Julian Wiemar
· 24.11.2024
Spanische Mutter, deutscher Vater und das Meer vor der Haustür: Mit acht und elf Jahren brachte ihr Vater, der früher Surflehrer auf Gran Canaria war, Carlos und Alexia Kiefer das Windsurfen bei, und es war schnell klar, dass dieser Sport das Richtige für sie ist, denn nichts zuvor hatte die beiden so sehr gepackt. Schwimmen, Fußball, Tennis, Tanzen rückten schnell weit in den Hintergrund. Alexia begann ein Studium in München, doch die große Leidenschaft zog sie kurzerhand zurück auf die windigste kanarische Insel, wo sie nun wieder mit ihrem jüngeren Bruder Carlos, der dieses Jahr Abitur macht, fast täglich auf dem Wasser zu finden ist. Wo die beiden Junior-Champs hinwollen, vor welchen Hürden sie stehen und wer besser im Springen beziehungsweise im Abreiten ist, bereden wir im Interview.
Carlos: Ich bin schon ein bisschen traurig, da ich sehr gerne mit ihr gereist wäre und am World Cup Sylt teilgenommen hätte.
Alexia: Im Jahr 2019, als ich 14 Jahre alt war, bin ich zum ersten Mal auf Sylt gewesen und es hat mir sehr gut gefallen. Die Bedingungen waren gar nicht einfach, der Wind war auflandig und es war sehr schwer rauszukommen. Aber ich liebte die Atmosphäre und das Essen. Ich war auch fasziniert, so viele Zuschauer am Strand zu sehen.
Wir haben das gleiche große Ziel: den Weltmeistertitel in der Welle.” (Carlos Kiefer)
Carlos: Lernen steht für uns an erster Stelle. Unsere Familie hat uns das so beigebracht, dass die Schule Priorität hat. Wenn die Bedingungen jedoch an einem Tag besonders gut sind, kann es sein, dass ich eine Stunde verpasse, aber das ist nicht üblich.
Alexia: Ja, im Moment studiere ich Betriebswirtschaft und Tourismus an der Universität in Las Palmas. 2022, als ich mein Abi fertig hatte, ging ich zunächst zum Studieren nach München. Mir fehlte aber meine Familie und das Meer, die große Entfernung zwang mich zur Rückkehr. Ich konnte doch nicht ohne Windsurfen. Jetzt bin ich wieder auf Gran Canaria und habe Zeit, nach dem Unterricht zu trainieren, wann immer es windig ist.
Carlos: Unser Vater wohnt im Süden der Insel, Richtung Playa del Inglés, etwa 20 Minuten weit entfernt. Unsere Mutter lebt jetzt in Pozo, es ist für uns also sehr einfach, windsurfen zu gehen, wenn wir bei ihr sind.
Alexia: Ja, ich habe den Führerschein seit anderthalb Jahren. Normalerweise fahren wir nicht an andere Spots, weil wir Pozo wirklich mögen. Es ist für uns der beste Spot und mein Auto ist auch ziemlich klein. Ich hole Carlos aber oft vom Haus unseres Vaters oder von der Schule ab, um gemeinsam in Pozo windsurfen zu gehen. Carlos wird seinen Führerschein in wenigen Monaten auch haben, dann machen wir die Insel unsicher.
Alexia: Ja, wenn ich von der Uni nach Hause komme und es windig ist, gehe ich windsurfen, und wenn nicht, gehe ich ins Fitnessstudio. Wenn ich fertig bin, lerne ich und mache Hausaufgaben. Wegen des Doppelstudiums habe ich sehr viele Prüfungen und demnach auch viel zu lernen.
Carlos: Wenn ich nicht lernen muss, gehe ich auch nachmittags aufs Wasser. Und am Wochenende sowieso. Wenn kein Wind ist, schauen wir uns auch gerne die Videos an, die unser Vater während der letzten Session aufgenommen hat, um daraus zu lernen. Sonst gehe ich ins Gym oder laufen.
