Florian BrunnerLeben zwischen Businessanzug und Boardshorts

Stephan Gölnitz

 · 27.02.2022

Florian Brunner: Leben zwischen Businessanzug und Boardshorts

Erst Surflehrer in Boardshorts, später Manager im Businessjet und heute Importeur für Starboard und Severne – und in der Branche und auch außerhalb noch immer ein „Hansdampf in allen Gassen“. Flo Brunner schaut auf fast 50 Jahre Windsurfbusiness.

 Florian Brunner - immer am Schreibtisch sitzen, kann er nicht.
Foto: fotobyklotzi.de

Du bist aktuell einer von zwei Geschäftsführern der APM Marketing GmbH, man sieht dich aber oft auf Messen oder Veranstaltungen am Beach. Du sitzt offensichtlich nicht nur vor Excel-Tabellen am Schreibtisch?

Wir haben das aufgeteilt. Loisi (Red.: Alois Stadler) ist ein reiner Vertriebler und meine Aufgaben sind neben den administrativen Dingen und der kaufmännischen Geschäftsführung auch das Marketing. Und letztendlich bin ich auch derjenige, der bei uns die Unternehmensstrategie festlegt. Ich sage immer: wenn man Auge, Ohr und Nase nicht am Markt hat, dann weiß man nicht, was da draußen los ist. Das ist etwas, was ich bei manchen meiner Kollegen vermisse und das ist auch ein Grund, warum wir in den letzten Jahren sehr erfolgreich waren.

Kannst du dir vorstellen, ausschließlich im Büro zu sitzen?

Nein, sicher nicht. Ich bin ja als Sportler in diese Branche eingestiegen. Ich bin von Kindesbeinen an Skifahrer, war dann im Skiclub engagiert, war Rennläufer, im Regionalkader, das war praktisch die Stufe vor der Nationalmannschaft. Wofür es aber aufgrund von Verletzungen nicht ganz gereicht hat. Dann kam relativ früh das Windsurfen dazu. Wenn dann das Hobby zum Beruf wird, tritt zwar das Hobby in den Hintergrund, dann ist es auf einmal nur noch der Beruf, aber das Wichtige ist die Leidenschaft für die Sportarten – und die lebe ich immer noch und deshalb möchte ich immer wieder draußen sein und sehen was dort passiert.

Was waren aus deiner Sicht die Meilensteine deiner Karriere?

1972 bin ich das erste Mal mit Windsurfen in Kontakt gekommen. Mein Onkel hatte sich in Holland einen TenCate gekauft, das berühmte Board mit dem Holz-Gabelbaum. Ich habe mich auf das Brett gestellt und bin erst mal drei Tage rückwärts gefahren, weil ich gar nicht wusste wo ich mich eigentlich hinstellen muss. Nach dem Abitur und meiner Bundeswehrzeit habe ich angefangen zu studieren – Bauingenieurwesen – und im Winter hatte ich angefangen, als Skilehrer zu arbeiten. 1982 habe ich dann die Qualifikation zum staatlich geprüften Skilehrer bekommen und in einer großen Skischule in der Leitung gearbeitet und Skilehrer ausgebildet. Damit hatte ich einen relativ lukrativen Winterjob und habe überlegt, was ich im Sommer machen könnte, weil ich gemerkt hatte, dass das Bauingenieurstudium nicht das Richtige für mich ist. Ich bin quasi am Walchensee in einem Hotel aufgewachsen und neben dem Hotel hatten wir ein altes Bootshaus, das sich geradezu anbot da einen schönen Windsurfshop mit Surfschule reinzubauen. Das habe ich 1983 dann auch gemacht und bereits im Jahr darauf wurde ich in das VDWS Windsurf- Lehrteam aufgenommen. So hatte ich dann ziemlich coole Jobs für das ganze Jahr. 1985 war dann ein ganz entscheidendes Jahr. Da hat mich die Firma Mistral beauftragt für sie Veranstaltungen durchzuführen, wie z.B. das Surf-Festival auf Fehmarn, 1987 ging es einen Schritt weiter und ich wurde in deren Test-Team berufen. Ich wurde Testpartner­ von Charly Messmer, der damals seine aktive Worldcup-Laufbahn beendet hatte. Das war eine interessante Arbeit, weil zum Teil wirklich kontrovers über das Material diskutiert wurde. Und auch weil ich gemerkt habe, dass ich mit Worldcup-Fahrern ganz gut mithalten konnte.

