”Könnt ihr bitte eine Seascape 24 klar machen, die geht um zwei Uhr raus.“ Eigentlich ist es an Samstagen vergleichsweise ruhig in Val di Sogno, der Bucht am Südrande von Malcesine. Der wöchentliche Kurswechseltag. Aber gerade haben zwei Stammkunden kurzentschlossen angefragt und Heinz Stickl gibt die Planänderung per Funk vom benachbarten „Beach Hotel Rosa“ an die Segellehrer in der Basis weiter. Dort wird bei über 30 Grad im Schatten gerade aufgeräumt und repariert. Zwischen Fronleichnam und dem Beginn der Sommerferien ist noch ein bisschen Zeit für die letzten Vorbereitungen auf den Run in der Hochsaison.
Seit nunmehr 50 Jahren ist das Stickl Sportcamp die erste Adresse für die Surf- und Segel-Ausbildung am Gardasee. Während heute die Segelschüler überwiegen, hatte er 1976 ganz klein mit einer reinen Surfschule begonnen: ein Mann, vier Bretter. Der Sohn eines Segellehrers vom Tegernsee war als Europameister der Bootsklasse „Korsar“ früh auf Erfolgskurs. Mit 13 hat er angefangen; als eins von vier Kindern in der Segelschule, die bis heute in Familienhand ist. Auf dem Plan stand die Olympiateilnahme 1976 in Montreal, als kurz vorher der Windsurf-Boom losbrach. Stickl lernte den Umgang mit dem Brett in der Schule seines Vaters, wo er schon unterrichtete, und wurde 1976 auf den Bahamas prompt Windsurfer-Weltmeister in der Schwergewichtsklasse (bei den Leichtgewichten gewann ein gewisser Robby Naish). Das Surf-Virus hatte ihn gepackt. Von seinem Vater und von eigenen Regatten kannte er die verlässlichen Windsysteme am Gardasee. Nach seiner letzten Wettfahrt im Segelboot hatte er sich am See umgeschaut, den heutigen Spot in der geschützten Bucht gefunden und dann einen Wassersport-Händler angesprochen. „Der war natürlich begeistert, jemanden zu haben, der eine Schule aufmacht und Bretter kauft.“ Auf dessen Vermittlung folgten Gespräche mit dem Chef des Hotels Val di Sogno, und nach einigen Grappe war der Deal besiegelt: Heinz Stickl zog mit vier Boards ins Hotel ein und bot dort Windsurf-Kurse an. Ein Bett in der Crew-Unterkunft, Verpflegung inklusive. Für den Hotelier war es eine Wette auf die völlig neuartige Wassersportart. Und diese ging schneller auf als erwartet.
1976 stand eigentlich die Olympia-Teilnahme im Segeln auf dem Plan, als kurz vorher der Windsurf-Boom losbrach.”
„Was ich in dem ersten Jahr verdient habe, habe ich komplett in Werbung gesteckt. Damals gab es ja schon Windsurf-Händler und die habe ich alle angeschrieben. Also wusste auf einen Schlag jeder, dass es am Gardasee eine Basis gibt.“ Die Schule wuchs in nur drei Jahren auf 100 Bretter und zehn Lehrer. „Die ganze Bucht war ein Meer von Segeln.“ Nach fünf Jahren zog eine der Schwestern nach und stieg mit ein. Die Bucht im Süden von Malcesine ist ideal für den Schulbetrieb. „Damals gab es noch keine Trapeze. Da haben die Leute einen Fluchtort gebraucht, und das war die Bucht bei Nordwind. Da fährst du um die Ecke einen Schlag raus, bis die Kraft in den Armen nachlässt, machst eine Wende und kommst wieder rein“, beschreibt Stickl den Standortvorteil, der trotz aller Weiterentwicklung des Surfsports bis heute relevant sei. „Die Leute sind nicht sportlicher geworden“, sagt er grinsend. „Um zu lernen, brauchst du nicht vier Windstärken. Bis man anfängt zu gleiten, ist es hier der perfekte Trainingsort mit vielen Stunden Zeit am Tag zum Üben.“
Zu Beginn, das wusste er jedoch vorher nicht, war die Bucht ein Eldorado für Wasserskifahrer, ebenfalls treue Gäste des Hotels. Da wurde es dann auch mal eng auf dem Wasser. „Aber der Chef hat immer zu uns gehalten.“ Die Motorboote gingen, die Surfer kamen. „Die Leute haben gedacht, das ist mein Hotel, weil nur Surfer da drin gewohnt haben“, erinnert sich Stickl. Mitte der 80er Jahre endete das rasante Wachstum des Surfsports. „Der Boom war vorbei, viele Firmen haben zugemacht und wir sind back to the roots, haben das Segeln ins Programm genommen.“ Trends früh zu erkennen und schnell richtig zu reagieren, ist eines der Erfolgsgeheimnisse Stickls. Heute, schätzt er, liegt der Anteil der Surfausbildung bei 20 Prozent, gemessen am Höchststand Anfang der 80er Jahre. Stickl nahm zunächst Kats und Kielboote in die Flotte. Die Jüngstenausbildung im Opti kam hinzu, die Flotte wuchs und die Diversifizierung zahlte sich aus. „Segeln ist jetzt unser Hauptsport, klassisch auf Einrumpfbooten.“ Mit dem Wechsel der Sportarten änderte sich auch die Infrastruktur: Das Partnerhotel wurde umgebaut. „Die wollten den Surfertrubel nicht mehr.“ Seit fünf Jahren ist Stickl Co-Eigner des „Beach Hotel Rosa“, das mit Pool und Restaurant direkt an der Basis liegt. Natürlich genügt das nicht. „Die guten Unterkünfte profitieren von uns, weil unsere Leute da buchen“, erklärt er.
