Vincents Workshop: Früher Gleiten

  • Vincent Langer
  • Manuel Vogel
 • Publiziert vor 7 Jahren

Wer kennt es nicht – man dümpelt bei schlapper Ora über den See und von hinten kommt ein Kumpel mit dickem Grinsen vorbeigeglitten. Wenn dann auch noch Segelgröße und Gewicht vergleichbar sind, ist die Erniedrigung perfekt. Zeit also, sich und das eigene Material zu tunen. Vincent Langer – Deutscher Meister 2013 – zeigt euch wie ihr in Zukunft mithalten könnt...

Damit man bereits gleitet wenn kaum ein Schaumkrönchen auf dem Wasser funkelt, braucht man kein Hightech-Material. Mit den richtigen Einstellungen lässt sich sicher auch aus deinem Material mehr Gleitpower herausholen!

Egal ob am Baggersee oder am Meer, sobald sich das Wasser kräuselt und ein paar Schaumkrönchen zu sehen sind, gibt es für jeden Surfsüchtigen kein Halten mehr. Dann heißt es nur noch, möglichst schnell aufzuriggen, Finne ins Board, Neo an und los. Auf dem Wasser angekommen folgt leider auch immer mal wieder Ernüchterung, wenn man bemerkt, dass der Wind um Haaresbreite nicht reicht. Die anfänglichen Freudenschreie schlagen dann auch schon mal in wildes Fluchen um, zumindest dann, wenn einem nach 30 Sekunden Pumpen im bedenklichen Drehzahlbereich noch Luft dafür bleibt. Dabei könnte man es einfacher haben, denn wer an den richtigen Stellschrauben dreht, wird seine tägliche Dosis Gleiten doch noch bekommen.

Versucht einfach mal folgende Tipps zu beherzigen, im Prinzip sind es die gleichen Stellschrauben, an denen ich auch bei Formula- und Slalomrennen bei wenig Wind drehe. Diese sind: Mastfußposition, Finnen, Vorlieks- und Gabeltrimm, Körperposition & Pumptechnik.

1. Mastfußposition

Es gibt noch immer das uralte Märchen, dass der Mastfuß bei wenig Wind ganz vor soll! Im Slalom- , Freeride- und Formulabereich ist diese Weißheit tatsächlich zu beherzigen. Durch den Mastfuß am vorderen Ende der Mastspur wird die Kraft des Segels möglichst bugnah übertragen, was das Heck entlastet. Dadurch verdrängt dieses weniger Wasser, was zu früherem Angleiten führt.

Vincents TIPP: Im normalen Gleitwindbereich Mastfuß in die Mitte, bei Angleitbedingungen schiebe ihn schrittweise zwei Zentimeter nach vorne!

2. Finnen

Die Finne birgt gut gehütete Geheimnisse. Doch ein paar grundlegende Informationen können schon sehr viel bewirken. Um Anzugleiten benötigen wir Auftrieb oder auch "Lift" genannt, welcher von der Finne produziert wird. Eine Finne mit einer großen Fläche erzeugt viel Lift und hilft die Gleitschwelle daher früher zu überwinden. In dieser Hinsicht ist auch die Profildicke wichtig, denn je "wuchtiger" die Finne, desto besser. Ein dickes Profil erzeugt mehr Lift, auch wenn es bei viel Wind dann meist etwas langsamer ist als dünne Profile. Eine weiche Finne macht sich ebenso positiv bemerkbar. Außer acht zu lassen in Bezug auf Angleiten ist zunächst die Form, egal ob Freeride, Freerace oder Slalom. Dies spielt erst in Gleitfahrt eine Rolle.

Vincents Tipp: Die perfekte "Angleitfinne" ist verhältnismäßig groß in Bezug auf Fläche, Dicke und Länge und ist möglichst weich! 

3.Vorliekstrimm / Loose Leech

Durch Vorliekspannung entsteht in Segeln "Loose Leech" (das Geflatter im Topp). Dies ist wichtig für die Beschleunigung und das Handling des Segels. Bei viel Wind kann sich das loose Achterliek (die hintere Seite des Segels) wegdrehen und Böen daher abfedern. Wenn es um frühes Gleiten geht, sollte mit Vorliekspannung ganz besonders gegeizt werden, denn durch zu viel Spannung wird Loose Leech erzeugt, welches das Segeltopp öffnet und den Vortrieb verringert. Zusätzlich wird das Profil und auch die Windanströmkante (beim Mast) flacher, was sich negativ auf das Angleiten auswirkt. Des Weiteren wird das Segel in sich härter, was Pumpbewegungen (siehe Punkt 6) weniger effektiv macht.