Eine Regattakarriere hat dich nicht gereizt?

Ich war schon bei den ersten Euro Funboard Cups, habe aber gemerkt, dass ich dafür drei Tage am Gardasee gesessen habe – ohne Wind – und unverrichteter Dinge wieder nach Hause gefahren bin. In meiner Surfschule musste ich währenddessen extra Surf­lehrer bezahlen. Da habe ich dann hinter das Thema Regatta einen Haken gemacht. Vielleicht auch, weil ich in meiner Jugend sehr viele Ski-Wettbewerbe bestritten hatte und mein Bedarf an sportlichen Wettkämpfen mehr oder minder gedeckt war.

Aber du konntest die guten 80er auch so auskosten?

Ich war viele Jahre zum Testen immer wieder auf Maui, weil mich nach meiner Zeit bei Mistral die Firma Hifly als Tester engagiert hat. Das war 1989/1990. Da bin ich dann auch immer weiter in die eigentliche Produktentwicklung eingestiegen und habe für Hifly praktisch die komplette Range entwickelt. Damals wurden bei Hifly Thermoplastboards gebaut und mir war wichtig, das Image von Hifly aufzupolieren. Das war dann mein Job als Marketing- und Vertriebsleiter und mir ist es tatsächlich gelungen, das Image von Hifly zu drehen.

Wie hast du das erreicht?

Ich habe sehr sportliche Bretter bauen lassen. Hifly war die erste, etablierte Marke, die bei Cobra damals sogenannte „Semi Custom Boards“ hat bauen lassen. Das, was jetzt Standard ist und was alle Marken machen. Das waren Slalom- und Waveboards, mit denen Andrea Hoeppner oder Christopher Rappe im Worldcup Erfolge erzielt haben und Jungs wie Jason Prior und Sean Ordonez bei Wave-Contests erfolgreich angetreten sind.

Hifly war aber nicht deine Endstation.

1995 hat mich Mistral wieder abgeworben. Die Marke Mistral war damals schon im Besitz der Jacobs-Gruppe, bekannt von Jacobs Kaffee und Jacobs Suchard Schokolade, also Milka Lila Pause – die jeder kennt. Ich wurde Geschäftsführer der Mistral Sports GmbH. Damals war das gesamte Unternehmen hoch defizitär und ich hatte die Aufgabe, eine Unternehmenssanierung durchzuführen. Das Haupt-Defizit kam aus dem Boardbereich, und daran haben wir sehr intensiv gearbeitet – Strukturen zu verschlanken und das gesamte Unternehmen zu restrukturieren. Mistral hatte den Glanz der frühen Jahre verloren und zu der Zeit war der absolute Marktführer im Boardbereich F2. Die Jungs waren in Österreich angesiedelt und haben einen guten Job gemacht. Das war für mich die Challenge. Ich bin als Skirennläufer, als Wettkämpfer, aufgewachsen, immer mit dem Willen zum Sieg. Ich bin damals angetreten, um die Nummer eins zu werden und ich denke das ist mir nach zwei Jahren gelungen. Der Turn­around war geschafft. Christian Ewert und ich wurden dann zu den Geschäftsführern der Mistral Sports Group GmbH berufen. In der Group waren neben Mistral noch North Sails und Naish Sails Hawaii, dazu hatten wir Vertriebe in Frankreich und Amerika und eine Produktion in Sri Lanka. Das ganze gehörte der Jacobs-Gruppe mit Sitz in Zürich. Zu den Gesellschafterversammlungen mussten wir damals nach Zürich reisen, das hieß dort „Rapportieren“. Die Gespräche mit Klaus Jacobs waren immer sehr interessant. Er hatte ja Milka, also Jacobs Suchard, an Philip Morris verkauft, für 2,2 Milliarden Schweizer Franken – was ihm die Schweizer sein Leben lang übel genommen haben. Er war damals vom Barvermögen einer der reichsten Menschen der Welt.

