Text: WoSie
Ich war bereits die letzten Wochen in Dänemark unterwegs; es war schon der 35. Tag auf dem Wasser. Anfang August sah es so aus, als ginge es so weiter. Von Flachwasserbügeln über Kabbelwasser bis hin zu Wind von “schlecht”, also von rechts, voll auflandig, Side-on oder Side-off, mit kleinen und großen Wellen, mit viel und wenig Wind – es war alles dabei. Nach einem wirklich schlechten Frühjahr mit nur fünf Tagen auf dem Wasser war die Ausbeute gar nicht schlecht.
Es war für diese Saison der – der Größte – Tag des Jahres angesagt. Ich war bei dieser Vorhersage in Norddänemark, fuhr gegen 7 Uhr in Hanstholm die Küstenstraße von oben runter, hielt am Randstreifen der Straße an und sah mir den Spot von oben an. Es sah echt groß und sauber aus. Es war Südwest angesagt, doch der Blick auf die Windräder verriet mir: Es war zu ablandig für diese übermäßig fetten Wellen, um dort rauszugehen.
Es sah durch die Abdeckung des Hafens und der Dünen nach ordentlich „auf die Mütze“ aus. Ohne Druck im Segel Side-off rauszukommen, ist manchmal selbst bei normalen Bedingungen nicht wirklich gut. Es ist nicht meine Lieblingsrichtung – sie wird zwar oft genug verarbeitet –, aber Side-off könnte bei dieser angesagten Wellenhöhe am Ende des Tages erfahrungsgemäß zu viel Materialbruch führen. Zumindest sah es heute danach aus. Also keine Option für den Vormittag bei dieser Vorhersage. Der Wind sollte aber zum Abend hin westlicher drehen. Also erst einmal nach Klitmøller.
Die Vorhersage für die nächsten beiden Tage wurde nun durch den tatsächlichen Blick in die Klitmøllerbucht bestätigt. Es sah richtig groß und mächtig aus – heftiger als sonst, wenn es groß war. Es war ungewöhnlich groß da draußen. Die Waschmaschine war großartig. Es war das, worauf ich das ganze Jahr über gewartet hatte. Windguru hatte seine Vorhersage auf ungewöhnliche 7 bis 7,8 Meter mit 13 Sekunden hochkorrigiert. Die angesagte Periode von 13 Sekunden war ungewöhnlich, ließ aber erahnen, dass eine angesagte Wellenhöhe vom DMI von 5 Metern wahrscheinlich übertroffen werden würde. Die Wellen würden mit mächtig Dampf in die Bucht drücken.
Der Blick über die Kante bestätigte meine Ahnung: Es waren große Viecher, die nicht nett zu dir und deinem Material sein würden, wenn etwas schiefgehen würde. Ich war jetzt aufgeregt, war mir aber sicher in dem, was ich tue – ich kam schon seit ewigen Zeiten an diesen heiligen Ort. Ich zog das 4,0er aus dem Bus und baute im Schutz der Fischerhäuser auf.
Ab in den Neo, Trapez um und ab aufs H2O. Keiner am Start. Ich wartete bei den Fischerbooten den 2,5 Meter hohen Shorebreak ab und glitt mit moderatem Druck Richtung Waschmaschine. „Wirklich fett, Geilomat!“ Und mächtig heftig viel Wasser in den super sauberen, mit grünem Wasser gefüllten, doppelstöckigen Eisenbahnwagen! Es sah vor Ort bei Weitem besser aus, als man es von oben sehen konnte. Man konnte den Wellen ausweichen, konnte durch sie hindurchgleiten, ohne weggewaschen zu werden. Diese Option – das Wegwaschen – sollte ich auf jeden Fall vermeiden!
Die Höhe der Doppelstöckigen wurde nach dem Brechen nicht wirklich weniger. Sie rollten fast in gleicher Höhe, nur schon gebrochen, weiter nach Klitrosen in die Bucht. Es war mega viel Platz zwischen diesen schönen Wellen. Es sah – entgegen der Meinung einzelner Personen – nicht scheiße aus, es war einfach nur großartig, sauber, superschön und megafett. Dieser Anblick war einfach der Hammer! Ich musste mindestens einen von diesen Apparaten schlitzen.
