Redaktion

Foil: Neues Olympiaboard Konzept

  • Stephan Gölnitz
31.01.2017

NeilPryde gibt alles, damit 2020 oder spätestens 2024 bei Olympischen Spielen auf dem Foil gesurft wird. Das könnte dem olympischen Windsurfen Flügel verleihen – oder mit einer Bruchlandung enden.

Foil: Neues Olympiaboard Konzept

Das aktuelle Olympiaboard ist für den Normalsurfer vermutlich eine Mischung aus Klotür und Hobelbank. Der Sexappeal dürfte ziemlich unter dem eines iPhone 7 liegen – das erklärt zumindest, warum ungefähr ein Windsurfer (bei den Herren) in Deutschland damit surft. Oder besser gesagt: surfte. Denn auch Toni Wilhelm hat gleich nach der Rückkehr aus Rio ziemlich schnell – und erfolgreich –  aufs Race-Slalomboard gewechselt. Dabei sehen engagierte Racer wie er die Materialwahl eigentlich fast nebensächlich. "Es ist für uns gar nicht das Material, das den Spaß bringt, sondern der Wettkampf und das harte Training", sagt Toni, "der Reiz liegt für Racer in der Olympiaklasse, weil sie Tuning am Material, an der Taktik, Technik und der Fitness lieben. Trotzdem stellt man sich schon manchmal die Frage, warum man sich das mit der 20-Kilo-Planke eigentlich antut."

Auch das bleischwere RS:X-Board lässt sich mit Wind- und Muskelpower dynamisch darstellen.Die Olympia-Entscheider gieren aber nach Neuem. 

Wumms – in diese Kerbe haut NeilPryde-Designer Robert Stroj mit der großen Foil-Keule: "Attraktiver für die Zuschauer, mehr Spaß für die Aktiven und endlich näher am normalen Windsurfen dran!" Gekauft. Und wer jetzt noch nicht überzeugt ist, für den gibt es das NeilPryde-Rundum-sorglos-Foilpaket in drei Geschmacksrichtungen. Das erste Paket, das mit dem großen Haken, sollen vor allem die Olympia-Funktionäre schlucken. Zum Anködern braucht man da natürlich etwas Frisches, etwas Neues und spektakulär soll es sein, aber am liebsten in einer bekannten Verpackung, damit man das Produkt den Medien und den Massen nicht von Null an neu verkaufen muss. Das RS:X Convertible soll genau das bieten. Als Modifikation des RS:X bleibt ein bisschen Tradition erhalten, das zusätzliche Foil bringt den jugendlich dynamischen Kick schon bei sechs Knoten Wind, und im normalen Slalom-Set-up, mit 36er-Finne bei gutem Wind, geht das Ganze vielleicht noch als echtes Volks-Board für die BILD-Zeitung durch. Ausgetüftelt im RS:X-Management bei NeilPryde, entwickelt im Team des europäischen RS:X-Vertriebes in Frankreich mit Ex-Exocet-Shaper Jean Marie Guiriec. Der kennt sich bestens aus, war Exocet doch schon bei der letzten Bewerbung um die Mistral-Nachfolge der härteste Knochen für den RS:X. Doch wie bei sowas der Hase läuft, weiß auch NeilPryde-Segeldesigner Robert Stroj.

Wird das aktuelle Olympiaboard den Wünschen der Fahrer und den Vorstellungen der Olympia-Bosse noch gerecht? Ob das Foil auch bei Starkwind funktioniert, muss noch getestet werden, die RS:X-Fahrer surfen bisher mit dem 9,5er-Segel bei bis zu 30 Knoten Wind.

PROZEDUR MIT RISIKEN

"Ich war zum Glück schon dabei, als RS:X als Olympiaboard ausgewählt wurde und bin durch den ganzen Prozess gegangen. Damals kam die Initiative von der ISAF. Als Anfrage an die gesamte Industrie, auf der Suche nach einem neuen Board als Nachfolger des Mistral One Design." Die Hürde der damaligen Ausscheidung – verschiedene Events, bei denen den Herstellern zuerst kaum Auflagen gemacht wurden, "da war sogar ein Board dabei, bei dem man für viel Wind mit der Startschot den Bug hochbinden konnte", erinnert sich Robert Stroj, meisterte der RS:X gut. Vor allem, weil der Exocet-Shape "bei rauen, harten Bedingungen mit Chop wirklich gefährlich wurde und die Fahrer echt schlimme Schleuderstürze gemacht haben."