Was ist das für eine Welt, in die man da auf einmal hineinkommt, aus der doch eher sehr beschaulichen Windsurf-Branche?

1996 waren die Olympischen Spiele in Atlanta. Damals war der Mistral One Design die olympische Windsurfing-Klasse. Klaus Jacobs hatte in Florida ein Feriendomizil­ und ist mit seiner Familie auch zu den Wettkämpfen gekommen, um „seiner“ Klasse dann zuzuschauen. Danach konnten wir mit seinem Privatjet über den Atlantik nach Deutschland zurückfliegen. Wenn man dann in so einem Jet sitzt, im weißen Ledersessel mit weißem Alcantara an den Wänden und vergoldeten Verschlüssen an den Sitzgurten, dann fühlt man sich wie im falschen Film.

Da kann man vermutlich auch ein bisschen abdrehen?

Man wird da schon in eine Rolle gedrängt. Ich war von 1997 an Co-Geschäftsführer der Mistral Sports Group und wenn ich alle Mitarbeiter aller Tochterunternehmen (inklusive der 1998 übernommenen Fanatic Sports GmbH und der Näherinnen in Sri Lanka) zusammenrechne, dann waren das damals ungefähr 400 bis 450 Mitarbeiter. Da kommt dann der Sport zu kurz, man hat mehr den Anzug als die Boardshorts an und ist Tag und Nacht als Manager gefordert. Und da gehört wohl auch dazu, dass man manchmal das Menschliche etwas vernachlässigt. Ich habe durchaus mal gesagt, „zu der Zeit war ich ein Arschloch“.

Ich kenne dich jetzt nicht als sonderlich arrogant, aber kann ja sein, dass das mal anders war?

Vielleicht ist der Begriff auch übertrieben. Man muss aber Entscheidungen treffen, die unpopulär sind und Entscheidungen, die man mehr mit dem Kopf als mit dem Bauch fällt und das darf man nicht so an sich he­ranlassen. Da dürfen Emotionen keine Rolle spielen. Restrukturierungen sind immer mit Entscheidungen verbunden, die einem persönlich vielleicht nicht gefallen, zum Beispiel Mitarbeiter abzubauen und Unternehmen zu schließen. Auch Verhandlungen mit den Partnern wie der Familie Naish waren nicht einfach. Da war es schon so, dass Bretter, die auf Hawaii entwickelt wurden, bei uns nicht immer optimal funktioniert haben. Die sind in Kailua Bay sehr gut gefahren, aber wenn du hier am Gardasee unterwegs warst, dann hat man den damaligen Shapes die Herkunft schon angemerkt, so wie es letzten Endes auch das surf Magazin in seinen Tests festgestellt hat. Da habe ich versucht, meine Erfahrung, die ich aus den Jahren des Testens und der Produktentwicklung hatte, einzubringen. Ich glaube, ich hatte ein Gefühl dafür, was der Markt braucht. Das waren dann Diskussionen, die waren nicht immer angenehm. Robby wollte natürlich auch immer die besten Produkte­ für seinen Einsatz. Robby wollte immer ganz vorne stehen. Das ist es, was er auch heute noch will. Ein Mensch, der kompetitiv aufwächst, wird immer dieses kompetitive Gen haben, das geht nicht verloren. Aber dann sind wir doch an einem Punkt gekommen, wo wir einen gemeinsamen Weg, ein gemeinsames Ziel gefunden haben. Da hat man sich schon angenähert. Als ich bei einem meiner Besuche auf Hawaii eingeladen wurde, bei Rick und Carol, Robby´s Eltern, in der Kailua Bay zu wohnen, haben wir uns letzten Endes doch sehr gut verstanden. Dort war es wieder das Leben in Boardshorts. Und wenn ich nach Europa zurückgekommen bin, habe ich mich wieder in den Anzug schmeißen müssen, um mit Klaus Jacobs entsprechende Verhandlungen zu führen.

Du hast Magazin-Tests erwähnt. Wie gehst du mit schlechten Ergebnissen um?

