Als Ostseesurfer, der sich von niedrigen Temperaturen nicht abschrecken lässt, habe ich über die Jahre viele Erfahrungen gesammelt. Top-Spots wie Heiligenhafen, Weißenhaus, Ahrenshoop oder Neu Mukran sind jedem norddeutschen Windsurfer ein Begriff, doch ich träume oft von neuen Spots und höheren Wellen und bin dabei vermehrt auf der Suche nach dem Unkonventionellen. Betrachtet man Karten, auf denen die gesamte Ostsee dargestellt wird, so sieht man ganz deutlich, dass die Kieler- und die Mecklenburger Bucht eben doch nur einen kleinen Teil unseres Binnenmeeres ausmachen. Nordöstlich von Rügen öffnet sich die Ostsee ziemlich weit und sie wird hier auch deutlich tiefer. Und mittendrin: Gotland. Da muss es doch größere Wellen als bei uns geben. Diesen Gedanken hatte ich bereits vor vielen Jahren und seitdem nicht aufgehört, die Vorhersagen zu studieren, Spots zu recherchieren und einen Surftrip dorthin zu planen.
Bei jeder guten Vorhersage schweifte mein Blick Richtung Gotland. Aber es dauerte Jahre, bis der Trip Realität wurde.”
Besonders angetan hatte es mir die kleine Insel Fårö im Nordosten, die im Surfer-Slang oft als die „Northshore“ Gotlands bezeichnet wird. Allerdings bot es sich nie wirklich an, den weiten Weg dorthin anzutreten. Entweder war die Windvorhersage unbeständig oder es war einfach zu kalt und zu dunkel. Zudem fand ich nur relativ wenige und oft sehr allgemein gehaltene Informationen zu den dortigen Spots. Ein Online-Clip, auf den ich im Zuge meiner Spotrecherchen stieß, hieß ausgerechnet „underpowered on Gotland“. Jemand hatte den weiten Weg auf die Insel auf sich genommen, um dann vor Ort festzustellen, dass sich die vielversprechende Vorhersage in Luft aufgelöst hatte. Der arme Kerl hatte dort dann nicht einmal Handyempfang, um die Vorhersage zu checken.
Es vergingen also doch einige Jahre seit dem ersten Gedanken an diesen Trip und der Verwirklichung. Und wie so oft im Leben: Wenn man nicht mehr daran denkt, kommen die Dinge von allein zu einem. Am ersten Weihnachtsfeiertag – ich checkte gerade Windguru und Co. auf der gemütlichen Couch, klingelte mein Telefon. Markus Marsand war am Apparat. Er hatte die Vorhersage für die kommenden Tage gesehen und schlug tatsächlich einen Trip nach Gotland vor. Ich war perplex und konnte gar nicht absagen. Dabei vergaß ich ganz, dass wir uns gerade in der dunkelsten Jahreszeit befanden. Fünf bis sechs Meter Welle sowie 35 bis 40 Knoten Wind waren für die kommenden Tage rund um Gotland vorhergesagt, dazu ein bis zwei Grad Celsius. Immerhin Sonnenschein.
Außerdem war Markus der perfekte Reisekompagnon für ein solches Abenteuer in der Kälte. Mit dem Stralsunder, der in meinen Augen den wohl schönsten Backloop auf der Ostsee springt, hatte ich schon einige sehr verrückte Aktionen im Winter auf Rügen gestartet, oft an der Grenze des Zumutbaren. Einmal waren wir im Schneesturm nach Neu Mukran gefahren, um festzustellen, dass der Spot unsurfbar war, weil die ersten 400 Meter mit Crushed Ice bedeckt waren. Daraufhin fuhren wir dann nach Juliusruh weiter, um dann nach zehn Minuten einzusehen, dass das gesamte Material eingefroren war und Surfen einfach keinen Sinn machte.
It‘s the end of the world as we know it, and I feel fine!” (REM)
Los geht‘s! Wir packten noch Markus’ Freundin Swantje in Bad Oldesloe ein und nahmen dann die Fähre von Travemünde nach Malmö – eine recht lange Überfahrt, die erste von drei, die aber überpünktlich startete. Die Anfahrt nach Gotland entpuppte sich in der Tat als ziemlich langwierig. Wir benötigten insgesamt eineinhalb Tage und vor allem das endlose Warten auf die zweite Fähre, die von Oskarshamn nach Visby geht, stellte uns vor eine Geduldsprobe. Die dritte Fähre, die über den Fårösund führt, erreichten wir erst mitten in der Nacht. Laut Internet sollte man dann eine schwedische Nummer wählen, um die Fähre zu rufen. Diesbezüglich machten wir uns etwas Sorgen, da wir im schlimmsten Fall unsere Unterkunft nicht erreicht hätten und eine kalte Nacht zu dritt im Bulli wäre wirklich wenig erholsam gewesen. Doch all die Sorge war umsonst und es wartete auch nachts um kurz vor halb eins noch ein Dutzend schwedischer Autos mit uns auf die Fähre. Als wir unsere ruhige Unterkunft endlich erreichten, fielen wir in einen erholsamen Schlaf, voller Vorfreude auf den nächsten Tag.
