Leidenschaft trotz Handicap: Enrico Sulli, der blinde Surfer Leidenschaft trotz Handicap: Enrico Sulli, der blinde Surfer Leidenschaft trotz Handicap: Enrico Sulli, der blinde Surfer

Leidenschaft trotz Handicap: Enrico Sulli, der blinde Surfer

  • Lucia de Paulis
 • Publiziert vor einem Monat

Enrico Sulli ist blind – und ein brillanter Windsurfer. Das kann nicht sein, dachten die Behörden und glaubten an einen Schwindel des Italieners. Doch Enrico wehrte sich – mit Erfolg.

Die ausgebleichten Fahnen vor dem Windsurfcenter flattern im Wind, ihre Metallhaken schlagen rhythmisch gegen die Fahnenstangen. Enrico Sulli hält den Kopf schief und lauscht. „Das sind zirka zwölf Knoten“, sagt er. Mit routinierten Handgriffen schiebt er den Mast ins Segel, fädelt Tampen ein, zurrt sie fest. Das Brett in einer Hand, das Segel in der anderen, trippelt Enrico zum Ufer, tastet sich mit den Füßen ans Wasser. Weiter draußen heizen mehrere Windsurfer übers Meer, das Wasser spritzt hinter ihren Brettern und glitzert im Sonnenlicht. Enrico horcht hin, er kann sie nicht sehen. Enrico Sulli ist blind.

Laut dem Europäischen Blindenverband Euroblind gibt es in Europa 30 Millionen Blinde und Sehbehinderte. Drei von vier der Betroffenen im erwerbsfähigen Alter sind arbeitslos. Das liegt auch daran, dass Blinde häufig in ihren Kompetenzen unterschätzt und bevormundet werden. Enrico Sulli war lange Zeit Regattasurfer, bis er im Alter von 44 Jahren erblindete. Er sagt: „Am schlimmsten war der Verlust meiner Individualität. Ich war plötzlich in einer Kategorie gefangen. Denn jeder hat eine bestimmte Vorstellung davon, was ein Blinder kann und was nicht.“ Enrico hat diese Vorstellungen gesprengt. Seinen Kampf gegen Stereotype führt er stellvertretend für viele.

Enrico Sulli, der blinde Surfer

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Porto Pollo, Sardinien, europäischer Windsurf-Hotspot. Es ist kalt, die Badeurlauber sind längst weg, die Surfer kommen trotzdem. Der Geruch von Salzwasser und Algen mischt sich mit dem Duft der Wacholdersträucher in den Dünen. Enrico wohnt auf dem Festland, in Ronciglione nahe Viterbo. Mit seinem Blindenhund Thor ist er mit Bus, Zug und Fähre angereist. Wenn Thor dabei ist, sind Enricos Schritte lang. Mit den weiß-roten Shorts, den blonden Locken und der Sonnenbrille sieht er aus wie ein Surfer, der mit seinem Hund spazieren geht. Thor führt Enrico in die „Wind’s Bar“ hinter den Dünen. Grobe Holztische, quietschgrüne Plastikstühle, Surfdeko an den Wänden und Hippie-Songs aus den Lautsprechern. Enrico schäkert am Tresen mit der Bedienung, lässt sich das Menü vorlesen und bestellt etwas, das er gut mit den Händen essen kann.

Er spricht schnell, sein Lachen nimmt den Raum ein. Enrico ist sich seiner Wirkung bewusst. Thor navigiert ihn durch die Stühle an einen Tisch. Enrico setzt sich, schenkt sich die Cola ein: den „Kon­trollfinger“ hält er ins Glas, um zu spüren, wann es voll ist. Nebenbei fängt er an zu erzählen. Im Dezember 2005, da ist Enrico 33 Jahre alt, bekommt er die Diagnose: akutes Glaukom mit zusätzlicher Makuladegeneration. Durch einen erhöhten Augeninnendruck wird der Sehnerv progressiv zerstört. „Operabel“, heißt es. Enrico ist damals frisch verliebt in eine Kolumbianerin, die bereits zwei Kinder hat. Sie heiraten, bekommen noch drei Kinder, leben 13 Jahre lang in einem Haus direkt am See. Enrico verdient gut mit seinem Elektrikerbetrieb. Zusätzlich führt er noch eine Windsurf- und Segelschule, ein Pub und einen Frozen-Yogurt-Laden. „Ich war noch nie einer fürs Stillsitzen“, sagt er. Innerhalb von sieben Jahren wird Enrico sieben- mal operiert, davon sechsmal bei vollem Bewusstsein. Er schiebt die Sonnenbrille hoch, zeigt auf eine seitliche Stelle in den blauen Augen: „Ich habe zugesehen, wie mir Silikonventile ins Auge implantiert werden. Eine surreale Erfahrung.“ Seine Stimme zittert kurz. Er räuspert sich, atmet tief durch und lässt die Sonnenbrille wieder herunter.