Ich hatte ab und zu das Gefühl, als könnte ich ein wenig mehr Dampf im Segel gebrauchen, obwohl ausreichend Druck in der Luft vorhanden war. Die Strömung nahm mir manchmal den Druck aus dem Segel. Das könnte vor so einer gebrochenen Welle vielleicht zu einem Problem werden. Man fuhr jetzt frontal auf diese fetten Apparate zu, und gebrochen sahen sie nicht danach aus, als ob sie nur Spaß machen würden. Es war ernst hier draußen und nicht zu unterschätzen!
Ich rutschte zurück in die Bucht. Hinter mir baute sich etwas auf, was man so nicht liegen lassen durfte. Der Winkel schien zu passen, ich setzte zum Bottom Turn an. Ich sah von oben in das Wellental runter: eine „dunkelrote Piste“, durchsetzt mit hellgrünen, weißen Schlieren – eine noch nicht einmal gebrochene, spiegelglatte Autobahn. Oha, was für ein Anblick! Ich donnerte diesen Highway mit Vollgas runter, legte das Segel flach nach unten und sah über das Segeltop in diese grünen Wassermassen. Was für ein Anblick!
Als ich den Bottom Turn durchgezogen hatte, schoss ich mit Vollgas diesen Berg wieder rauf. Die obersten drei Meter brachen auf ganzer Länge auf mich zu. Ich musste da raus, sonst würde es nicht gut für „uns“ – also mich und mein Material – ausgehen. Es gab keinen anderen Weg zum Ausstieg. Also Abbruch auf halber Höhe. Ich drehte den Kopf nach hinten, bevor ich schiftete. Was für ein Anblick, was für weiße Wassermassen! Wie geil war das denn – der Hammer! Ich musste mich beeilen: das Segel schiften und ab in die Schlaufen, denn es war wieder eine rote Piste im Anschluss angesagt.
Ich schiftete das Segel und kam da raus, verlor aber ohne Ende an Höhe. Die Welle trieb mich vor sich her – bloß nicht erwischen lassen! Backen zusammen und weg – es klappte. Jetzt war erst einmal Höheknüppeln angesagt. Es wurde echt hart bei diesen von Neptun verschobenen Wellenmassen.
Auf dem Weg nach draußen – es war wieder an der gleichen Stelle – baute sich erneut so ein Teil auf. Ich glitt mit Vollgas auf sie zu. Ich sah: Zum Anluven, um rüberzukommen, war ich zu spät. Frontal drüber war keine Option – das sah nicht gut aus. Abfallen? Ebenfalls keine Chance. Sch… ich war zu spät, es war zu heftig! Der freiwillige Waschgang wäre keine gute Entscheidung gewesen, also blieb nur die Flucht nach vorne.
Ich fuhr mit Volldampf auf den noch nicht, aber bald hohlen, kurz vorm Brechen stehenden Teil zu, steuerte aber nicht wie sonst den am höchsten liegenden Punkt an, um das Segel zu schiften. Es war auf einmal kein Spiel mehr. Ich wusste: Wenn es nicht funktionieren würde – obwohl ich am untersten Punkt zum Halsen angesetzt hatte –, würde sie nichts heile lassen.
Die Welle war rattenschnell und holte mich gebrochen ein. Ich wurde auf einmal vor dem brechenden Teil vom Top der Welle eingeholt – ich hatte sie sozusagen im Nacken. Ich merkte, dass mich der brechende Teil bereits erfasst hatte. Der hintere Teil des Brettes wurde schon überspült und angesaugt. Im Augenwinkel sah ich, dass das gebrochene Wasser masthoch versuchte, mich einzuholen, um mich zu verschlucken. Sie schlug über mir zusammen. Ich dachte nur: „Noch nicht schiften, nicht schiften, das geht sonst richtig schief!“
Ich wurde also Schothorn voraus in diesen Wassermassen von der Welle mitgenommen. Ich bemerkte, dass ich nach unten, nach hinten gezogen wurde – das durfte auf gar keinen Fall passieren! Also Schothorn voraus, mit Volldruck auf den Mastfuß und nach vorne gebeugt, versuchte ich, ins Gleiten zu kommen, um da rauszukommen.
