Julian Wiemar
· 11.10.2026
Lennart Neubauer hat auf Sylt mehr gewonnen als einen Wettkampf – er hat eine ganze Woche aus Nerven, Warten und plötzlicher Vollgas-Intensität überstanden. Im entscheidenden Moment war er im Flow und wusste: Es klappt.
Windvorhersagen, die sich täglich änderten, ein unterbrochenes Halbfinale und lange Wartetage mit Kopfkino: Die Weltmeisterwoche von Lennart Neubauer auf Sylt verlief alles andere als reibungslos. Doch der Freestyle-Star blieb fokussiert. Am Ende stand er ganz oben: Weltmeister, mit einem alten Kuma-Movie-Clip als Soundtrack und dem Gefühl, im entscheidenden Moment alles kontrollieren zu können. Wir haben Lennart Neubauer nach dem Event zum Gespräch getroffen.
Ja, es war eine sehr lange Woche, mit Windvorhersagen, die sich ständig geändert haben. Ich habe bestimmt zehnmal am Tag die Vorhersage gecheckt, wenn nicht öfter.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der erste Tag auf dem Wasser. Der war ziemlich intensiv. Wir waren praktisch den ganzen Tag im Neo. Ab der zweiten Runde hatten wir keine Zeit mehr, zwischendurch an Land zu kommen, weil die Heats so nah aufeinanderfolgten und wir ungefähr zwei Kilometer weit draußen waren. So weit weg von allem zu sein, war schon besonders. Genau während meines Halbfinales gegen Balz ist dann der Wind eingeschlafen. Dadurch hatte ich die nächsten zwei Tage Zeit, alle möglichen Szenarien im Kopf durchzugehen. Zwischendurch war ich auch in der Sylter Welle und im Kino, was eine schöne Abwechslung war.
Natürlich war auch der Tag unglaublich intensiv, an dem wir endlich wieder Wind hatten und ich erst gegen Balz und dann gegen Dieter gewonnen habe. Aber ganz ehrlich: Die Tage auf Sylt verschwimmen für mich ein bisschen. Ich weiß teilweise gar nicht mehr, was an welchem Tag passiert ist. Es geht alles ineinander über. Auch jetzt bin ich im Kopf noch etwas langsam und müde von der Intensität des Events, den Nerven und allem drumherum.
Wenn ich ein Gefühl herausgreifen müsste, wäre es der Moment im Finale gegen Dieter, als ich auf dem Wasser wusste: Ich packe das jetzt. Ich war im Flow und hatte das Gefühl, im Prinzip machen zu können, was ich wollte. Das war unglaublich intensiv, im positivsten Sinne.
Ich glaube schon, dass die Leute auf Sylt mich mögen. Ein Typ hat mir im Vorbeigehen sogar zugerufen: „Ich habe tausend Euro auf dich gewettet, also gewinn das Ding!" Da musste ich einfach grinsen.
Klar merke ich, dass viele wollen, dass ich gewinne. Als deutschsprachiger Fahrer bin ich natürlich auch für die Interviews und das Publikum interessant. Aber ich vergesse dabei nicht, warum ich das mache: Ich mache es für mich, weil ich den Sport geil finde. Und ich lebe auch für diesen Druck. Für die Stunden davor, für die Nerven, für dieses Adrenalin. Mit diesen Gefühlen umzugehen und zu schauen, was ich daraus machen kann, finde ich unglaublich spannend. Auch diese Ungewissheit gehört dazu. Deshalb lasse ich mir das, was die Leute sagen, nicht zu sehr zu Kopf steigen.
Mein Halbfinale gegen Balz wurde unterbrochen, als der Wind nachließ. Dadurch hatte ich zwei volle Tage zum Nachdenken und Vorbereiten. Und ich habe gemerkt: Mit jeder Stunde wurde das Nachdenken mehr und das Druckgefühl größer. Plötzlich hatte ich Zeit, sämtliche Szenarien durchzugehen: Was passiert, wenn ich gewinne? Wie weit muss ich kommen, um den Titel zu holen? Eigentlich sind das unnütze Gedanken, aber sie kommen trotzdem. Ich habe versucht, sie nicht zwanghaft wegzudrücken, sondern mir zu sagen: Okay, diese Gedanken sind da, aber ich bin nicht meine Gedanken. Ich kann kontrollieren, wie ich darauf reagiere und was ich damit mache. Das habe ich mir immer wieder bewusst gemacht.
Trotzdem gab es ein paar Nächte, in denen ich länger wach lag und Kopfkino hatte: Wie wird es laufen? Wird es klappen? Gleichzeitig hatte ich aber dieses tiefe, fast blinde Vertrauen, dass ich es hinbekomme. Das finde ich selbst manchmal interessant: Woher kommt diese Sicherheit? Bei den meisten Events ist sie sehr klar und sehr stark. Ich gehe rein mit dem Gefühl, dass ich gewinnen werde. Ich weiß nicht, ob andere das genauso erleben, aber mir hilft es sehr.
Ich war im Flow und hatte das Gefühl, im Prinzip machen zu können, was ich wollte.
