​AktionswocheWenn Menschen aus Angst verstummen - Drei Fragen an Anna-Lena von Hodenberg

Delius Klasing

 · 14.09.2026

​Aktionswoche: Wenn Menschen aus Angst verstummen - Drei Fragen an Anna-Lena von HodenbergFoto: Sven Srekis
Hass, Drohungen und digitale Gewalt führen dazu, dass sich Menschen aus öffentlichen Debatten zurückziehen. HateAid-Gründerin Anna-Lena von Hodenberg erklärt, warum das die Meinungsvielfalt verändert – und was dagegen zu tun ist.

“Demokratie braucht viele Stimmen” ist eine Aktionswoche des Bundesverbandes der Digitalpublisher und Zeitungsverleger, zu dem auch der Klambt Verlag gehört. Auch Delius Klasing als Teil des Klambt-Verlages beteiligt sich an diesem breiten Bündnis und bringt in diesem Zusammenhang ausgewählte Texte.

Meinungsfreiheit bedeutet, dass jeder seine Meinung äußern darf. Aber was ist diese Freiheit noch wert, wenn Menschen aus Angst vor Hass und Bedrohungen lieber schweigen?

Das Internet ist heute einer der wichtigsten Kommunikationsräume. Hier verhandeln wir unsere großen gesellschaftlichen Debatten und informieren uns über relevante Themen. In diesem Raum sollten sich alle Menschen trauen, frei ihre Meinung zu sagen. Umso erschreckender ist es, dass das für viele nicht mehr möglich ist.

Eine repräsentative Studie zeigt: Mehr als die Hälfte der Internetnutzenden zieht sich aus Angst vor digitaler Gewalt aus dem öffentlichen demokratischen Diskurs im Netz zurück. Die Mehrheit bekennt sich online seltener zu ihrer politischen Meinung und beteiligt sich weniger an Diskussionen – aus Angst, selbst beleidigt oder bedroht zu werden.

Das ist nicht nur eine Gefahr für die Meinungsfreiheit, sondern insgesamt für unsere Demokratie. Wir müssen sicherstellen, dass Zensur weder vom Staat ausgeht noch Menschen durch Einschüchterung dazu gebracht werden, ihre Meinung nicht mehr zu äußern.

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Wenn immer mehr Menschen online schweigen - bestimmen dann am Ende vor allem die Lauten und Radikalen das öffentliche Bild?

Ja, genau diese Gefahr besteht. Wenn immer mehr Menschen sagen: „Das tue ich mir nicht mehr an, ich äußere mich online nicht mehr“, dann fehlen diese Stimmen und Meinungen im öffentlichen Diskurs. Sichtbar bleiben vor allem die Lauten, Aggressiven und Radikalen und ihre Botschaften.

Dadurch kann ein verzerrter Eindruck entstehen, was tatsächlich mehrheitsfähig oder gesellschaftlich akzeptiert ist. In den letzten Jahren haben wir gesehen, wie sich dadurch radikale Sprache und Positionen immer mehr normalisiert haben und förmlich „sagbar“ geworden sind. Selbstzensur betrifft deshalb nicht nur den Einzelnen, sondern uns alle - sie verändert den öffentlichen Diskurs insgesamt.

Was braucht es, damit wir auch im Netz kontrovers streiten können, ohne Menschen mundtot zu machen? Und wer trägt dafür die Verantwortung?

Wir brauchen einen digitalen Raum, in dem kontroverse Debatten möglich sind, ohne dass Menschen durch Hass, Bedrohungen oder Verleumdungen mundtot gemacht werden. Illegale Inhalte müssen schnell und konsequent entfernt werden, Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden und Betroffene brauchen einen einfachen Zugang zum Recht und Gerechtigkeit.

Vor allem aber stehen die Plattformen in der Verantwortung. Gewaltvolle Inhalte und Desinformation dürfen nicht schneller verbreitet werden als sachliche Diskussionen, nur weil sie mehr Aufmerksamkeit erzeugen. Solange Plattformen mit digitaler Gewalt und Desinformation Geld verdienen, werden sich die Anreize kaum verändern.

Wir haben schon ein wichtiges Gesetz, das Plattformen dazu verpflichtet, unsere demokratischen Werte durchzusetzen: den Digital Services Act. Doch die US-Regierung hat sich mit den Tech-Bossen zusammengetan und verhindert, dass dieses Gesetz durchgesetzt wird. Das dürfen wir nicht zulassen: US-Tech-Billionäre wie Musk oder Zuckerberg dürfen nicht über dem Gesetz stehen – auf Kosten von Kinder- und Jugendschutz, Meinungsfreiheit und Demokratie.

Zur Person: Anna-Lena von Hodenberg ist Journalistin und Mitgründerin sowie Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation HateAid, die sich gegen digitale Gewalt und für Menschenrechte im Netz einsetzt. Für ihr Engagement wurde sie 2025 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

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