2016 erblindet Enrico völlig. Zwei Jahre später zieht seine Ex-Frau mit den Kindern aus. Der Familienhund Thor, ein schwarzer Labradorwelpe, bleibt bei ihm. Die Wartezeit für einen von der Krankenkasse zugeteilten Blindenhund beträgt in Italien durchschnittlich zwei Jahre. So lange will Enrico nicht untätig sein. Mit einer Sprachsteuerungssoftware recherchiert er im Internet über das Blindenhundetraining. Er beschließt, Thor selbst auszubilden. Wenn Enrico heute zu dem Hund „Post“, „Bank“, „Bus“, „Arzt“, „Apotheke“, oder „Zebrastreifen“ sagt, führt Thor ihn an den jeweiligen Ort.

Alessandro Giagoni Immer dabei, sein selbst ausgebildeter Blindenhund Thor.

Enrico will auch wieder zum Windsurfen und erkundigt sich beim lokalen Blindenverband. Man habe ihn aufs Schwimmen verwiesen, erzählt er, man habe ihm gesagt, er müsse sich damit abfinden, als Blinder nicht mehr windsurfen zu können. „Ich habe mein Leben lang gesurft, die Bewegungen sind in mir abgespeichert.“ Also probiert er es auf eigene Faust. Auf dem See vor seiner Haustür orientiert er sich an der Richtung, aus der die Sonne ins Gesicht scheint und die Wellen ans Brett klatschen. „Ich habe eine mentale Karte des Sees. Wenn ich in eine bestimmte Himmelsrichtung fahre und dann das Schilf raschelt, weiß ich genau, wo ich bin.“ Um auch zu wissen, wohin er zurück muss, befestigt Enrico einen piepsenden Schlüssel­anhänger, den er mit dem Handy einschaltet, an einer Boje in Ufernähe. Außerhalb der Badesaison ist auf dem See nichts los, er versichert, niemanden gefährdet zu haben. Thor fährt auf dem Brett mit, und zur Sicherheit halten Freunde oder Enricos ältester Sohn am Ufer Ausschau. „Das Windsurfen gehört seit jeher zu mir dazu, es gibt mir Kraft. Wenn ich auf den lokalen Blindenverband gehört hätte, hätte ich diesen wichtigen Teil von mir aufgegeben“, sagt Enrico rückblickend.

„So wie Thor auf dem Papier kein ,echter‘ Blindenhund ist, galt ich eine Zeitlang offiziell nicht als ,echter‘ Blinder“, erzählt er spöttisch. Ronciglione ist eine kleine Gemeinde, da habe sich schnell herumgesprochen, dass er weiterhin alleine windsurfe, und im Dorf habe man getuschelt, er sei ein Betrüger. Im Jahr 2017 beantragt Enrico bei der Sozialversicherung die Blindenrente, weil er als Elektriker berufsunfähig ist. Er reicht amtsärztliche Gutachten ein, computergesteuerte Sehtests belegen, dass er nichts mehr sieht. Er wird zu einer Prüfungskommission der Sozialversicherung vorgeladen. Dort, erzählt er, habe man von ihm verlangt, auf ein Sehtest-Poster mit unterschiedlich großen Buchstaben zuzugehen, bis er diese erkennen könne; Enrico läuft gegen die Wand. Eine Sachbearbeiterin habe ihn außerdem auf ein Facebook-Video angesprochen, in dem er alleine windsurft. Ein paar Wochen später kommt der Entscheid der Prüfungskommission per Post. Enrico ist fassungslos: Die Sozialversicherung hat ihn als nur leicht sehbehindert eingestuft. „Es ging um viel mehr als die Blindenrente, es ging um meine Lebensgestaltung. Ich bin klinisch blind, das ist eine Tatsache. Aber wie ich mit meiner Behinderung lebe, ist allein meine Sache“, sagt Enrico.

