Es gibt diese Manöver, die verschwinden leise aus den Magazinen, aus den Contests und letztlich aus dem Gedächtnis. Nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil sie irgendwann zu normal wurden. Der Table Top ist genau so ein Move. Eine Zeit lang war er überall – in jedem Magazin gefühlt auf fast jedem Cover. Dann kamen radikalere Rotationen, mehr Umdrehungen, mehr Risiko, mehr „Wow“. Und der Table Top wurde ein bisschen belächelt. „Oldschool“, hieß es plötzlich. Aber Windsurfen ist zyklisch. Alles, was mal gut war, kommt irgendwann zurück. Und irgendwann merkt man wieder, dass der Table Top nicht einfach nur ein Sprung ist. Er ist ein Statement. Er sagt etwas über Kontrolle, über Stil und über das Verständnis für Air Time aus.
Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Table Top. Ich war 17 Jahre alt, konnte sicher springen, aber Rotationen wie Backloops waren für mich noch Science-Fiction. Ich wusste zwar, wie es theoretisch funktioniert, aber praktisch war mein Kopf immer schneller als mein Mut. Was ich aber konnte, war springen und spielen. Genau in dieser Phase hatte ich ein Fotoshooting für Gunsails, damals noch als reiner Freestyler. Wir sollten an diesem Tag Wavesegel in Gran Canaria ablichten. Du willst liefern. Du weißt, dass der Fotograf auf starke Bilder wartet. Und meine Sprungfähigkeiten in der Welle waren noch ausbaufähig.
Irgendwann kam diese eine Frage von Fotograf Reinhard Mueller: „Was kannst du noch? Mach doch mal einen Table Top – der ist recht simpel und sieht superstylish aus.“ Und genau da wurde mir etwas klar: Ich musste gar nicht immer höher, schneller oder riskanter springen, ich musste einfach etwas zeigen, das ich vernünftig kontrollieren konnte. Also bin ich rausgefahren, habe mir einen sauberen Kicker gesucht und bin gesprungen und habe das Board nach vorne getreten. Es war ein kleiner Donkey Kick. Beim zweiten hatte ich schon mehr Gefühl. Und dann kam ein Sprung, bei dem plötzlich alles gepasst hat. Ich hatte Zeit in der Luft. Ich habe das Board immer weiter gekippt, die Nase deutlich nach unten gedreht und gemerkt, wie sich der Table Top formt. Unter mir das Wasser, vor mir das Segel. Als ich gelandet bin, wusste ich sofort, dass das ein richtiger Table Top war. Auf den Bildern war plötzlich alles drauf: Segel, Board, gute Körperhaltung. Und ich war ehrlich gesagt einfach nur happy. Nicht, weil es der schwierigste Trick war, sondern weil es so schnell Erfolgsmomente brachte – und weil er letztlich gut im Katalog aussah.
Das Beste daran war, dass ich den Table Top nach ein paar Versuchen wirklich draufhatte. Nicht perfekt, aber reproduzierbar. Mit jedem Sprung konnte ich das Board etwas weiter kippen, mir mehr Zeit nehmen, den Winkel kontrollieren. Genau das ist die Stärke dieses Manövers. Es wächst mit deinem Können. Am Anfang ist es nur ein kleiner Kick, später wird daraus ein Sprung, der fast senkrecht aussieht, mit der Nase nach unten und dem Board voll im Blickfeld. Die Landung war lernintensiv. Mal habe ich überdreht und bin auf dem Rücken gelandet, mal bin ich flach auf dem Board gelandet. Aber dann hat es irgendwann Klick gemacht und ich wusste instinktiv, wann ich noch wie viel Luft unter mir habe, um zurückzudrehen und wieder sicher und vor allem weich auf meinen Füßen beziehungsweise dem Board zu landen.
Der Table Top ist für viele Windsurfer der erste Sprung, der sich wirklich anders anfühlt als ein einfacher Rocket Air. Er ist oft der erste Schritt raus aus dem reinen Geradeaus-Springen. Es ist nicht die Kraft, sondern das Timing, das einen guten Table Top ausmacht. Am Anfang sieht er fast unspektakulär aus: Ein kleiner (Donkey) Kick, ein leicht geöffnetes Segel, aber mit etwas Übung kriegst du ein Gefühl für die Zeit in der Luft und kannst das Board weiter kippen. Irgendwann sieht es nicht mehr waagrecht aus, sondern fast senkrecht. Die Nase zeigt deutlich nach unten. Genau in diesem Moment wird aus einem Sprung ein Bild.