Ein Leben als Vollprofi ist nur Wunschdenken, das ist aktuell nicht möglich. (Carlos Kiefer)
Carlos: Ich möchte auch studieren, entweder hier auf Grand Canaria oder in Deutschland. Das Lebensszenario als Vollprofi ist für mich aktuell bloß Wunschdenken, so wie es aussieht, ist das nicht möglich. Ich würde sehr gerne weiterhin mit meiner Schwester zusammen im World Cup mitfahren. Außerdem werde ich weiterhin meine Reise-Vlogs auf Youtube hochladen (Kanal: PozoBros), weil es mir Spaß macht, ohne dabei finanzielle Ziele zu verfolgen.
Alexia: Ich habe dieses Jahr ein paar Preisgelder gewonnen, diese decken aber nicht ganz die Kosten. Ich weiß nicht, wie die anderen das machen, aber ich würde sehr gerne nach dem Studium vom Windsurfen leben oder beides kombinieren. Ich möchte dabei die Spots weltweit auch zum Trainieren besuchen und nicht nur einen Tag vor dem World Cup anreisen und sofort wieder abreisen. Mein Level würde dadurch enorm steigen, die Kosten aber auch. Ich weiß noch nicht genau, was ich eines Tages mal beruflich machen werde, aber was ich weiß, ist, dass ich mich mehrere Jahre lang intensiv dem Windsurfen widmen möchte.
Ich habe diese Saison ein paar Preisgelder gewinnen können, diese decken aber nicht ganz die Kosten für die Tour.” (Alexia Kiefer)
Alexia: Ganz sicher. Nachdem ich dieses Jahr mehrere Podiumsplätze in der Kategorie der Erwachsenen erreicht habe, bin ich motivierter denn je, dieses Ziel zu erreichen. Ich hoffe, dass uns der Winter in Pozo gute Bedingungen bietet, um für nächstes Jahr viel trainieren zu können. Ohne Zweifel werde ich nicht eher aufhören, bis ich Weltmeisterin bin.
Carlos: Mein großes Ziel im Windsurfen ist auch der Wave-Weltmeistertitel, ja, und ich werde nicht aufhören, bis ich es erreicht habe. Währenddessen möchte ich viel reisen, Windsurfer auf der ganzen Welt treffen und vor allem weiterhin Spaß beim Windsurfen haben.
Carlos: In letzter Zeit mag ich Marino Gil am meisten – ohne Zweifel ist er einer der besten Windsurfer der Welt. Ich hoffe, dass ich bald so springen kann wie er. Marc Paré mag ich auch sehr.
Alexia: Mein Bruder ist eines meiner größten Vorbilder. Obwohl er noch nicht zu den allerbesten der Welt gehört, bin ich beeindruckt, wie stark und schnell er sich in den letzten Jahren verbessert hat und wie gut er mit nur 17 Jahren windsurft. Ich liebe es, ihm zuzuschauen und mit ihm zusammen zu windsurfen. Ich bin auch beeindruckt, wie radikal Julian Salmonn surft, und ich versuche seinen Stil auf der Welle zu kopieren.
Carlos ist ein großes Vorbild für mich – er hat mir beigebracht, wie wichtig es ist, geduldig und beharrlich zu sein.” (Alexia Kiefer)
Carlos: Fast immer! So macht es am meistens Spaß. Mir gefällt es, eine gute Welle in der Nähe meiner Schwester zu finden oder vor ihr Sprünge wie den Double Loop zu machen.
Alexia: Wir lieben es, voreinander Tricks zu machen, sei es beim Springen oder auf der Welle. Letztens haben wir zum Beispiel einen Wettbewerb gemacht: wer zuerst einen Taka bei sehr kleinen Wellen hinbekommt – wir lassen uns immer etwas einfallen.
Carlos: Pozo ist für mich nie langweilig. Natürlich ist es viel geiler, neue Spots auszuprobieren, vor allem in anderen Ländern, aber Pozo hat insgesamt genau das, was ich mag.
