Redaktion

Aufflammende Leidenschaft

  • Manuel Vogel
20.06.2019

Hellmut Fischer, Windsurfer der ersten Stunde, schickt sich an, die
Verdrängerboards der Division-2-Klasse wiederzubeleben. Seit er das tut, wächst die Community stetig. Wir haben ihn zu den Hintergründen befragt.

SURF: Hellmut, Longboards erleben gerade eine kleine Renaissance. Du hast jetzt die Verdrängerklasse Division 2 wiederbelebt. Erkläre allen unter 40, was es damit auf sich hat und was dich antreibt.

Die Division 2 war und ist eine Konstruktionsklasse, das heißt, es sind bestimmte Eckdaten wie Länge, Breite und Gewicht der Boards vorgegeben. Die Hersteller durften sich damals innerhalb dieser Vorgaben frei bewegen, Bretter der Division-2-Klasse gibt es daher von vielen Herstellern. Dazu gehören etwa das Lechner-Olympiabrett von 1988, der Mistral M1, Tornado, Alpha und viele weitere. Die Eckdaten waren wichtig, um bei Regatten eine gewisse Chancengleichheit zu gewährleisten. Mitte der 80er schwappte dann die Funboardwelle durch die Windsurfwelt und hat alles mitgerissen, was nicht kurz genug war. Leute bauten plötzlich Funboards im eigenen Keller – ich inklusive – Hawaii war überall. Damit begann es an der Basis zu bröckeln. Rückblickend hat es der Division 2 sehr geschadet.

Hellmut Fischer

Was können die Verdränger mit ihrem runden Kiel so gut, dass man sie heute wiederbeleben müsste?

In erster Linie fasziniert die Geschwindigkeit, die man damit bei Leichtwind erreicht, das ist selbst im Vergleich zu normalen Longboards nochmal ein Unterschied, Funboards haben da ohnehin keine Chance. Ich kenne keine Boardklasse, die auf Amwind konkurrenzfähig wäre.

Verdränger gelten als anspruchsvoll zu surfen...

Das stimmt, und genau das macht auch den Reiz aus. Die Bretter erfordern etwas Technik, sie sind lang und aufgrund des Kiels eher kippelig und auch anspruchsvoll zu halsen. Man muss sich ein wenig reinfuchsen aber genau das ist faszinierend. Hinzu kommt der Reiz, beim Regattasurfen auch taktisch gut fahren zu müssen. Ich war lange Kiter, um auch bei weniger Wind aufs Wasser zu kommen – bis ich Verdränger wieder für mich entdeckt habe. Viele Binnengewässer haben wenig Wind und sind somit für Funboards ungeeignet. Wann immer ich mit meinem Material am Strand aufschlage, kommen Leute zu mir und fragen: „Woher hast du das Material? Wie kommt man da ran? Wird das noch gebaut?“

Verdrängerboards sind technisch fordernd aber bei Leichtwind unschlagbar schnell – vor allem auf der Kreuz.

Die meisten Windsurfer dürften solche Boards irgendwann entsorgt haben. Wie kommt man heute an das passende Material? Gebaut werden Verdränger ja aktuell nicht.

Viele haben es damals weggeworfen, aber in den Garagen und Kellern der Republik schlummern immer noch viele Schätze. Ich selbst habe mir auf Ebay was gesucht und restauriert. Zusätzlich habe ich mir einen alten Segelschnitt mit modernen Materialien schneidern lassen.

Alter Schnitt, neues Material. Für Leichtwind bieten Dreiecksegel auch heute noch unschlagbare Performance

Nicht jeder hat die Möglichkeit, alte Bretter zu restaurieren. Welche Möglichkeiten gibt’s außerdem?

Es gibt mittlerweile eine echte Community, in der auch Material gehandelt wird. Man findet sie etwa bei Facebook unter Open Division 2 Germany. Bretter, die verkauft werden, liegen etwa bei 150 bis 500 Euro, damit kann man günstig wieder einsteigen. Aber auch neues Material gibt’s zu kaufen! Onehundretboards aus Tschechien baut Custom Boards, die den Vorgaben der Division 2 entsprechen. Das sind dann Neubauten mit modernsten Materialien – hohl, verstärkt mit Spanten und aufwändig von Hand gefertigt. Weil man für die Originalfinnen und Schwerter Formen benötigt, steckt wirklich viel Arbeit drin, der Preis liegt dann zwischen 1600 und 2000 Euro, das Gewicht bei 18 Kilo oder auch leicht darunter.

Nachbau eines alten Verdrängers der Division II Klasse

Könnte man die Bretter heute nicht viel leichter bauen?

Auch das geht auf Wunsch natürlich, 13 bis 14 Kilo sind realistisch. Wer an Regatten teilnehmen will, muss dann allerdings Zusatzgewichte mitnehmen, um die Chancengleichheit zu wahren. Segel kann man sich heutzutage bei Segelmachern wie Doyle Raudaschl fertigen lassen, auf Wunsch in modernsten Materialien. Ich selbst habe mir ein Dreieckssegel mit Carbonfasern bauen lassen, einem Material, wie es Rennyachten verwenden. Generell produzieren die Dreieckssegel mit ihren langen Gabeln und den kurzen Latten schon bei wenig Wind guten Vortrieb. Aber wer einsteigen möchte, kann natürlich auch sein normales, modernes Windsurfsegel verwenden.

Stichwort „Regatten“: Was gibt es da aktuell und wie viele Leute nehmen teil?

Bei der EM am Ijsselmeer hatten wir ein gutes Starterfeld und die Regattatour wächst. 2019 sind über zehn Veranstaltungen in ganz Europa angesetzt und wir arbeiten mit örtlichen Surfclubs daran, weitere Standorte zu gewinnen. Am Chiemsee wird es im September den Chiemsee Marathon geben und im August den Hessencup.

Wie sieht euer Regattaformat aus?

Wir surfen den klassischen Dreieckskurs, es wird nicht gepumpt, gestartet wird quasi bei jedem Wind bis 20 Knoten. Auch das ist es, was viele Leute anspricht: Es gibt kein Ausfallrisiko. Wer sich anmeldet, wird auch Regatta surfen, egal ob bei einem Knoten Wind oder Windstärke fünf. Hinzu kommt, dass natürlich eine nostalgische Komponente mitschwingt. Man trifft Leute, die man vor vielen Jahren aus den Augen verloren hat, und der alte Spirit lebt wieder auf.

Wer Teil der Division-II-Community werden will, sollte die entsprechende Facebook-Gruppe checken .

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