Vincents Tipp: Wenig Vorliekspannung bringt frühes Angleiten. Nichtsdestotrotz wird etwas Loose Lech für das Handling und für die Bildung eines anständigen Profils benötigt. Alle modernen Segel benötigen zumindest ein wenig Loose Leech (Ausnahme: Raceboardsegel für Longboards)

4. Tuning an der Gabel

Der Gabelbaum mit all seinen Einstellungen ist extrem wichtig.

Gabelhöhe: Die alte "Augenhöhenregel" ist ein guter Anhaltspunkt und meiner Meinung nach als Höhenempfehlung auf breiten Freeride- und Slalomboards empfehlenswert. Je breiter das Board, desto höher musst du die Gabel an Land anschlagen. Durch eine Verschiebung der Gabel nach oben – schon zwei Zentimeter sind deutlich spürbar – wird die Kraftübertragung verbessert. Der Segeldruck steigt, An- und Durchgleiten durch Windlöcher verbessern sich spürbar. Ist die Gabel zu tief, produziert dies bei wenig Wind höhere Querkräfte und weniger Vortrieb.

Vincents Tipp: Eine hohe Gabel gibt mehr Power! Aber Vorsicht: Ist die Gabel zu hoch gibt es einen gegenteiligen Effekt! Versuche deshalb im Fall der Fälle die Gabel schrittweise um zwei Zentimeter nach oben zu schieben.

Spannen an der Trimmschot: Am Gabelende kannst du die Profiltiefe des Segels verändern. Grundsätzlich gilt: Bei wenig Wind darf, egal bei welcher Segelgröße, das Segel den Gabelbaum bis zu den Trapeztampen berühren. Auch diese Einstellung macht das Segelprofil weich, was zum Angleiten/Anpumpen hilfreich ist.

Schothornöse: Viele neue Segel haben mehrere Schot­hornösen. Nimm bei wenig Wind stets die obere, da das Achterliek des Segels dann geschlossener bleibt und so mehr Kraft entwickelt wird.

5. Körperposition

Wo stehe ich auf dem Board, damit der Kahn endlich rutscht? Beim Angleiten ohne aktive/starke Pumpbewegungen (man ist noch eingehängt) ist ein breiter Schritt von Vorteil. Dieser bietet Stabilität und die Möglichkeit, den vorderen Fuß möglichst nah am Mastfuß zu positionieren. Dadurch erfolgt die Belastung in der Mitte des Boards, was das Angleiten erleichtert, da das Heck weniger Tiefgang und dadurch weniger Wasserverdrängung hat. Versuche dabei auch, den vorderen Fuß in Fahrtrichtung zu drehen, dies verbessert die Kraftübertragung. Hat man die Gleitschwelle überwunden, so ist ein rascher Fußwechsel in die vordere Schlaufe empfehlenswert.

Vincents Tipp: Versuche aktiv den Mastfuß zu belasten, in dem du dein Gewicht möglichst weit vorne auf dem Board positionierst.

6. Anpumpen

Effektives Anpumpen benötigt viel Technik und noch mehr Kraft. Es hilft aber definitiv, früher die Gleitschwelle zu überwinden. Darum ist es sinnvoll, hier noch kurz die Kernpunkte des richtigen Anpumpens zu erläutern.

Bevor es losgeht: Geh’ auf leichten Raumwindkurs. Nimm einen breiten Schritt ein, um sicheren Stand zu haben, der vordere Fuß steht recht weit vorne um das Brett in der Mitte zu belasten. Wie beim normalen Angleiten auch, sollte der vordere Fuß in Fahrtrichtung gedreht sein. Dadurch drehen sich auch Hüfte und Oberkörper leicht nach vorne, die Kraftübertragung der Pumpzüge erfolgt dann nach vorne statt zur Seite. Ein breiter Griff an der Gabel hilft, die Segelpower bestmöglich zu übertragen.

Vincents Tipp: Ich greife mit der vorderen Hand oft von unten, da ich dann mehr Greifkraft habe und besonders mit großen Segeln über acht Quadratmeter besser pumpen kann. 

Das Heranziehen des Segels erfolgt so explosiv wie möglich, der Mast wird dabei möglichst nach Luv gezogen. Die Rückkehr zur Ausgangsposition erfolgt etwas langsamer als das Heranziehen des Segels. Erst wenn du im Gleiten bist, luvst du vorsichtig an.

Themen: FahrtechnikGleitenVincent LangerWorkshop


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