Kein anderer Windsurfer jagt Riesenwellen so konsequent hinterher wie Thomas Traversa. Angetan haben es ihm die Big-Wave-Spots Europas, die vor allem im Winter zum Leben erwachen. Auch das Jahr 2025 hielt für Thomas und seine Mitstreiter wieder einige Tage bereit, die sich hinter keinem Tag auf Hawaii verstecken müssen. Thomas berichtet:
Im Winter 2025 gab es eine sehr solide Vorhersage für große Wellen, sechs bis acht Meter Wellenhöhe bei 17 Sekunden Periode, und der Wind sah für die Bretagne ebenfalls vielversprechend aus. Der erste Tag sollte starke Süd-Südwest-Winde bringen, perfekt für einen der extremsten Spots an der Nordküste der Bretagne – Île de Vierge. Für den zweiten Tag wurde eine Winddrehung auf West-Nordwest prognostiziert, die ideale Richtung für die Îles-aux-Vaches, im südlichen Bretagne-Gebiet. Zwei Tage mit großen Wellen und starkem Wind, zwei verschiedene Spots – alles sah nach einer perfekten Strike-Mission aus!
Wenn die großen Stürme kommen, ist es für die Bretonen ganz klar, zum Meer zu gehen und das Naturschauspiel zu beobachten.”
Ursprünglich plante ich, diesen Sturm alleine zu jagen, aber während ich von Österreich in Richtung der Bretagne unterwegs war, poppten auf meinem Smartphone ein paar Nachrichten auf: Antoine Albeau war ebenfalls auf Wellenjagd geht, sollte ein Sicherheits-Backup parat haben. auf dem Weg in den Nordwesten Frankreichs, und der französische Profi-Wingfoiler Axel Gerard fragte ebenfalls, ob er sich der Mission anschließen könne. Für mich war einer der Schlüsselakteure aber mein Kumpel Pierre Bouras, ein wirklich guter Fotograf, der oft mit mir reist, wenn große Wellen auf Europa treffen. Er ist ein ausgezeichneter Jetski-Fahrer, der neben guten Bildern auch die Sicherheit für uns übernimmt. Die anderen Mitglieder der Mission waren Jamie Hancock, der alles filmen sollte, der junge britische Fahrer Freddie, der mit Jamie angereist war, um selbst Windsurfen zu gehen und auch beim Filmen zu helfen. Und dann war da noch Marco – französischer Local und Shaper mit einem Hang zum Materialbruch. Das Ziel unserer Strike-Mission war klar: Zwei Tage an den zwei besten Big-Wave-Spots der Bretagne verbringen und die größten Wellen des Winters erwischen!
Île de Vierge liegt an der Nordküste der Bretagne, ziemlich abgelegen und zum Windsurfen wirklich schwierig: Die Gezeitenunterschiede sind riesig und verändern das Gesicht des Spots innerhalb weniger Stunden erheblich. Der Start ist ebenfalls heikel, mit starken Strömungen, die aus einer Lagune kommen. Auf dem Weg nach draußen lauern Felsen, auch dort wo die Wellen bereits brechen. Der Break kann an Tagen mit großem Swell zwar funktionieren, ist aber weit weg von perfekt. Es gibt verschiedenen Peaks über zwei unterschiedlichen Teilen eines flachen Riffs, was die Positionierung nicht immer einfach macht.
An diesem großen Tag heulte der Wind, wodurch natürlich größerer Chop die Wellen-Faces zerzauste. Zusätzlich trieb in der Brecherzone recht viel Seetang, was auch nicht gerade zur Entspannung beitrug und die Wellenritte etwas unberechenbar machte. An diesem Tag ging es also weniger um die beste Performance oder den perfekten Ritt, dafür waren die Bedingungen diesmal zu wild. Trotzdem ist dieser Spot einfach unglaublich schön – die Szenerie mit den beiden Leuchttürmen und einfach das Erlebnis, dort draußen diese riesigen Wellenberge zu reiten und die unglaubliche Kraft des Ozeans hautnah zu spüren. Unser Freund Marco versuchte – mit ausgeliehener Windsurf-Ausrüstung – zu uns zu stoßen, aber er wählte auf dem Weg nach draußen eine falsche Linie und wurde von einer fetten Set-Welle erwischt, noch bevor er den Peak erreichte. Der Mast war Kleinholz, aber das passiert bei solchen Bedingungen. Zum Glück war Pierre auf dem Posten, half ihm und brachte ihn mit dem Jetski sicher zurück ans Ufer.
Am zweiten Tag reisten wir zur Île-aux-Vaches, der „Kuh-Insel“, einem bekannten Spot mit etwas einfacherem Start und weniger Gefahren – zumindest theoretisch. Die Bedingungen waren an diesem Tag zwar nicht sonderlich heftig, aber die Windrichtung war nicht ideal. Ein wenig zu sehr onshore, das machte die Wellenritte wirklich schwierig. Marco ließ sich davon – und auch von seinem Crash am Vortag – nicht abhalten und ging auch hier wieder raus, erneut mit ausgeliehener Ausrüstung.
Er bekam einige schöne Wellen, bis er versuchte, tiefer und radikaler in die Welle zu gehen. Eine Wasserwand mit sechs bis sieben Metern Höhe schlug direkt hinter ihm ein, er verlor die Kontrolle und kassierte einen Vollwaschgang! Ein weiterer Mast brach, sein gesamtes Rigg trennte sich vom Board, versank und verschwand auf Nimmerwiedersehen.
In der Zwischenzeit war auch der junge Freddie aus England auf dem Wasser und filmte sich in den Wellen seines Lebens. Im Überschwang manövrierte er sich aber in eine sehr ungünstige Position: Normalerweise reitet man in Île-aux-Vaches die Wellen am Hauptriff und halst dann aus der Welle raus, um erneut auf die Suche nach einer passenden Line zu gehen. Auch Freddie surfte eine Welle am Hauptbreak, ritt diese aber weiter bis zum flachen Innenriff. Dort erwischte ihn die Wellenlippe, er verlor sein Equipment. Danach schwamm er eine halbe Stunde und versuchte vergeblich es zu bergen, bevor er es mit viel Mühe ans Ufer schaffte – das zumindest erzählten mir die Schaulustigen hinterher am Strand, denn ich selbst hatte von all den Dramen auf dem Wasser wenig mitbekommen.
Marco ging mit geliehener Ausrüstung raus. Bei einem Sturz trennte sich das Rigg vom Board und verschwand für immer.”
Die Menschen in der Bretagne leben wirklich nach dem Rhythmus des Ozeans: Ebbe, Stürme, Wind, Wellen, Regen und Sonne bestimmen ihre Aktivitäten. Wenn große Stürme kommen, ist es für die Einheimischen ganz selbstverständlich, zum Meer zu gehen und das Naturschauspiel zu beobachten! Familien, ältere Menschen und örtliche Windsurfer versammeln sich dort, wo die Wellen am beeindruckendsten sind, es herrscht immer eine sehr freundliche Atmosphäre am Strand.
Jede Reise in die Bretagne ist für mich eine Freude. Ich treffe alte Freunde, wir surfen gemeinsam die größten Wellen und plaudern über das Leben. Wenn der nächste Wintersturm heranrollt, werde ich wiederkommen.