Wir fuhren am nächsten Morgen ganz aufgeregt zum nächstgelegenen Spot, Ekeviken. Der Wind wehte bereits sehr stark und es herrschte eine trockene Kälte bei schönem Sonnenschein, wobei die Sonne immer flach über dem Horizont blieb, sodass alles in ein magisches Licht getaucht wurde. Wir stellten uns auf imposante Bedingungen ein. Und dann die Ernüchterung: Der Spot war flach, es war onshore und extrem windig. Waren wir dafür so weit angereist? Wir entschieden uns, nach Alternativen zu suchen, und mussten schnell feststellen, dass das gar nicht so einfach war. Viele Wege zu potenziellen Spots waren mit „Privat“-Schildern versehen. An anderen Strandabschnitten wehte es zwar sideoff, aber es war komplett flach. Dann gab es wieder Abschnitte mit vielen großen Steinen im Wasser. Wir fuhren immer weiter und landeten schließlich an der Bucht Aursviken, an deren Ende sich ein Reefbreak befindet.
Der Wind war hier so stark, dass wir uns für die kleinsten Segel entschieden: 3,3 Quadratmeter – flach gezogen. Es war der erste Surf auf Gotland und die Bedingungen wirkten beinahe etwas einschüchternd: Die Bucht ist fjordähnlich schmal, in der Mitte zog eine heftige Strömung aufs offene Meer. Die Welle lief ebenfalls nicht ideal, machte schnell zu und die Bedingungen waren insgesamt sehr onshore. Dazu konnte man das Segel kaum dichthalten. Vom Wasser aus sah ich, wie an dem vorher verlassenen Spot mehrere Autos anhielten. Es waren Einwohner der Insel Fårö, die begeistert von unserer Entschlossenheit waren und unbedingt ein Foto mit uns wollten.
Markus landete da draußen im Inferno irgendwie sogar einen Backloop, komplett überpowert mit dem 3,3er und gerne hätten wir noch mehr Action gezeigt, aber es war angesichts der Windstärke einfach sinnlos. Wir wussten nicht so recht, was wir von dieser ersten Session auf Fårö halten sollten. Wir hatten eine wirklich lange Reise mit immerhin drei Fährfahrten auf uns genommen und die ganze Insel nach Spots abgesucht. Aber vielleicht gehört das bei so einem Entdeckungstrip einfach dazu. Wobei man zugeben muss, dass das Hauptproblem wirklich in dem zu starken und zu kalten Wind zu verorten war.
Da wir viel Zeit in die Suche nach neuen Spots investiert hatten, entschieden wir uns am nächsten Tag dafür, in Ekeviken rauszugehen. Der Spot erinnert ein wenig an Neu Mukran auf Rügen. Die Welle läuft ziemlich geordnet in eine weite, sichelförmige Bucht, die an ihren Rändern von zahlreichen Felsen gesäumt ist. Der Leuchtturm sendet derweil, einem stillen Puls folgend, regelmäßig Lichtsignale in alle Himmelsrichtungen. Die Gegend hier fühlte sich in diesem Moment an wie das Ende der Welt, und das ist es hier auch ein wenig: In Richtung Norden liegt tiefes Meer und dann der finnische Meerbusen, in Richtung Osten und Südosten befinden sich die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen in über hundert Kilometern Entfernung, gen Süden Kaliningrad und Danzig, mehr als 300 Kilometer entfernt.
Die Session in Ekeviken war solide. Und doch, wir waren für mehr gekommen. Auf der Straße vor unserem Haus hatte ich am Morgen einen Jeep vorbeifahren sehen, der mit Wellenreitern beladen in Richtung des Leuchtturms am Ostende Fårös unterwegs war. Hier sah es auf den Karten sehr interessant aus, auch wenn kein offizieller Spot verzeichnet war. Wir sahen uns also auch diese Gegend an, mussten aber feststellen, dass es in der Nähe des Strandes, nördlich des Leuchtturms, keinen Parkplatz gab und man das Material ungefähr eineinhalb Kilometer durch einen Kiefernwald hätte tragen müssen, um an den Spot zu gelangen. Bei der Kälte war das eine zu große Herausforderung.
Für den nächsten Tag war noch mehr Sturm angesagt. Das war doch alles verrückt. Wir hatten uns sowohl in Aursviken als auch in Ekeviken bereits an die 3,3er geklammert. Dazu war der Wind beißend kalt, und jedes Mal, wenn wir auf unseren Entdeckungstouren aus dem warmen Auto stiegen, wurde das zu einer größeren Herausforderung. Unsere gemütliche Hütte mit dem warmen Kaminfeuer wurde dann regelrecht zu einem Sehnsuchtsort.