Alexia: Nachdem ich dieses Jahr den ganzen Sommer fast jeden Tag in Pozo verbracht habe, langweilte ich mich ein wenig. Aus diesem Grund fahre ich zum Beispiel sehr gerne nach Cabezo auf Teneriffa, um mit meiner Freundin Maria (Morales, Anm. d. R.) zu windsurfen.
Carlos: Ich würde demnächst sehr gerne in Matanzas und Topocalma in Chile surfen und auf jeden Fall auch auf Mauritius.
Alexia: Chile war ohne Zweifel bisher meine Lieblingsreise zum Windsurfen. Die Landschaften, das Essen, die Menschen, die Atmosphäre in Matanzas, die Windsurfbedingungen, die Spots und das Land selbst … Ich habe alles geliebt. Außerdem war es ein Contest ohne Sprungwertung, was mir am besten gefällt. Es war unglaublich, zum ersten Mal in meinem Leben den zweiten Platz in einem World Cup in der Pro Division zu belegen und auf dem Podium neben Lina (Erpenstein, Anm. d. R.) zu stehen – und noch dazu bei den größten Wellen in der Geschichte des Chile World Cups. Leider waren die Flüge so teuer, dass Carlos nicht mitkommen konnte. Hoffentlich haben wir nächstes Jahr die Möglichkeit, zusammen dorthin zu reisen.
Carlos: Ich bin der Meinung, dass ich jetzt auch besser als meine Schwester auf der Welle surfe. Meine Schwester und mein Vater sind aber nicht dieser Meinung (lacht).
Ich denke immer noch, dass ich besser auf der Welle bin, weil ich viel mehr Zeit ins Abreiten investiere. Allerdings hat Carlos einige Moves wie den Shaka oder den Wave 360er gelernt, die ich noch nicht kann.
Carlos: Da wir aus Deutschland keine finanzielle Unterstützung erhalten haben, haben wir auf spanische Segelnummer gewechselt. Es gibt Aussichten, einen Teil unserer Reisekosten von der Regierung erstattet zu bekommen. Wir haben die deutsche und spanische Staatsangehörigkeit.
Alexia: Wir haben viele Verwandte in Deutschland, dadurch bin ich öfters in München. Ich bin mit dem Wetter in Deutschland aber nie ganz warm geworden. Ich fühle mich mehr als Spanierin, mit Sicherheit.
Carlos: Ich sage immer, dass ich Hispano-Deutscher bin oder andersrum. So identifiziere ich mich auch. Ich bin sehr oft und sehr gerne in Deutschland, gehe in Las Palmas auf eine deutsche Schule, werde hier mein deutsches Abitur machen und daher sehr wahrscheinlich in Deutschland studieren.
Alexia: Ohne Zweifel war die Konstanz ausschlaggebend für den Erfolg. Windsurfen, wann immer es möglich ist, egal wie gut oder schlecht die Bedingungen sind. Und vor allem nicht aufzugeben, wenn wir einen schlechten Tag haben. Wenn wir etwas wollen und hart daran glauben und dafür arbeiten, es zu bekommen, werden wir es auch schaffen. Das wurde mir klar, als ich damals meinen Bruder beobachtete, als er den Backloop lernte: Er machte jeden Tag Hunderte von Versuchen und es schien so, als würde er keine Fortschritte machen, doch er gab nicht auf. Nach Mühe und Geduld begann er nach einigen Monaten aus heiterem Himmel, fast jeden Backloop zu landen. Heute beherrscht er fast alle Sprünge in Perfektion. Carlos ist für mich ein Vorbild, das mir beigebracht hat, wie wichtig es ist, geduldig und beharrlich zu sein. Und unser Vater hat uns seit wir klein sind, immer zum Surfen gebracht, aufgeriggt, gefilmt und trainiert. Auch unsere Mutter hat uns immer sehr motiviert und mir Mut gemacht, wenn ich keinen guten Tag hatte. Dank meiner Familie ist es für mich einfach gewesen, dranzubleiben.

Redakteur surf