Pocket-Geräte als ebenbürtig. Je nach Anordnung der Windräder unterscheidet sich die Fehleranfälligkeit aber deutlich.

Windmesser im Windkanal.

Es soll Leute geben, die laufen mit noch nassen Füßen und zerzaustem Haar vom Strand schnurstracks in den Surf-Shop, 100 Meter vom Beach entfernt, und wollen dort im Internet ablesen, ob der Wind zum Surfen reicht. Eine Anekdote, die Shop- Mitarbeiter Frank Lewisch vom Neusiedler See gerne erzählt. Was für ihn als alten Hasen unvorstellbar erscheint, plagt aber vielleicht doch mehr Windsurfer, als man denkt.

Denn nicht jeder kann aus der Natur ablesen, was die klassische Beaufort-Skala angibt: Ob sich jetzt “dicke Äste bewegen” (Windstärke sechs) oder “Bäume schwanken” (Windstärke sieben), war vielleicht für Francis Beaufort im 18. Jahrhundert eindeutig. Heute bevorzugen wir die harte, messbare Währung für den Wind: in Knoten oder Metern pro Sekunde. So wie man es auch aus den Vorhersagen von Windfinder & Co. kennt. Windsurfer wie Frank schauen aufs Wasser und wissen, welches Segel passt. Das wurde in tausenden Surfsessions trainiert. Da berücksichtigt das Hirn automatisch die Windrichtung, mögliche Abdeckungen an Land, Wellenhöhe und Lichteinfall. All das kann die Sinne täuschen und erfordert unendlich viel Erfahrung. Und deshalb greifen immer noch viele Surfer gerne zum Windmesser und sei es nur zur Absicherung, um nicht unnötig das falsche Segel aufzubauen. Weil die Messgeräte sich in Preis und Genauigkeit doch klar unterscheiden, haben wir als Gemeinschaftsprojekt der Magazine surf und Kite einen unabhängigen Test in einem spezialisierten Windkanal durchführen lassen. Mit dem Ergebnis, dass man für gute Messungen nicht unbedingt allzu viel Geld ausgeben muss.

Körper beeinflusst Messergebnis

Der Test im Windkanal zeigte auch, dass nicht nur in den Geräten Fehlerquellen sitzen. Auch die Körperhaltung während der Messung schlägt sich in den Messwerten nieder. Je nach Gerät schwankt die Anzeige, abhängig davon, ob man gerade oder schräg zum Wind steht – auch wenn das Gerät dabei nach oben gehalten wird. Beim Eolo1 von Skywatch betrug dieser Unterschied über 20 Prozent. Grund: Steht der Körper gerade zur Windrichtung, erzeugt er einen Luvstau, der in die Messung einfließt. Dreht man den Körper jedoch seitlich zum Wind, kann der Wind besser vorbeistreichen – die Messfühler werden weniger beeinflusst.

Bei Flügelrädern muss man wissen, woher der Wind weht

Die getesteten Windmesser – auch Anemometer genannt – messen den Wind durch mechanische Dreh-Konstruktionen. Während Schalenkreuz- Anemometer den Wind mit kleinen Schaufeln einfangen und sich horizontal drehen, werden in Flügelrad-Anemometer kleine Impeller verbaut, die sich wie kleine Windräder drehen. Nachteil der Flügelrad-Anemometer: Sie müssen direkt in Windrichtung gehalten werden, um nicht schräg angeströmt zu werden. Am Modell Windmate 100 zeigt daher ein kleines Windfähnchen die Richtung des Windes an, um so das Gerät korrekt ausrichten zu können. Andere Hersteller berufen sich auf die Maximalwertmethode, um den Fehler auszumerzen: Das Gerät soll durch einen horizontalen Schwenk durch das Windfenster wandern. Der Maximalwert zeigt dann die tatsächliche Windgeschwindigkeit an – so die Theorie. Windböen werden bei dieser Methode jedoch nicht berücksichtigt – daher ist diese Messvariante kaum praxistauglich.

Drehungen können auch Schalenkreuzmesser stören

Im Windkanal wurde eine Fehleinschätzung der Windrichtung durch eine Drehung der Messgeräte um 20 Grad simuliert. Unsere Vermutung vor dem Test: Dem Schalenkreuz-Anemometer sollte dieser Effekt egal sein, während die Impeller der Flügelrad-Windmesser sensibler darauf reagieren müssten. Die Flügelrad- Varianten, allen voran der Xplorer von Skywatch, reagierten tatsächlich auf die Drehung deutlich nachweisbar, aber auch das Schalenkreuz-System Eolo1 reagierte auf den Horizontalschwenk, was wohl auf eine veränderte Aerodynamik an der Gerätunterseite zurückzuführen ist. Kurioserweise gleicht der Fehler durch die Drehung die allgemein zu hohe Anzeige einiger Geräte sogar etwas aus, was in der Praxis aber unkalkulierbar bleibt. Die übrigen Schalenkreuz-Anemometer, zu denen auch die festen Wetterstationen zählen, zeigten kaum oder gar keine Anfälligkeiten auf die Windrichtung.

Den gesamten Artikel findet ihr unten als PDF-Download.

Die Versuchsanordnung im GST-Windkanal von Immenstaad am Bodensee: links und rechts die Testkandidaten, in der Mitte misst das Referenz-Anemometer die tatsächliche Windgeschwindigkeit.

Trendsetter halten neuerdings nicht mehr den Windmesser, sondern das iPhone in den Wind und lächeln über die Old-School-Beaufortisten. Wir wollten wissen: Kann das Mikrofon des iPhones korrekte Werte liefern? Erste Überraschung: Die Geräusche der Windkanal-Turbine mochte das iPhone nicht und zeigte vogelwilde Werte an. Also lernen wir: Die App verlangt Naturwind. Am Strand haben wir eine kleine Windprobe bei Wind zwischen einem und sechs Knoten genommen. Wir haben „Get Wind“ gedrückt, dann sollte das Ding messen. Wenn man auf „Got Wind“ drückt, müsste die Durchschnittsgeschwindigkeit kommen. Die Ergebnisse im untersten Windbereich aber waren purer Zufall und hatten mit den Ergebnissen des Windmaster 2 weniger gemein als das subjektive Beaufort-Gefühl mit dem wahren Wind. Fazit: Im untersten Windbereich war unsere App ein Flop.

Themen: 2012TestWindmesser

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