Grundsätzlich muss man seinen eigenen Produkten gegenüber kritisch sein. Wenn ein Produkt nicht gut ist, muss man das auch sagen. Oder man bekommt es gesagt. Natürlich gibt es unterschiedliche Philosophien für alle Produkte. Ich kann mich noch gut an die Hersteller-Wochen beim surf-Test in Langebaan erinnern, wo wir Tage und Stunden damit verbracht haben, über Testkriterien zu diskutieren, weil manche Industrievertreter ihre Produkte unbedingt durchsetzen wollten, genau so wie sie sich das vorgestellt hatten. Die lagen aber auch manchmal einfach daneben. Es gab einfach mal Produkte, die nicht gut waren.

Ihr habt richtig viele Produkte im Katalog. Braucht man die denn wirklich alle?

Aus internationaler Sicht, ja. Weil die Anforderungen zum Beispiel in Australien anders sind als hier in Deutschland. In Australien verkaufen sie von manchen Waveboards Hunderte, von denen wir im Jahr vielleicht eins verkaufen. Außerdem ist das Ziel von Starboard, dass alle Teamfahrer Serienprodukte verwenden. Philip Köster, der jetzt Severne fährt, benutzt in der Welle ausschließlich Serienboards, ein Sebastian Kördel fährt im Slalom auch ausschließlich Serienboards. Natürlich führt das dazu, dass die Range sehr groß wird.

Wie siehst du den Trend in der Shop-Landschaft, da passiert ja ein Wandel zwischen Shop und Online?

Für mich ist ganz wichtig, dass es nach wie vor Shops gibt. Die Beratung vor Ort ist ganz wichtig. Es gibt in Deutschland noch zwischen 30 und 40 Windsurfshops. Da ist es absolut unser Interesse, dass man diese Shop-Landschaft erhält. Im SUP-Bereich gibt es wesentlich mehr Shops, z.B. reine SUP-Shops, Kajak-Händler und Sport-Vollsortimenter. Da die Zielgruppe für Stand-up-Paddling wesentlich größer ist, braucht man aber auch hier die Fachhändler. Wie bei allen anderen Sportarten, wird beim SUP früher oder später eine Konsolidierung am Markt stattfinden. Meiner Meinung nach werden dann Vertriebskanäle, die eine hohe Drehzahl brauchen, weil sie mit geringen Margen arbeiten – wie Discounter oder Baumärkte – wieder aus dem Geschäft aussteigen. Dann wird sich der Fachhandel weiter behaupten, auch weil der Sport SUP sicher eine gewisse Konstanz haben wird.

Windsurfen wird ja manchmal von Außenstehenden fast als tot angesehen?

Das sehe gar nicht so. Die Zahlen vom VDWS sind sehr konstant, es werden jährlich über 30.000 Grundscheine verkauft. Da sind Leute dabei, die beim Windsurfen bleiben, sich aber kein eigenes Board kaufen. Man sieht ja auch, dass die Verleih-Center immer größer geworden sind. Bei einem Rene Egli Center auf Fuerte stehen über 300 Boards.

Ist das vielleicht ein allgemeiner Trend zum Sharing – leihen statt Besitz?

Das ist sicher ein Trend. Ich habe ja mal drei Jahre einen Ausflug als Geschäftsführer einer Skimarke in die Skibranche gemacht. Der Skimarkt ist riesengroß, aber auch da hat man ganz deutlich gesehen, dass der Trend zum Leihen geht. Da werden zum Teil mehr Skischuhe verkauft als Ski. Weil die Leute zwar einen passenden Schuh wollen, aber den Ski für die jeweiligen Bedingungen leihen. Mal einen für Tiefschnee, mal einen für die Piste.

Du machst neben deinem Geschäftsführerposten noch viele andere Dinge. Manche schätzen, du arbeitest 60 bis 70 Stunden pro Woche? Da wäre der VDWS, die boot Düsseldorf, die Bergwacht, alles Dinge, die über das eigentliche Business hinausgehen. Wie schaffst du das?

Zum einen ist es wichtig, auch wenn man extrem viel arbeitet, dass man sich so fit wie möglich hält. Die sportliche Betätigung kommt zwar manchmal etwas zu kurz, aber vielleicht bin ich auch mit einer relativ hohen Stressresistenz gesegnet. Natürlich leidet manchmal das Privatleben drunter. Aber wenn die Arbeit Spaß macht, wenn das positiver Stress ist, dann ist das okay. Und wenn ich z.B. auf einen SUP-Lehrgang gehe und Instruktoren ausbilde, ist das fast wie Urlaub. Da bin ich dann auch geistig komplett vom Business weg.