Ich bemerkte, dass ich wieder ins Rutschen kam. Ich erwartete das Herunterfallen ins Wellental, um anschließend diese Wassermassen auf den Kopf zu bekommen. Kein einladender Gedanke – bloß nicht darüber nachdenken. Ich war komplett vom gebrochenen Wasser in der weißen Gischt gefangen. Es war alles weiß um mich herum. Ich konnte nichts außer dem weißen Wasser um mich herum sehen.
Noch nicht schiften – noch nicht!“
Der Abgang in den zweiten Stock des Kellers stand bevor, und das würde bestimmt nicht gut ausgehen – nicht nur für das Material. Ich hatte schon einmal bei kleineren Bedingungen, bei dem gleichen Muff, zwei Segel und zwei Masten in einer Stunde zerlegt. Diese Wellen hier waren „nur“ masthoch!
Ich merkte aber, ich bekam wieder Grip, konnte aber noch nicht erkennen, wie es draußen aussah. Es war alles weiß um mich herum. Auf einmal: paaaff. Als wenn jemand die Blende von einem Objektiv öffnete. Klare Sicht, gestochen scharf. Ich konnte die ganze Bucht von oben sehen. Ich bemerkte, dass ich raus war. Volles Rohr, Schothorn voraus am Gleiten. „Nicht schiften!“ Ich war noch nicht in den Fußschlaufen, aber ich war schneller als „sie“. Es ging bergab. Was für ein fettes Teil!
Endlich war es so weit: Ich konnte schiften, ab in die Fußschlaufen, einhaken und mit Vollgas dieses Teil runterrutschen. Ich war ihr entkommen, sie jagte mich aber weiter. Waren das krasse Begegnungen! Es war noch mal gut gegangen. Aber ich hatte wieder fett Höhe verloren – also wieder raus, um Höhe zu knüppeln.
Hoffentlich übertreibe ich es nicht, denn ich hatte in den eineinhalb Stunden zuvor schon zwei Warnungen von Neptun erhalten. Nach einem Waschgang wurde ich eingehakt mitgenommen und durchgewaschen – die Luft wurde knapp, sehr knapp. Bei einem anderen Waschgang hatte ich das Material verloren, es war weg.
Ich konnte zwar während der Schwimmnummer durch das Hochheben der Wellen die ganze Bucht überblicken, aber das Material nicht wiederfinden. Nach ca. 30 Minuten Schwimmen sah ich es: Es schwamm ca. 300 Meter hinter mir, ich hatte es überholt. Es konnte eigentlich nicht mehr heile sein – man war es so gewohnt. Ich musste jetzt noch mal Gas geben und bekam mein selbst gebautes Brett wieder. Alles heile, kein einziger Kratzer!
Ich fuhr also wieder raus, wieder auf die Koffer zu. Als ich schon mehrere gebrochene, fette Wellen umfahren bzw. überfahren und einen Backloop angesetzt hatte – leider nicht gestanden –, rollte eine gebrochene Welle auf mich zu. Sie war groß, ca. vier Meter gebrochen, sah aber nicht problematisch aus. Ich drückte mit dem hinteren Fuß das Board nach unten und zog es mit dem vorderen Fuß nach oben, um – wie schon tausende Male vorher – im vollen Gleiten auf die Welle raufzuhüpfen, um anschließend ein bisschen rückwärts von der gebrochenen Welle mitgenommen zu werden und dann abfallend über den gebrochenen Teil weiterzugleiten.
Dieses Mal war es aber für einen Bruchteil einer Sekunde schlagartig anders: Die gebrochene Welle knallte mit einer solchen brachialen Wucht von unten gegen den Bereich der vorderen Fußschlaufe, dass ich sofort im anschließenden Waschgang wusste, dass etwas anders war. Ich musste mit beiden Händen die Gabel schraubstockartig festhalten, um das Material nicht wieder zu verlieren. Es war meine Rettungsinsel! Das durfte nicht passieren!
