Laurin Lehner: Weil man eine Woche kaum intensiver verbringen kann. Sechs Nächte draußen – und sieben Tage fühlen sich an wie vier Wochen. Nach dem dritten Tag weißt du manchmal schon nicht mehr, wo du am Abend zuvor geschlafen hast. Warum? Weil der Kopf randvoll mit Eindrücken ist.
Nicht unbedingt das Paddeln. Die ersten Schläge am Morgen sind schön. Die Sonne fällt auf die Küste, man ist allein mit seinen Gedanken. Nach einer halben Stunde habe ich davon meist genug. Das Paddeln ist Mittel zum Zweck.
Paddeln ist nur Mittel zum Zweck.”
Im Hier und Jetzt leben. Plötzlich zählen nur noch die wirklich wichtigen Fragen: Wo bekommen wir Wasser und Proviant? Wo können wir frühstücken? Und vor allem: Finden wir einen guten Schlafplatz? Am besten mit Schwemmholz fürs Feuer, ebenem Untergrund und ohne Publikum. Das ist ein bisschen wie Glücksspiel – nur dass der Hauptgewinn ein einsamer Kiesstrand ist.
Sie kann es werden. Einem Freizeitpaddler, der bisher nur seinen Badesee kennt, würde ich nicht ohne Weiteres dazu raten. Das Meer kann glatt wie Öl daliegen – warm, windstill, freundlich. Und kurz darauf kommen Seitenwind, Gegenwind und Wellen. Dann wird aus dem Postkartenmotiv ziemlich unwirsches Gelände. Besonders heikel sind Inseln mit langen Steilküsten. Dort kannst du nicht einfach anlanden, wenn etwas schiefläuft. Wir hatten einige Situationen, in denen es eng wurde.
Wenn das Paddel abtreibt. Man legt es kurz aufs Board, schaut auf die Karte – und bemerkt zu spät, dass es weg ist. Bei starkem Wind treibt es schneller ab, als man hinterherkommt. Dann gilt: Shit is going down. Oder man paddelt unfreiwillig in die Dunkelheit. Plötzlich erkennt man nicht mehr, ob vor dem Strand ein scharfes Riff liegt oder ob man überhaupt sicher anlanden kann. Alles schon erlebt.
Sie gehört unbedingt griffbereit. Nicht tief unten in den Packsack, wenn es bereits dunkel ist. Auf einem wackelnden Board danach zu kramen, ist keine gute Idee. Allerdings leuchtet selbst eine starke Stirnlampe vom offenen Meer aus keinen ganzen Strand aus. Man muss näher ran – und genau dort können Riffe und Felsen warten.
Planung. Karte prüfen, Wetterbericht verfolgen, sichere Anlandestellen markieren. Kurz: die 7 Ps der Royal Marines: “Propper Prior Planing Prevents Piss Poor Performance”. Der Wind ist des Paddlers Feind. Mehr als acht Knoten Wind werden auf dem SUP schnell unangenehm, besonders von der Seite. Wenn du zwei oder drei Stunden nur auf einer Seite paddelst, wird es zäh. Mit einem guten Wetterfenster ist die Tour Wellness. Ohne eines wird sie zum Überlebenstraining.
Weil nur Inflatables im Flugzeug wirklich praktisch sind. Das Board reist als normales Gepäckstück, innerhalb der 23-Kilo-Grenze. In die Tasche kommen außerdem Zelt, Schlafsack, Isomatte und Packsäcke. Vor Ort pumpen wir die Boards auf und verstecken die Pumpe samt Tasche oder geben sie irgendwo zur Aufbewahrung ab. Denn die wichtigste Gepäckregel lautet: Je leichter, desto besser.
Zuletzt hatten wir sportliche 12'6"-Touringboards von Naish. Modell: One. Mit Gepäck sind sie für Ungeübte etwas kippelig, dafür handlich und schnell. Wer Erfahrung hat, kommt damit gut zurecht. Super: Sie verfügen über angenehmen Scoop. Also eine Aufbiegung der Nase. So schneiden sie besser durch Wellen und werden nicht überspült. Anfänger sind mit einem breiteren Board besser beraten. Wir hatten auch schon 14-Fuß-Boards. Sie bieten mehr Platz und ein zweites Gepäcknetz. So lässt sich das Gewicht günstiger verteilen. Doch sie sind auch schwerer und mühsamer zu manövrieren.
Nein. Ich war mit einem Kollegen unterwegs, der auf den über 7000 Meter hohen Pik Lenin gestiegen ist. Der fährt 180 Kilometer am Tag Rad und hat Beine wie Nockenwellen. Trotzdem bekam er bei Wellengang Probleme, fing an zu zittern und musste auf die Knie. Wer auf dem See sicher steht, beherrscht noch lange nicht das Meer. Ausdauer ersetzt keine Balance. Und dicke Waden ersetzen keine Erfahrung.
Zwei wasserdichte Ortlieb-Packsäcke – und darin nur das Nötigste. Ein Gepäcknetz vorne ist Pflicht, ebenso die Leash. Die braucht man meist nicht, doch bei Downwindern geben sie Sicherheit.
Man lernt mit jeder Tour. Wir haben sieben Inseln umrundet oder es zumindest versucht. Jedes Mal stellten wir fest, was wir umsonst geschleppt und was wir schmerzlich vermisst hatten. Ein Zelt ist streng genommen Luxus. Es kostet Platz und Gewicht, und im Idealfall baut man es kein einziges Mal auf. Aber wenn Regen, Sturm oder eine Moskitoarmee auftauchen, ist es plötzlich der beste Gegenstand der Welt.