Hast du einen Business-Leitfaden?

Es gibt ein ganz interessantes Modell. Das Modell mit „wichtig“ und „dringend“. Wenn man diese beiden Begriffe nimmt, kann man sie in vier Kästchen einteilen. Es gibt ein Kästchen, das ist wichtig und dringend, es gibt ein Kästchen das ist wichtig, aber nicht dringend. Es gibt ein Kästchen für dringend, aber nicht wichtig und es gibt ein Kästchen das ist nicht dringend und nicht wichtig. Wenn man versucht seine Tätigkeiten und Arbeiten in diese vier Bereiche einzuteilen, kann man alles sehr gut organisieren. Das Prinzip sieht man zum Teil auch auf meinem Schreibtisch.

Der letzte Baustein deiner Karriere ist die APM. Wie bist du dazu gekommen?

Nach der – man würde heute sagen feindlichen Übernahme von F2 und einer schwierigen Zeit voller Meinungsverschiedenheiten mit den Gesellschaftern, habe ich entschieden „jetzt wechsle ich wieder vom Anzug in die Boardshorts“. Als ersten Schritt habe ich mit einer kleinen Firma kanadische Skibekleidung importiert. Durch alte Verbindungen in der Branche habe ich Kontakt zur APM bekommen. Die APM war damals eine Tochtergesellschaft von Cobra und hat Starboard importiert. APM-Geschäftsführer Rainer Ramelsberger hat auch die Koordination und Produktionssteuerung bei Cobra für alle anderen Marken gemanagt. Irgendwann hat Cobra von einigen anderen Marken Druck bekommen, als Starboard weiter gewachsen ist und dabei als Mitbewerber auf diesem Weg möglicherweise Einblick in deren Technologien bekommen könnte. Also wurde diese Verbindung aufgelöst. Damit blieb der APM nur noch der Vertrieb von Windsurfboards. Und das ist, um ein Unternehmen über zwölf Monate auszulasten, etwas wenig. Andererseits war ich mit meinem Unternehmen mit dem Vertrieb von Skibekleidung ausschließlich im Winter tätig und so kamen wir zusammen. Gleich von Beginn an mit dem Ziel, dass Loisi und ich zum Jahreswechsel 2007/2008 die APM von Cobra abkaufen. Das war mein Einstieg.

Das war keine Zeit mit wachsenden Zahlen in der Branche und vermutlich nicht so leicht in der Startphase?

Unsere Auftragslage war durchweg gut, sowohl im Windsurf-Boardbereich – Severne war zu der Zeit nur mit Segeln noch der absolute Underdog – als auch mit der Skibekleidungsmarke Karbon. Aber was uns wirklich erwischt hat, war 2009 die Bankenkrise. Weil die Banken damals gesagt haben „Oh – Windsurfen gehört gar nicht zu den Top-Ten-Sportarten. Wir müssen das Risiko minimieren.“ Deshalb haben die Banken unsere Linien und Kredite gekündigt. Und ein Vertriebsunternehmen, das nicht mehr einkaufen kann, tut sich natürlich wahnsinnig schwer, Produkte zu verkaufen. Uns sind dann die Umsätze schneller weggebrochen als wir die Kosten reduzieren konnten. Das hat die APM in erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht.

Wie seid ihr da wieder rausgekommen?

Wir hatten zwei Möglichkeiten. Eine Möglichkeit war, aufs Amtsgericht zu gehen und Insolvenz anzumelden. Oder eine Sanierung außerhalb der Insolvenz. Ich habe Loisi damals gesagt, das wird ein extrem schwieriger und steiniger Weg und der wird oft dazu führen, dass du zu Hause am Boden liegen und weinen wirst. Wir haben uns dann trotzdem für den zweiten Weg entschieden. Und 2008 haben wir auch begonnen, SUP-Boards in Deutschland zu importieren. Da hat uns keiner ernst genommen. 2009 waren wir der erste Aussteller auf der damaligen Kanumesse in Nürnberg. Wo uns viele gefragt haben, was wir da wollen. Auf den Brettern stehen und paddeln? Mein Freundeskreis hat gefragt, ob ich jetzt zu alt zum Windsurfen geworden bin. Ich hatte aber SUP als die erste Sportart seit Langem gesehen, die man betreiben kann, sobald man stehen und schwimmen kann und die man betreiben kann, solange man noch stehen und schwimmen kann. Das war wirklich eine Karte, auf die ich gesetzt habe. Ich weiß nicht, wie viele Jahre ich mit Testboards durch die Lande gereist bin, um SUP in Deutschland bekannt zu machen.

