Deutschlands Olympia-Surferin“Das große Ziel ist Gold in L.A. 2028” - Theresa Steinlein im Interview

Tobias Frauen

 · 16.10.2026

Theresa Steinlein war als neue Markenbotschafterin von Citroën beim Windsurf Worldcup auf Sylt zu Gast
Foto: Citroën
Nach Platz sechs 2024 will Theresa Steinlein bei den Olympischen Spielen 2028 ganz nach vorne. Wo sie sich zur Halbzeit ihrer Kampagne sieht, wie ihre Bilanz nach der Weltmeisterschaft ausfällt und warum ihr iQFOiL mehr liegt als der PWA Worldcup, hat uns Theresa auf Sylt erzählt, wo sie als neue Markenbotschafterin für Titelsponsor Citroën zu Gast war.

Hi Theresa, wie gefällt es dir hier beim Windsurf Worldcup Sylt?

Richtig cool! Ich habe noch nie einen so großen Windsurf-Event gesehen. Man merkt, wie groß der Sport noch immer ist, und das ist schön zu sehen!

Was ist abgesehen von der Größe der auffälligste Unterschied zu euren Events im iQFOiL?

Wir haben nicht so viele Zelte, nicht so viele Marken, die auf dem Event ihre Produkte promoten. Bei uns gibt es meistens nur ein großes Zelt für das Equipment, mehr ist da nicht. Es findet da auch wenig Kommunikation für die Zuschauer statt. Hier ist viel mehr los, so sollte es sein!

Hättest du auch Lust selber hier mal mitzufahren oder ist das zu weit weg vom iQFOiL?

Ich bin ja 2022 mal in Japan bei der PWA mitgefahren, aber mir gefällt das olympische Format viel mehr. Da muss man ein bisschen taktisch fahren, und gerade für uns Mädchen ist es viel attraktiver, weil die Starterfelder viel größer sind. Vielleicht fahre ich mal aus Spaß irgendwann wieder einen Worldcup mit, aber ich sehe hier nicht meine Zukunft.

Was liegt dir am iQFOiL mehr - das Material oder die Rennformate?

Die Rennformate auf jeden Fall! Ich komme ja vom Segeln, deswegen habe ich den taktischen Background. Ich treffe gerne taktische Entscheidungen und möchte nicht nur geradeaus fahren und um Tonnen halsen. Ich glaube, ich bin bei uns besser aufgehoben. Auch unser Lifestyle ist ganz anders: Wir sind ja dicht an den Verbänden und dort in deren Fördersystemen organisiert. Das ist natürlich eine Einschränkung der Freiheit. Die Worldcupper können machen, was die wollen, haben ihre privaten Sponsoren und organisieren sich selbst, die haben auch meistens keine Coaches. Das ist ein ganz anderes Leben: Die leben eher den Surf-Lifestyle und wir ein richtiges Athleten-Leben, so wie man es sich so vorstellt.

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Hättest du so eine Freiheit auch manchmal gerne?

Ja, auf jeden Fall. Das ist schon was Cooles, dass man seine Kampagne komplett selbst gestalten kann! Aber ich bin auch eigentlich relativ frei im Vergleich zu vielen anderen Leuten, ich kann meine Trainings mit meinem Coach so gestalten, wie ich will und trainiere die meiste Zeit alleine mit Italienern.

Deine Basis hast du am Gardasee...

Genau, ich habe eine ziemlich gute Partnerschaft mit den Italienern und vor allem mit Marta (Maggetti, Olympiasiegerin 2024, Anm. d. Red.). Das ist meine Sparringspartnerin, mit der ich die letzten vier, fünf Jahre trainiert habe. Ich schätze unsere Zusammenarbeit einfach sehr, weil ich weiß, dass wir sehr genau arbeiten können und wir vom Stil her genau gleich arbeiten, Marta und ich.

​Sophia Meyer und Emma Schleicher, die beiden anderen DSV-Surferinnen, sind ja in Kiel angesiedelt. Wie ist da der Kontakt und der Austausch?

Emma habe ich erst jetzt bei der WM kennengelernt, Sophia und ich sind ziemlich gut befreundet. Aber wir haben verschiedene Coaches. Es ist nicht so wie beim Segeln, dass man sich viele Tipps geben kann. Am Ende starten wir eh alle zusammen, und wir reden dann auch über andere Sachen als Surfen.