Auf den aktuellen RS:X fiel daher am Ende die Wahl auch wegen der besseren Starkwindleistung. Das neue Foilboard RS:X Convertible dürfte seine Stärken noch mehr im Gleitbereich haben. Wobei das untere Limit euphorisch niedrig angesetzt ist. "Racer wie Sebastian Kornum, die trainiert sind, können das auf sechs Knoten pushen, ab sieben Knoten foilen die sicher", prognostiziert Stroj und auch Olympia-Veteran Toni Wilhelm (2012, 2016) ist sicher: "Es wären auf einem Foilboard in den letzten Jahren vermutlich einzelne Läufe ausgefallen. Aber ganze Regatten? Das glaube ich nicht. Ich denke, dass Foiling eine Zukunft hat. Wenn man die  Segelwelt betrachtet, da funktioniert heute alles auf Foils."

Davon müssen jetzt nur noch die Offiziellen überzeugt werden. Und die stehen unter ordentlichem Druck. Ganz oben presst das Olympische Komitee. Das will spannende Rennen auch in den Segeldisziplinen. Spektakulär, jung und modern. Surfen und Skateboarden sind ja auch schon dabei. "Macht mal", heißt der Auftrag an die "World Sailing" (Nachfolger des Weltsegel-Verbandes ISAF) – eine Mittelstation irgendwo zwischen dem Olympischen Komitee und den einzelnen Segelklassen. "Tendenziell recht traditionell verwurzelt", wie Stroj vorsichtig formuliert, aber unter Druck von oben. "Kitesurfen soll wohl so gut wie drin sein, munkelt man, dafür muss eine von drei Klassen Platz machen: Finn, Windsurfen oder 49er", sagt Stroj. "Der Finn hat eine lange Tradition. Und wie sehr die World Sailing gewillt ist, diese Klasse abzugeben, kann im Moment niemand sagen." In den Händen der World Sailing liegt es es aber, nach der Präsentation der RS:X-Klassenänderung zum Foil-Convertible im November, dieses Konzept bereits im kommenden Februar dem Olympischen Komitee zur Entscheidung für 2020 vorzuschlagen.

"Die Flügel generieren Auf­trieb, du wirst schneller, weil das Board weniger Widerstand hat. Das erzeugt mehr Fahrtwind, das wiede­rum mehr Speed, damit mehr Lift und du wirst wieder schneller. Fast so wie auf einem Wind­skater.” (Chris, F4-Foil-Dedsigner)

"Foilsurfen ist ziemlich schwierig und kompliziert für normale Leute. Trotzdem ist es näher dran am normalen Windsurfen als RS:X. Wenn es olympisch wird, sollte das auch die PWA übernehmen. Dann kommen die beiden Top-Level-Klassen näher zusammen.”   (Craig Gertenbach, Fanatic Brandmanager)

Das RS:Flight ist als nicht-olympische Einheitsklasse mit zwei Segeln geplant. Das Olympiaboard muss mit einem Segel auskommen, dafür ist dessen Foil für Leichtwind optimiert. Bei Hack wird es gegen eine Finne getauscht.

DIE BILLIGSTE FOILING-KLASSE

Was bei der amerikanischen Präsidentenwahl vielen als wünschenswert erscheinen könnte – nämlich, dass es keiner der beiden Kanditaten wird – wäre für das Windsurfen ein herber Schlag. Tatsächlich könnte die RS:X-Klasse komplett über die Klinge springen, egal ob mit oder ohne Foil. Deshalb kommt der Vorstoß für das neue Konzept im Gegensatz zur damaligen Mistral-Ablöse frühzeitig und auf Eigeninitiative. "Die Idee der RS:X-Klasse ist es, dass sie eine attraktive Foiling-Klasse präsentieren kann", erklärt Robert, "eine Foiling-Klasse, die viel billiger ist als jede andere Foiling-Klasse. Mit einem Konzept wie bei den Katamaranen. Dort ist ähnliches geplant. Nacra wird beispielsweise die Klasse behalten, aber sie werden die Foils einführen. Ganz ähnlich könnte das beim RS:X laufen. Die Idee ist auch bei den Kitern, dass sie als Convertible entweder Foils oder ein normale Twin Tips fahren. Es wäre fürs Windsurfen sehr schlecht, wenn es nicht mehr olympisch wäre. Vielleicht nicht in Deutschland, aber spätestens in Skandinavien, wo Windsurfen mehr über Vereine organisiert ist und die olympischen Klassen sehr begeistert gefeiert werden, würde es einen Verlust bedeuten. Wenn du dann weiter nach Asien schaust, nach China, wo olympisches Windsurfen sehr stark ist, hätte das dort einen sehr großen Einfluss." Unabhängig davon, ob am Ende ausreichend müde Funktionärsdaumen nach oben zeigen, will NeilPryde die Klasse auf jeden Fall als neue "One Design Class" etablieren. Ein Board (82 Zentimeter breit), ein Segel (7,8 für Herren; 7,0 für Damen), eine Finne, ein Foil. Das ist dir zu sehr Einheitsbrei? Wie wäre es mit dem RS:Flight?