Ich hob den linken Fuß aus dem Wasser. Er klappte nach links lose weg!”
Währenddessen bemerkte ich, dass der vordere Fuß, links, „lose“ war. Ich drehte mich mit dem kompletten Material eine volle Umdrehung im Vollwaschgang durch, wurde noch einige Zeit mitgenommen und durchgemangelt, bevor wieder „Ruhe“ einkehrte. Ich hob den linken Fuß aus dem Wasser. Er klappte nach links lose weg! Ich hatte nur wenige Sekunden Zeit, laut Vorhersage 13 Sekunden, dann ging es weiter. Und es ging weiter! Wenn ich hier das Material verlieren würde, wusste ich, dass ich heute fällig sein würde.
Es war so weit: Neptun rollte erneut den Teppich aus. Ich wurde hochgehoben, und der Blick auf die ganze Bucht war wieder frei. Ich sah ins Wellental. Ooooh… Ich hatte Glück! Sie rollte, ohne zu brechen, unter mir durch. Sie brach erst kurz danach. Ich wusste sofort, dass ich etwas unternehmen musste, um hier rauszukommen. Das Material ausrichten, versuchen, an der Gabel anzupacken und mich vom Material per Body-Drag nach Klitrosen ziehen lassen – das war die einzige Option! Mit diesem Fuß über eine Stunde zu schwimmen, ging überhaupt nicht.
Das Material lag selbstverständlich nicht so ausgerichtet, dass es passend passte. Also hieß es: alles ausrichten und höllisch aufpassen, dass der Wind, der volles Rohr aus Südwest ballerte, mir das Material nicht wegriss. Das Schiften des Segels im Wasser liegend war bei dieser Windstärke nicht ohne. Wenn das schiefginge, würde Petrus das Material aus dem Wasser reißen und es im hohen Bogen mitnehmen, um damit wegzufliegen. Jeder, der das schon einmal erlebt hat, weiß genau, was ich damit meine!
Das Schiften des Segels war innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde erledigt. Nun „nur noch“ das Board ausrichten und dann mit den beiden intakten Schraubstöcken an der Gabel anpacken – und ab ging die Post. Der Fuß schlackerte hinterher. „Was für eine Kacke! Wie konnte das passieren? Es kam aus dem Nichts, vollkommen unerwartet, beim Geradeausfahren. Was habe ich nur gemacht? Warum diese zweite Schicht? In der ersten war doch alles gut gegangen! Warum musstest du noch mal rausgehen?!“ Junkie bleibt Junkie!
Ich ließ mich vom Material innerhalb von 15 Minuten durchziehen – eine Strecke, für die ich schwimmend eine Stunde gebraucht hätte. Es gab drei Vollwaschgänge, bei denen es nochmal richtig zur Sache ging. Also bedeutete das in der Folge: dreimal das gleiche Spiel des Ausrichtens von vorne. Ich hatte schon einiges in 35 Jahren in Klitmøller, Hanstholm, Nørre und Agger abbekommen, aber das war ein anderes Level. Ein ähnlich extremer Tag wurde von einem dänischen Freund mal als „D-Day“ bezeichnet – dieser Tag war in Hanstholm, und der war schon richtig heftig, aber es war eben nicht Klitmøller!
Die Wellen rollten in solchen Wassermassen und mit einer solchen Geschwindigkeit, 13-Sekunden-Intervall, über mich weg, wie ich es noch nie erlebt hatte. „Es war das, worauf ich das ganze Jahr gewartet hatte“ – ich bekam es jetzt, aber richtig! Neptun zeigte mir auf eindrucksvolle Weise, wer hier das Sagen hatte. Es war echt extrem krass.
Die Angst vor dem Schlimmsten – dem Ausstieg – stand mir noch bevor. Es war der vierte und wohl letzte Waschgang. Ich erwartete von einem mindestens 3,5 Meter hohen Shorebreak nichts Gutes. Es wurde jetzt noch mal ernst, denn mit diesem Fuß auf dem Strand aufzuschlagen, könnte einen offenen Bruch nach sich ziehen – das wäre dann der absolute Super-GAU. Ich wurde hochgehoben und sah, dass der Strand 50 Meter nach oben zur Kante mit glattem, aufspülendem und ablaufendem Wasser überspült wurde. Es wurden nicht gerade wenige Wassermassen dort bewegt.
