SURF
· 24.05.2026
Text: Vincent Chrétien
Sommer. Ferien. Die Eltern sind unentschieden: Windsurfer oder Segelboot Optimist? Fabien: Windsurfer! „Ich war dreizehn oder vierzehn, am dritten Tag war ich total begeistert“, erinnert sich Fabien. Und bereits nach einem einwöchigen Kurs schaffte er es, bis zum Ende des Sommers als Assistent im Verleih der Schule arbeiten zu dürfen.
Wir befinden uns in den frühen 8oern, der Boom-Phase des Windsurfens, in der – neben den rund vierzig Shapern, die in Frankreich tätig waren – jeder Windsurfer nur von einer Sache träumte: von seinem eigenen maßgeschneiderten Board. Auch Fabien: „Zwei Jahre nach meinem ersten Kurs kaufte ich mir einen Bausatz und baute mein erstes eigenes Brett, so gut ich eben konnte. Zu Hause in Antibes gab es damals zwei Werkstätten: Radical und Adrénaline. Nur zwei Jahre später trat ich dem Adrénaline-Team als Teilzeit-Reparateur bei. Da sie sahen, dass ich nicht schlecht war, ließen sie mich zunächst die Boards schleifen, dann ging ich zu Laminieren über und entwickelte mich immer weiter.“
Mit 23 wagte er den großen Sprung: Hawaii. Er kam am Abend in Maui an, und weil er niemanden kannte, bei dem er hätte bleiben können, mietete er ein Auto und schlief darin. Im Morgengrauen machte er sich auf den Weg nach Paia und schlich sich auf Zehenspitzen in das „La vie en rose“ – damals ein Treffpunkt, ein Nest, in dem sich alle Franzosen versammelten. Fabien folgte ihrem Rat und ging zum Wochenmarkt, auf dem alle Profis ihre Ausrüstung weiterverkauften. Das war ein echter Windsurf-Flohmarkt. Dort traf er Bernard Biancotto – einen der angesehenen Windsurf-Fotografen, den jeder kannte und den er bereits während eines Tests mit einem Board von Adrénaline in Tarifa kennengelernt hatte. „Er erkannte mich und bot mir an, mich zur Werkstatt von Jimmy Lewis mitzunehmen (einem der legendären Shaper der damaligen Zeit). Bernard stellte mich vor, und Jimmy sagte: „Ah, du shapst?“ Und dann platzte er einfach damit heraus: „Hör zu, ich lasse dir die Schlüssel zur Werkstatt da. Komm einfach, wann immer du willst.“
Es war mein erster Tag auf Maui, und ich hatte die Schlüssel zu Jimmy Lewis’ Werkstatt in der Tasche!”
Fabien erinnert sich: „Es war mein erster Tag auf Hawaii und ich hatte die Schlüssel zu Jimmy Lewis’ Werkstatt in der Tasche. Ich war total aus dem Häuschen und wurde dort fast ein Jahr lang Dauergast. In der Zwischenzeit hatte ich bei Jimmy angefragt, ob es ihm etwas ausmachen würde, wenn ich ihm beim Shapen zuschauen würde. Seine Antwort war ganz klar: ‚Kein Problem, aber du sitzt in einer Ecke und sagst kein Wort.‘ Ich ging zwei- oder dreimal pro Woche hin, oft sehr früh am Morgen, nutzte die Gelegenheit, mich in der Werkstatt umzuschauen, beobachtete die Jungs beim Schleifen, beim Laminieren und bei Techniken, die mir unbekannt waren. Ich war ein absoluter Fan.“
Nebenbei fertigte Fabien seine ersten Boards für Freunde an, insbesondere für Renaud Simhon, einen guten Wavesurfer, der bezeugt: „Wir wurden schnell Freunde, und ich persönlich war zwar kein Weltklasse-Surfer, aber auch keine Niete. Da wir viel zusammen unternahmen, erzählte mir Fabien von seinen Projekten, und ich besuchte ihn, wenn er bei Jimmy shapte. Ich wollte unbedingt, dass wir zusammenarbeiten, denn Fabien hatte schon damals das gewisse Etwas, das bis heute anhält: Wenn Fabien etwas im Kopf hat, dann macht er es auch, er gibt alles. Dann sagte er mir eines Tages, dass er zurück nach Frankreich gehen würde. Ich bestand darauf, dass er mir dort das erste Board baut – mit dem Namen Tabou.“