"Auf dem Foil kannst du bei Leichtwind ein gut 1,5 Quadratmeter kleineres Segel fahren.” (Sebastian Kornum, PWA-Worldcupper & Foilsurfer)

INSGESAMT ZWEI EINHEITSKLASSEN

Das ist die zweite Foilkarte, die NeilPryde schon für kommende Saison spielen will, das Luxus-Paket. "Die ersten Boards sind schon aus der Form gekommen", freut sich Robert Stroj, der bei diesem Projekt bei der Boardentwicklung zusammen mit Shaper Mark Nelson Hand angelegt hat. "Ein reines Foilboard", schwärmt Robert, "es ist mit 91 Zentimetern und 145 Litern auf noch früheres Gleiten ausgelegt. Dafür ist das Foil, das vom Foilexperten  F4 aus San Francisco kommt, eher für Top-Speed designt als für maximalen Auftrieb. Geplant ist die Ausstattung mit zwei Hauptflügeln: für Leicht- und Starkwind. Der hintere Flügel, der ‚Stabilizer’, bleibt dabei unverändert." Dieses Set wird auch bei der Motorisierung als Zwei-Gänge-Menü serviert. Für den flotten Anzug im ersten Gang sorgt ein 8,6er-Segel (Damen 7,0) und im zweiten Gang wird mit 7,0 (Damen 5,6) richtig Gas gegeben.

Robert Stroj ist eine der treibenden Kräfte hinter dem Projekt "Olympia foilt 2024". 

Wann immer es geht, lässt Robert Stroj die Kiste aber selber "fliegen".

DIE SPARVARIANTE

Das dritte Paket ist zugleich das Spar-Paket. Nichts anderes als die günstiger, aber robuster gebaute Variante des RS:X Convertible. Statt in feinstem Carbon wie RS:Flight und RS:X Convertible, wird das "One" als Trainings- und Vereinsboard in Full-Wood-Sandwich angeboten – zu einem günstigeren Preis.

RS:Flight: 220 x 90 cm, 145 Liter nur Foil

RS:X Convertible: 230 x 80 cm, 134 Liter, Foil + Finne

RS-One Convertible: 230 x 80 cm, 134 Liter, Foil + Finne

Zwei neue Klassen, drei neue Boards. Das "RS:Flight" (links) ist als reines Hochleistungs-Foilboard konzipiert. Das "RS:X Convertible" (Mitte) soll je nach Windbedingungen mit Frühgleit-Foil oder mit Slalom-Finne bei Olympia antreten. Für Training und Vereine wird das gleiche Board in etwa 1,5 Kilo schwerer als "RS:One Convertible" (rechts) in robusterer Bauweise produziert.

NEUE OLYMPIA-SURFER

Für das neue olympische Material müssten auch die Formate überdacht werden. "Warum nicht auch Slalomrennen im ‚full fleet’, oder zumindest im halben Feld?" regt Toni an, "dadurch, dass bei Olympia jede Nation nur einen Starter stellt, sind es nicht so viele Teilnehmer, in Rio waren wir nur 36 Herren. Das lässt sich leicht und schnell durchführen."

Mit Rennformaten wie im PWA-Worldcup oder im Deutschen Windsurf-Cup (DWC) eröffnen sich so völlig neue Perspektiven, auch für einen anderen Fahrertypus. Mit mehr Slalombackground und auch ein bisschen mehr auf den Rippen. "Auf dem RS:X sind 75 Kilo ideal, um bei allen Bedingungen schnell zu sein", schätzt Toni. "Schwerere Fahrer gleichen das bei viel Wind durch die Physis aus. Ich glaube für dieses neue Convertible-Konzept wären um die 80 Kilo Körpergewicht nicht schlecht. Weil man im Slalom dann ja schon extrem dagegenhalten muss." So spannend das klingt – für das olympische Windsurfen bleibt ein gewis­ses Restrisiko, doch der Optimismus  überwiegt bei Robert Stroj: "Windsurfen hat bei den letzten Olympischen Spielen wieder mal eine richtig gute Show geliefert, daher sehe ich die Chancen beim Olympischen Komitee recht gut fürs Windsurfen.

Und mit dem Foilen ist es da zusätzlich wieder sehr wettbewerbsfähig." Die (Klo-)Tür zu Olympia ist also noch lange nicht zugeschlagen – da können die Kiter noch so klopfen und hämmern – sie steht für einen modernen Foil-Hybriden vermutlich weiter offen als zuvor.

Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 9/2016 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier.

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