Mit diesem Fuß auf dem Strand aufzuschlagen, könnte einen offenen Bruch nach sich ziehen – das wäre dann der absolute Super-GAU.”
Es war so weit: Eine Welle lief unter mir durch und klatschte mit voller Wucht auf den Strand. „Meine Fresse!“ Das würde für mich unangenehm ausgehen. Normalerweise war der Ein- und Ausstieg hier schon eine Herausforderung – man sollte sich beeilen, es musste einfach passen. Die nächste Welle brach ein ganzes Stück vor mir draußen und rollte mit Vollgas auf mich zu. Ich wurde erfasst und machte mich lang. Ich packte das Material an der Gabel vor mir, es zog mich hinterher, ich wurde nach vorne gespült und landete mit dem Material voran auf den Knien im Sand.
Das von unten kommende Wasser spülte mich, auf den Knien rutschend, den Strand nach oben. Ich musste hier weg! Ich kniete noch ziemlich weit unten, und das ablaufende Wasser versuchte, mich und das Material wieder in den Shorebreak zu spülen. Ich erwartete jeden Moment den nächsten Einschlag einer Shorebreak-Welle – sie waren hier und heute echt böse. Also auf allen vieren hoch zum Top und das Material hochziehen. Das Wasser donnerte von oben vom Strand zurück ins Meer, der Fuß schlackerte hinterher – es war unglaublich. Als ich das Material auf allen vieren aus der Gefahrenzone am Top rausgezogen hatte, versuchte ich aufzustehen. Allein mit dem rechten Bein aufstehend, setzte ich den linken Fuß vorsichtig auf. Ooh, keine gute Idee.
Ich war allein am Strand. Also erst einmal abbauen. Sollte mir jemand helfen, das Zeug zu bergen, ginge es nur abgebaut als „Handbag“, damit potenzielle Helfer nicht extra abbauen und mehrmals laufen müssen. Also alles abgebaut und Gabel, Mast sowie Segel zu einem Paket zusammengepackt. Danach ging es auf allen vieren mit dem Paket nach oben an die 50 Meter entfernte Dünenkante, damit es nicht vom Wasser weggespült werden konnte. Der Fuß schlackerte immer hinterher. Geschafft! Nun noch mal auf allen vieren wieder runter, um das Board auf dem gleichen Weg an den sicheren Ort zu bringen. Herrlich!
Ich wurde volles Rohr sandgestrahlt, ich sah aus wie ein Sch… Ich saß nun oben an der Düne im Sandstrahlgebläse neben meinem abgebauten Material. Die Sonne schien, es ballerte volle Kanne aus Südwest. Was für ein unglaublich fetter Tag, was für eine Sch…! Wie konnte das nur passieren, was hatte ich bloß gemacht? Zwei Minuten ausruhen.
Nachdem zwei Touristenpaare und ein Radfahrer bei dem 200 Meter entfernten Dünendurchgang auftauchten und auf meine Trillerpfeife – die für Notfälle immer am Trapez hing – reagierten, zogen sie es nach meinem Winken vor, lieber zu gehen. Zum Glück konnte ich nach 100 Metern auf allen vieren jemanden herbeirufen, der mir meinen Bus aus Klitmøller geholt hat, damit erst einmal das Material geborgen werden konnte, um anschließend aus dem Neo herauszukommen.
Die mittlerweile vier Helfer wollten unbedingt einen Rettungswagen rufen. Ich lehnte erst einmal ab. Ich musste erst einmal alles sortieren und mir klar werden, was im Vorwege alles zu regeln sein würde: Material bergen bzw. verstauen, heile aus dem Neo rauskommen, Krankenkassenkarte, Personalausweis, mit zu Hause telefonieren, Kutsche unterbringen etc.
