Reportage GriechenlandKarpathos - Im Rhythmus des Meltemi

SURF Redaktion

 · 18.02.2026

Sarah-Quita Offringa loopt in die aufgehende Sonne – ein Geschenk für jeden Fotografen.
Foto: Boris Ackermann
​Von einer Reise aus den Schweizer Alpen in die südliche Ägäis, von der Suche nach Wind, Momenten und Bildern, die nur dort entstehen, wo der Meltemi niemals schläft – auf Karpathos.

Text: Boris Ackermann

Ich lebe in den Schweizer Bergen, in einem bekannten Skigebiet, umgeben von 18 Viertausendern. Ein ungewöhnlicher Wohnort für jemanden, der Wassersport liebt und fotografiert. Als ich im Juni nach Süden aufbrach – den Bus voll mit Kamera-Equipment und Surfmaterial –, lag zu Hause noch Schnee. Doch je weiter ich fuhr, desto kleiner wurden die Gipfel im Rückspiegel, und in der italienischen Po-Ebene konnte man das Meer fast schon riechen.

Von Bari nahm ich die Fähre. So ergab sich ein Zwischenstopp in Vieste, meinem Kindheitsspot, an dem ich eine kurze Surfsession genießen konnte. Am dritten Tag stach ich schließlich von Athen nach Karpathos in See – ein Übergang in eine Welt, die nur aus Wind, Wasser und griechischer Gelassenheit zu bestehen scheint.

​Der Meltemi liefert Windstärken, die anderswo nur in Prospekten versprochen werden.

Das Mekka der Windsüchtigen

Die kleine Insel in der südlichen Ägäis ist berühmt für ihren konstanten, verlässlichen Wind. Der Meltemi bestimmt den Tagesrhythmus, liefert Windstärken, die anderswo nur in Prospekten versprochen werden, und macht die Insel zu einem Paradies für Windsurfer, Wingfoiler und Kiter.

Für mich als Fotograf – und für alle Surfenden auf der Insel – bedeutet das: perfekte Bedingungen, viele intensive Tage und unzählige Chancen auf große Momente. Neben vielen (noch) unbekannten Surferinnen und Surfern waren es auch dieses Jahr einige speziell inspirierende Begegnungen:

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  • Sarah-Quita Offringa – 28-fache Weltmeisterin. So viel positive Energie auf und neben dem Wasser. Ihre Mischung aus Kraft, Eleganz und ansteckender Lebensfreude ist einzigartig. Es wirkt, als sei der Wind ihr persönlicher Assistent.
  • Oda Johanne – ihre Manöver haben etwas Spielerisches und gleichzeitig Präzises. Sie wirkt, als würde sie ständig mit den physikalischen Grenzen des Spots verhandeln – und fast immer gewinnen.
  • Meiky Wieczorek – bekannt für seine harte Arbeit an den schwierigsten Freestyle-Manövern abseits der Pro Tour, kraftvoll und ehrgeizig. Mit Meiky werden Shootings immer experimentell: neue Ideen, ungewöhnliche Perspektiven, viel Mut.
    Wer ist eigentlich Meiky Wieczorek?
  • Twan Verseput – der niederländische Speedsurfer liebt es, mit Höchstgeschwindigkeit in greifbarer Nähe an der Kamera vorbeizuziehen oder bei einer Laydown Jibe die Mastspitze nur Zentimeter entfernt über mein Gehäuse zu führen.
  • Und unzählige junge Talente, Urlauber, Stationsmitarbeitende und Locals, die in Afiartis Jahr für Jahr zu einer offenen, herzlichen Surfcommunity zusammenwachsen – unabhängig davon, wo sie ihr Material ausleihen oder lagern.
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Fotografieren im Wind kein Job wie jeder andere

Zu Hause fotografiere ich vor allem Wildtiere und Berglandschaften, die ich als großformatige Fine-Art-Drucke verkaufe und international ausstelle, oder ich verabrede mich mit Surfern wie dem Weltmeister Yentel Caers, mit Balz Müller aka Radiculo oder dem niederländischen Freestyler Nick van Ingen zum Fotografieren. Auf Karpathos hingegen dokumentiere ich täglich den Wassersport und biete die Bilder auf meiner Website an.

Am Spot Arkasa im Südwesten der Insel zeigt das Mittelmeer sein wilderes Gesicht.
Foto: Boris Ackermann
​Rauer, wilder und weniger planbar – ein Spot, der noch nicht auf den Karten steht.

Das Geschäft am Wasser ist anspruchsvoll. Moderne Technik ermöglicht vielen, mit etwas Übung gute Fotos zu machen. Drohnen gehören heute fast zur Standardausrüstung und Bilder werden untereinander oft kostenlos geteilt. Doch nicht jeder hat einen persönlichen Fotografen dabei – und viele freuen sich über professionelle Aufnahmen außergewöhnlicher Sessions.

Für spektakuläre Shots liege ich schon mal eine Stunde im Neoprenanzug mit Kamera im wasserdichten Gehäuse draußen im offenen Meer, lasse mich treiben oder fahre mit Stationskapitänin Linda im Boot in die perfekte Position. Dabei den Überblick zu behalten – wer wo fährt, wie der Wind dreht, wann ein Move kommt –, ist oft herausfordernder als das Fotografieren selbst.

Der Wind bestimmt alles: Stimmung, Intensität, Dauer der Sessions. Doch genau dieser Rhythmus macht Karpathos magisch.

