Wer auf YouTube nach Inhalten zum Thema Windsurfen sucht, kommt an Nico Prien nicht vorbei. Über 70.000 Fans aus aller Herren Länder folgen ihm mittlerweile digital – wir haben ihn und seinen Videografen Lars Wichmann während des World Cup Sylt zum Interview getroffen.
Nico: Ich habe Clips gemacht, lange bevor ich das auf YouTube hochgeladen habe, einfach weil ich da schon Nico Prien immer Lust drauf hatte. Neulich habe ich für den NDR mal alte Aufnahmen rausgesucht, da bin ich über alte Videos gestolpert, wo ich als Zehnjähriger schon herumgefilmt habe. Das erste Video, das ich für YouTube gemacht habe, war im Jahr 2017.
Kümmer dich nicht um mich, halt einfach drauf! Erst wenn ich mit dem Gesicht nach unten treibe, solltest du mir helfen.”
Lars: Ich kannte Nico vorher gar nicht. Weil ich ein Jahr vorher mit dem Windsurfen angefangen hatte, bin ich aber über seine Videos gestolpert und in einem sagte Nico, dass er einen Videografen sucht. Also hab ich Nico eine Mail geschrieben und hier bin ich (lacht). Vorher hatte ich eine kleine berufliche Odyssee hinter mir: Ich hab nach der Schule als Klempner gearbeitet, dann in einer Unternehmensberatung.
Nico: Die klassische Videografen-Karriere eben (lacht).
Lars: Mir passte der Neuanfang damals ganz gut und natürlich hatte ich schon viele Jahre lang Video-und Filmsachen gemacht.
Nico: Ich befürchte, die hat es immer noch nicht (lacht). Ich glaube, wir machen beide gewisse Abstriche. Ein Großteil ist Passion, nicht Business. Lars ist dadurch voll in die Windsurf-Welt reingerutscht, begleitet mich zu den Worldcups und bei meinen Reisen an tolle Orte. Als ich Lars damals ins Boot holte, war ich gerade bei Starboard ziemlich eingespannt und hatte einfach nicht mehr genug Zeit, um mich selber um Videoproduktionen und den ganzen Schnitt zu kümmern. Ich wollte das Youtube-Projekt aber nicht sterben lassen. Deshalb habe ich Lars mit anderen Einnahmequellen quasi querfinanziert.
Lars: Das Zwischenmenschliche hat eigentlich sofort gepasst bei uns. Aber es hat etwas gedauert, bis wir uns bei den Videoproduktionen etwas aufeinander eingespielt hatten. Mittlerweile verbringen wir etwa 60 Prozent des Jahres gemeinsam auf Reisen, würde ich sagen.
Nico: Unser erstes Projekt war auf Teneriffa, da habe ich Lars eingeladen, mich zu begleiten, damit wir mal schauen, ob wir zusammen arbeiten können. Lars war bis dato noch nie geflogen und hatte keinen Plan, wie das geht (lacht). Bei der Produktion auf Teneriffa wurde klar, dass es was werden könnte mit unserer Zusammenarbeit. Also fragte ich Lars, ab wann er denn anfangen könnte. Ich wusste ja, dass er zu dieser Zeit noch einen Job bei einer Unternehmensberatung hatte. Und rate mal, was Lars gesagt hat (lacht) …
Lars: Ich hab gesagt, dass ich schon gekündigt habe und morgen anfangen kann (lacht). Rückblickend war das vielleicht etwas blauäugig, aber ich hatte natürlich gehofft, dass wir gut miteinander auskommen und Nico mich einstellt.
Nico: Wir machen alle paar Monate einen Plan, was wir an Themen so machen wollen. Darin legen wir fest, wo die Reise grundlegend hingehen soll: Wollen wir mehr Tutorials machen oder lieber mehr Entertainment-Formate? Wir denken oft erst mal nur in Videotiteln, noch nicht in konkreten Inhalten. Wenn die Titel stehen, überlegen wir, wie das umsetzbar ist. Eigentlich entwickeln wir die Skripte überwiegend zusammen. Wenn du ein Tutorial machen willst, brauchst du ein gutes Skript – damit alles klappt und du nichts vergisst. Bei Eventberichten und Behind-the-Scenes-Videos weißt du vorher aber nie, was passiert, da ist alles deutlich spontaner.
Nico: Bei den Events haben wir so eine stille Vereinbarung, dass ich mich auf Lars verlasse und mich auf den Wettkampf konzentriere. Aber natürlich habe ich das im Hinterkopf. Wenn ich an der Tonne crashe, denke ich im ersten Moment: „F..k!!!“ Aber dann fällt mir ein, dass wir jetzt wenigstens was Gutes fürs Video haben (lacht).
Lars: Nico hat mal zu mir gesagt: „Kümmer dich nicht um mich, halt einfach drauf! Nur wenn ich mit dem Gesicht nach unten treibe, solltest du mir helfen“ (lacht). Das Einzige, was ich nicht darf, ist, Nico von hinten auf den Kopf zu filmen (lacht). Aber was Inhalte angeht, kann Nico sein Ego gut hintanstellen.
