Schweiz: 50-Knoten-Tag am UrnerseeFoto: Roger Gruetter

Sonstige EuropaSchweiz: 50-Knoten-Tag am Urnersee

Dem Wetterphänomen Föhn werden viele miese Eigenschaften nachgesagt. Den Surfern am Urnersee verschafft der brutale Südwind eher Adrenalinschübe und Muskelkater. Balz Müller ist einer von ihnen und berichtet über einen typischen 50-Knoten-Tag im Oktober.

Betrachtet man die uns bekannten Windvorhersagen vom Urnersee, vermelden die mäßige zwölf bis 14 Knoten aus Süd. Doch bei allen, die das Urner Reusstal etwas besser kennen, läuten die Alarmglocken. Der Urnersee befindet sich in einem markanten Tal, welches vielen Leuten auch wegen der Nord-Süd-Verbindung durch den Gotthardtunnel bekannt ist. Und genauso wie mancher Tourist findet auch der Föhnsturm auf diesem Weg durch die Alpen. Der feuchte Südwind erklimmt die Alpen aus Süden, um dann in voller Wucht durch das Reusstal runter zu preschen. Dabei erwärmt sich die Luft um ein Grad Celsius pro 100 Höhenmeter (für alle Wetter-Fanatiker: trockenadiabatischer Temperaturgradient) und wird zu einem trockenen, warmen Fallwind – soviel zur Theorie.

Balz Müller auf der Jagd

Kein Windhauch weht als ich in der kühlen Morgendämmerung bei mir zu Hause am Bielersee mein geliebtes 3,3er-Segel und das kleine Waveboard nervös in meinen Bulli packe. Der unwissende Surfer würde die Welt nicht verstehen, doch keine 100 Kilometer von meinem Homespot bläst der Föhnsturm bereits mit über 100 km/h. Im Autoradio sprechen sie von starkem, lokal stürmischem Föhn. Angespannt fahre ich also Richtung Föhnmauer – so nennt sich das Wolkenband, erzeugt durch die aus Süden aufstauenden Wolken über dem Alpenkamm. Vereinzelt drücken Föhn­fische über den Kamm und die verblasenen Sturmwolken-Fetzten leuchten mit der aufgehenden Sonne in allen Farben. Dieses apokalyptische Bild bestaune ich durch die Windschutzscheibe. In dickem Nebel nähere ich mich nun langsam dem Fuß der ersten Bergkette.