Die fünf besten Windsurfspots auf Karpathos

Devil’s Bay / Meltemi-Station

Mein Hauptarbeitsplatz liegt in Afiartis. Die Devil’s Bay trägt ihren Namen zu Recht. Der Wind bläst hier ununterbrochen, Segelgrößen zwischen 3,7 und 5 Quadratmetern sind Standard. An manchen Tagen beginnt sogar das Wasser zu fliegen und selbst mit einem 3,4er-Segel wird es grenzwertig. Für Fotos ist das Setting spektakulär– wenn Böen jenseits der 50 Knoten zwar kaum Freestyle zulassen, dafür aber packende Dramatik bieten.

Mein Ziel ist es nicht nur, die besten Fahrer in Extremsituationen abzulichten, sondern allen Surfenden Erinnerungsfotos zu ermöglichen. Zum Beispiel Helga aus Österreich: bald 70 Jahre alt, seit Jahren Stammgast, täglich auf dem Wasser. Kleinstes Brett, kleines Segel, perfekte Halse bei 25 Knoten. Menschen wie sie inspirieren mich.

Die Insel ist Rückzugsort, Kraftplatz und Naturstudio zugleich.”
Linda Manková von der Meltemi-Station genießt die Morgenstunden vor Schichtbeginn auf dem Brett in der Devils Bay.Foto: Boris AckermannLinda Manková von der Meltemi-Station genießt die Morgenstunden vor Schichtbeginn auf dem Brett in der Devils Bay.

Chicken Bay

Direkt neben dem Flughafen liegt das familienfreundliche Stehrevier. Drei Stationen, eine chillige Strandbar, eine Taverne – perfekte Bedingungen für Anfänger, Aufsteiger und Familien. Für mich ist die Chicken Bay ein Ort voller Sommerbilder: Kinder, die zum ersten Mal gleiten, Eltern zwischen zwei Sessions an der Bar, türkisfarbenes Wasser, feinster Sand, dazu eine kleine griechische Kapelle mit Flugzeugen im Hintergrund als Fotomotiv.

Gun Bay

Zwischen Chicken Bay und Devil’s Bay liegt die Heimat der ION-Station. Etwas vom Wind abgedeckt, dafür mit konstanterem Wind weiter draußen und einer leicht höheren Dünungswelle. Für mich besonders interessant, weil ich hier auf einem hohen Felsen fast aus Helikopterperspektive fotografieren kann.

Arkasa – der junge Wavespot

Im Südwesten zeigt Karpathos sein anderes Gesicht: Wellen, Kraft, Tiefe, Felsen. Ein Spot, der noch nicht auf den Karten steht, aber enormes Potenzial hat. Fotografisch ist Arkasa rauer, wilder, weniger planbar – und genau deshalb faszinierend. Ich selbst bin hier noch nicht gesurft; der Einstieg ist knifflig und Westwind Voraussetzung. Ein Gespräch mit den Locals ist Pflicht.

Luv Spot & Secret Spot

Auf der Ostseite treffen sich Kiter, Windsurfer und Wingfoiler gleichermaßen. Die Naish-Station thront über der Bucht, die Taverne liefert den besten Überblick. Eine Welle am vorgelagerten Riff macht den Spot spannend, besonders wenn Afiartis wegen zu viel Wind dichtmacht. Nur zwei Buchten weiter bietet der Secret Spot spiegelglattes Wasser – ein Traum für Freestyler.

After Surf: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Für Boris dreht sich auf Karpathos viel um die enge Gemeinschaft.
Foto: Boris Ackermann

Zwischen den Session – Die andere Seite der Insel

Ein Sommer auf Karpathos besteht nicht nur aus Surfen. Da sind staubige Küstenstraßen, dramatische Steilküsten, Sonnenuntergänge über Arkasa und Finiki, das vibrierende Blau der Südwestküste und ein Wind, der niemals schläft.

Von den Bergdörfern rund um Olympos bis zu den stillen Buchten bei Lefkos: Die Insel ist Rückzugsort, Kraftplatz und Naturstudio zugleich. Und natürlich Urlaubsinsel – mit Eisdielen in Pigadia, kleinen Strandtavernen, griechischer Küche und dem üblichen touristischen Angebot, das sich erstaunlich unaufdringlich einfügt.

​Meine Speicherkarten sind voll, das Equipment salzverkrustet und staubig.

Eine Insel, die leere Bücher mit Bildern füllt

Auf der Rückfahrt nach Athen sind meine Speicherkarten voll, das Equipment salzverkrustet und staubig – und ich bin um viele Begegnungen reicher. Karpathos ist kein Ort für „vielleicht Wind“. Die Insel liefert täglich. Doch es geht nicht nur um Höchstleistungen. Es geht um Gemeinschaft, Freude, Lernen, Teilen – und darum, den Tag mit einem breiten Lächeln zu beenden.

Am liebsten tue ich das bei Sokratis in seiner Taverne Barbaminas in der Chicken Bay. Er und seine Familie sind Fischer, herzliche Gastgeber – und großartige Köche. Es sind die Menschen, die diesen Ort unvergesslich machen und einem sofort das Gefühl geben, unterwegs zu Hause zu sein. Für die Surferinnen und Surfer aus aller Welt – und für mich als Fotograf – ist Karpathos nicht einfach nur ein Reiseziel.

Es ist unsere Spielwiese. Ein leeres Buch, das wir jedes Jahr mit neuen Bildern, Erfahrungen und Geschichten füllen dürfen.


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