Tobias Frauen
· 25.07.2026
“Man könnte sagen, dieser Ozean und ich haben eine Hassliebe. Über die Jahre bin ich öfter losgefahren als auf der anderen Seite angekommen.” Dieser Satz im Prolog von “Silent Mayday” trifft Thema, Kern und Spannungsbogen des Buches ziemlich perfekt, er bleibt die gesamte Lektüre über im Gedächtnis. Autor Louie Hubbard hat in dem autobiografischen, mehr als 400 Seiten starken Werk sein Trauma niedergeschrieben, dass er auf dem Atlantik erlebt hat. Warum das Windsurf-historisch interessant ist? Weil diese Hassliebe in dem legendären Trans Atlantik Windsurf Race von 1998 gipfelte, dessen Geschichte und Vorgeschichte im Mittelpunkt steht.
Louie Hubbard, mit dem wir im vergangenen Jahr schon ein ausführliches Interview zu dem Rennen und seinem Buch-Projekt führen konnten, erlebte den Zusammenbruch der PBA 1995 hautnah, wurde danach eher zufällig Tour-Manager der PWA und war mehr als fünf Jahre lange einer der Köpfe des Worldcup-Zirkus. Geschichten über ausgeuferte Trinkgelage, wilde Parties und knallharte Deals im Buch sind sehr unterhaltsam und mit einer ordentlichen Portion britischen Humor geschildert und zeigen ein Stück Windsurf-Geschichte der Prä-Internet-Ära.
Doch Louies PWA-Job war eigentlich nur ein Nebenprodukt seines Herzensprojektes, dem Trans Atlantic Windsurf Race. Die Vorgeschichte dazu ist dramatisch: 1993 geriet er als junger Skipper mit einer Segelyacht in einen schweren Atlantik-Sturm, nur um ein Haar konnte die Crew gerettet werden. Der Untergang war damals, Anfang 20, für die fünf Besatzungsmitglieder nach außen hin in erster Linie die Geschichte, mit der man in jedem Pub zur Attraktion wurde. Doch das Unglück verursachte auf verschiedene Art Traumata, die jahrzehntelang verborgen blieben und dann auf dramatische Weise aufbrechen sollten.
Louie stürzte sich im Geiste von Arnaud de Rosnay in den Versuch, solo als Windsurfer den Atlantik zu überqueren - blauäugig und ohne ausreichende Vorbereitung. Seine abenteuerliche, kaum erprobte Ausleger-Konstruktion überlebte nicht mal die Ausfahrt aus dem Hafen in Neufundland, wenig später wollte er gar auf einem herkömmlichen Serienboard starten. Das Scheitern brannte sich tief in ihn ein: “Weg war der 21 Jahre alte Yacht-Kapitän, der einen Traum lebt”, schreibt er. “Er wurde ausgetauscht gegen den 22 Jährigen, der versucht hatte, alleine über den Atlantik zu surfen. Man ist immer nur so gut wie der letzte Job.” Deswegen der Untertitel: “In a world of heros and zeros”
Die Angst, mit diesem Scheitern in Verbindung gebracht zu werden, begleitete Louie von da an und wurde zum Antrieb. Das Trans Atlantic Race sollte diese Schmach ausgleichen, während seiner Zeit bei der PWA und der Organisation des Rennens lebte er ständig in Angst, jemand könnte Wind von dem Versuch bekommen. Die Idee, das Rennen zum 500. Jahrestag der Entdeckung Nordamerikas anzusetzen, war der Auslöser für das Mammut-Projekt, das vier Jahre in Anspruch nahm. Die grobe Planung, Begleitboote, ein russischer Eisbrecher als Mutterschiff, Finanzierung, Pressearbeit, Profi-Fahrer - jeder einzelne Baustein ist eine Herausforderung für sich, vor allem die Finanzierung. Von ersten unbeholfenen Kontakten beim Indoor-Worldcup in Paris taucht Hubbard immer weiter in die Windsurf-Szene ein, als Tour-Manager entdeckt er sein Talent, Tourismus-Regionen als Sponsoren zu gewinnen und lebt dabei auf der Überholspur, mitten im Worldcup-Zirkus.
Die Umstände des Trans Atlantic Windsurf Race 1998 lassen sich in “Silent Mayday” ebenso spannend und dramatisch nacherleben wie der Untergang der Yacht. Jede Menge Rückschläge und Dramen, die Dank der packenden Erzählweise Krimi-Charakter haben. Das Wissen darum, dass es am Ende ein Rennen gegeben hat, tut der Spannung dabei kaum einen Abbruch. Doch während das Rennen nach dem Zieleinlauf als beendet galt, hatte Hubbard noch lange mit den finanziellen Folgen zu kämpfen.
Die Lösung: Ein zweites Rennen, das die Löcher der ersten Auflage stopfen sollte. 2000, zum Millenium, sollte es von Portugal nach Brasilien gehen. Statt eines russischen Eisbrechers war für jedes Team ein extra gebautes Schnellboot vorgesehen. Auch dieses Rennen hing mehrfach am seidenen Faden, nur mit jeder Menge Improvisation konnte Louie den Start möglich machen. Ein erfolgreiches Ende jedoch war diesem Rennen nicht vergönnt - ein weiteres Mal losgefahren, aber nicht angekommen.
“Silent Mayday” entstand aus der Erkenntnis heraus, seine Erlebnisse und Traumata der Neunziger verarbeiten zu müssen, schreibt Hubbard. Dass diese “stillen Notrufe” allzu oft überhört werden, wird auch am Ende noch einmal auf tragische Weise deutlich. Deswegen sind 1.000 Exemplare des Buches für einen wohltätigen Zweck zur Trauma-Bewältigung gedruckt worden. Inzwischen ist daraus die Organisation “Ocean Therapy” entstanden, die Programm für Kinder anbietet, unter anderem unterstützt von Ex-Profi Nik Baker. Das Buch selber kommt extrem hochwertig daher, mit dickem Papier und Bildern aus der Sammlung von “American Windsurfer”-Herausgeber John Chao, der bei beiden Rennen dabei war und auch beim Buch mit Louie Hubbard zusammengearbeitet hat.
“Silent Mayday”, englisch, 413 Seiten, ab 35,00 Pfund in verschiedenen Ausführungen mit Extras zu bestellen unter silentmayday.org

Redakteur
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.