Citroën ist Partner des deutschen Olympia-Teams, Theresa wurde auf Sylt als Markenbotschafterin vorgestellt.Foto: CitroënCitroën ist Partner des deutschen Olympia-Teams, Theresa wurde auf Sylt als Markenbotschafterin vorgestellt.

Du bist hier auf Sylt als neue Markenbotschafterin von Citroën. Was sind da eure Projekte?

Citroën ist ja der olympische Partner von Team Deutschland für L.A. 2028, wie auch schon bei den Winterspielen 2026. Dort wurden die deutschen Medaillengewinner mit einem goldenen, silbernen oder bronzefarbenen Auto zurück ins Deutsche Haus gefahren, das fand ich sehr cool! Ich bekomme für die nächsten zwei Jahre ein Auto gestellt, das ist eine Riesenunterstützung und ein super wichtiger Faktor in der Kampagne. Ich fahre ja immer zum Gardasee, da ist das Auto einfach perfekt. Wir haben hier auf Sylt die ersten Bilder gemacht und ein paar Interviews. Ich bekomme dadurch auch viele Connections zu anderen Athleten, alleine für den Austausch ist das super!

Im September war die iQFOiL-WM in Weymouth, du bist am Ende 13. geworden. Wie ist deine Bilanz?

Es ist nicht so gelaufen, wie ich es mir erhofft habe, aber auch das ganze Jahr ist überhaupt nicht nach Plan gelaufen. Ich konnte nur an drei Events teilnehmen, weil ich gesundheitliche Probleme hatte. Die Europameisterschaft habe ich ausgelassen, die Regatta in Hyeres und die Trofeo Princesa Sofia in Palma musste ich ausfallen lassen. Ich war ein halbes Jahr komplett raus und musste von null anfangen. Natürlich sind die Ziele höher gewesen als das Resultat, das am Ende rausgekommen ist. Aber ich bin froh, dass ich nach so einer langen Zeit das Comeback geschafft habe und in die Weltspitze zurückfahren konnte.

Das heißt, das war kein Rückschlag für dich?

Nein, ich hatte meinen Rückschlag im Sommer. Es war für mich jetzt eher ein gutes Comeback.

Theresa ist von Platz 13 bei der WM nicht enttäuscht, sondern sieht ein gutes Comeback nach langer PauseFoto: Sailing Energy / iQfoil ClassTheresa ist von Platz 13 bei der WM nicht enttäuscht, sondern sieht ein gutes Comeback nach langer Pause

Wir haben jetzt ungefähr Halbzeit auf dem Weg zu Olympia 2028, wo siehst du dich selber? Bist du schon da, wo du sein wolltest?

Die Auszeit in diesem Sommer war natürlich nicht geplant. Aber ich weiß, dass mir diese Recovery-Phase auf jeden Fall langfristig gesehen richtig viel helfen wird, das spüre ich jetzt schon. Das große Ziel ist Gold in L.A. 2028, und darauf versuche ich mich zu fokussieren. Mein ganzes Training ist darauf ausgerichtet, meine Ressourcen und meine Energie dafür bestmöglich einzuteilen und meinen Körper darauf vorzubereiten. Wir haben alle nicht unendlich viel Energie, irgendwann muss man auch mal Pause machen. Und ich glaube, das war jetzt die letzte Chance, eine Pause einzulegen, denn die nächsten zwei Jahre werden sehr intensiv.

Wie sieht da dein Plan aus? Was hast du für Meilensteine bis Olympia 2028?

Im Januar steht die nächste WM auf dem Plan, in Brasilien. Dort gibt es dann die erste Chance zur Nationen-Quali, bei der wir einen Startplatz für Deutschland sichern können. Die ist super wichtig, aber es ist natürlich auch eine Weltmeisterschaft, bei der ich mir schon mehr erhoffe als nur den Nationenstartplatz. Und dann haben wir im nächsten Jahr einen großen Testevent in L.A.. Die Saison ist einfach ziemlich voll. Aber über allem steht der große Traum, mit dem goldenen Auto von Citroen ins Deutsche Haus gebracht zu werden und da mit allen Olympioniken zu feiern!

Wie würdest du das Olympia-Revier und die Bedingungen nach deinem ersten Eindruck beschreiben?

Das Revier ist eigentlich ziemlich cool. Wir sind ja in Long Beach, nicht direkt in Los Angeles. Eine sehr gute Infrastruktur, wir fahren dort hinter der Wellenschutz-Mauer auf flachem Wasser. Wir waren im Sommer schon mal dort und hatten immer so 12 Knoten. Das ist erstmal nicht sehr kompliziert.