Es stand nun das Schlimmste überhaupt bevor: das erste Mal im Leben ins Krankenhaus. Es herrschte die allgemeine Meinung, dass der Neo aufgeschnitten werden muss. Das ging natürlich überhaupt nicht! Ich opferte bereits den linken Schuh mit der Schere, alles andere traute ich mich nicht. Ich schnitt also den Schuh auf und zog den Fuß heraus. Er war nicht offen, er klappte nur nach links weg.
Also erklärte ich meinen vier Helfern, was zu tun ist: Acht Hände, von jeder Hand drei Finger auf 3, 6, 9 und 12 Uhr in das Bein des Neos stecken. Sie steckten also ihre Hände in den Beinbereich des Neos und zogen das Neobein gleichzeitig so weit wie möglich auseinander, sodass ich den Fuß herausziehen konnte. YES! Gemacht, getan, geschafft – der schlackernde Fuß war raus und der Neo ist heile geblieben. Wenigstens etwas! Dafür ein riesiges Dankeschön.
Im Rettungswagen wäre es bestimmt anders verlaufen. Das Material wurde ebenfalls geborgen und im Bus verstaut. Was für nette Menschen mir zur Seite standen – unglaublich! Andere hatten lieber weggesehen oder nach meiner „positiven“ Nachricht das Telefon nicht abgenommen. Nachdem ich mehrere hundert Meter mit dem Bus gefahren war und das Kuppeln mit rechts „etwas“ schwierig war, musste ich einsehen, dass es auch ein wenig gefährlich sein würde, selbst weiterzufahren. Somit nahm ich das Angebot meiner Helfer an, mich mit meinem eigenen Bus ins Krankenhaus zu fahren. Großartig!
Im Krankenhaus, im Wartebereich im Rolli sitzend, ging ein anderer Windsurfer aus Hamburg mit einem „Kopfschmuck“ an mir vorbei – er hatte in Vorupør auch auf die Mütze bekommen. Er hatte sich nach einem Waschgang eine Platzwunde am Kopf zugezogen, die mit sechs Stichen genäht werden musste. Er berichtete ausführlich darüber. Nach seiner Erzählung war er nach seinem Move an seinem Bus zusammengebrochen und wurde anschließend mit dem Krankenwagen eingeliefert. Anscheinend war die Rettungswacht vor Ort und zur Hilfe gekommen, selbst der Hubschrauber war wohl schon alarmiert. Er konnte das Krankenhaus aber alleine wieder verlassen. Nach seinem ausführlichen Bericht war für ihn keine Zeit mehr, mir zuzuhören oder auch Hilfe anzubieten.
Nach dieser Geschichte war ich wieder allein im Wartebereich. Ich hoffte auf das Beste und erwartete das Schlimmste. Als sich nach dem Röntgen die gut aussehende Ärztin zu mir runterkniete, wusste ich sofort: Es gibt keine guten Nachrichten für mich. Was für ein Mist. Sprunggelenksbruch, Weber-B-Fraktur. Das war’s. „Herzlichen Glückwunsch“ – es war genau das, was ich nicht hören wollte. Daraus ergab sich eine OP, anschließend sechs bis acht Wochen Krücken, alles ohne den Fuß zu belasten. Dann wieder eine OP, um die Gelenkblockadeschraube herauszunehmen. Ein Jahr Heilungsprozess, dann wieder eine OP, um die Platte mit den Schrauben zu entfernen, danach wieder Physiotherapie und das Hoffen, dass alles so wird, wie es vorher war. „Das darf doch nicht wahr sein…“
Ich wurde notfalltechnisch erst einmal versorgt. Ich sollte nach Aalborg in eine spezielle Klinik verlegt werden. Das alles wurde mir auf Dänisch, Englisch und Deutsch mit Händen und – nicht mehr – Füßen erklärt. Das Personal war super nett, ruhig und zuvorkommend. Sie sprachen alle ein bisschen Deutsch – klasse! Es wurde sogar eine Mitarbeiterin geholt, die es perfekt konnte. Als nun mittlerweile vier gut aussehende Krankenhausmitarbeiterinnen um mich herumstanden, versuchte ich mich mit meinen vier Worten auf Dänisch für das gute Deutsch von allen zu bedanken „Tak for dejlig tysk!“ Damit war die Barriere der unsicheren Sprache gebrochen. Alle lachten, und für einen Augenblick war die Ernsthaftigkeit der Situation vergessen. Tak!
