Meine Geschichte des JahresZeitreise mit Hindernissen

Stephan Gölnitz

 · 30.12.2025

Den Oldtimern haben wir vielleicht einen letzten Wunsch erfüllt: Vor dem Schreddern noch einmal den See shredden.
Foto: Stephan Gölnitz
Der Test “alt vs neu” war besonders interessant und abwechslungsreich..

Meine Lieblingsgeschichte des Jahres 2025 startet mit einem schnellen Social Media Posting vor dem Wertstoffhof. Die Kulisse für die alten und neuen Boards war lediglich ein spontaner Einfall. Fast philosophisch, zumindest aber doppeldeutig, ist der Weg auf den Wertstoffhof als Einbahnstraße ausgewiesen. Der graue Himmel wurde gerade erst bis auf den letzten Tropfen ausgewrungen, die einsame Abladestation, weit hinter dem letzten Ortsausgang, ist Mittwochabend um 18.00 Uhr menschenleer. Endzeitstimmung. Dabei macht gerade der anstehende Test “alt gegen neu” richtig Lust, sofort loszulegen. “Wie fahren die alten Schätzchen - die Shooting Stars ihrer Epoche - im Vergleich zu den neuen Shapes?” Ich bin gespannt und neugierig und will schnellstmöglich aufs Wasser. Eine Woche zuvor, Anfang September 2025: die Redaktion beschließt herauszufinden, wie sich die Shapes verschiedener Boardklassen in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben und wie sich das in der Praxis auswirkt. Ich werfe meine Beanie für das Kapitel “Freerideboards inklusive Interview und Praxistest” in die Runde. Drei, zwei, eins: ich bin seit 25 Jahren im surf-Test und bekomme vielleicht auch deshalb den Zuschlag - eine Stunde später stöbere ich bereits durch “Kleinanzeigen” nach alten Schätzchen. Und verliere mich dabei länger als geplant in den Abgründen des Windsurf-Second-Hand-Marktes. Bei einigen Angeboten fällt es schwer zu unterschieden, ob die Anbieter eher raffgierig, naiv oder kriminell handeln. Unsere Testobjekte finden am Ende erstaunlich easy und fast von selbst aus dem näheren Umfeld den Weg in unseren Redaktionskeller.

Im surf-Keller lagert sonst nur Neuware - oft Boards, die noch gar nicht im Handel erhältlich sind. Die ungewöhnliche Oldtimer-Parade sorgte für Aufmerksamkeit.Foto: Stephan GölnitzIm surf-Keller lagert sonst nur Neuware - oft Boards, die noch gar nicht im Handel erhältlich sind. Die ungewöhnliche Oldtimer-Parade sorgte für Aufmerksamkeit.

Ein Board kommt vom Nachbarn, eines aus der Familie. Dazu ein gut 25 Jahre alter, nagelneuer(!) F2 Ride, der mir vor dem Surftools-Laden schon mehrfach aufgefallen war. Ein ultra schmaler F2 Sputnik, der bereits jahrelang in der Gratis-Mitnahmetonne eines Surfshops gestanden hatte und dann als Kinder-SUP erfolgreich bei Rennen der U8 eine zweite Karriere feiern konnte, ergänzt das Kuriositäten-Kabinett. Als bekennender Sammler und Aufbewahrer von Dingen verbuche ich diesen Teil des Jobs als amüsante Herausforderung.

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Interview mit dem Shape-Guru