War SUP so was wie euer Rettungsring?

Auf alle Fälle haben uns die steigenden Umsätze mit SUP zum einen geholfen, auf der anderen Seite haben wir aber unsere Wurzeln – das Windsurfen – nie vergessen. Wenn du mich heute fragst, wie der Windsurfmarkt in zehn Jahren aussieht, dann glaube ich dir ein relativ gutes Bild, sogar inklusive Zahlen, geben zu können. Wenn du mich heute fragst, wie sieht SUP in zehn Jahren aus? – Schwierig. Wie schaut die neue Sportart Wingen in zehn Jahren aus? Schwierig.

Die Faszination fürs Windsurfen bleibt also ungebrochen.

Ich vergleiche es gerne mit dem Wintersport. Jeder sucht einen Powderhang. Und wenn auch nur eine Spur drin ist, dann ist das schon scheiße. Wenn du irgendwo an einem Wavespot bist, dann ist jede Welle ein neuer Powderhang und die Spur ziehst du rein und kein anderer vor dir.

Foilwindsurfen wird ja teils zwiespältig gesehen. Wie stehst du dazu?

Es ist für mich eine zusätzliche Kategorie. Es gibt Windsurfer, die werden nie in die Welle gehen, die werden nie ein 80-Liter-Brett surfen. Für diejenigen ist Windsurfen am Gardasee hin- und herfahren. Dann gibt es die, die nur in der Welle fahren oder die Freestyler. Und es gibt Foiler. Das Foilen hat Windsurfen einfach noch mal um einen Windbereich erweitert, in dem man bisher nur mit Longboards über den See gecruist ist. Jetzt kannst du bei zwei bis drei Windstärken mit dem Foil wieder das Gleitgefühl haben. Das erweitert das Windsurfen im Schwachwindbereich enorm.

Du hast bei APM bei einer Firma angefangen, die nicht sonderlich groß war. Svein Rasmussen hat mit der Gründung von Starboard 1994 bei Null angefangen. Gibt es bei euch Gemeinsamkeiten?

Das ist wirklich interessant. Als ich 2007 zu APM gekommen bin, habe ich mit Svein telefoniert und er hat gesagt: „Ja, wir beide kennen uns schon ziemlich lange, damals warst du der Boss von Mistral, der größten Marke im Windsurf-Geschäft. Wir haben uns in Langebaan bei der Herstellerwoche vom surf Magazin kennengelernt und du warst der Einzige, der mit mir gesprochen hat.“ Ich habe ihm geantwortet, dass ich es damals faszinierend fand, dass er sich als Neuling getraut hatte, Shapes komplett zu verändern. Er war der Erste, der gesagt hat, wir müssen noch breiter gehen, wir müssen noch kürzer werden. Ich hatte bei Hifly das vielleicht erfolgreichste Schulungsbrett entwickelt. Ich wollte damals eigentlich noch breiter gehen, aber habe mich einfach nicht getraut. Das war 1992. Svein Rasmussen hat es dann gemacht mit dem Go. Das war das erste Brett von Starboard und hat den Grundstein für den Erfolg der Marke gelegt. Das hat mich damals wahnsinnig interessiert und Svein hat das nie vergessen.

Du hast gesagt, du könntest beantworten, wo das Windsurfen in zehn Jahren steht. Worauf können sich junge Windsurfer einstellen?

