Redaktion

Interview mit Foil-Freestyler Balz Müller

  • Marco Lufen
29.11.2019

Grenzen verschieben – das ist seit 50 Jahren so etwas wie das Grundprinzip im Windsurfen. Stillstand kennt dieser Sport nicht. Und immer sind es ganz besondere Persönlichkeiten, die einen neuen Schritt wagen. Einer von ihnen ist der Schweizer Balz Müller – er revolutioniert die Revolution.

Wenn man der Windsurfwelt folgt wird einem der Name Balz Müller sicherlich einmal über den Weg gelaufen sein. Balz ist Schweizer Freestyle-Windsurfer, Foiler und Lebensgenießer wie er im Buche steht. Er ist unter den zehn besten Freestylern der Welt angekommen, pusht das Level im Freestyle wie kein anderer und erfindet am laufenden Band neue Manöver. „Normale“ Windsurfer schnallen sich ein Foil unter das Brett, um bei wenig Wind geradeausfahren zu können, doch Balz tanzt mit dem Flügel und erkundet völlig neue Lufträume.

Agent 00-Foil Balz Müller. Man kennt ihn unter dem Namen Balz Müller, Balls Müller, Mullet, Mickey Wright, Radiculo, Crazy Müller, oder Foilstyle. Sein Board hat er Pegasus getauft und nicht zu Unrecht, wenn man sich die waghalsigen Manöver des maßgeschneiderten Sunnyboys aus der Schweiz anschaut. ACHTUNG: Meine Damen und Herren, das folgende Interview wird sehr foillastig werden. Bitte schnallen Sie sich an und prüfen Sie den Luftraum um sich herum.

Top-10 im „normalen“ Freestyle-Worldcup, mit dem Foil eine eigene Liga. Niemand sonst hantiert so ausgelassen und unbeschwert mit einer Bergbauern-Sense, wie Balz Müller seine Foils einmal liebevoll nannte.

Marco: Hola Balz. Sehr cool, dass du dir Zeit für uns genommen hast. Wo befindest du dich gerade mit deinen Flugobjekten?

Balz: Herzlich Willkommen, hier spricht euer angetrunkener Foil-Pilot: Bitte nehmen Sie Platz, stellen Sie ihre Uhren um eine Stunde und Einhundert Jahre nach vorne. Nach einem wunderschönen Surfurlaub auf Sylt verfoile ich die goldenen Herbsttage auf den schweizer Binnengewässern. Wobei... neulich bin ich auf dem Genfer See über die Landesgrenze nach Frankreich gefoilt. Erstaunlich, dass nicht auf mein Schweizerkreuz-Segel geschossen wurde. Ebenfalls hatte ich Glück, dass die Grenzwache keinen Adrenalintest durchführte... hehe

Beim Worldcup auf Sylt war Balz der Publikumsliebling.

Vor zwei Jahren beim Windsurf World Cup auf Sylt hattest du das erste Mal einen Foilflügel unter dem Brett. Seitdem bist du mehr am Foilen als am Windsurfen und hast eine neue Disziplin entwickelt, das FOILSTYLING. Was für eine Vision steckt dahinter?

Die oft schlechten Windverhältnisse respektive optimalen Windfoil-Bedingungen in meiner Heimat haben mich zwangsläufig auf die Flügel getrieben. Ich mag mich noch bestens an die ersten Foilversuche erinnern: Dieses unglaubliche Gefühl über der Wasseroberfläche zu schweben, leise wie ein Vogel über Schaumkronen zu tanzen und dann bei der ersten Halse wie eine abgeschossene Möwe ins Wasser zu plumpsen. Ich wurde damals wortwörtlich ins kalte Wasser geworfen und konnte mein Nichtkönnen kaum glauben, aber es war Liebe auf die erste Flugsekunde. Aus der Herausforderung, dieses Hydrofoil zu bändigen, entstand Foilstyle und inzwischen gibt es kaum ein Windsurfmanöver, welches ich nicht mit meinem Foilflügel probiere.

Täglich sehen wir neue Videos von dir, in denen du scheinbar unmögliche Manöver möglich machst. Dein Niveau ist grandios und des Öfteren stockt einem der Atem. Wird man als Foiler geboren oder wie vollzieht man so eine Transformation?

Ganz einfach, ich war noch nie so oft Windsurfen wie im letzten Sommer. Beinahe täglich hatte ich die Möglichkeit einen kurzen Flug zu machen. Somit würd’ ich nicht sagen, dass ich ein geborener Pilot bin. Aber jeder Flug ist für mich anders und eine neue Erfahrung.