Der Table Top verzeiht wenig. Eine gute Landung ist nicht einfach und man sieht sie entsprechend selten. Der richtig verdrehte Table Top ist deshalb kein Anfängermove. Doch das Schöne ist: Wer solide Standardsprünge beherrscht, kann sich, anders als beispielsweise beim Frontloop, langsam über den Donkey Kick herantasten und den „Tweak“ progressiv steigern.
Und ist der Table Top einmal drin, öffnet sich ein riesiger Spielplatz: einhändiger Table Top, oft liebevoll Jesus Christ genannt, Table Top Forward als Klassiker mit Extrawürze oder sogar Table Top Double Forward für die ganz Ambitionierten. Und trotzdem bleibt der normale Table Top, ganz ohne Variation, für mich einer der schönsten Moves im Windsurfen. Vielleicht ist er gerade nicht der angesagteste Trick und vermutlich gewinnt man damit auch keinen Contest, aber Windsurfen war nie nur Fortschritt, es war immer auch Stil. Der Table Top erinnert daran, dass ein Sprung mehr sein kann als eine Rotation oder weniger – wie man’s nimmt. Er ist kontrolliert, ästhetisch und zeitlos. Und manchmal ist genau das der Grund, warum ein Manöver wiederkommt.
Der Table Top ist gut erlernbar. Im Gegensatz zum Frontloop kann man sich über den Donkey Kick langsam herantasten.”
Der Table Top lebt davon, dass Segel, Hüfte, Füße und Blick zusammenarbeiten. Das Segel wird nur kurz geöffnet. Die Hüfte bleibt nah am Mast, die Beine formen den Winkel. Der Blick hilft, das Board zu kippen und rechtzeitig wieder zurückzubringen. Wer das verstanden hat, kann sich langsam rantasten und aus einem einfachen Sprung einen der stylishsten Klassiker im Windsurfen machen.
Um ein Gefühl für die Brettsteuerung und besonders die Rotation in der Hüfte zu bekommen, eignet sich eine Klimmzugstange. Das lässt sich im Prinzip –mit oder ohne Brett unter den Füßen – auf jedem Kinderspielplatz vorüben.
Der Donkey Kick ist der erste Schritt zum Table Top. Das Schöne: Du kannst mit einem noch so kleinen Kick anfangen und dich dann bis zum vollwertigen Table Top hocharbeiten. Der Übergang ist fließend. Eine nicht ganz so steile Welle reicht für die ersten Kicks oft aus. Da du das Segel nicht so weit öffnest und dich nicht so weit aufdrehst, ist der Donkey Kick zwar weniger radikal, aber dafür deutlich zugänglicher. Denke auch hier daran, vor dem Absprung mit der Masthand nach vorne zu rutschen und insgesamt etwas enger zu greifen. Halte dich in der Luft kompakt und drehe die Hüfte, bevor du dem Heck mit dem hinteren Bein den gewünschten Kick verpasst – du brauchst noch nicht so zu übertreiben wie beim Table Top, wo die Hüfte nahe am Mast ist, das Segel weit geöffnet und sich das Board darüber hinaus dreht. Schaue aufs Wasser, um abzuschätzen, wann du das Board wieder unter dich bringen musst. Vermeide auch hier unbedingt Vorlage und lande mit dem Heck zuerst (siehe Knackpunkt Landung).
Je näher du die Hüfte an den Mast bringst, desto eher wird aus einem Donkey Kick ein Table Top.
Der Absprung zum Table Top oder Donkey Kick ähnelt dem eines normalen High Jumps. Gehe in die Knie und drücke dich in einer kompakten Körperhaltung von der Spitze der Welle ab. Tipp: Leichtes Anluven vor dem Absprung kann für mehr Kontrolle und Hang Time sorgen.
Wer zu lange stylish sein will, landet hart. Ein zu spät zurückgedrehter Table Top endet oft brettflach und ist Gift für deine Knie. Aber auch deutlich zu frühes Zurückdrehen hoch oben in der Luft kann dich in eine unangenehme Situation bringen, nämlich einen zu aufrechten freien Fall. Das Ziel ist es nicht, eine Position zu halten, sondern den Sprung als eine flüssige Bewegung auszuführen. Ein zu aufrechtes, dichtgeholtes Segel gibt einem zwar etwas zum „Festhalten“, erhöht aber auch das Risiko, in Vorlage zu geraten. Durch Auffieren des Segels und Gewichtsverlagerung nach hinten bekommst du vor der Landung das Heck nach unten.
Frontloop-Tutorials mit Florian Jung