Fabien kehrte also nach Antibes zurück und eröffnete im März 1990 seine erste Werkstatt. Renaud bestellte sofort drei Waveboards – zum Freundschaftspreis, versteht sich. In der Zwischenzeit begann Renaud an verschiedenen Weltcup-Veranstaltungen teilzunehmen. Dann ging alles blitzschnell: Renaud zeigte gute Leistungen, und seine Boards mit dem Tabou-Logo erregten die Aufmerksamkeit einiger Profis, insbesondere einer gewissen Jessica Crisp, die Boards bei ihm bestellte und im folgenden Jahr Weltmeisterin in der Welle wurde. Jessica Crisp wurde damals von Tiga gesponsert, aber zu dieser Zeit war es normal, dass alle Prototypen der Worldcup-Elite von unabhängigen Shapern entwickelt wurden. Ein besserer Start war kaum möglich. Fabien: „Es war verrückt, ich hatte meine Werkstatt vor Kurzem in einem Gewächshaus eingerichtet, wo ich die Planen entfernt und durch Blech ersetzt hatte, und sehr schnell sah ich die gesamte Weltelite auftauchen – Björn Schrader, Ralf Bachschuster und viele andere.“
Unter anderem schaut auch ein gewisser Fabien Pendle vorbei, ein Fanatic-Teamfahrer und einer der talentiertesten Slalomfahrer seiner Generation – und vor allem ein unvergleichlicher Feintuner. Pendle bestellt ein Brett bei Fabien, und das Abenteuer beginnt: Die beiden werden schnell Kumpels, dann Freunde und beginnen gemeinsam an Slalom-Boards zu arbeiten – mit Erfolg: Pendle wird im Weltcup Zweiter am Gardasee, Dritter auf Sylt. Schnell erhalten die beiden den Spitznamen „Les deux Fabiens“ (Die beiden Fabiens).
Fabien Pendle: „Wir hatten einen Job, der sich nicht wie Arbeit anfühlte. Renaud und ich surften im Worldcup aufs Podium, ansonsten hingen wir auf Rave-Partys ab, genossen das Nachtleben und alles, was dazugehört. Fabien war anders, er hat viel gearbeitet.“ War es also eine einseitige Zusammenarbeit? Hier möchte Fabien Vollenweider ehrlich sein: „Es war Fabien Pendle, der 90 Prozent des Know-hows für unsere ersten Slalom-Boards mitbrachte, er wusste genau, was er wollte und wohin er wollte.“
Ein Markenname ist wichtig. Sogar entscheidend. Aber bitte nicht zu kitschig oder prätentiös. Darüber zu schlafen hilft. Nach dem ersten Kaffee am Morgen der Gedanke: Tabou? Das ist lahm. Oder doch nicht? „Mein Bruder und alle meine Freunde haben damals stundenlang gegrübelt, um einen Namen für die Marke zu finden. Tabou, das ist Tahitianisch und bezieht sich auf alles, was zur Privatsphäre gehört. Da unsere Boards noch nicht so bekannt waren, fanden wir, dass der Name gut zu uns passte, er war kurz, originell und ein bisschen ausgefallen. Daher auch das Tiki als Logo“, erinnert sich Vollenweider.
Überspringen wir ein paar Schritte. Ein paar Weltcup-Etappen. Das war’s, Fabien gehört nun zur Elite der angesehensten Shaper. Nachdem er zu einem Must-have für Waveboards geworden war, explodierte sein Ruf, oder besser gesagt der Ruf der Marke. Weggefährte Renaud Simhon: „Bei einem der ersten Weltcup-Events, das in der Welle von Almanarre organisiert wurde, gab es fast nur Tabous auf dem Wasser.“
In dieser glücklichen Zeit arbeitete Fabien fast rund um die Uhr: „Ich hatte keinen Boden mehr unter den Füßen. Manchmal kam ich um sieben Uhr morgens in die Werkstatt und ging erst um drei Uhr nachts wieder. Aber ich stellte mir keine Fragen. Ich lebte meine Leidenschaft in vollen Zügen, der Rest war egal. Achtzig Prozent meiner Produktion war für Worldcup-Racer bestimmt. Also packte ich für jede Weltcup-Etappe meine Koffer, die ziemlich schwer und sperrig waren (lacht), und lieferte vor Ort die Prototypen an die Profis aus.“
Anfang der 90er-Jahre verkauften sich Serienboards immer besser, da sie effizienter und vor allem viel billiger als maßgefertigte Boards waren. Jede der großen Marken der damaligen Zeit – Tiga, Mistral, F2 und Fanatic – hatte nun ihren eigenen Shaper. Alle außer Bic. In dieser Zeit, im Jahr 1992, erhält Vollenweider etwas überraschend einen Anruf von Bic, in Person von Thierry Verneuil. Das Ziel: die zwei Fabiens zu Bic zu lotsen. Es war fast zwei Jahre her, dass Bic einen hauseigenen Shaper hatte. Die Marke entwickelte ihre Boards selbst, mit den Ingenieuren aus ihrer Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Sie checkten alle Boards auf dem Markt, vermaßen sie, aber sie brauchten zu lange, um ein Board in Produktion zu bringen, manchmal dauerte es zwei Jahre.