Auf dem Wasser zeigte er noch nie gesehene Foil-Akrobatik und an Land gab er begeistert Interviews, in denen man bei jedem Wort seine Leidenschaft fürs Windsurfen spürte.

Hilft dir Windfoilen auch beim normalen Windsurfen?

Definitiv hilft das Foilen auch meiner Boardkontrolle beim „normalen“ Windsurfen! Ich finde es ja echt anspruchsvoll auf diesen Flügeln zu balancieren und spüre nach einer guten Foilsession die winzigen, ganz tief innen liegenden Muskeln in meinen Beinen mehr als nach einer langen Tanznacht. Das hilft mir sicherlich auch mit meiner Freestyle-Finne effektiver und besser zu surfen! Ich meine sogar, dass ich mich körperlich insgesamt fitter denn je fühle. All dieses Pumpen beim leichtesten Windhauch ist einfach das beste Fitnesstraining und zusätzlich sensationeller Seelenbalsam!

Balz Müller - mal an Land....

Im Vergleich zu herkömmlichen Foilsets scheinen deine Sets etwas abgeändert zu sein… Was genau machst du mit deinen Flügeln, um dich so in den Orbit zu katapultieren?

Ich benutze meistens den älteren Lokefoil Envol17. Ich finde ihn einer der stabilsten Foils, was das wichtigste Merkmal eines guten Foils ist! Deshalb mein bester Tipp: Stell’ dein Material so ein, dass der Foil möglichst viel „Lift“ generiert. Also Segel und Fußschlaufen so weit wie möglich zurückverschieben. Es ist deutlich einfacher ein steigendes Foil tief zu halten und zu kontrollieren statt sich andauernd zurückzulehnen und es zum Fliegen bringen zu wollen. Ehrlich gesagt, empfinde ich inzwischen das Windfoilen angenehmer als normales Gleiten.

Weiterhin möchte ich erwähnen, dass man kein Racefoil mit einem mindestens 75 cm breiten Raceboard und Neun-Quadratmeter-Segel braucht, um bei 15 Knoten gemütlich zu foilen. Ganz im Gegenteil, ich liebe es mein normales Freestyleboard mit zentraler Fußschlaufenposition zum Fliegen zu benutzen... Solange man keine Upwind- Boje erreichen muss, gibt es keinen Grund ein großes Rennsegel zu verwenden. Ich würde sogar sagen, dass ich früher mit meinem leichteren 4,8er abhebe als mit einem schweren, kaum anpumpbaren Racesegel. Ich empfehle euch, eure ganz normalen Freemovesegel und in näherer Zukunft ebenfalls ein multifunktionales Freemoveboard zu verwenden: „Reduce to the max“ :-)!

Versuch macht klug – Balz und seine Brüder und Freunde probieren in ihrer Heimat einfach alles aus. Da muss auch schon mal ein Combat aus den 90ern ran.

Das Foilen scheint ein wahnsinniger Trend zu sein. Vor allem in den Regionen, wo man selten oder nur wenig Wind hat. Wird die Disziplin sich behaupten oder denkst du, dass es nur von kurzer Dauer ist?

Viele sind skeptisch, aber wissen dennoch, dass das Windfoilen viel zu bieten hat. Das Foilen kann zum Beispiel eine Schwachwind-Vorhersage in einen tollen Tag auf dem Wasser verwandeln. Gerade bei uns am Bieler See könnten wir uns Windsurfen ohne Foils gar nicht mehr vorstellen. Ich denke sogar, dass es noch mehr Leute in unseren Sport bringen wird und es eine weitere großartige WindsurfDisziplin ist! Mit oder ohne Foil sollte jeder für sich selbst entscheiden und schlussendlich sind wir uns ja einig: Es geht darum auf dem Wasser zu sein und Spaß zu haben. Fazit – mit Foil ein bisschen öfter… ☺

Woher holst du dir die Inspiration, Ausdauer und Kraft 8-9 Stunden am Tag auf dem Brett zu stehen und an neuen Foilkreationen zu arbeiten?

Ich bin während den Sommermonaten als Landschaftsgärtner tätig und verdiene mir meine Brötchen mit Schaufeln und Pickeln. Wenn ich neun Stunden in der Sommerhitze brüte, denke ich oft ans Windsurfen. In meinem Kopf-Kino versuche ich dann einen Haufen neue Kreationen aus. Es kommt auch vor, dass ich meine Schaufel als Gabelbaum durch den Garten schwinge und sich dann mein Chef bei meinem Anblick an die Stirn langt. Wenn ich dann endlich die Gelegenheit bekomme die Manöver auf dem Wasser zu probieren, surfe ich dann halt bis zum Umfallen. Ich bin montags dann meist mehr auf der Fresse als Freitag abends.

