Osmose im BoardbagBlasen am Windsurfboard - Woher kommen sie, was kann man dagegen tun?

Stephan Gölnitz

 · 04.11.2022

Osmose im Boardbag: Blasen am Windsurfboard - Woher kommen sie, was kann man dagegen tun?Foto: Stephan Gölnitz
Ein seltener Extremfall eines befallenen Laminates an einem SUP-Board im "unfinished design". Zum Glück sieht man das so fast nie.

Leser schildern immer wieder Probleme mit unerklärlichen Blasen am Windsurfboard. Doch viele Hersteller lehnen Garantieansprüche ab, wenn ein Board plötzlich aufblüht als hätte es die Pocken. Wir wollten wissen, wie die „Pocken“ entstehen, wie man vorbeugen kann, wie hoch das Risiko tatsächlich ist, und was man tun kann, wenn es einen doch mal erwischen sollte?

In diesem Artikel:

Um abenteuerliche Erklärungen sind Hersteller aller Branchen meist nicht verlegen, wenn es um Garantieansprüche geht. Da geben die Vertriebe auch gerne mal die windigsten Behauptungen ihres Produzenten wieder. Für den Kunden ist das wenig erfreulich im Streit um Garantieansprüche bei plötzlich vorhandenen Blasen oder Pocken auf dem Board.

Verlagssonderveröffentlichung

2014 thematisierte surf das Problem erstmals, nachdem sich die Meldungen über beschädigte Boards gehäuft hatten. Seit vielen Jahren schon findet man nun auf einigen Boards deutliche Hinweise, die vor dem Verpacken nasser Boards warnen. Viele Surfer sind seither sensibler bei der Lagerung ihrer Boards geworden, doch wirklich gelöst ist das Problem noch immer nicht.

So sieht ein typisches Schadensbild aus, wie es uns ein Leser zugesendet hat: Mini-Pocken, die man sieht und spürt. Spätestens jetzt ist eine Sanierung erforderlich – aber auch noch gut möglich.Foto: privat
So sieht ein typisches Schadensbild aus, wie es uns ein Leser zugesendet hat: Mini-Pocken, die man sieht und spürt. Spätestens jetzt ist eine Sanierung erforderlich – aber auch noch gut möglich.

Glücklicherweise sind die Fälle recht selten, es gab aber in der Vergangenheit immer wieder echte Pockenwellen, wie ein Brancheninsider weiß: "Früher, als wir noch ****-Boards importiert haben, da kam das wirklich regelmäßig vor. Schuld daran seien die Boardbags aus Polyester gewesen, die wir damals meist benutzt haben, hatte uns der Hersteller der Boards erklärt", schildert er uns etwas verschämt, wohl wissend, dass die Erklärung zwar für den Hersteller wünschenswert, aber ebenso wenig glaubwürdig ist. Dass der Boardproduzent gerne den Schwarzen Peter weitergibt, ist nachvollziehbar. Neben reinem Selbstschutz entspringen solche Herleitungen aber teilweise auch der mangelnden Sachkenntnis, worum es sich bei den Bläschen überhaupt handeln könnte.

In Sachkunde nur mäßig fit

“Luftblasen, die sich ausdehnen”, “chemische Reaktionen mit dem Boardbag”. So unpräzise wie die Kenntnis der genauen chemischen Vorgänge, so unbeholfen klingen die Ratschläge der Hersteller, was man tun soll, wenn es beispielsweise auf einer mehrtägigen Autoreise durchregnet und das Board im Extremfall dann noch im Tiefgeschoss einer Autofähre gebacken wird. “Es reicht, wenn man das Bag leicht öffnet, damit Luft zirkulieren kann” – das wird schwierig bei einem Vierer-Turm auf dem Autodach.

