Redaktion

Praxistest 2020: Segel oder Wing?

  • Stephan Gölnitz
11.05.2020

Hersteller können sich vor Wing-Bestellungen nicht retten, Stand-up-Paddler träumen vom mühelosen Ritt bei zuviel Wind zum Paddeln. Was steckt hinter dem Wing-Hype?

Den neuesten Trend haben wir uns gleich in mehrfacher Hinsicht vorgeknöpft. Als Profi-Variante auf dem Foilboard, auf dem WindSUP bei Leichtwind und im Vergleich zum kompakten Windsurfsegel. Außerdem konnten wir die Wing-Konzepte mit und ohne Haltestange erstmalig vergleichen.

Ist das noch Windsurfen?

Folgt man der eigentlichen Definition, die eine bewegliche Verbindung zwischen Mast und Brett als wesentliches Element vorsieht, lautet die Antwort: „Nein.“ Aber zum einen interessieren sich viele Windsurfer dafür und zum anderen sieht es zumindest ein bisschen so aus. Dabei unterscheidet sich die Fahrtechnik, egal ob auf einem speziellen Foilboard (rechte Seite unten) oder auf einem WindSUP (rechte Seite oben) vom klassischen Windsurfen enorm.

Mit Segel und Wing auf dem WindSUP-Board

Es klingt verlockend: Du bist auf Paddeltour, der Wind frischt auf, ruck zuck pumpst du das Wing auf und surfst lässig zurück. Für erfahrene Windsurfer und/oder Kiter ist das möglich, Höhehalten dabei aber schon schwierig und ein Board mit großer Mittelfinne ist Voraussetzung. Doch das Problem ist ein ganz anderes: Solange der Wind dafür ausreicht, dass der Flügel alleine fliegt, ab geschätzen drei Windstärken etwa, kommen geübte Windsurfer damit auch gegen den Wind zurück, aber selbst dann fühlt sich die Fahrhaltung nicht wirklich entspannt an.

Viel übler wird es, wenn der Wind weiter nachlässt, dann muss der Wing, egal welcher Typ, am langen Arm nach vorne-oben gehalten werden, damit die Flügel nicht im Wasser schleifen. Dabei werden schnell Assoziationen zum „Maßkrug stemmen“ oder „Decke anmalen“ geweckt.

Erinnert ans Maßkrugstemmen...

Noch härter trifft es unseren Probanden aus der SUP-Abteilung, der ohne Windsurfpraxis seine ersten Versuche mit Wing und Segel absolvierte. Sichtlich ohne Orientierung, wie und wo man den Wing über oder neben dem Körper hinhalten muss, trieb es ihn unaufhaltsam nach Lee. Ganz anders mit dem federleichten „SUP Sail“: Auf dem breiten Board holte unser Versuchskaninchen das Segel locker auf, hielt es intuitiv irgendwie fast richtig in den Wind und fuhr nach einer halben Stunde sicher hin und her, ohne Höhe zu verlieren und mit sichtlich Spaß dabei.

Unser Versuchskaninchen bei der Premiere

Und der Profi-Vergleich? „Bei nur vier oder fünf Knoten Wind wird es mit dem Wing extrem mühsam, weil man es vor sich her tragen muss. Am Windsurfrigg lehnt man sich dann einfach auf die Gabel und ‚tuckert’ gemütlich nach Hause“, fasst unser surf-Tester zusammen. Das spezielle SUP-Sail ist dabei vom Packmaß (mehrteiliger Mast, zweiteilige Gabel) nicht viel größer als ein gefalteter Wing und mit 8,5 Kilo inklusive Tasche auch nicht sonderlich schwer. Das Segel eignet sich zum Cruisen bei Leichtwind gut und zum Windsurfen Lernen nahezu perfekt. Dass Gabel und Mast zusätzlich geteil sind, spürt man beim Surfen nicht, lediglich die Gabel ist nicht gut abgedichtet.