Windphänomen Föhn am UrnerseeFoto: Roger Gruetter
Windphänomen Föhn am Urnersee
In manchen Böen geht es auch für einen so erfahrenen Storm-Chaser wie Balz ums pure Überleben. Aber dazwischen haut „Radiculo“ Balz reichlich Powermoves par excellence aufs Parkett.Foto: Roger Gruetter
In manchen Böen geht es auch für einen so erfahrenen Storm-Chaser wie Balz ums pure Überleben. Aber dazwischen haut „Radiculo“ Balz reichlich Powermoves par excellence aufs Parkett.
Fotograf Roger Grütter fotografiert oft für die Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee.Foto: Roger Gruetter
Fotograf Roger Grütter fotografiert oft für die Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee.
Respekt verdienen nicht nur die Surfer, die sich bei Föhnsturm aufs Wasser trauen, sondern auch die Kapitäne und Passagiere auf dem 58 Meter langen Motorschiff Waldstätter, das unverzagt durch den Sturm stampft. Roger Gruetter Respekt verdienen nicht nur die Surfer, die sich bei Föhnsturm aufs Wasser trauen, sondern auch die Kapitäne und Passagiere auf dem 58 Meter langen Motorschiff Waldstätter, das unverzagt durch den Sturm stampft.Foto: Roger Gruetter
Respekt verdienen nicht nur die Surfer, die sich bei Föhnsturm aufs Wasser trauen, sondern auch die Kapitäne und Passagiere auf dem 58 Meter langen Motorschiff Waldstätter, das unverzagt durch den Sturm stampft. Roger Gruetter Respekt verdienen nicht nur die Surfer, die sich bei Föhnsturm aufs Wasser trauen, sondern auch die Kapitäne und Passagiere auf dem 58 Meter langen Motorschiff Waldstätter, das unverzagt durch den Sturm stampft.
Auch der Freestyle-Weltmeister von 2019, Yentel Caers, kam im Oktober zur Föhn-Session an den Urnersee.Foto: Roger Gruetter
Auch der Freestyle-Weltmeister von 2019, Yentel Caers, kam im Oktober zur Föhn-Session an den Urnersee.
Balz Müller ist süchtig nach diesen für den Urnersee typischen Föhn-Sessions.Foto: Roger Gruetter
Balz Müller ist süchtig nach diesen für den Urnersee typischen Föhn-Sessions.
Ein wildes Rudel Adrenalin-Junkies im Kampf gegen den ältesten Urner – den Föhn. Die meterhohen Windhosen – liebevoll Wasserteufel genannt – machen den Eindruck als wollen sie uns Surfer verschlingen.Foto: Roger Gruetter
Ein wildes Rudel Adrenalin-Junkies im Kampf gegen den ältesten Urner – den Föhn. Die meterhohen Windhosen – liebevoll Wasserteufel genannt – machen den Eindruck als wollen sie uns Surfer verschlingen.
Auf die Höhe der Rundflüge von Balz am Urnersee darf so mancher Ozeansurfer neidisch sein.Foto: Roger Gruetter
Auf die Höhe der Rundflüge von Balz am Urnersee darf so mancher Ozeansurfer neidisch sein.
Roger Gruetter Um den Kampf und die Abflüge beneidet ihn dagegen wohl niemand.Foto: Roger Gruetter
Roger Gruetter Um den Kampf und die Abflüge beneidet ihn dagegen wohl niemand.
Windphänomen Föhn am UrnerseeFoto: Roger Gruetter
Windphänomen Föhn am Urnersee
In manchen Böen geht es auch für einen so erfahrenen Storm-Chaser wie Balz ums pure Überleben. Aber dazwischen haut „Radiculo“ Balz reichlich Powermoves par excellence aufs Parkett.Foto: Roger Gruetter
In manchen Böen geht es auch für einen so erfahrenen Storm-Chaser wie Balz ums pure Überleben. Aber dazwischen haut „Radiculo“ Balz reichlich Powermoves par excellence aufs Parkett.
In manchen Böen geht es auch für einen so erfahrenen Storm-Chaser wie Balz ums pure Überleben. Aber dazwischen haut „Radiculo“ Balz reichlich Powermoves par excellence aufs Parkett.
Fotograf Roger Grütter fotografiert oft für die Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee.
Respekt verdienen nicht nur die Surfer, die sich bei Föhnsturm aufs Wasser trauen, sondern auch die Kapitäne und Passagiere auf dem 58 Meter langen Motorschiff Waldstätter, das unverzagt durch den Sturm stampft. Roger Gruetter Respekt verdienen nicht nur die Surfer, die sich bei Föhnsturm aufs Wasser trauen, sondern auch die Kapitäne und Passagiere auf dem 58 Meter langen Motorschiff Waldstätter, das unverzagt durch den Sturm stampft.
Auch der Freestyle-Weltmeister von 2019, Yentel Caers, kam im Oktober zur Föhn-Session an den Urnersee.
Balz Müller ist süchtig nach diesen für den Urnersee typischen Föhn-Sessions.
Ein wildes Rudel Adrenalin-Junkies im Kampf gegen den ältesten Urner – den Föhn. Die meterhohen Windhosen – liebevoll Wasserteufel genannt – machen den Eindruck als wollen sie uns Surfer verschlingen.
Auf die Höhe der Rundflüge von Balz am Urnersee darf so mancher Ozeansurfer neidisch sein.
Roger Gruetter Um den Kampf und die Abflüge beneidet ihn dagegen wohl niemand.
Windphänomen Föhn am Urnersee

Noch immer bewegt sich kein Blatt und niemand würde an einen Surftag denken. Mit mulmigem Gefühl, ob denn dieser Föhnsturm doch nur in meiner Phantasie bläst, fahre ich in den Seelisbergtunnel. Endlos zieht sich die fast zehn Kilometer lange Röhre tief unter dem Fels dahin. Doch bereits von Weitem sehe ich Licht am Ende des Tunnels und noch bevor ich ans Tageslicht fahre, rütteln bereits Sturmböen am Bulli. Einen Augenblick später befinde ich mich auf dem Viadukt an der steilen Felswand vom Reusstal. Fest klammern sich meine Finger ans Steuer, dabei muss ich mich zwingen, meine Augen auf die Fahrspur statt auf den kochenden Urnersee zu richten.

