Tobias Frauen
· 07.11.2024
“Japan kann alles sein”, sagte die WM-Führende Justine Lemeteyer vor dem Saison-Finale im surf-Interview. Beim letzten PWA-Event des Jahres in Yokosuka südlich von Tokio werden die WM-Titel im Foil-Slalom vergeben. Und der World Cup in Japan hat in den letzten Jahren gezeigt, dass dort immer wieder unvorhergesehene Dinge passieren können.
2022 ging Maciek Rutkowski als Führender in den letzten Tag, schied dann aber früh aus - und musste stundenlang am Strand um seinen ersehnten ersten Titel zittern. Im vergangenen Jahr schien schon vor dem windlosen Abschlusstag alles klar und Shooting-Star Johan Soe der neue Weltmeister, doch eine Vermessung zeigte, dass der Däne ein nicht regelkonformes Segel dabei hatte. Diskussion, Disqualifikation und Matteo Iachino war plötzlich doch noch Weltmeister. Bei den Damen ist Japan offenbar ein ideales Revier für den World Cup-Einstieg: 2022 fuhr Justine Lemeteyer bei ihrem Debüt gleich auf Platz zwei und wurde Vizeweltmeisterin (damals gab es für die Damen nur diesen einen Event), 2023 holte Freestylerin Lina Erzen bei ihrem ersten Slalom-World Cup aus dem Stand den Sieg.
Was erwartet uns in diesem Jahr beim Fly! ANA Windsurfing World Cup? Erzen ist nach ihrer Olympia-Kampagne auch wieder dabei und könnte das Damen-Feld aufmischen, genau wie Sara Wennekes aus den Niederlanden. “Das macht es nochmal spannender, weil beide sehr gut sind. Statt drei werden wir dann fünf Frauen sein, die an der Spitze kämpfen, das kann fürs Ranking entscheidend sein”, schätzt Justine Lemeteyer. Die 22 Jahre alte Französin geht als Führende ins WM-Finale, sie gewann die beiden bisherigen Events jeweils vor Marion Mortefon und Blanca Alabau.
Wenn Lemeteyer am Ende vor ihren beiden Konkurrentinnen steht, ist sie Weltmeisterin. Doch auch bei einem Sieg von Mortefon reicht es für sie, wenn sie nicht schlechter als Rang drei abschneidet. Wenn Vorjahres-Weltmeisterin Blanca Alabau gewinnt, dürfte Lemeteyer nicht schlechter als Rang fünf sein, um dennoch den Titel zu holen. Derzeit betragen die Abstände zwischen den drei Top-Fahrerinnen jeweils 200 Punkte, wenn Lemeteyer weiterhin in ihrer bisherigen Saison-Form fährt und ihr keine groben Schnitzer unterlaufen, ist das ein solides Polster.
Sollte Lemeteyer Vierte werden, müsste Mortefon den Wettkampf gewinnen, um sich die WM zu sichern. Sollte Lemeteyer Fünfte werden, würde Marion Mortefon der zweite Platz reichen, um zu gewinnen. Sollte Lemeteyer Sechster werden, müsste Mortefon Dritte oder besser werden, um sich den Weltmeistertitel zu sichern.
Dass Blanca Alabau ihren Weltmeistertitel aus dem vergangenen Jahr verteidigen kann, ist angesichts der Dominanz von Lemeteyer eher unwahrscheinlich, aber rechnerisch durchaus möglich. Bei 27 Starterinnen gibt es sicherlich genug Möglichkeiten, um Lemeteyer und Mortefon einen Strich durch die Rechnung zu machen. Damit Alabau wieder Weltmesiertin wird, müsste Lemeteyer Sechste oder schlechter werden, Mortefon Vierte oder schlechter, und sie selbst müsste den Event gewinnen.
Auch die Herren haben in diesem Jahr nur drei Foil-Events, nach denen Pierre Mortefon das Ranking anführt. Der Franzose hat sich bereits den ersten Slalom X-Titel der Geschichte geholt und hat beste Chancen, das Double mit Foil und Finne klarzumachen. Auf dem Foil konnte er zwar in diesem Jahr noch keinen Event gewinnen, aber zwei zweite Plätze zeigen beeindruckend seine Konstanz. Nur 100 Punkte hinter Mortefon liegt Fuerte-Sieger Daniele Benedetti, diese beiden dürften den Titel unter sich ausmachen. Landet der Italiener in Japan vor Mortefon, kann er zum ersten Mal Weltmeister werden.
Enrico Marotti, der im Jahres-Ranking derzeit mit 500 Punkten Rückstand auf drei liegt, hat nur eine WM-Chance, wenn Mortefon maximal Achter und Benedetti maximal Siebter wird. Hinter den drei Spitzenreitern liegt der amtierende Weltmeister Matteo Iachino, der nach seinem enttäuschenden neunten Platz auf Sylt darauf hofft, die Saison mit einem Erfolgserlebnis zu beenden. Auf ihn folgt Vorjahres-Sieger Amado Vrieswijk, beide könnten die Rangliste mit guten Performances noch durcheinander wirbeln, ebenso wie Maciek Rutkowski, Bruno Martini oder Jordy Vonk.
Besonders im Fokus wird aber auch Johan Søe stehen. Nicht nur, ob alle Nähte an seinen Segeln der Serie entsprechen, sondern vor allem nach seinem Sieg auf Sylt. Dort war er nie schlechter als Rang drei. Der Däne ist derzeit kaum zu schlagen, war aber wegen seiner Olympia-Teilnahme auf Fuerte nicht am Start und hat deswegen in diesem Jahr keine WM-Chancen. Doch Soe ist schnell, sicher und hungrig, er wird nach dem Regel-Drama im vergangenen Jahr besonders motiviert sein.
Nico Prien und Michele Becker reisen als einzige deutsche Starter nach Japan, sie liegen derzeit auf Rang neun und zwölf. Besonders bei Prien sind die Abstände nach oben gering, er kann sich bei einem starken Ergebnis noch nach vorne arbeiten. Becker dürfte sich zumindest noch an Fabian Wolf vorbeischieben, der in Japan nicht dabei ist.
Der PWA World Cup in Japan läuft vom 8. bis zum 12. November, der Spot im Süden Tokios mit dem atemberaubenden Panorama auf den Mount Fuji ist unserer Zeit acht Stunden voraus. Dementsprechend finden die Rennen in den frühen Morgenstunden unserer Zeit statt. Die Vorhersagen versprechen gute Foil-Bedingungen vor allem von Samstag bis Montag!

Redakteur
Tobi verantwortet alles Digitale – von der surf-Webseite bis zu den Social-Media-Kanälen – und sorgt täglich für frischen Bild- und Videocontent. Seine Surf-Wurzeln reichen vom Münsterland über Ijsselmeer, Brouwersdam und Sylt bis nach Kiel und Heidkate. Heute lebt er seit über zehn Jahren in Hamburg als „Weekend Warrior“ und ist so oft wie möglich mit Campingbus und Familie unterwegs – bevorzugt an Ostsee, SPO, Dänemark sowie in Finnland, Schweden oder Sardinien.