  Damit das auch so bleibt: Wenn Boards im Bag gelagert werden sollen - immer mit offenem Verschluss, um eine Mindestbelüftung zu gewährleisten. Foto: Stephan Gölnitz
Damit das auch so bleibt: Wenn Boards im Bag gelagert werden sollen - immer mit offenem Verschluss, um eine Mindestbelüftung zu gewährleisten. 

Drei Tage können zu lang sein

Dabei reichen unter Umständen schon zwei, drei Tage im Feuchtbiotop auf dem Autodach – nach Regenfahrten sollten die Boards daher zu Hause oder am Spot so bald wie möglich gelüftet werden, wenn man auf Nummer sicher gehen will.

Boards, die nicht nass eingepackt werden dürfen – das ist ein nicht ganz befriedigender Zustand. Bei den meisten Herstellern heißt es dann “no warranty”. Klar ist aber, dass die Blasen am Windsurfboard ausschließlich bei feuchtwarmer Lagerung auftreten können und man das daher selbst verhindern kann. Zumindest bis der Produzent Lösungen findet, die Bläschenbildung grundsätzlich verhindern, sei es durch bessere Lacke oder neue Produktionsverfahren.

Gefragt sind Boardbags, die entweder für den Autotransport komplett dicht sind, oder solche, die während langer Fahrten und Lagerungen mittels geeigneter Lüftungsöffnungen auch bei geschlossenem Zipper ausreichend mit Frischluft beatmet werden, trocknen können und nicht zur Dampfsauna werden. Der Anbieter König aus Tschechien hat Bags mit spezieller Belüftung im Programm, die wir bald hier und im Heft genauer vorstellen werden!

Das passiert im Laminat

Osmose ist nicht der Schaden, sondern die Ursache des Problems. Wasserdampf will sich mit chemischen Restbeständen in kleinen Hohlräumen im Laminat oder unter dem Lack verbinden. Die Antriebskraft ist die gleiche, die es Pflanzen ermöglicht, die entlegensten Blätter mit Wasser aus dem Boden zu versorgen. Wasserdampf kann unter extremen Bedingungen beim Board durch durchlässige Lacke und Laminate diffundieren, wird regelrecht in bestehende Hohlräume gesaugt, bis der Platz zu eng wird, sich Blasen bilden und diese schließlich aufplatzen. Dadurch wird dem weiteren, schnelleren Verfall „die Tore geöffnet“. Je feuchter und wärmer die Umgebungsluft dabei ist, umso größer ist die treibende Kraft für den Wasserdampf, ins Laminat einzudringen.

Foto: Rudi Kappler

Das sagt der Produzent: Falsche Lagerung – keine Garantie

Nahezu alles, was schwimmt und keinen festen Mast oder Motor hat, kommt mittlerweile aus einer Fabrik: Cobra in Thailand fertigt fast alle Windsurfboards, die auf dem deutschen Markt erhältlich sind. Bei Cobra ist man sicher: Die Lagerung ist Ursache der ungewünschten Bläschen, daher werden Garantieansprüche abgelehnt.

Ein umfangreicher Test soll das beweisen. Dafür wurden Boards aus der normalen Serienproduktion und Boards, die unter besonderer Beobachtung verarbeitet wurden, bei unterschiedlichen Bedingungen gelagert und die Auswirkungen verglichen. Bläschen traten dabei nur bei Lagerung nasser Boards im geschlossenen Bag auf. Bei den speziell kontrollierten Boards allerdings seltener als bei den nicht kontrollierten. Dem Produzenten reicht das als Beweis dafür, dass die Produktion keinen Einfluss hat, daher werden Bläschen auch nicht mehr als Produktionsmangel anerkannt.

So sehen die Testsheets der Produzenten-Versuche aus: Nur bei Lagerung in feuchten, geschlossenen Bags können sich Bläschen bilden (rosa markiert). Besonders kontrolliert produzierte Boards schneiden dabei etwas besser ab als die Standard-Serienproduktion. Bei trockener Lagerung und Benutzung im Wasser besteht generell keine Gefahr.
So sehen die Testsheets der Produzenten-Versuche aus: Nur bei Lagerung in feuchten, geschlossenen Bags können sich Bläschen bilden (rosa markiert). Besonders kontrolliert produzierte Boards schneiden dabei etwas besser ab als die Standard-Serienproduktion. Bei trockener Lagerung und Benutzung im Wasser besteht generell keine Gefahr.