Nico: Erst im Herbst bei einem Dreh in Schweden hab ich mir den Fuß übel aufgeschnitten. Da hat Lars erst mal gefilmt, bevor er dann den Verbandskasten geholt hat. Das ist halt Teil der Storys, die wir erzählen. Wir verstehen uns diesbezüglich ohne Worte. Und letztlich wollen die Leute auch die Schattenseiten, das Scheitern und die ganzen Dinge, die schiefgehen, sehen. Das macht solche Videos viel menschlicher als Clips über das vermeintlich perfekte Profileben.
Lars: Ich wurde erst einmal weggeschickt und gebeten, nicht zu filmen. Mittlerweile kennt man sich und ich kann ganz gut einschätzen, wen ich ansprechen kann und wer gerade einen schlechten Moment hat und lieber seine Ruhe haben will.
Nico: Als wir damit angefangen haben, gab es schon eine gewisse Skepsis. Aber mittlerweile haben die Leute erkannt, dass die Videos eine große Reichweite haben, und freuen sich dementsprechend, wenn sie Teil davon sind.
Nico: Die Frage stellen wir uns auch oft. Wir wollen uns bezüglich der Videoqualität immer verbessern, das ist klar. Aber ich denke, „besser“ muss nicht „professioneller“ sein, sondern kann auch bedeuten, Emotionen und Erlebnisse noch unmittelbarer einzufangen. Und man muss in Kauf nehmen, sich nicht immer und überall beliebt zu machen, sondern muss auch riskieren, Kontroversen auszulösen. Wenn ich der Meinung bin, dass gewisse Dinge schieflaufen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Regattaformaten oder Wettkämpfen, dann spreche ich das in meinen Clips an. Das gefällt natürlich nicht allen. Das Wichtigste ist, zu zeigen, was passiert, und nicht das, was passieren sollte.
Ich nehme in Kauf, mich nicht überall beliebt zu machen.”
Nico: Meistens Lars!
Lars: Ich hoffe bei den Events eigentlich immer, dass es nicht zu oft Wind hat. Denn jeder windige Tag bedeutet, dass ich danach eine Nachschicht einlegen muss (lacht). Bei den Worldcups machen wir ja Tagesberichte, das bedeutet, dass ich den ganzen Tag rumrenne und passende Einstellungen zum Filmen suche oder Interviews mit den Teilnehmenden mache. Am Abend sichte ich dann das ganze Material und beginne, einen Clip zu schneiden, damit dieser am nächsten Morgen fertig ist. Das kann schon mal die ganze Nacht dauern und bedeutet, dass ich kaum Schlaf bekomme.
Lars: Eindeutig der World Cup Fuerteventura. Da ist leider immer Wind. Die letzten beiden Male habe ich so sechs bis acht Stunden Schlaf bekommen – zusammenaddiert in fünf Tagen. Ich feiere jeden Tag ohne Racing, aber ich will nicht meckern, denn dieser Job macht mir einfach unglaublich viel Spaß.
Lars: Wenn wir zum Filmen ausrücken, nehme ich mein Zeug meistens nicht mit. Manchmal ergibt es sich, dass ich mit Nicos Equipment mal aufs Wasser kann. Da habe ich dann jedes Mal Schweißperlen auf der Stirn, denn natürlich will ich nichts von seinem Wettkampf-Stuff schrotten (lacht).
Nico: Auf jeden Fall unser Trip in die USA. Ursprünglich hatten wir den Plan, ein Windsurf-Video vor der Freiheitsstatue zu filmen. Lars war schon morgens da, weil er auf einem anderen Flug war. Ich kam erst spätabends an und die Autovermietung hatte bereits dicht. Wir standen mit fünf großen Boardbags am Flughafen. Es gab keine Taxis, die unseren Stuff transportieren konnten oder wollten. Das nächste Problem war, dass der Flughafen nachts schließt, und in unserer Not haben wir auf den Bags vor dem Flughafen übernachtet – im November (lacht). Weil wir Angst um unser teures Videoequipment hatten, haben wir schichtweise geschlafen, Wache gehalten und mussten auch die Security-Männer überzeugen, dass wir nichts Böses im Schilde führen. Das war eine miese Nacht (lacht).
Unser Plan mit der Freiheitsstatue fiel am nächsten Morgen ins Wasser, weil kein Wind war, und letztlich haben wir spontan einen Roadtrip runter nach North Carolina gemacht. Dort wurden wir mit einer Wahnsinns-Session überrascht, mit perfektem Licht und einem Sonnenuntergang, wie wir ihn beide wohl nie zuvor erlebt hatten. Das Video ist bis heute eines der meistgeklickten auf meinem Kanal – insofern lief zwar auf diesem Trip nichts nach Plan, aber trotzdem kam alles zu einem guten Ende.
Ich hoffe bei den Events eigentlich immer, dass es nicht zu oft Wind hat. Denn jeder windige Tag bedeutet, dass ich danach eine Nachtschicht einlegen muss.”
Nico: Ich merke, dass sich die Wachstumspotenziale mittlerweile in Grenzen halten, einfach deshalb, weil wir einen Großteil der Community bereits bedienen. Aber natürlich wäre es schön, noch die Marke von 100.000 Abonnenten zu knacken. Der einzige Weg, noch mehr Leute zu erreichen, wäre, noch mehr Menschen zum Windsurfen zu motivieren. Manchmal schreiben Leute unter den Videos, dass sie wegen unserer Videos angefangen haben mit Windsurfen. Das freut uns dann besonders.

Redakteur surf