Szene LeipzigCoallakers - von der Braunkohle zum Backloop

Julian Wiemar

 · 14.09.2022

Szene Leipzig: Coallakers - von der Braunkohle zum BackloopFoto: Robert Ristok

Windsurfen findet überall statt. Nicht nur an der Küste, am Gardasee und auf Hawaii. Nein, auch mitten in Deutschland, im Mitteldeutschen Braunkohlerevier. Eine lokale Truppe Windsurfer aus Leipzig nennt sich Coallakers (coal: engl. Kohle) und macht regelmäßig die gefluteten Teile des Tagebaus unsicher. Wir haben uns mit Gründungsmitglied Robert unterhalten, um mehr über die Szene und ihr Revier zu erfahren.

Hi Robert, wie geht’s? Wo erwische ich dich gerade? Ich höre Windrauschen im Mikrofon und sehe grüne Olivenbäume im Hintergrund wackeln. Das sieht mir eher mediterran als nach Braunkohle aus …

... (lacht) Ja, ich bin seit gestern im Urlaub auf Sardinien. Wir stehen hier mit Freunden aus der Coallakers-Crew mit unseren Bussen und haben gerade gefrühstückt. Gleich geht’s los zur Session. Wir sind schon richtig heiß, obwohl wir bis jetzt dieses Jahr zu Hause auch echt richtig viel Wind hatten. Wir waren sogar vorgestern, an dem Tag der Abreise, noch auf dem Wasser.

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Sahnetag am Zwenkauer See: Coallaker Chris setzt zum Backloop an. Durch  die spezielle Trichterform des Sees entsteht hier eine schöne Welle zum Springen.Foto: Robert Ristok
Sahnetag am Zwenkauer See: Coallaker Chris setzt zum Backloop an. Durch die spezielle Trichterform des Sees entsteht hier eine schöne Welle zum Springen.

Das klingt gut. An welchem See wart ihr draußen?

Am Zwenkauer See. Das ist einer unserer Lieblingsspots.

Das ist einer der größeren Seen der Region, oder? Wie kann man sich die Bedingungen dort vorstellen, entsteht eine kleine Welle zum Springen?

Ja, der See ist riesig und läuft am Ostende wie ein Trichter zusammen.

Ah, und da unten kann man bei ordentlichem Westwind dann wahrscheinlich Backloops springen.

Richtig! Am Backloop wird an den Sturmtagen hart trainiert.

Die hässlichen Wunden des Braunkohlebergbaus hat das Wasser zum Glück geschlossen.Foto: Thomas Müller
Die hässlichen Wunden des Braunkohlebergbaus hat das Wasser zum Glück geschlossen.

Wie viele Seen gibt es in der Region eigentlich? Und fahrt ihr immer an denselben Spot? Oder sucht ihr je nach Windstärke und Richtung immer den besten Spot für den Tag raus?

Es gibt so grob sieben Seen und dementsprechend viele Spots. Man hat also schon viel Auswahl in der Region. Wir sind immer flexibel und auf der Suche nach den besten Bedingungen. Wir wollen uns nicht auf einen Spot beschränken. Aber wir haben schon so unsere zwei bis drei Hauptspots – an zwei verschiedenen Seen, an denen wir uns bei den Hauptwindrichtungen Südwest bis West sehr wohl fühlen. Das sind unsere Home- und Lieblingsspots.

Freestyle am Geiseltalsee. Die Truppe surft zwar auch gerne in der Welle, aber feilt zuhause ständig an neuen Freestyle-Manövern.Foto: Robert Ristok
Freestyle am Geiseltalsee. Die Truppe surft zwar auch gerne in der Welle, aber feilt zuhause ständig an neuen Freestyle-Manövern.

Ist die Crew einfach eine Gruppe von Freunden, die sich zum Surfen trifft? Oder steckt da mehr dahinter? Seid ihr etwa ein offizieller Verein?

Nein, wir sind kein offizieller Verein. Wir hatten mal vor, einen zu gründen, um den Zutritt zu den Seen besser zu vertreten. Unser Lieblingsspot liegt in einem immer noch aktiven Tagebaugebiet und ist offiziell eigentlich auch noch gesperrt. Das ist halt so eine Grauzone: Windsurfer werden geduldet, aber wir müssen teilweise etwa einen Kilometer weit entfernt parken und dann mit unserem Material runter ans Wasser laufen.

Die Schranke am Zwenkauer See ist offen, das heißt: Parken direkt am Spot, eine Seltenheit für die Coallakers.Foto: Robert Ristok
Die Schranke am Zwenkauer See ist offen, das heißt: Parken direkt am Spot, eine Seltenheit für die Coallakers.

Ab wann werden die Seen denn offiziell von der Tagebaugesellschaft freigegeben?