Laut Vorhersage zickt das Wetter am Gardasee für die kommenden Tage etwas, am Neusiedler See sieht es dagegen nach guten Freeridebdingungen aus und mein langjähriger Testpartner Frank Lewisch ist dort vor Ort und hat Zeit. Der also logische Weg nach Illmitz am Neusiedler See führt mich aber zuerst über Innsbruck. Shaper Werner Gnigler ist die erste Recherche-Quelle bei dieser Story (Das komplette Interview findest du hier). Ich finde ihn in seinem recht unspektakulären Geschäftsführerbüro der Gnigler Metalldecken GmbH in Innsbruck. Rund 12.000 Kilometer Luftlinie von Hawaii entfernt, lagert hier dennoch ein Großteil der F2- und JP-Shapegeschichte in Form sämtlicher Shapedaten. Werner rollt auf seinem Stuhl eine Armlänge zurück, zieht einen dicken Ordner aus dem Regal und schlägt zielsicher die vergilbten Seiten mit allen Shapedetails der 90er-Jahre-Sputnik-Serie auf. Parallel hat er am Bildschirm die neuesten JP-Shapes im CAD-Programm parat. Auch sinnbildlich für die Zeitspanne, die zwischen den ersten Sputnik-Boards und den aktuellen JP Magic Rides beispielsweise liegt. Die alten Xantos- und Ride-Shapes basieren auf Holzschablonen, die neuen Magic Rides lassen sich dreidimensional auf dem Bildschirm drehen. Nach einigem Studium der alten Dokumente und zwei Stunden Shapeanalyse unserer Testboards mit Werner in der Werkstatt ziehe ich noch am gleichen Tag mit meinem Boardarsenal weiter. Für den Neusiedler See ist weiterhin guter Gleitwind angesagt.

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Erstes Highlight der “alt-neu”-Story: Das Treffen mit Shape-Legende Werner Gnigler in Innsbruck.Foto: Stephan GölnitzErstes Highlight der “alt-neu”-Story: Das Treffen mit Shape-Legende Werner Gnigler in Innsbruck.

Testplanung mit Hindernissen

Erstmal gießt es aber von nun an durchgehend aus Kübeln, als sollte ganz Österreich versenkt werden. Durch Neusiedl schleiche ich erst im Dunkeln mit 20 km/h durch den Ort, schneller geht nicht. Ich vertraue auf Windguru und die kommenden zwei Tage. “Drohne mitnehmen oder nicht” - das war auch vor diesem Test mal wider die Frage. Der Neusiedler See ist komplett Schutzgebiet und eine Behördengenehmigung erforderlich. Trotz der kurzen Vorlaufzeit gehe ich das Projekt an. Und unglaublich: NAch nur zwei sehr freundlichen TeElefpnaten und zwei E-Mails (in denen ich den geplanten Zeitraum und die Flugroute in einer Karte angeben musste), habe ich die Genehmigung der “Abteilung 4 - Agrarwesen, Natur- und Klimaschutz, Hauptreferat Agrar- und Umweltrecht” in meiner Postbox. Das guin fast zu leicht. Wer meint, hier sei alles so bürokratisch, sollte man versuchen, eine Drohne für Tobagooffiziell anzumelden. Unter 20 Mails, drei persönlichen Anschreiben, einem polizeilichem Führungszeugnis und mindestens dreimaligem Ausfüllen des immer gleichen Formulars passiert da nix. Woher ich das weiß? Auch das haben wir für einen Test mal durchgezogen. Auf Neusiedl freue ich mich auch als Abwechslung zum Gardasee, wo die Sommertests sonst zwei, dreimal pro Saison ablaufen: Knödel statt Gnocchi, Wind der den ganzen Tag aus der gleichen Richtung weht und reichlich Platz auf der grünen Wiese direkt am Spot. Und einfach weil es hier im Gegensatz zum Gardasee geht, würde ich mich am liebsten mit dem Bus auf drei Parkplätze quer hinstellen.

Auf dem Wasser: Vergleichsfahrten und Zeitreise

Der Neusiedler See entspricht seinem Spitznamen “Großer Brauner” mal wieder mit Bravour. Strahlender Sonnenschein sorgt für ein Phänomen: für braunes Wasser zu leuchten scheint, creme-weiße Krönchen garnieren die perfekte Freeridepiste. Zwei Tage surfen und fotografieren wir, schwelgen mit andern Surfern in Erinnerungen an die Zeiten, als die heute ollen Boards noch die top Bretter unserer Träume waren. In Vergleichsfahrten suchen wir nach den Leistungsunterschieden. Und wir genießen die Zeitreise auf Boards mit nostalgischem Fahrgefühl - aber überraschend gutem Topspeed. Bei jedem Testkilometer spüren wir wieder, warum auch damals Windsurfen so faszinierend war und so viel Freude bereitet hat. Gar keine Frage: Die neuen Boards können (fast) alles deutlich leichter und besser, die Boards waren früher vor allem viel anspruchsvoller - aber Spaß macht es sogar auf dem “Altplastik” immer noch. Den kompletten Artikel “Alt gegen Neu” findest du hier.

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