Einer geht noch....

Foils sind um einiges größer als herkömmliche Finnen und damit bieten sie auch mehr Angriffsfläche, um sich an diesen zu verletzen. Wie arbeitest du an deiner Verletzungsprophylaxe? Ist dir schon mal etwas passiert?

Klar habe ich Albträume von den scharfen Sicheln und wenn ich darüber nachdenke, was passieren könnte, wird mir manchmal schon etwas schwindelig. Doch gerade träumen und die Manöver mental zu visualisieren, ist wahrscheinlich die beste präventive Schutzvorkehrung! Ich meine, auch wenn so manch einer meiner Foilsprünge wie ein Kamikaze-Flug ausschaut – ist er auch :-) – ist mir bewusst, womit ich spiele und was ich mache. Ich möchte erwähnen, beinahe all meine Schnitte sind bis dato bei Wasserstart oder Einwässern passiert und nicht beim Ausprobieren von Foilmanövern ... Ich habe definitiv mehr Angst mit meinem Foil im Sylter Shorebreak gewaschen zu werden als einen doppelten Foilloop zu versuchen.

Dein Boardsponsor MB-Boards baut zusammen mit deinem Input die Maschinen, die du benutzt. Der Bau eines Foils hingegeben ist sehr aufwändig und man muss so einige Gesetze der Ingenieurskunst auf dem Schirm haben. Inwiefern bist du an der Entwicklung von Foils beteiligt?

Mit MB habe ich den Pegasus entwickelt, ein reines Foil-Freestyleboard, gestaucht auf süße 1,72 Meter und einer Segelbaseposition deutlich weiter hinten als auf einem normalen Windsurfboard! Das bringt das ganze Gewicht wieder auf die Flügel und bewirkt mehr Auftrieb. Ha, unterschätz’ nicht MB! Wir sind da richtige NASA-Tüftler und entwickeln beim gemütlichen Bierbeisammensein so manche interessante Idee. Nein! Die MB-Leute sind natürlich top seriöse Bootsbauer und Designer mit großer Erfahrung in der Bootsrumpf- und ebenfalls Segelboot-Foil-Entwicklung. Das hat mich überzeugt weiterhin Teil unseres spannenden Abenteuers zu sein und die besten Windfoils – oder sagen wir mal – angenehmsten Flugobjekte zu kreieren.

Versuch, das Foilboard zum Sitzmöbel umzufunktionieren.

Außer dir sind noch keine Foilstyler aus dem PWA-Zirkus auf den Trend aufgesprungen. Woran liegt das?

Gute Frage, ich finde es erstaunlich, dass bis dato kaum einer von den Top-Freestylern das Foilen versucht. Besonders weil man immer öfters unglaubliche Manöver auch von Nicht-Worldcup­-Experten zu Augen bekommt. Gerade meine Brüder pushen das Foilstyle enorm. Zusammen mit mir probieren sie die angesagtesten Freestylemoves mit den Flügelfinnen. Auch die Jungs um Horue in Frankreich schrauben an neuen Foilmanövern. Ich denke, dass ein Wettbewerb der einzige Weg ist, um mehr Aufmerksamkeit und Reaktion zu kriegen.

Ebenfalls bin ich mir sicher, dass Yentel Caers sein Foilbrett bald in die Luft jagen wird... doch was ist mit den anderen? Ich hoffe, dass es passieren wird und wir den Stoke teilen können! Das Schweben mit diesen Flügeln ist einfach foil, ääh voll der Wahnsinn und es gibt immer noch sooooooo viel zu entdecken… ;)

Du postest sehr oft Fotos und Videos aus den 80er-, 90er-Jahren, wo auch an Foils gebastelt wurde. Es scheint, als würdest du die Zeit als Inspiration nehmen. Würdest du gerne in der Zeit zurückgehen, um wieder im Sitztrapez zu surfen?

Ja klar, früher war alles besser! Nein! Aber die 80er waren geprägt von Windsurfpionieren, die mutig Neues ausprobierten. Genau wie wir das heute mit dem Foilstyle machen! Da lass ich mich doch gerne von den vergangen kreativen Zeiten inspirieren!

"Die 80er waren geprägt von Windsurfpionieren, die mutig Neues ausprobierten. Genau wie wir das heute mit dem Foilstyle machen.r


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