Wenn der endgültige Wasserstand erreicht ist. Denn vorher kann es theoretisch noch zu Erdrutschen kommen. Am Zwenkauer See wird gerade noch an einer Schleuse zum Cospudener See gearbeitet. An der Fertigstellung der Schleuse hapert’s jedoch, deshalb geben sie den See noch nicht frei.

Okay, wie lief es dann weiter mit der Vereinsgründung?

Da wurde uns relativ schnell der Wind aus den Segeln genommen, weil es schon einen ansässigen Verein gibt: den Surf & Kite Verein Leipzig. Der ist bereits im Bereich Legalisierung tätig (lacht). Somit sahen wir die Gründung eines zweiten Vereins für sinnfrei an und setzen uns nun gemeinsam mit dem Surf & Kite Verein Leipzig dafür ein, dass Wassersport generell an mehr Spots erlaubt und der Zugang zu den Seen zeitig gewährt wird.

Fotografieren gehört zu Matzes und Roberts zweitgrößten Hobbys.Foto: Robert Ristok
Fotografieren gehört zu Matzes und Roberts zweitgrößten Hobbys.

Also kann man sich die Region mit den ganzen Seen rund um Leipzig nicht wie ein großes Wassersportparadies mit offiziellen Parkplätzen, Zugängen etc. vorstellen?

Na ja, die gibt es vereinzelnd schon. Aber die Parkgebühren sind hoch, und die Spots überfüllt. Dazu kommt, dass diese Spots in unseren Augen nicht mal die besten in der Umgebung sind. Wir haben uns mit der Crew ein wenig davon distanziert und suchen unsere eigenen Spots, an denen wir mehr unter uns sind – um in den bestmöglichen Bedingungen einfach zusammen Spaß auf dem Wasser haben zu können.

Alternatives Transportmittel für den Weg ans Wasser bei geschlossener Schranke.Foto: Robert Ristok
Alternatives Transportmittel für den Weg ans Wasser bei geschlossener Schranke.

Wie kam es dann dazu, euch trotzdem einen Namen zu geben und einen Social Media Account zu erstellen?

Aus einer Bierlaune heraus (lacht). Wir saßen in Leipzig in einer kleinen Kneipe und haben mal wieder über die Boddenstyler gesprochen. Die fanden wir immer cool. Am selben Abend haben wir dann entschieden, uns auch einen Namen zu geben. Coallakers fanden wir auf Anhieb ziemlich gut, der Name bildet ja den Bezug zu unserer Seenlandschaft. Die ersten Entwürfe für ein Logo wurden damals schnell mit einem geliehenen Kugelschreiber der Kellnerin auf eine Serviette gekritzelt, aber leider noch nicht umgesetzt. Kommt aber noch. Die Idee, unsere Surfsessions im Binnenland und den damit verbundenen Stoke im Social Media mit den Leuten zu teilen, gefiel uns ebenfalls. Einfach der Welt zu zeigen, dass man überall Spaß auf dem Wasser haben kann, hat uns dazu gebracht, unseren Lifestyle öffentlich zu machen.

Entspanntes Grillen am Spot nach einer sommerlichen Ostwind-Session.Foto: Robert Ristok
Entspanntes Grillen am Spot nach einer sommerlichen Ostwind-Session.

Wie groß ist die Coallakers-Crew?

Naja, ich sag‘s mal so: Unsere Whatsapp-Gruppe hat über 30 Teilnehmer. Aber der harte Kern, der immer am Start ist und auch die Trips zur Ostsee und so macht, zählt knapp die Hälfte.

Ihr bildet also auch Fahrgemeinschaften ans Meer?

Ja, genau. Wir fahren bei guten Vorhersagen regelmäßig zusammen an die Ostsee oder checken die Spots in Holland oder Dänemark. Wir surfen auch alle ziemlich gerne in der Welle – und da muss man sich halt auch mal ein bisschen länger ins Auto setzen als nur für 15 kurze Minuten bis an den Zwenkauer See.

*Den Namen Coallakers fanden wir auf Anhieb gut. Er bildet den Bezug zu unseren Seen.*Foto: Robert Ristok
*Den Namen Coallakers fanden wir auf Anhieb gut. Er bildet den Bezug zu unseren Seen.*

Wie ist so der Altersdurschnitt innerhalb der Crew? Habt ihr auch richtig alte Hasen dabei, die zu DDR-Zeiten auf selbstgebauten Brettern unterwegs waren?

Ne, das nicht unbedingt. Unsere Ältesten sind so Anfang 50. Und zugegeben: Wir freuen uns aktuell ein bisschen mehr über junge Neuzugänge als über die alten Stories aus DDR-Zeiten (lacht). Unser jüngstes Mädel ist erst 16, der jüngste Junge ist gerade 18 geworden. Beide werden bei den Island Games Rügen an den Start gehen. Wir sind eine relativ junge Truppe. Ich bin erst vor ungefähr sechs Jahren nach Leipzig gezogen und dann irgendwie da reingerutscht. Aber so richtig intensiv gelebt wird das ganze Ding mit den Coallakers sowieso erst seit gut zwei bis drei Jahren. Eigentlich erst seit dem langen Abend in der Kneipe mit der Namensgebung und der Erstellung unseres Social Media Accounts, in dem jetzt regelmäßig die Fotos unserer Sessions hochgeladen
werden.