Die logistische Zentrale des Camps liegt leicht erhöht am Hang im Garten des Hotels „Olivi“. 2000 Quadratmeter hat Stickl hier gepachtet und einen Schulungsraum, Duschen, Büro, Lager für 700 Neoprenanzüge und weiteres Equipment gebaut. Hier ist auch die Rezeption für die Kursanmeldung. Für die Lehrer gibt es eine Pension etwas weiter südlich. Stickl selbst wohnt mit seiner Partnerin hoch oben am Hang mit perfektem Blick über die Bucht. Die Action auf dem Wasser beginnt aber seit 50 Jahren am selben Fleck: An den Bojen vor dem Hotel liegen die Trainerboote und Jollen, Seascapes und einige Katamarane. 50 Meter daneben schlägt das Herz des Camps: Am Ufer stehen Boards, Kats, Wasps oder Optis an Land aufgereiht. Bereit, über die kurze Sliprampe in den See zu gleiten. „Segeln ist permanent gewachsen“, sagt er. „Wir haben irrsinnig viele Katamarane, wir waren letzte Woche mit 20 Hobies auf dem Wasser. Alles Leute, die schon viele Jahre zu uns kommen, aber es fehlt ein bisschen der Nachwuchs.“ Der Bootspark ist ein weiterer Beweis für Stickls Entscheidungsfreude: Seine Flotte des Modells „Seascape“ besteht aus den Baunummern eins bis vier.
Vor einigen Jahren hat er massiv in den Foiling-Trend investiert – sowohl in Sachen Wingfoilen als auch bei foilenden Segelbooten. Unter dem Motto „Alles was schwimmt, kann auch fliegen“ kamen ab 2016 diverse Boote mit Foils hinzu: „Das war supergeil. Damals sind die Leute aus aller Welt zu uns gekommen: sogar aus Australien und aus dem San Francisco Yacht Club. Wir waren nun einmal die einzige Basis und alles, was damals mit Foiling angefangen hat, war schon mal hier.“ Stickl war abermals der Erste. Bei den Brettsportarten steht Foiling nach wie vor im Trend. Kitesurfen und Kitefoilen, Foil-Windsurf und Wingfoil zählen zum festen Angebot.
Stickls Tag beginnt vor sieben Uhr mit einem Blick vom Balkon, er macht sich ein Bild vom Wetter und lässt im Kopf die eigene Windprognose entstehen, unterstützt von den Webcams rund um den See. Daraufhin plant er für jeden Kurs das optimale Zeitfenster und gibt die Zeiten über eine mobile Website an die Lehrer und Schüler weiter. Er teilt sich selbst als Lehrer ein. Noch heute sitzt der Gründer täglich im Trainerboot. Für Kat-Kurse, Windsurf-Stunden oder Einrumpftrainings. In der Saison sind bis zu 23 Mitarbeiter im Einsatz: Seine Lebenspartnerin Brigitte kümmert sich um die Buchungen, drei Kolleginnen um die Rezeption und Abläufe. Die Mehrheit ist auf dem Wasser. Zu Saisonbeginn, Ende März, startet er mit etwa acht Leuten, die in der Basis die Boote aufbauen und den Standort herrichten für die Osterwochen. Die meisten Lehrer sind langjährige treue Kunden der Schule. Studenten, die Stickl und seine Abläufe von Kindesbeinen an kennen. Pfingsten ist kurz Saison, dann ist bis zu den Sommerferien noch einmal Zeit zum Durchatmen. Danach wird es richtig voll. „Das sind zwölf, 13 Wochen Hochsaison, wo richtig der Bär steppt und wir auch unser Geld verdienen müssen“, so Stickl, der dann pro Woche bis zu 170 Schüler betreuen muss. An der Schule wird im Stufensystem gelehrt. Die Kursteilnehmer arbeiten sich über verschiedene Levels hin zum erfahrenen Segler oder Surfer. Das erfordert viel Personal, das sich in den nachgefragten Wochen teilweise die Kurse teilen muss. „Da brauchst du jeden Mann an Deck.“ Bei etwa 2000 Schülern pro Saison bleibt für den Chef selbst nur wenig individuelle Zeit auf dem Wasser. Manchmal überlässt er den Schülern sein Boot und steigt mal um, freut sich aber mindestens ebenso herzlich über gelungene Kurstage mit großen Fortschritten für die von ihm betreuten Gäste.