Die ersten Sonnenstrahlen lassen unzählige Schaumkronen aufleuchten, als ich auf dem bereits gut gefüllten Kiesparkplatz ankomme. Schluss ist es mit der Ruhe. Ein wildes Rudel Adrenalin-Junkies hat größte Mühe, sein Surfmaterial unbeschädigt aus den Autos zu zerren. Der Föhn peitscht mit über 120 km/h über das Bergbach-Delta Isleten, es rollen und fliegen sogar dessen Kieselsteine. Besonders die imposanten, meterhohen Windhosen am Urnersee – auch liebevoll Wasserteufel genannt – machen den Eindruck, als wollen sie uns Surfern wahrhaftig von der Wasseroberfläche verschlingen!

Ein solcher Wasserteufel wirbelt direkt auf mich zu, als ich mich hektisch ins Wasser stürze. Bereits nach wenigen Metern auf dem Brett reißt mir der Sturm mein Rigg aus der Hand und ich – sogleich umgeben von Weiß – klammere mich an mein Board und hoffe, mein Material und ich werden nicht weggesogen! Das sehr kalte Urnerseewasser fließt nun langsam meinen Rücken hi­nunter und blitzartig steigt mein Adrenalinspiegel in die Höhe in den von mir geliebten Überlebensmodus. Zum Glück sind diese verrückten Windhosen, so schnell sie auch kommen, im Nu auch wieder verschwunden. Nicht aber der anhaltende Föhnsturm, welcher mit weit über 40 Knoten Durchschnittswind auch bereits nach wenigen Minuten für üble Unterarmkrämpfe sorgt. Ich liebe es, machtlos gegen die unglaublichen Naturelemente anzukämpfen. Ich habe zwar das Gefühl, den Wind und mein Material gut zu kontrollieren, doch gleich darauf reißt mir der Föhn hemmungslos den Gabelbaum meines kleinsten Segels aus der Hand und belehrt mich eines Besseren. Wahnsinn, ich liebe es, und ich bin da bei weitem nicht der Einzige

Mehr als ein Dutzend wilde Surferinnen und Surfer kämpfen fasziniert gegen den ältesten Urner namens Föhnwind. Es ist ein einzigartiges Schauspiel, das man am Isleten-Bachdelta hautnah bestaunen kann. Und es lockt nicht nur uns Surfer aus den Löchern, sondern auch jede Menge Zuschauer und Fotografen. Einer dieser verrückten Typen mit Kamera ist Roger Grütter. Ein unglaublich passionierter Fotograf, der sich nicht scheut gegen den Sturmwind anzukämpfen, um hautnah mit seiner Linse atemberaubende Bilder zu schießen.

Da stehe ich also wie ein Gladiator im Kampf mit meinem kleinsten Segel – das 3,3er Severne Freek, komplett offen – auf dem Urnersee und komme weder vor- noch rückwärts. Ich steh’ einfach so im Flugwasser und bestaune die geballte Kraft der Natur! So komme ich mit einem riesen Grinsen retour ans Ufer, springe vom Board und Roger zeigt mir – bis zu den Knien im Wasser stehend – ein Bild auf seiner Kamera, von welchem ich nachts träume. So liege ich am Abend dieses stürmischen Tages todmüde im Bett und mein Kopf brummt noch immer vom wilden Getöse. Der ganze Körper schmerzt und schmunzelnd über die Blattern an meinen Händen falle ich in einen Schlaf voller wilder Sturm-Windsurf-Träume. Noch am nächsten Tag dreht mein Kopf von all den verrückten Sprüngen, Rotationen und dessen harten Ladungen. Ich kann nicht genug davon kriegen und sehne mich bereits ungeduldig nach dem nächsten Adrenalinkick.