RRD SUP Sail MK1

Erhältliche Größen: 1,5/2,5/3,5/4,5/5,5 qm

Preis: 569/619/679/739/819 Euro (incl. 3 bis 5-teiliger Mast und zweiteilige Gabel)

Info: www.robertoriccidesigns.com

Wing + Foil = anspruchsvoll

„Man sollte irgendeine Foilsportart schon können“, sagte surf-Tester Nik in der letzten Ausgabe und das können wir nur bestätigen. Wenn das Board aufs Foil liftet, sollte man bereits genau wissen, was man jetzt zu tun hat, denn im Vergleich zum Windsurf-Foilen fehlt einfach das „dritte Bein“ – die Verbindung über den Mastfuß für die Boardkontrolle. Das neuartige „Segel“ richtig hinzuhalten ist nicht sonderlich schwierig, aber nur, wenn man ans Board gar nicht viel denken muss.

Aller Anfang ist schwer

Gestartet wird mit dem Wing im Knien, ein großes Board mit mindestens 130 Litern ist deshalb sinnvoll. Häufig liegt der Wing erstmal neben dem Board „auf dem Rücken“ im Wasser und beim Hochziehen falsch herum in der Hand. Mit etwas Gefühl kann man aber – immer noch im Knien und mit dem Wing „auf links“ deutlich anluven und den Flügel dann seitlich über dem Kopf umschlagen lassen.

Auf Halbwind wird das kaum gelingen. Jetzt heißt es, den Wing in Fahrposition zu greifen, auf Raumwind abzufallen, und dabei den Wing schön hochhalten. Den wichtigsten Tipp hatte Brian Talma für uns: den vorderen Arm immer weit hochhalten. Dann kannst du ein Bein aufstellen und dich mit kräftiger Kniebeuge in den Stand hoch drücken. Der erste Schritt wäre damit getan.

Test-Chef Stephan Gölnitz in Aktion

Doch auch die Beschleunigung auf Take-Off-Geschwindigkeit ist ganz anders als beim Windsurfen. Du fällst weit ab, suchst dir irgendeine – sei es noch so kleine – Welle und versuchst, mit dem Wing zu fächeln. Das „SlingWing“ liegt dabei eher straff in der Hand und lässt sich fast wie ein Windsurfsegel pumpen. Das Duotone-Pendant wirkt bauchiger und etwas softer. Beide erfordern allerdings Unterstützung zum Abheben, denn nur mit „Pumpen“ aus den Beinen und einem großen Surf-Flügel unter dem Board (kein schmaler Windsurf-Flügel), wird der Start gelingen.

Beim getesteten SlingWing findest du zahlreiche Halteschlaufen, die angenehm zu greifen sind und alle nötigen Griffpositionen erlauben. Anders als am durchgehenden Rohr kann man nicht mit den Händen rutschen, sondern muss zum Umgreifen kurz loslassen – daran gewöhnt man sich aber schnell. Und das Fahrgefühl? „Leicht, gemächlich, erhaben, wie mit einem Longboard über den See zu surfen. Fast wie schwerelos, aber auch sehr langsam.“ Mit dem 4,2er SlingWing benötigten wir so viel Wind, dass alle anderen Windsurfer auch bereits voll im Gleiten waren.

Und – ist das noch Windsurfen? Es macht ohne Zweifel Spaß, hat „seinen“ Einsatzbereich, aber „windsurfen“ ist es – im Gegensatz zum Windsurf-Foilen – eher nicht.

Slingshot Slingwing Classic 4,2

erhältliche Größen: 3,0/4,2 qm

Gewicht: 3,2 Kilo

Preis: 829 Euro

Info: www.slingshotsports.de

Slingshot Slingwing

Duotone setzt auf eine Strebe in der Mitte aus einem halben Gabelbaum. Für Windsurfer ist das gleich bekannt, außerdem lässt sich damit auch eine leichtes Drehmoment ausüben.

Slingshot hat einen soliden „Strut“ in der Mitte und das Achterliek ist aufblasbar eingefasst. Das sorgt für Stabilität und direkteres, strafferes Feeling beim Pumpen und beim Fahren.

Slingshot Achterliek

Slingshot Halteschlaufen


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