PFAS in Nord- und OstseeWie gefährlich ist belasteter Meeresschaum für Surfer und Wassersportler?

Julian Wiemar

 · 27.04.2025

Mund zu! Am gefährlichsten ist PFAS, wenn man die Chemikalie über Meeresschaum hinunterschluckt
Foto: pwaworldtour.com/Carter
Wir haben uns mit einem Toxikologen der Uni Kiel über PFAS-Chemikalien im Meeresschaum unterhalten. Die Konzentration in Schäumen ist deutlich höher als im Wasser selbst. Vorsicht wird empfohlen, doch keineswegs vom Surfen abgeraten.

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PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) sind rein menschengemachte Stoffe, die seit etwa 80 Jahren bekannt sind und unter anderem in Teflon-Pfannen oder Imprägniersprays Verwendung finden. Sie gelangen in die Umwelt, verbleiben dort und werden, wenn sie vom menschlichen Körper aufgenommen werden, kaum wieder ausgeschieden. Stellen diese Chemikalien eine wachsende Bedrohung für uns Surfer dar, insbesondere in Meeresschäumen? Dr. Hans-Jörg Martin, ein Experte auf diesem Gebiet, klärt uns über die Risiken dieser sogenannten „Ewigkeitschemikalien“ auf.

Die Hauptaufnahme von PFAS erfolgt oral. Über die Haut gelangt nicht wahnsinnig viel in den Körper.”

Meeresschaum bindet PFAS an sich

Während der Begriff PFAS in Kombination mit Meeresschaum immer wieder in den Medien auftauchte, alarmierte besonders eine Studie von Greenpeace, in der hohe PFAS-Werte an der deutschen Nordseeküste gemessen wurden, die Wassersportszene. Dr. Martin bestätigt: „Die Messungen sind korrekt. Im Schaum gingen die Werte bis 160.000 Nanogramm pro Liter, während der dänische Grenzwert für Badegewässer bei 40 Nanogramm liegt.“ Einen Grenzwert für Badegewässer gibt es in Deutschland nicht. Er erklärt, dass sich PFAS aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften besonders gut im natürlichen Meeresschaum ansammeln. „Das ist vereinfacht gesagt wie ein Filter, der die Stoffe aus dem Meerwasser herauszieht und gut an sich haften lässt“, so der Experte.

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Auch wenn die Messung von Greenpeace berechtigt ist, ist zu bedenken, dass es hier im Prinzip um einen Liter Wasser geht, der aus reinem Meeresschaum gewonnen wird. Dass die Konzentration von PFAS dann deutlich höher als in einem „normalen“ Liter Meereswasser ist und die Werte schnell durch die Decke schießen, ist logisch. Um auf einen Liter Wasser zu kommen, benötigt man eine sehr große Menge Schaum. Das Wasser für den dänischen Grenzwert wird in 30 Zentimeter Tiefe entnommen. Dänische PFAS-Messung im Meeresschaum ergaben ebenfalls teilweise sehr hohe Werte. Für den Schaum haben aber auch die Dänen keinen Grenzwert.

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Wie Milch im Kaffee

Die generelle Belastung von Süßwasser in Flüssen und Seen ist mit dem Meerwasser vergleichbar, PFAS sind überall, dort bilden sich zwar durch geringere natürliche Schaumbildung (durch Algen und Wellenschlag) weniger Schaum-Hotspots, doch leider gibt es auch abseits der Küste durch Industrie-Altlasten nicht weniger kontaminierte Gebiete.

Dr. Martin betont, dass noch viele Fragen offen sind: „Wir müssen das noch längerfristig untersuchen. Ist das zu bestimmten Jahreszeiten besonders der Fall? Ist der Schaum immer und überall so belastet?“ Er verweist auch auf laufende Initiativen auf EU-Ebene, die Herstellung von PFAS zu regulieren oder zu verbieten. Allerdings fügt er hinzu: „Die Interessenvertreter laufen natürlich Sturm, man muss mal gucken, was davon übrig bleibt.“ Was allerdings feststeht, ist, dass die PFAS-Chemikalien, sobald sie einmal in die Natur gelangen, nur mit sehr großem Aufwand zurückzuholen sind. „Ein Kollege hat sich mal um folgendes Bild bemüht: Wenn man Kaffee in die Milch schüttet, kriegt man die Milch in reiner Form nicht wieder raus. Und genauso ist es hier auch: Diese Stoffe sind in der Natur, jetzt schaut man eben, wo genau, weil man erst vor Kurzem erkannt hat, wie gefährlich sie eigentlich sind.“

Gesundheitsrisiken durch PFAS für Wassersportler

Die Hauptaufnahme von PFAS erfolgt oral, weshalb das Verschlucken des Schaums besonders problematisch ist. Dr. Martin warnt: „Über die Haut kommt nicht so wahnsinnig viel in den Körper hinein, aber verschlucken sollte man es nicht.“ Die Chemikalien können langfristig Leber und Nieren schädigen, das Immunsystem schwächen und die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen, einige stehen auch im Verdacht Krebs zu erzeugen. Allerdings betont der Experte: „Das heißt nicht, dass sie akut toxisch wirken. Sie wirken über lange Zeit chronisch.“

Man sieht es dem natürlichen Meeresschaum eine PFAS-Belastung nicht an, schmeckt es nicht, riecht es nicht.”

Trotz der Risiken rät Dr. Martin nicht vom Surfen ab: „Wassersport ist sicherlich auf jeden Fall zu empfehlen, deswegen sollte man nicht darauf verzichten.“ Er empfiehlt jedoch, den Kontakt mit Meeresschaum zu minimieren und ihn keinesfalls zu verschlucken. Eine visuelle Erkennung belasteter Schäume ist leider nicht möglich. „Man sieht es ihm nicht an, schmeckt es nicht, riecht es nicht. Es ist überhaupt eine aufwendige Analytik, für die man kühlschrankgroße Messgeräte benötigt, um die Chemikalien überhaupt nachweisen zu können“, erklärt der Chemiker.

Dr. Martin rät Wassersportlern, sich vor dem Besuch eines Spots bei lokalen Behörden über die aktuelle Situation zu informieren. Trotz der Bedenken bleibt seine Botschaft positiv: Surfen sollte man weiterhin gehen, allerdings mit erhöhtem Bewusstsein für die potenziellen Risiken durch PFAS-Hotspots in Meeresschäumen.


Julian Wiemar

Julian Wiemar

Redakteur surf

Julian, 1996 in Köln geboren, zählt zu den besten deutschen Freestyle-Windsurfern und trainiert bis heute regelmäßig auf dem Rhein. Nach deutschem Meistertitel und mehreren Jahren an internationalen Top-Spots mit Weltcup-Ambitionen fand er über Reise- und Revierberichte den Weg zum surf-Magazin. Dort absolvierte er ein Volontariat und arbeitet heute als Redakteur, der seine Erfahrungen und Leidenschaft für den Windsurfsport mit den Lesern teilt.

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