Die Schüler genießen bei Stickl persönliche Betreuung: Zwar sitzen die Lehrer und Trainer im Begleitboot, doch jeder Kursteilnehmer bekommt einen persönlichen Funkempfänger, auf dem er seinen Coach hören kann. „Es ist wie Privatunterricht, das machen wir seit über 30 Jahren und das machen uns nicht allzu viele nach, weil das ziemlich aufwendig ist. Wir haben 100 solcher Funkgeräte“, erklärt er. Natürlich hört der ganze Kurs mit und kann das, was an einen Schüler gerichtet war, direkt mit umsetzen. „So kannst du die Leute wahnsinnig schnell auf ein hohes Niveau bringen.“ Man spare sich damit auch langwierige theoretische Einweisungen, die ohnehin selten richtig in den Köpfen blieben. Ein weiterer Vorteil: Auch die Trainer bekommen ihrerseits wiederum direkt vom Chef Hinweise per Funk, etwa wenn an einer Stelle am See attraktive Windfelder bis in den Abend stehen, während woanders schon die Flaute kommt. „Da schicken wir einen Kurs rüber und schleppen sie abends rein, aber so gewinnen wir oft eine Extra-Stunde Wasserzeit.“
Nach dem Ende der bayerischen Ferien wird es ruhiger am See und ab dem 10. Oktober packt Stickl das Sportcamp ein: Von Neoprenanzügen über Boote und Segel bis zur letzten Gummimatte wird alles abgebaut, geprüft, zur Reparatur vorbereitet und eingelagert. Der Chef schließt ab und zieht nach München. „Dann geh ich Skifahren.“ Über den Winter wird die Website aktualisiert, die ersten Buchungen kommen rein. Öfter auch von Firmen, die Wassersport-Incentives buchen, die Stickl konsequent auf die Vor- und Nachsaison legt. Der Schulbetrieb hat im Sommer Vorrang.
Als Erster leistet man zwar Pionierarbeit, die am Anfang nichts bringt, aber das hat uns ein gutes Image verschafft.”
Heinz Stickl blickt nach 50 Jahren zufrieden auf seine Entscheidungen zurück. „Das war zum einen, dass wir immer rechtzeitig angefangen haben mit neuen Sachen.“ Windsurfen natürlich, Kiten, Wingen, Foilen. „Es ist besser, der Erste zu sein. Da leistest du zwar Pionierarbeit, die am Anfang nichts bringt, aber das hat uns immer ein gutes Image gebracht.“ Aber es gab auch Herausforderungen: „Wir haben natürlich auch unsere Kämpfe gehabt mit Behörden, wo man nicht wusste, ob man weitermachen darf.“ Nur den Versuch, ein zweites Standbein auf Lanzarote zu etablieren, bereut Stickl: „Das war eine ganz schlechte Idee.“ Gram ist aber nicht seins: „Sonst habe ich nichts bereut. Ich bin im Hier und Jetzt. Immer.“
Nach 50 Jahren und im stolzen Alter von 74 macht Stickl sich aktuell wieder Gedanken über die Zukunft. „Irgendwann muss ich natürlich mal aufhören.“ Das aktuelle Programm könne er nur noch ein paar Jahre machen. „Jetzt muss ich mir jemanden suchen, der das einmal weitermacht.“ Mit einem Interessenten gab es schon konkrete Gespräche, „aber es ist schwierig, weil niemand als Segellehrer viel Geld investieren kann.“ So macht er vorerst weiter – und hält die Augen offen für den nächsten Trend, bei dem Stickls Sportcamp dann gern wieder die Pionierarbeit leisten darf.
Offizielle Webseite: stickl.com
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