Auf alle Fälle wird die große Bandbreite bleiben. Natürlich wird es kleine Veränderungen an den Produkten geben, aber wenn man auf die letzten Jahre zurückschaut – ein Produkt, das vor zehn Jahren gut funktioniert hat, funktioniert heute immer noch. Das sieht man ja auch an den Spots, dort fahren zum Teil noch ältere Boards herum, und die Leute haben trotzdem Spaß dabei. Das Niveau, was die Stückzahlen betrifft, wird relativ gleich bleiben und auch das Niveau, wie viele Leute sich als Windsurfer bezeichnen, wird gleich bleiben. Nach einer Studie, die ich vor einigen Jahren gelesen habe, dürfen sich Leute als Windsurfer bezeichnen, die mindestens zehn Tage im Jahr windsurfen und davon gibt es noch immer sehr viele. Genau genommen sind das zwei Wochen Urlaub.

Ist man beim Windsurfen in der Entwicklung irgendwann mal falsch abgebogen?

Man hat vermutlich nicht den einen großen Fehler gemacht, keinen „big bang“. Aus meiner Sicht waren es viele, kleine Fehler und dass man manchmal in der Materialentwicklung nicht geradlinig vorgegangen ist – was teilweise zur Verwirrung und Verunsicherung bei den Konsumenten geführt hat. Ihr als Magazin habt versucht, die Leute aufzuklären, aber ihr habt ja auch dazu beigetragen, dass man so einen Schlangenlinienkurs gefahren ist. Wenn man sich jetzt das Wingfoilen anschaut und die zugehörigen Magazine, wenn ich mir die Titelbilder anschaue, dann sind wir jetzt schon an einem Punkt, an dem ich zu allen Magazinen sage, Freunde passt auf, dass ihr nicht nur die Flugshow zeigt. Denn das ist eine Sache, die wir im Windsurfen auch gemacht haben. Wenn du ganz alte surf-Magazin-Titelbilder siehst – da war Longboard-Windsurfen präsent mit schönen Fotos. Aber irgendwann waren dann fast nur Fotos auf den Titeln, auf denen man gar kein Wasser mehr gesehen hat. Das ist das, was ich mit Flugshow meine. Und das passiert beim Wingen jetzt schon. Und ich denke das schreckt mehr ab, als dass es viele Leute cool finden. Das hängt sicherlich auch ein bisschen von der Zielgruppe ab, aber man muss einfach immer auch dafür sorgen, dass die Sportarten für die Basis erreichbar bleiben. Es ist für uns zum Beispiel im Marketing wahnsinnig schwer, die Lücke zwischen Philip Köster und seinem Weltmeister-Image und der Basis der Windsurfer zu schließen. Mit Meinungsbildnern und nationalen Teamfahrern können wir diese Lücke ein bisschen auffüllen. Da hat man sich manchmal zu weit von der Basis entfernt und zwar nicht nur bei der Darstellung des Sports, sondern auch mit dem Material.

Ist denn das Wingfoilen eine neue Konkurrenzsportart?

Die Kurve für Windsurf-Foilen, die angestiegen ist, hat tatsächlich in dieser Saison einen kleinen Knick bekommen. Speziell im Foil-Freeridebereich. Da glaube ich, fangen einige Leute mit der neuen Sportart an, weil die jetzt gerade hip ist. Das alleine wird das Windsurffoilen aber nicht ablösen.

Was spricht denn fürs Windsurffoilen?

Dass es für den Windsurfer einfacher zu erlernen ist. Ein Windsurfer, der Schlaufensurfen und Trapezfahren kann, ist nach spätestens einer Stunde auf dem Foil. Beim Wingfoilen braucht er mindestens drei Tage, bis er halbwegs vernünftig hin- und her- fahren kann. Und beim Windsurffoilen, wenn du die Halse noch nicht auf dem Foil fahren kannst, dann lässt du das Brett runterkommen, fährst die Halse wie immer und startest neu. Beim Wingen gibt’s da nur den Absturz. Und du kannst mit dem Windsurfboard bei nachlassendem Wind immer zurückdümpeln und musst nicht schwimmen.

Deine Söhne steigen jetzt auch ins Berufsleben ein. Was gibst du ihnen mit?

Ganz wichtig ist, dass das, was man macht, einem Freude macht. Ich habe jeden Tag Freude, hier in die Firma zu gehen. Habe Freude, meine Mitarbeiter und Kollegen zu sehen. Freude an den Produkten. Das ist es, was ich jedem empfehlen kann. Macht etwas, das euch Spaß macht.