Flaches Wasser hinter einem Wellenbrecher: Bei der WM im britischen Weymouth waren die Bedingungen ähnlich wie sie 2028 in L.A. erwartet werden.Foto: Sailing Energy / iQfoil ClassFlaches Wasser hinter einem Wellenbrecher: Bei der WM im britischen Weymouth waren die Bedingungen ähnlich wie sie 2028 in L.A. erwartet werden.

2024 bist du bei Olympia etwas überraschend auf Platz 6 gefahren, letztes Jahr bei der WM hast du Bronze geholt. Spürst du, dass da mehr Druck ist und die Erwartungshaltung gestiegen ist?

Ja, ich denke schon, dass das was mit einem macht, aber am Ende bin ich immer noch die gleiche Theresa wie vorher. Bis jetzt hat meine Leistungskurve fast immer nur nach oben gezeigt. Das ist toll, so was geschafft zu haben. Der Verband lässt mir eigentlich ziemlich viel Freiheit und ich habe das Gefühl, dass sie an mich glauben. Dafür bin ich sehr dankbar!

​Am Ende bin ich immer noch die gleiche Theresa wie vorher!”

Bekommst du auch Mental-Coaching?

Bei uns an der Weltspitze - und ich glaube auch in jedem anderen Sport - hat jeder Athlet einen Mental Coach. Ich glaube, das sollte auch so sein, denn die mentale Gesundheit ist sehr wichtig und sollte immer Priorität haben. Das nimmt einen großen Teil in meinem Training ein, weil das Mentale so viel ausmacht in unserem Sport. Wir müssen so viele schnelle Entscheidungen treffen, und das Mindset muss stimmen, dabei kann Mental-Coaching die Welt verändern!

Nach Olympia 2024 wurden bei euch die neuen, etwas kleineren Segel eingeführt. Wie ist jetzt deine Bilanz nach zwei Jahren mit den neuen Segeln?

Mir hat es damals eine extreme Motivation gegeben, etwas Neues auszuprobieren. Zwar ist das Gewicht, das wir auf die Waage bringen müssen um konkurrenzfähig zu sein, nicht viel gesunken, aber meiner Meinung nach ist unsere ganze Disziplin jetzt noch einen Tick technischer geworden. Man muss noch ein bisschen präziser sein. Ich bin ja eine der Leichtesten, und habe jetzt ein bisschen bessere Chance gegen superschwere Mädchen. Wir können etwas mehr in unserem natürlichen Zustand bleiben und müssen nicht Unmengen an Muskelmasse aufbauen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Vor allem, dass das Problem auch von außen gesehen wurde, finde ich extrem wichtig.

Macht du viel Feintuning an deinem Material oder hast du ein festes Setup, das du einmal eingestellt hast und bis zu den Spielen nicht mehr veränderst?

Man bleibt nie an der gleichen Stelle und benutzt nie die gleichen Trimms. Es ist wirklich eine stetige Weiterentwicklung, man muss immer vorausdenken und darf mit dem Kopf nie stehen bleiben und denken ‘Jetzt habe ich mein Setting gefunden’. Es finden sich immer wieder viele neue, kleine Details, die man ändern kann. Dein Fahrstil verändert sich auch, das Gesamtgefüge verändert sich. Es ist wirklich unglaublich, wie weit man sich auch selbst verändert.

Es ist eine stetige Weiterentwicklung, man muss immer vorausdenken und darf mit dem Kopf nie stehen bleiben.”

Welchen Anteil hat die technische Abstimmung in deinem Training im Vergleich zu Fitness oder Taktik?

Bei uns ist die Technik super wichtig. Du kannst schwer sein, aber trotzdem nicht schnell sein, weil du nicht die Technik hast. Natürlich ist es viel einfacher, in den Speed-Mode reinzukommen, wenn du schwerer bist. Aber mit den richtigen Skills und guter Fitness kannst du trotzdem auf einen guten Speed kommen. Am Ende ist es einfach eine Mischung aus verschiedenen Komponenten. Die Mischung macht einfach den guten Surfer aus.

Bei der WM hat Tamar Steinberg gewonnen, die auch schon Europameisterin ist. Ist sie auch für die nächsten Jahre die absolute Favoritin und wo siehst du dich da im Vergleich?