Wir folgern daraus zweierlei: Erstens muss man mit diesem Zustand wohl leben und seine Boards möglichst nicht im Boardbag-Treibhaus backen. Zweitens scheint die Möglichkeit, dass die Produktion hinsichtlich Materialien (Harze, Filler und Lacke) und Methoden unter Umständen grundsätzlich verbesserungswürdig sein könnte, für einen Monopolhersteller, der nicht einmal seine Kunden die Produktion einsehen lässt, offenbar gar nicht in Frage kommt.

Das sagt die Werkstatt: So werden Blasen am Board repariert

Claudio Fackelmann, carbon-klinik.de
Claudio Fackelmann, carbon-klinik.de

Kennst du das Problem mit kleinen Pocken am Board?

Ja, das tritt aber nur auf, wenn das Board falsch gelagert wurde. Es sind aber wirklich nicht viele Fälle im Jahr, vielleicht sechs, sieben. Im Bootsbereich trat das früher viel häufiger auf. Das hängt bei Booten auch davon ab, wie gut gearbeitet wurde.

Was könnt ihr bei solchen Schäden machen?

Wenn der Schaden klein ist, wird geschliffen und neu lackiert, das kostet so ab 100 Euro etwa. Bei größeren Schäden muss zusätzlich aufgespachtelt werden.

Was empfiehlst du den Leuten?

Boards auf keinen Fall länger als nötig feucht im Bag transportieren oder lagern. Am besten man investiert drei Euro in ein Fensterleder und trocknet das Board damit ab, bevor man es einpackt. Besonders schlecht ist Salzwasser. Das Salz auf dem Board zieht Feuchtigkeit auch aus der Luft immer wieder an, besonders momentan bei unseren Inversionswetterlagen. Nach dem Salzwassergebrauch sollte man seine Boards vor der Lagerung mit Frischwasser abspülen und dann trocknen lassen.

Das sagt der Fachmann zur Blasenbildung an Windsurfboards

Peter Lässig, Sachverständiger und Präsident der unabhängigen Sachverständigen-Organisation „Internationale Bootsexperten e.V.“.
Peter Lässig, Sachverständiger und Präsident der unabhängigen Sachverständigen-Organisation „Internationale Bootsexperten e.V.“.

Welchen Einfluss auf das Osmose-Risiko haben die verwendeten Harze?

Da gibt es große Unterschiede. Früher, als es bei Booten noch die Probleme gab, das war bis Anfang der 90er gewesen, hat man kein Isophtal-haltiges Harz verwendet. Danach hat man Isophtal-haltiges Harz verwendet, der die nötige Diffusionssicherheit bringt.

In wie weit spielt die Fertigungsmethode eine Rolle?

Diese Boards werden ja, wie Boote oft auch, von Hand laminiert, da kommt es immer darauf an, wie sauber man arbeitet und wie gut man das Laminat entlüftet. Dazu besteht die Gefahr – wenn das Harz mit dem Beschleuniger und weiteren Zusätzen nicht absolut perfekt vermischt wird, so dass es unterschiedliche Konzentrationen gibt – dass sich im Laminat „hot spots“ bilden mit höheren Konzentrationen einer Chemikalie, die gegenüber Wasserdampfmolekülen aufnahmefähig sind. Wenn das Harz aber an sich diffusionsdicht ist, kann auch keine Osmose entstehen.

Windsurfboards werden aber auch überwiegend mit Epoxi-Harz gebaut, die sollten eigentlich nicht betroffen sein.

Man sollte eigentlich davon ausgehen, dass diese Harze vom Gefüge so dicht sind, dass sie gegenüber Wasserdampfmolekülen undurchlässig sind.