Regelmäßig, bevor der Körper streikt. Alle halbe Stunde trinken, jede Stunde einen halben Energieriegel essen, zwischendurch pausieren oder ins Wasser springen. Wer zu schnell beginnt, bezahlt später dafür. Aber wir kehren natürlich gerne in Tavernen ein. Das ist jedes Mal ein Highlight nach langen Stunden auf dem Wasser. Doch man sollte sich nicht darauf verlassen. In Griechenland haben im Oktober viele bereits geschlossen. Wir nehmen deshalb einen kleinen Topf mit. Den stellen wir aufs Lagerfeuer. Warmes Porridge am Morgen ist Gold wert. Nicht nur für den Magen, sondern vor allem für die Moral. Bei uns hat sich gefriergetrocknete Nahrung in Beuteln bewährt. Von Travellunch zum Beispiel.
Erstaunlich wenig. Wir hatten große Hoffnungen, wurden aber meist enttäuscht. Mein Bruder sah Hai, Schwertfisch und Wal – bei der Querung von Elba nach Korsika, weit draußen. Bei den Inselumrundungen blieben uns eine seltene Mönchsrobbe, einige Fliegende Fische, Wasserschildkröten und Oktopusse. Mein Traum wäre ein Delfin. Oder ein Wal. Aber das Meer ist kein Wunschkonzert und schon gar kein Zoo.
Das Meer ist kein Wunschkonzert und schon gar kein Zoo.”
Sie sollte weniger als 100 Kilometer Umfang haben, lieber deutlich weniger. Das lässt sich vorab mit Google Earth grob messen. Dabei darf man nicht einfach eine Linie um die Insel ziehen. In Wirklichkeit fährt man in Buchten hinein, sucht Geschäfte oder Schlafplätze – und sammelt zusätzliche Kilometer. Eine Woche ist ideal, weil viele Ferienflieger im Wochenrhythmus verkehren. Die Tour sollte aber Luft für schlechtes Wetter und Pausentage lassen. Wir wollen schließlich auch baden, lesen und am Strand liegen. Wer jeden Tag Kilometer schrubben muss, verliert schnell die Freude.
Kreta. An der Westküste sind wir zweimal gescheitert. Dort gibt es lange Steilküsten ohne Anlandemöglichkeit. Bei einem Versuch starteten wir in ablandigem Wind und hatten ernste Schwierigkeiten, überhaupt wieder an Land zu kommen. Gefährlich – aber eindrucksvoll.
Malta ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Die Querung zwischen der Hauptinsel und Gozo war lang und bei schrägem Gegenwind hart. Aber wenn man es am Ende geschafft hat, schmeckt der Erfolg umso besser. Empfehlen würde ich trotzdem eher eine kleinere griechische Insel: unkomplizierte Anreise, kurze Distanzen, viele mögliche Stopps. Und nicht zu spät im Jahr – irgendwann übernimmt der Wind das Programm.
Bei einem Versuch an Kretas Westküste drehte nachts der Wind. Das Board lag zwischen den Felsen, Wellen drückten rein und schaukelten das Board. Durch Reibung entstand ein winziges Loch. Am Morgen fanden wir ein schlaffes Board vor. Zum Glück hatten wir damals noch die Pumpe dabei. Wir mussten mehrfach nachpumpen und außerplanmäßig stoppen. Man darf nie vergessen: Das sind aufblasbare Boards. Ob Double Layer oder nicht – ein kleines Loch kann die Tour beenden. Deshalb sollte man nie allein fahren. Und selbst zu zweit kann es kritisch werden.
Keine verloren, aber oft genug um sie gebangt. Eine starre Finne ist eine wunderbare Sollbruchstelle. Im Flachwasser reicht ein Fels oder Riff – und die Reise ist vorbei. Flexible Kunststofffinnen sind für solche Touren sinnvoller – das spricht für das Naish One. Ein theoretischer Geschwindigkeitsvorteil durch mehr Steifigkeit interessiert niemanden, wenn das Ding abgebrochen am Meeresgrund liegt. Zudem interessiert eine steife Finne bei den langsamen Paddeltempo eh nicht.
Nein. Sie ist etwas für erfahrene Stand-up-Paddler, die bei Gegenwind auch einmal beißen und improvisieren können. Oft gibt es kein Backup. Man ist auf sich selbst gestellt. Im Idealfall fährt man mit jemandem, der solche Touren bereits kennt. Das Meer kann lieblich aussehen, doch im nächsten Moment bissig werden.
Nichts Extremes. Mein Bruder, mit dem ich meist paddle, mag Querungen. Von Elba nach Korsika zum Beispiel oder Gavdos nach Kreta – stundenlang powern, ohne Pause. Das reizt mich nicht. Ich will Wellness mit einem Tupfer Abenteuer. Am liebsten wieder eine griechische Insel, vielleicht eine Nachbarinsel von Skopelos: Alonnisos. Also: überschaubare Distanzen, baden, schnorcheln, gut essen, Seele baumeln lassen. Die perfekte Mischung aus Sport, Entspannung und genau so viel Anspannung, dass man hinterher etwas zu erzählen hat.
Vielen Dank und weiterhin viel Glück!
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