Die Ärztin machte mir klar, dass ich mich unbedingt einer Operation am Sprunggelenk unterziehen müsse. Damit sei nicht zu spaßen – es sei eine schwere Fußverletzung! Sie wollte mir das Bein bis zur Hüfte eingipsen. Sie wusste bestimmt aus Erfahrung, dass wir Surfer sonst nicht im Krankenhaus bleiben wollen. Wir einigten uns erst einmal darauf, den Fuß bis zum Knie ruhigzustellen. Diese Verhandlungen waren schwierig, sie wollte einfach nicht aufgeben! Ich bekam am Ende eine professionelle, leichte Kunststoff-Orthese angefertigt und ein Paar Krücken. Nachdem mir die Orthese angelegt worden war, stand ich auf. Die Patientenliege war voller Sand. Ich versuchte, ihn mit den Händen zusammenzuwischen, und entschuldigte mich dafür. Es sollte nicht auch noch den Boden verschmutzen, doch ich hörte nur: „Is ok, is Danmark.“ Wir beide mussten lachen.
Frau Doktor versuchte mich zum Bleiben zu überreden und riet mir dringend davon ab, zu gehen. Ich verließ das Krankenhaus dennoch gegen den ärztlichen Rat. Das bedeutete keineswegs, dass ich an der Qualifikation der Ärzte in Dänemark zweifelte – ganz im Gegenteil, sie haben einen hervorragenden Ruf! Ich beherrschte jedoch die Sprache nicht gut genug, um mich entsprechend zu verständigen und wirklich alles im Detail zu verstehen. Ich wurde dort höchst professionell und super freundlich aufgenommen und behandelt!
Die Ärzte in Hamburg waren später begeistert von dieser angefertigten Kunststoff-Orthese – so etwas gab es in Hamburg gar nicht. Zwei Tage später lag ich das erste Mal in meinem Leben auf dem OP-Tisch in Hamburg, mit der Hoffnung, dass alles wieder so wird, wie es vor diesem unglaublich großen Windsurftag war. Ein langer Weg liegt wohl vor mir. Erst einmal wieder beschwerdefrei laufen zu können, ist das große Ziel – dann muss ich sehen, wie es weitergeht.
Zusammengefasst war die Entscheidung, nicht in Hanstholm, sondern in Klitmøller rauszugehen, im Nachhinein materialschonender. Das Gerücht besagt, dass dort drüben über zehn Masten gebrochen und die dazugehörigen Segel zerstört wurden. Ein Board ging durch einen abgerissenen Powerjoint komplett verloren. Dazu kam, dass in Nørre ein vollständiges Rigg von Neptun einbehalten wurde. Es gab ungewöhnlich viel Materialbruch an diesem Tag, was die nicht gerade kleinen Bedingungen eindrucksvoll bestätigt!
Die Messboje in Hanstholm war an diesem Tag vom ablandigen Südwestwind und dem Land abgedeckt, hatte aber in der Zeit, in der ich in Klitmøller draußen war, die größte Wellenhöhe von 7,33 Metern an diesem Tag aufgezeichnet. Erfahrungsgemäß liefen die Wellen in Klitmøller meistens 1 bis 1,5 Meter höher in die Bucht. Selbst die dänische Presse hatte ungewöhnlicherweise über diesen außergewöhnlichen Surftag berichtet!
Ob die Entscheidung, morgens nicht in Hanstholm rauszugehen, eine gute war, weil es materialschonender war, stellt sich im Nachhinein wohl nicht mehr. Ob es von mir sehr schlau war, ein zweites Mal in Klitmøller rauszugehen, obwohl ich während der ersten Session schon zwei Warnungen von Neptun erhalten hatte, bleibt wohl immer mein unbegreifliches Geheimnis! Was ich im Nachgang feststellen konnte, ist, dass meine vordere Fußschlaufe auf der Fahrerseite ziemlich locker eingestellt war. Ich vermute, dass diese Lose beim Anlupfen des Brettes beim Überfahren der gebrochenen Welle zu keinem richtigen Kontakt vom Fuß, also der Ferse, zum Brett geführt hat.