Dann liegt das Problem wahrscheinlich in der aufgetragenen Lackschicht oder dem abschließenden Gelcoat?

Das ist nicht auszuschließen. Wenn diese Lacke nicht diffusionsfest sind, so dass Wasserdampfmoleküle durchdiffundieren können, entstehen auch Osmoseschäden. Dabei hast du osmotische Bedingungen innerhalb der Lackschicht oder der Gelcoatschicht.

Wie muss man sich dabei den Weg des Wasserdampfes vorstellen?

Voraussetzung ist, dass innerhalb der Lackschicht oder innerhalb der Gelcoatschicht oder innerhalb des Laminats uneinheitliche Vermischungen vorhanden sind, also keine homogene Vermischung, sondern ein Überschuss an Bindemitteln oder an Härter oder ähnlichem. Also eine Konzentration einer Flüssigkeit, die in der Lage ist, mit Wasserdampfmolekülen zu reagieren. Also Bestandteile, die nicht 100-prozentig vermischt worden sind. Das musst du dir vorstellen, wie wenn du Mehl in eine Flüssigkeit einrührst und es bleiben winzige Klümpchen übrig.

Knackpunkt bleibt aber die durchlässige Schicht?

Wenn das Harz oder die Lackschicht in der Lage ist, dass Wasserdampfmoleküle durchdiffundieren können. Das kann im Wasser sein als auch in einer feuchten Umgebung, wie in diesen Taschen. Das kann aber auch passieren, wenn das Board irgendwo lagert, wo besonders hohe Luftfeuchtigkeit ist. Das ist genau das gleiche. Es muss also eine hohe Luftfeuchtigkeit in Form von Wasserdampfmolekülen und eine ungesättigte Mischung innerhalb des Harzes oder Lackes vorhanden sein.

Wie entstehen dann die Bläschen?

Das ist das gleiche als wenn du Zucker nimmst und träufelst da Wasser drauf. Dann saugt sich das in diese kleinen, nicht homogenen Vermischungen ein und hat das Bestreben, sich gegenüber der Umgebung auszugleichen. Das heißt, die hohe Konzentration nimmt Wasser dampfmoleküle auf, um die gleiche Dichte zu bekommen wie die umgebende Luftfeuchtigkeit. Das saugt sich also voll und dadurch, dass diese kleine Konzentration gefangen ist im Lack oder im Gelcoat, fängt das langsam an, sich vollzusaugen und bildet auf diese Weise die Pickel. Die Wasserdampfmoleküle sagen „Oh schau mal, da ist ’ne ungesättigte Flüssigkeit – hinein, hinein, hinein“. Dadurch kommt es zur Volumenerhöhung innerhalb eines geschlossenen Systems. In dem Moment wenn es aufplatzt, hört die Osmose auf.

Wie sähe denn das perfekte, osmosesichere Laminat aus?

Es muss perfekt sauber gearbeitet werden, so dass während des Baus innerhalb der Matten keine Luftblasen entstehen können. Wenn doch mikroskopisch kleine Blasen entstehen, kann sich dort nicht perfekt vermischtes Harz konzentrieren.

Ist das überhaupt machbar in Handarbeit?

Mit diffusionsfesten Harzen und Lacken und einer guten Entlüftung sollte das eigentlich gegeben sein. Die verwendeten Materialien sind da ausschlaggebend.

Die meisten Hersteller schließen die Garantie bei Osmoseschäden bei „falscher“ Lagerung aus. Ist das überhaupt zulässig?

Natürlich kann ein Hersteller vorschreiben, wie mit seinem Gerät umgegangen wird. Wenn er sagt, es darf auf keinen Fall in eine feuchte Verpackung hinein, wenn er das so vorschreibt, dann muss man eben eine Verpackung nehmen, die durchlüftet wird.

Dieser Artikel erschien erstmals in surf 11/12-2014