Coallaker Franky hebt ab und fliegt durch einen stylischen Shove-it.Foto: Robert Ristok
Coallaker Franky hebt ab und fliegt durch einen stylischen Shove-it.

Was macht ihr so beruflich? Kommt ihr aus der Windsurfbranche?

Teilweise ja. Aber wir sind insgesamt ein sehr buntgemischtes Team. Wir haben Lehrer, Musiker, Handwerker, Schüler, ich selbst bin Fahrzeugingenieur. Der Ricardo arbeitet beim Surfshop24 in Leipzig und wird diesen höchstwahrscheinlich irgendwann einmal übernehmen. Der Shop unterstützt uns alle bestmöglich mit Surfmaterial. Das ist natürlich eine super coole Sache für die Crew. Und einer unser besten Freestyler der Crew ist Florian Kellner, er war auch schon bei den German Freestyle Battles am Start und bietet nebenberuflich mittlerweile ziemlich professionelle Board-Reparaturen an. Nennt sich Fleacraft. Kann ich nur empfehlen, er macht super Arbeit. Das heißt: Da sind die Coallakers auch bestens versorgt.

Foto: Robert Ristok

Habt ihr auch vor, mit der Crew offizielle Aktionen zu starten? Oder bleibt ihr unter euch – und schmeißt einfach privat den Grill nach der Session an?

Na ja, wir schmieden da schon Pläne. Wir würden gerne mal die German Freestyle Battles einladen und mit dem Surfshop24 Test-Days bei uns an den Spots veranstalten. Aktuell fehlt uns da leider noch etwas die Manpower dahinter. Ich fange gerade an, neben meinen Hauptjob, den Surfshop mit Fotos und Social Media Arbeit zu unterstützen. Solche Events zu planen und zu veranstalten, wäre genau mein Ding. Ich hoffe, dass sich da in Zukunft etwas ergibt. Irgendwann komplett mit in den Shop einzusteigen und mein Hobby zum Beruf zu machen, wäre auch noch ein großer Punkt auf meiner
To-Do Liste.

Foto: Robert Ristok

Cool, da würden wir uns freuen, wenn ihr die GFB’s mal an einem windigen Wochenende einladet. Apropos Wind: Foiled ihr eigentlich auch schon? Im Binnenland ist ja normalerweise nicht ganz so viel und starker Wind wie an der Küste, oder?

Also viele von uns haben’s schon mal probiert, aber niemanden hat’s bis jetzt irgendwie so richtig gepackt. Wir sind da echt eher klassisch unterwegs: auf der Finne, mit Freestyle oder Wave-Zeug.

Okay, interessant. An vielen anderen Binnenrevieren wird aufgrund von Wind-mangel im Prinzip fast nur noch gefoiled. An wievielen Tagen im Jahr gibt’s bei euch in der Region denn genügend Wind für die Finne und kleine Segel? Du sprachst eben von den Hauptwindrichtungen SW und W. Kriegt ihr bei Schönwetter auch Ostwind mit Verstärkung durch Thermik ab?

Ja, genau, das gibt’s auch. Aber seltener als die Tiefs mit SW-W. Vor knapp zwei Wochen hatten wir gerade so einen Ostwindtag, das war der Hammer! 16 Knoten in der Vorhersage, aber dann am Mittag mit 4.0er Segel überpowered und strahlendem Sonnenschein. Insgesamt war es bis jetzt ein ziemlich guter Jahresstart. Ich schreibe dieses Jahr sogar mit. Wir sind jetzt bei Surftag 20 und haben erst Mitte April. Ich hoffe, dass das so weitergeht.

Interview-Partner Robert Ristok (<a href="https://www.instagram.com/rot_pix/"  rel="noopener noreferrer">rot_pix auf Instagram</a>). Mit dem Windsurf-Fieber infiziert, seit er denken kann. Hobbyfotograf und nach eigener Aussage gewissermaßen die „Mutti“ 
der Coallakers.Foto: Robert Ristok
Interview-Partner Robert Ristok (rot_pix auf Instagram). Mit dem Windsurf-Fieber infiziert, seit er denken kann. Hobbyfotograf und nach eigener Aussage gewissermaßen die „Mutti“ der Coallakers.

Das hoffe ich auch. Danke für das Interview und noch viel Spaß auf Sardinien. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal auf eine Session in Leipzig vorbeikommen kann.

Wenn ihr mehr über die Coallakers erfahren wollt, dann findet ihr sie auf facebook->