Nach längerer Überlegung und dem Abwägen von Aufwand und Nutzen entschieden wir uns am nächsten Morgen schließlich dafür, Fårö zu verlassen und ein paar andere Orte an der Nordküste Gotlands auszuchecken. Der Wind wehte so stark, dass nicht einmal sicher war, ob die kleine Fähre über den Fårösund überhaupt fahren würde. Wir hatten aber Glück und sie schien dem teils fliegenden Wasser und der rollenden See im Sund zu trotzen. Vielleicht fasse ich an dieser Stelle den Tag ganz kurz zusammen: Wir verbrachten wieder viel Zeit damit, verschiedene Spots zu erkunden, was immer gleich abläuft: Zuerst sucht man über Google Maps potenzielle Strände. Dann wird zunächst die sichere Landstraße verlassen und über einen Waldweg in die Nähe des Wassers gefahren. Danach zieht man sich im Eiltempo alles an, was irgendwie Wärme spenden könnte, verlässt das warme Auto, läuft bei acht Windstärken in eisiger Kälte, die einem in alle Glieder fährt, an einem steinigen Strand auf und ab, und spürt irgendwie: Hier werden wir nicht rausgehen. Denn was wir im Wechsel sahen, war fliegendes Wasser, Kreuzsee, Felsen im Break, hohl brechende Wellen über steinigen Riffen, böiger Sideoffshore-Wind, ein Break, der zwei Kilometer vor der Küste brach. Wir fragten uns dann immer so Dinge wie: „Würde Thomas Traversa hier jetzt rausgehen?“. Es waren echte Storm-Chase-Bedingungen – aber eben bei einem Grad Lufttemperatur.
An dieser Stelle klingt es vielleicht fast ein wenig abwegig, aber die Vorhersagen sagten für den kommenden Tag noch mehr Wind an. Abends begann es zudem stark zu schneien. Als wir am nächsten Morgen erwachten, war Gotland unter einer dichten Schneedecke versunken. Durch über kniehohen Schnee wateten wir zum Auto und fuhren zu einem Strand namens Skalasand, der etwas südlich vom Kap Holmudden am Leuchtturm liegt. Dort angekommen, sahen wir kleine, sehr sauber brechende Wellen in die Bucht laufen. Weiter oben am Riff vor dem Leuchtturm donnerte eine solide Welle. Wir wanderten die ungefähr 800 Meter dorthin und fanden einen perfekten Reefbreak vor. Bereue ich es im Nachhinein, dass wir dort nicht rausgegangen sind? Irgendwie ja, andererseits: Die Lufttemperatur lag bei null Grad, in den schwedischen Medien war vor Sturm, Stromausfällen und Schneeverwehungen gewarnt worden.
Mit jedem Schritt in der eisigen Kälte wird dir klarer: Du wirst hier heute nicht rausgehen.”
Wir waren komplett allein am Ende der Welt. Der Wind wehte schräg ablandig auf die offene Ostsee. Der Spot war uns komplett unbekannt und überall schauten Felsen aus dem Wasser. Die Welle brach teils hohl sowie unberechenbar close-out über das gesamte Riff. Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass an dieser Stelle der Reise kein Frust aufkam oder jemand eine Kurzschluss-Hauruck-Aktion startete, nach dem Motto: „Mir egal, wir gehen da jetzt raus!“ Vielleicht zeigt es aber auch, dass man im Laufe der Zeit reifer und reflektierter geworden ist, die eigenen Grenzen respektiert und sich an dem erfreuen kann, was unter den gegebenen Umständen möglich ist: das Wahrnehmen der Einzigartigkeit der Natur, ihrer geballten Kraft.
Die Ruhe auf der kleinen Insel Fårö am Morgen nach dem Schneesturm wurde durch die klare, kalte Luft noch spürbarer, fast greifbar. Der Sturm hatte den Winter gebracht. Tatsächlich war die Reise von diesem Tag an vom Winterwetter geprägt. In unserer Hütte war es am Kaminfeuer gemütlich warm, auf den Straßen bildete sich eine geschlossene Schneedecke. Die kleinen Seen der Insel froren zu. Es legte sich eine Stille über die schneebedeckten, schlafenden Felder. Die weiße Landschaft traf am Horizont auf das tiefblaue Meer, über dem der Mond im Osten aufging. Von Südwesten her waren die goldenen, doch kalten Strahlen der tief am Horizont stehenden Sonne zu vernehmen, die alles in ein feenhaftes Zwielicht tauchten, während von Norden her neue, kaltgraue Eiswolken hereinzogen.
Vielleicht geht es gar nicht immer darum, auf einem Surftrip die besten Bedingungen abzugreifen, obwohl das natürlich irgendwie immer das ultimative Ziel bleibt. Doch jede Reise hat ihren ganz eigenen Charakter. Selbst wenn man zweimal an genau den gleichen Ort, vielleicht sogar genau zur gleichen Jahreszeit fährt, wird der Vibe nie genau derselbe sein.
Vielleicht macht das gerade den Reiz aus. Vielleicht bietet das Leben dem Suchenden genau das, was er gerade braucht, auch wenn er eigentlich auf der Suche nach etwas Anderem ist.