Vollenweider akzeptierte die Bic-Offerte, sein Kompagnon Fabien Pendle stellte aber eine Bedingung: Er wollte keine Prototypen für Antoine Albeau bauen, damit dieser nicht von all der Arbeit profitierte. „Vielleicht“, so Vollenweider „hatte er auch Angst, von Antoine im Slalom geschlagen zu werden. (Lacht) Ich habe im Namen unserer Freundschaft zugestimmt, aber ich erinnere mich, dass ich von Jean-Marie Albeau (Antoines Vater) ordentlich ausgeschimpft wurde.“
Der Vertrag mit Bic sah vor, dass Fabien vier Serienboards pro Jahr entwickeln musste. Heraus kamen Modelle wie das Vivace, das Saxo, das Techno – „Les deux Fabiens“ entwickelten einige Bestseller der Marke Bic. Arbeitsintensiv war aber auch die Herstellung von Prototypen für die Profis. Allein für Robert Teriitehau, das damalige Aushängeschild der Marke, waren es nicht weniger als zwanzig pro Saison.
Es folgen zehn Jahre mit Höhen und Tiefen, ganz normal. Zehn Jahre, in denen Fabien lernen konnte, was es bedeutet, eine Marke weltweit zu entwickeln, zu verwalten und zu bewerben. In den letzten Jahren ihrer Zusammenarbeit, als sich der Markt konsolidierte, beauftragte Bic ihn nur noch mit der Entwicklung eines einzigen Boards pro Saison. Das Problem: Fabien wurde damals als freiberuflicher Auftragnehmer bezahlt, er kam finanziell nicht mehr über die Runden und spürte, dass sich der Wind drehte. „Ich hatte bereits geplant, eine echte Wave-Linie und einige Freeride-Boards unter dem Namen Tabou zu entwickeln, die mir für den Markt geeignet erschienen. Svein Rasmussen hatte gerade Starboard, seine eigene Marke, auf den Markt gebracht, ebenso wie Roberto Ricci (RRD), der für mich eine wichtige Inspirationsquelle war.“
Fabien startete also 1997 eine erste Produktion in der Slowakei, dann ab 1999 bei Cobra in Thailand, auf Initiative von Bic, die damals den weltweiten Vertrieb der Marke sicherstellten. Tabou? Unter dem Logo gingen nur ein oder zwei Wellenmodelle in Produktion, aber es begann gut zu laufen, insbesondere dank junger Teamrider wie Thomas Traversa und Yannick Anton.
Nach einer sehr hitzigen Diskussion in Vannes reist Fabien nach Südafrika, wo eine Testveranstaltung des surf-Magazins stattfindet. Dort trifft er – mit weitreichenden Folgen – Knut Rudig, den damaligen Importeur von Bic und Tiga in Deutschland. „Wir essen eines Abends zusammen im Restaurant“, erzählt Fabien, „ich erzähle ihm davon, und wir vereinbaren, etwas zusammen zu machen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt seit vier Jahren nicht einmal mehr einen richtigen Vertrag mit Bic. Eigentlich war ich in meinen Augen völlig frei zu gehen. Ich glaube, was Bic, sagen wir mal, beleidigt hat, war, dass ich mit Knut und seiner Firma Newsports, dem damaligen Vertreiber ihrer Produkte in Deutschland, abgehauen bin.“
Mit elf Jahren stand ich bei Fabien in der Shape-Werkstatt. Er verkaufte uns ein 45-Liter-Waveboard zu einem lächerlich niedrigen Preis. Es war der Beginn einer Freundschaft.” (Thomas Traversa)
Es kam also zu einem Rechtsstreit. David gegen Goliath. Bic forderte eine Million Euro Schadenersatz. Es zog sich hin, und schließlich trennte man sich einvernehmlich, ohne dass einer dem anderen etwas schuldete. Das Bic-Abenteuer endete offiziell und endgültig im Jahr 2003.