Das Halbfinale gegen Balz war der entscheidende Heat – Yentel war bereits im Viertelfinale ausgeschieden und damit auf Platz fünf. Wenn ich ins Finale komme, würde das wahrscheinlich den Weltmeistertitel für mich bedeuten. Deshalb war der Druck vor diesem Halbfinale am größten.
Ich hatte gehört, dass Balz gegen mich alle Tricks auspacken wollte, die er kann – auch die, die noch nicht wirklich offiziell im Buch stehen. Da habe ich mir mit einem Grinsen gedacht: Okay, dann mach das mal. Gleichzeitig wusste ich, dass es klappen kann, wenn ich mein Ding durchziehe.
Balz ist jemand, bei dem es auch mal „all or nothing" sein kann. Er kann in einem Heat 40 Punkte machen und im nächsten 30. Ich bin aber immer von den 40 ausgegangen, weil ich weiß, dass er das draufhat. Und ich fand es einfach richtig cool, dass er in dieser Position war. Ich gönne ihm den Vizeweltmeistertitel sehr. Nach so vielen Jahren auf Tour. Ich finde ich das mega inspirierend.
Die Idee kam mir in Pozo, als ich zum ersten Mal diese wasserdichten Kopfhörer gesehen habe. Ich habe sie einfach bestellt und gedacht: Okay, das probiere ich mal aus. Als sie ankamen, habe ich sie auf Naxos getestet. Mir war inzwischen auch aufgefallen, dass ich beim Windsurfen viel vor mich hin singe und im Kopf immer wieder alte Windsurfvideos abspiele.
Mit den Kopfhörern habe ich schnell gemerkt, dass die Musik mich sehr präsent macht und mir so einen leichten Fokus im Hintergrund gibt. Daraufhin habe ich die PWA gefragt, ob ich sie auch im Heat tragen darf. Die Antwort war: Absolut kein Problem. Also habe ich es direkt im ersten Heat ausprobiert, und das lief gut.
Im Finale lief tatsächlich die Audiospur eines alten YouTube-Videos von Kuma Movie: „Kiri in Mangrove, Part 3". Part 2 hatte ich auch dabei. Das sind meine absoluten Lieblingsvideos aus der damaligen Freestyle-Zeit.
Ausgerechnet im Finale fing dieser Song zufällig an zu spielen. Das hat mich noch mehr in die Zone gebracht, in dieses Gefühl von Freiheit und Freestyle mit dem 5,2er bei wenig Wind. Das Timing hätte eigentlich kaum besser sein können.
Ich habe schnell gemerkt, dass mich die Musik auf dem Wasser sehr präsent macht.
Je älter ich werde und je länger ich auf Tour bin, desto weniger plane ich meine Heats im Voraus. Früher habe ich mir genau aufgeschrieben: Bei wenig Wind mit dem 5,2er sieht mein Heat so aus, bei Starkwind mit dem 4,0er so. Mittlerweile gehe ich aufs Wasser, passe mich den Bedingungen an und entscheide oft erst Sekunden vorher, welchen Trick ich mache.
Ich glaube, inzwischen habe ich einfach die Erfahrung, dass vieles automatisch passiert. Ich muss nicht mehr so viel aktiv nachdenken. Es ist eher ein Bauchgefühl: Ich sehe eine Rampe und mache zwei Sekunden später einen Pasko, weil ich weiß, dass sie dafür passt.
Nach so vielen Jahren lernt man, das Wasser zu lesen. Man erkennt, welcher Move zu der Welle passt, die gerade vor einem liegt, und reagiert darauf. Früher war das anders. Heute plane ich da nicht mehr besonders viel voraus.
Ich bin eigentlich überhaupt kein Partytyp. Aber diesmal war ich tatsächlich bis morgens um vier feiern. Ich wurde sogar einmal aus dem Partyzelt rausgeschmissen, weil meine Kollegen mich in die Luft geworfen hatten. Auf dem Weg nach draußen haben mir dann aber so viele Leute gratuliert, dass die Security mitbekommen hat, dass ich gerade das Event gewonnen hatte. Draußen hatten wir ein nettes Gespräch. Die waren auch super freundlich, und danach durfte ich wieder rein. Also nichts Wildes, einfach eine lustige kleine Geschichte. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich wirklich selten auf Partys bin. Aber mit allen Fahrern zusammen zu feiern, hat unglaublich viel Spaß gemacht. Das war etwas Besonderes. Und das kann Sylt wirklich gut.
Jetzt bin ich gerade auf dem Weg zum Brouwersdam, wo das Finale der FPT stattfindet. Darauf liegt im Moment mein Fokus.
Wenn ich weiter nach vorne schaue, möchte ich nächstes Jahr in der Wave-Disziplin richtig durchstarten. Dieses Jahr war schon ein guter Schnupperkurs, vor allem auf Teneriffa. Aber ich habe noch unglaublich viel zu lernen. Gerade beim Wellenabreiten fehlt mir noch die Erfahrung, die man sich über Jahre erarbeitet. Und natürlich möchte ich meinen Freestyle-Titel verteidigen und das Level dort weiter pushen. Gleichzeitig möchte ich aber jedes Jahr mehr Energie in Wave stecken.

Redakteur surf
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