​AktionswocheHauptsache, die Jugend informiert sich irgendwo? – Soziale Medien und die dunkle Seite der Meinungsbildung

Delius Klasing

 · 14.09.2026

​Aktionswoche: Hauptsache, die Jugend informiert sich irgendwo? – Soziale Medien und die dunkle Seite der MeinungsbildungFoto: Geradin Partners / Michel Buchmann
Findet moderner Journalismus auf Instagram und TikTok statt? Ein Drittel der Jugendlichen nutzt die sozialen Medien als Nachrichtenquelle. Dort funktioniert die Auswahl jedoch anderes als auf traditionellen Kanälen - mit immensen Gefahren.

“Demokratie braucht viele Stimmen” ist eine Aktionswoche des Bundesverbandes der Digitalpublisher und Zeitungsverleger, zu dem auch der Klambt Verlag gehört. Auch Delius Klasing als Teil des Klambt-Verlages beteiligt sich an diesem breiten Bündnis und bringt in diesem Zusammenhang ausgewählte Texte.

Von Thomas Höppner

Knapp vier Stunden täglich verbringen Zwölf- bis 19-Jährige in Deutschland am Smartphone. Das ist das Ergebnis der repräsentativen JIM-Studie 2025. Danach lesen sie keine Zeitung mehr und schalten keine Tagesschau ein. Immerhin: Ein Drittel von ihnen informiert sich eigenen Angaben zufolge über Nachrichten via Instagram, Facebook, TikTok oder YouTube.

Alles gut also: Hauptsache, die Jugend informiert sich irgendwo? Die Big-Tech-Plattformen verstärken diesen Ansatz noch. Schließlich berichteten dort auch Influencer und -innen über News, heißt es da. Und: So sehe moderner Journalismus aus.

Spätestens seit den Erkenntnissen aus den Klagen gegen Meta, Google (YouTube) und TikTok, denen zufolge die Konzerne Kinder und Jugendliche absichtlich süchtig machten, lässt sich diese wohlwollende Lesart des neuen Medienkonsums nicht mehr halten.

Im Eröffnungsplädoyer gegen Meta brachten die 29 klagenden US-Bundesstaaten am 18. August 2026 die Vorwürfe auf eine Formel, die an die Tabaksucht-Prozesse der Neunziger Jahre erinnert: Meta habe junge Nutzer „geködert, gehalten, ihre Daten abgeschöpft und dann die Wahrheit verborgen“ – hook, hold, harvest, hide. Bereits im März 2026 hatte eine US-Jury Meta und Google für das Design ihrer Plattformen haftbar gemacht; nicht für Inhalte selbst, sondern für Funktionen wie Autoplay, Endlos-Scrollen und Push-Benachrichtigungen, die gezielt süchtig machen. Ein Richter in New Mexico erklärte im August 2026 Metas Plattformen zur „public nuisance“ und verglich den Konzern mit einer Fabrik, deren Werbegeschäft „noxious pollution“ ausstoße – schädliche Emissionen, die Gesundheit und Wohl der ganzen Gemeinschaft gefährdeten.

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Die Verfahren haben schon jetzt gezeigt, dass die größten Betreiber sozialer Medien ihrem Werbegeschäft alles unterordnen, insbesondere die Gesundheit und Entwicklung ihrer jüngsten Nutzer. Wer aber die Gesundheit von Kindern nicht schützt, wird ihrer ausgewogenen Bildung und Information erst recht keinen Wert beimessen. Ein Geschäftsmodell, das Kinder- und Jugendschutz der Verweildauer und Werbeerlösen opfert, wird polarisierende, extreme Inhalte kaum aus Rücksicht auf Informationsqualität zurückstellen, wenn sie mehr Engagement erzeugen als ausgewogene.

Genau darin liegt aber auch eine immense Gefahr für die demokratische Willensbildung. Das Szenario: Ein Großteil der Wahlberechtigten nutzt soziale Medien als Nachrichtenquelle, häufig sogar als einzige Quelle. Zugleich stellen diese Plattformen extreme Positionen zur Gewinnung von Reichweite systematisch vor ausgewogene. Damit verschiebt sich die öffentliche Meinung an die Ränder; eine Meinungsbildung aus der gesellschaftlichen Mitte wird erschwert. Extremes wird zu „Mainstream“ – und über Wahlen zur Realität.

Es ist höchste Zeit, dass die Medienregulierung eingreift. Presse und Rundfunk haften für Falschaussagen – soziale Netzwerke dürfen sie hingegen ungestraft algorithmisch verstärken und ihnen so Breitenwirkung verschaffen. Mit dieser Schieflage entziehen Google und Meta redaktionellen Medien zunehmend Aufmerksamkeit und Werbeerlöse und damit ihre wirtschaftliche Grundlage.

Eine im Koalitionsvertrag versprochene, bislang aber nicht umgesetzte Presseförderung wäre keine Subventionsromantik, sondern die Antwort auf einen Wettbewerb, der zwischen ungleich haftenden und ungleich regulierten Akteuren längst nicht mehr fair verläuft. Wer das erkennt, aber Presse und Rundfunk weiter allein dem Markt überlässt, entscheidet sich im Ergebnis für ein Informationsökosystem, dessen Leitwährungen nicht mehr Wahrheit und Meinungsbildung sind, sondern Verweildauer und Polarisierung.

Der Autor: Professor Dr. Thomas Höppner, Partner in der Kanzlei Geradin Partners, ist Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Kartellrecht.

Die zitierte Studie: JIM-Studie Jugend Information Medien 2025 https://mpfs.de/studien/jim-studie/

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