Er verklagt die Sozialversicherung. Sein erster Anwalt habe ihm geraten, sich vor Gericht ungepflegt zu präsentieren, absichtlich zu stolpern und einen depressiven Eindruck zu machen. Enrico habe ihm gesagt: „Ich bezahle dich doch gerade dafür, diese Leute, mit ihrer Vorstellung wie ein Blinder zu sein hat, alle zum Teufel zu schicken!“. Enricos Stimme bebt vor Wut. Neben seinem Stuhl in der „Wind’s Bar“ springt Thor auf und schaut ihn prüfend an. „Diesen Anwalt habe ich natürlich gefeuert und mir einen neuen gesucht.“

Im Februar 2019 gibt das Verwaltungsgericht Viterbo Enrico Sulli recht: Die Sozialversicherung muss ihm die Blindenrente rückwirkend auszahlen. Enrico sagt: „Ich konnte mir diesen ganzen Aufwand leisten, weil ich körperlich fit bin und in meinen Berufsjahren etwas angespart hatte. Aber was ist mit den Blinden, die sich nicht wehren können?“

Das „2Sides Windsurfcenter“ in Porto Pollo liegt am Ende einer Landzunge, die das Meer in zwei Buchten teilt. Auf der linken Seite Kiter, rechts die Windsurfer. Francesco Favettini hat das „2Sides“ vor sechs Jahren eröffnet und den gemeinnützigen Verein „Corri sull’acqua“(„Laufe übers Wasser“) gegründet. Mehr als 50 Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung haben bei Francesco Windsurfen gelernt. Enrico Sulli will nach dem Rechtsstreit endlich wieder auf dem Meer surfen. Er recherchiert im Internet und kontaktiert Francesco. „Enrico musste ich gar nichts beibringen. Der ist so gut, dass er problemlos bei einer normalen Regatta mitfahren könnte“, erzählt Francesco. Währenddessen baut Enrico vor dem Windsurfcenter allein sein Segel auf. Am Mast befestigt er einen kleinen wasserdichten Lautsprecher, der mit seinem Handy verbunden ist. Das Handy steckt er mit einer wasserdichten Hülle in seinen Neoprenanzug. Über die Telefonverbindung wird Francesco ihm vom Motorboot die Manöver ansagen. „Geradeaus weiter, du hast die Vorfahrt“, ruft Francesco ins Headset.

Lucia de Paulis Francesco Favettini, 2Sides Windsurfcenter

Die anderen Surfer wissen nicht, dass Enrico sie nicht sieht. Sie brettern sorglos an ihm vorbei. Wenn Francesco endlich „freies Fahrwasser!“ ruft, wirkt Enrico wie ein Rennpferd, vor dem die Startklappe aufgeht. Seine Körperspannung nimmt schlagartig zu, er pumpt einige Male kräftig und gleitet dann davon. Enrico genießt die Schubkraft und hängt sein ganzes Gewicht ins Trapez. Die Nase des Bretts hebt sich langsam aus dem Meer, nur noch sein Heck berührt das Wasser. Enricos Bewegungen sind eine sorgfältig abgestimmte Choreographie. Jeder Handgriff sitzt: Er schwenkt das Segel wie eine leichtgewichtige Tanzpartnerin, seine Füße tanzen über das Brett und finden von allein in die Fußschlaufen – ein Paso doble mit dem Wind.

Enrico Sulli will seine Fähigkeiten nutzen und die Öffentlichkeit für Stereotype sensibilisieren. Seit Monaten plant er die weltweit längste Überfahrt eines Blinden mit dem Windsurfbrett: 46 Kilometer auf offener See, Francescos Stimme im Ohr. Die Sponsoren sind bereits organisiert, sobald die Corona-Pandemie es zulässt, geht es los. Francesco hat Enrico auch fürs „Défi Wind“ in Frankreich angemeldet, sie warten noch auf die Antwort der Organisatoren. Enrico wird inzwischen nicht stillsitzen. Er hat in seiner Heimatgemeinde eine Genehmigung beantragt: Seine Segelschule in Ronciglione will er umrüsten in ein blindengerechtes Wassersportzentrum, mit speziellen Sportgeräten und piepsenden Bojen, die den Weg weisen.

Themen: Behinderungblind


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