Tamar hat eine richtig gute Saison und gehört zu den Besten. Die Israelis sind ein super starkes Team, eine starke Gruppe, haben auch eine sehr gute Basis in Israel, gerade fürs Wintertraining. Aber am Ende ist jeder schlagbar. Ich weiß, dass die Unterschiede nicht groß sind. Jeder kann eine gute Woche erwischen, gleichzeitig kann man nicht bei jedem Event auf Top-Niveau performen. Das ist natürlich und normal, dass man seine Up and Downs hat und ich glaube, in einer sportlichen Karriere sollte das auch so sein.

Bei den Olympischen Spielen 2024 fuhr Theresa Steinlein bis auf Platz sechs nach vorne - gerade einmal vier Jahre nach ihren ersten Windsurf-Versuchen.Foto: Sailing EnergyBei den Olympischen Spielen 2024 fuhr Theresa Steinlein bis auf Platz sechs nach vorne - gerade einmal vier Jahre nach ihren ersten Windsurf-Versuchen.

Bei unserem letzten Gespräch warst du gerade auf der Zielgerade deines Bachelor-Studiums. Gehst du auch diesen Weg weiter?

Genau, ich habe meinen Bachelor in International Economics im März 2025 in Rom abgeschlossen. Danach habe ich ein Jahr Pause gemacht, aber schnell gespürt, dass ich doch irgendwie meinen Kopf benutzen will und muss. Ich glaube, das ist ein sehr guter Ausgleich zum Sport. Jetzt mache ich noch einen Master im Bereich nachhaltiges Management. Der Sport hat zwar gerade die Priorität, aber ich versuche die freien Zeiten, vor allem bei den Reisen, mit etwas Sinnvollem zu füllen. Das ist manchmal sogar sehr entspannend. Natürlich werde ich keine normale Regelstudienzeit haben, aber ich versuche das so gut wie möglich abzuschließen.

Du bist Sportsoldatin bei der Bundeswehr, einen ähnlichen Weg ist ja auch Fabian Wolf gegangen. Wie sieht da die Unterstützung aus?

Ja, Fabi und ich haben unsere Grundausbildung gemeinsam gemacht und sind sehr gut befreundet. Die Bundeswehr unterstützt die duale Karriere, das bedeutet mein Studium wird von der Bundeswehr finanziert und gefördert. Das ist gerade für uns Athleten sehr wichtig, um nach der Karriere ein zweites Standbein zu haben.

​Wenn diese Option jetzt für junge Nachwuchs-Surfer auch interessant ist: Was sind die Voraussetzungen, um als Sportler von der Bundeswehr unterstützt zu werden?

Man kann sich über den jeweiligen Verband bewerben, in unserem Fall der DSV. Dafür muss man gewisse Kriterien erfüllen, der Verband schlägt dann eine bestimmte Anzahl von Kandidaten für die Förderung als Spitzensportler vor. Wenn man sein Kriterium nicht mehr erfüllt, rutscht man auch automatisch aus der Spitzensport-Förderung heraus. Ich bin wie alle Segler in der Sportfördergruppe Hamburg, wir bekommen jedes Jahr eine Verlängerung, wenn wir die Kriterien erfüllen.

Welche Verpflichtungen hast du bei der Bundeswehr?

Jeder muss einmal die Grundausbildung machen. Danach gibt es immer wieder Lehrgänge, die so ungefähr einen Monat dauern. Darüber hinaus haben wir aber eigentlich die Freiheit, so zu trainieren, wie es nötig ist. Unser Job ist immer noch, Athlet zu sein und nicht Soldat, aber wir müssen natürlich die Prinzipien eines Soldatenlebens verstehen. Das ist auch mal interessant, eine ganz andere Welt kennenzulernen. Und auch unter den Athleten knüpft man da viele Kontakte, die man sonst nie getroffen hätte.

Theresa, vielen Dank und viel Erfolg!


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Redakteur surf

Tobi verantwortet alles Digitale – von der surf-Webseite bis zu den Social-Media-Kanälen – und sorgt täglich für frischen Bild- und Videocontent. Seine Surf-Wurzeln reichen vom Münsterland über Ijsselmeer, Brouwersdam und Sylt bis nach Kiel und Heidkate. Heute lebt er seit über zehn Jahren in Hamburg als „Weekend Warrior“ und ist so oft wie möglich mit Campingbus und Familie unterwegs – bevorzugt an Ostsee, SPO, Dänemark sowie in Finnland, Schweden oder UK.

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