Seit Frühjahr 1995 befindet sich Fabiens Werkstatt in einem großen Lagerhaus in Marseille, in Le Pharo, am Vieux-Port. Im Erdgeschoss sind die beiden Werkstätten, im Obergeschoss wird gewohnt. Natürlich war Thomas Traversa, mittlerweile ein Teenager und ein aufstrebendes Talent, regelmäßig dort zu Gast. Ab 2005, als die „Maschine“ Tabou auf Hochtouren lief, kam ein Neuling zum Team hinzu. Cédric Bordes, damals noch Student, erinnert sich: „Bei einem Weltcup in Almanarre sah ich zum ersten Mal die Manta-Slalomboards mit dem berühmten grauen Dekor und dem großen grünen und roten Stern, und ich verliebte mich sofort in sie. Die Form war für die damalige Zeit wirklich innovativ und extrem. Aber ich kannte Fabien Vollenweider überhaupt nicht, ich wusste nicht einmal, wie er aussah.
Ich kannte Fabien nicht mal, und er stopfte mir direkt drei Prototypen ins Auto. Das war ein bisschen verrückt.” (Cedric Bordes)
Ein paar Monate nach den Event teilte mir Fabien Pendle mit, dass Tabou jemanden sucht, der Boards testet. Vollenweider rief mich an, ich besuchte ihn in seiner Werkstatt, und sofort stopfte er mir drei Slalom-Boards in mein Auto. Ich hatte keine Erfahrung mit Testen, außer mit meiner persönlichen Ausrüstung für meine Einstellungen. Er gab mir nicht allzu viele Anweisungen, im Nachhinein finde ich das ein bisschen verrückt. Ich war Student und erinnere mich, dass ich mit diesen drei Prototypen im Auto zur Universität fuhr. Seitdem sind die Jahre so schnell vergangen, wir haben über 15 Jahre lang zusammengearbeitet, und ich habe das Gefühl, es wäre gestern gewesen! Ich denke, unsere große Stärke war, dass nichts schriftlich festgehalten oder vertraglich geregelt war, mit festen Arbeitszeiten, festen Terminen und so weiter. Es gab Arbeit zu erledigen, und wir haben sie gemacht, bis alles perfekt war.
Fabien hat nie seine Stunden gezählt, er ist heute neben Keith Teboul der einzige Shaper, der eine globale Marke besitzt, und das ist keine Kleinigkeit, denn es erfordert viele Opfer. Ich habe immer alles gegeben: Wenn die Prototypen eintreffen, muss man sich voll und ganz darauf konzentrieren und präsent sein, denn man weiß nie, wie sie sich auf dem Wasser verhalten werden, wie viele Änderungen erforderlich sein werden und ob eine weitere Runde Prototypen notwendig sein wird. Das ist superinteressant, weil man oft von einer Idee zur nächsten springt, aber man muss immer im Hinterkopf behalten, für wen man die Boards herstellt: den normalen Alltagsfahrer! Außerdem gibt es eine Produktionsfrist und Kosten, die eingehalten werden müssen.
Die Rockets sind fast berühmter als der Name Tabou.” (Cedric Bordes)
Die Tests? Das Feedback? Wenn ich ein Board getestet hatte, rief ich ihn auf dem Rückweg an, um ihm alles im Detail zu schildern, solange es noch frisch war, und oft analysierte er mit klarem Kopf alles und entschied, was wir anpassen sollten und was nicht. Mit der Zeit merkte ich, dass er oft nachts nachdachte, also gab ich ihm gerne abends ein paar Ideen, weil ich wusste, dass er am nächsten Tag Lösungen haben würde. Aber auch nicht zu viele, denn sonst hätte er nicht mehr schlafen können! Auf welche Boards aus unserer Zusammenarbeit bin ich besonders stolz? Ich glaube, die Rockets sind fast berühmter als der Name Tabou, was bedeutet, dass die Boards oft Anklang fanden. Ein Bedauern? Vielleicht dass wir aus Budgetgründen nie einen Top-Fahrer im Slalom-Team hatten, denn die Boards waren superleistungsstark. Wir hatten sehr gute Fahrer, aber nie einen, der den Slalom-Titel gewinnen konnte.“
Doch die titellose Zeit endete 2014, als Thomas Traversa den WM-Titel in der Welle gewann. Eine Krönung für Thomas, für die Marke Tabou – und natürlich für Fabien Vollenweider, den vielleicht Letzten seiner Art.