Dadurch konnte die Wucht der Welle diesen Soielraum nutzen, um das Board mit voller Wucht gegen meinen Fuß zu schlagen und dieses Trauma auszulösen. Vielleicht waren die Wellen auch einfach nur zu schnell und zu wuchtig an diesem Tag. Fazit: Sehr große Bedingungen – keine zu großen Fußschlaufen, um das Risiko zu minimieren!
Es bleiben in der Nachbetrachtung Bilder und Eindrücke, die man für immer mitnimmt und die die meisten Menschen niemals sehen werden! Röntgenbilder sollten natürlich bei dieser oder anderen Sportarten keinen Sportler begleiten. Windsurfen ist und bleibt das, was man erleben muss – egal in welcher Form, mit oder ohne Wellen. Es ist und bleibt da draußen ein fantastisches Erlebnis. Aber selbst wenn man sicher ist in dem, was man tut, muss man immer damit rechnen, dass etwas Unerwartetes passiert.
Ich kann im Nachgang sagen, dass der Body-Drag, in meinem Fall ohne Aufsteigen aufs Board, mich sicher und schnell aus der Gefahrenzone und an die rettende Kante gebracht hat! Übt diesen Move, er bringt euch schnell und sicher nach Hause, wenn so etwas passiert!
Die Füße in den Schlaufen sind beim Windsurfen nun mal dem größten Verletzungsrisiko ausgesetzt. Legt euch beim Rein- und Rausgehen einfach ein- oder zweimal ins Wasser und versucht, euch vom Segel hinterherziehen zu lassen. Wenn es nicht klappt, einfach surfen gehen und es beim Reinkommen erneut ein- oder zweimal versuchen. Irgendwann wird es funktionieren, und dann ist es Routine. Die sechsstündige Rückfahrt alleine in der Nacht im eigenen Bus aus Norddänemark nach Hamburg – ohne Automatikgetriebe – ist ein weiterer „Fahrbericht“, den ich hier lieber nicht erzählen werde.
Bis zum nächsten Tiefdruck werde ich es wohl nicht schaffen, ich wäre froh, erst mal wieder laufen zu können. Ich wünsche euch aber trotzdem weiterhin viel Spaß auf dem H2O. Ich hoffe, dass es mir so weit gelingen wird, dass wir gemeinsam wenigstens mal wieder Flachwasser rutschen können. „Ein bei ein“, sagt man so im Norden.
Ein großes Dankeschön geht an meine vier Helfer, ohne die ich nichts gebacken bekommen hätte. Ich wurde sogar wieder vom Krankenhaus abgeholt. Das Gleiche gilt natürlich auch dem Krankenhaus in Thisted und dessen super Mitarbeiterinnen in Dänemark - „Tak for dejlig tysk!“ Auf gar keinen Fall möchte ich vergessen, mich beim Personal des AGAPLESION Krankenhauses in Hamburg zu bedanken, die mich in drei Operationen wieder zusammengeschraubt haben. Dankeschön!
Nach der dritten Operation zur Materialentfernung, der Zustimmung der Ärzte und weiteren sechs Wochen des Wartens auf Genesung war es nach sieben Monaten und 28 Tagen so weit: Es war endlich Boarding-Time! Nun heißt es – zwar mit angezogener Handbremse – “endlich wieder!”
Am 03.07.2026 am heiligen Ort packten Neptun und Petrus für mich das erste Mal wieder den großen Besteckkasten aus. Nachdem ich vier Anläufe gebraucht hatte und ich das erste Mal im Leben bei solchen Bedingungen Angst hatte, da rauszugehen, sodass ich das Board zweimal wieder weggepackt habe, musste ich einfach da raus, um dieses Erlebnis hinter mir zu lassen! Es war so der Hammer, es war soo großartig, es war soo sauber und es war soo schön!
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