Der Typ steht unter Strom. Robby Swift hat eigentlich nie Zeit. Irgendetwas ist immer. Immobilien verwalten. Neue Segeldesigns checken. Die Autovermietung am Laufen halten. Den NeilPryde-Vertrieb organisieren. Den Jetski für Jaws vorbereiten. Oder kurz die Jungs zur Privatschule chauffieren. Heute ist es etwas anderes. Sohn Rocco muss in die Notaufnahme: der Knöchel, beim Surfen verdreht. Papa muss ran.
Robby Swift liebt Windsurfen. Aber noch mehr liebt er seine zwei Söhne, die dem Wind und den Wellen verfallen sind wie er selbst. Robby ist Brite, lebt aber seit Langem auf Maui. Dort, wo man wohnen muss, wenn man es ernst meint: nah am Profi-Spot Ho‘okipa, schnell in Kanaha – zum Wingen mit der Familie oder um mit Designer Nils Rosenblad an neuen Segeln zu tüfteln – oder gleich in Jaws, wo das Meer keinen Spaß versteht.
Ich treffe Robby in seinem zweistöckigen Holzhaus in Paia: umlaufende Veranda, Pool, eigener Drive way, Blick hinüber zum Surfspot Kuau. Eigentlich hat Robby jetzt keine Zeit. Und doch nimmt er sie sich. Er ist gut gelaunt, präzise, ironisch – very British, very professional. „ Dauert nicht lang“, sagt der surf-Reporter, der will selbst bald weiter. Zum Surfen natürlich.
Haha … Ich hätte gerne gewonnen – doch ja, die Pro-Tour ist damit für mich vorbei. Allerdings werde ich mir Wettkämpfe wie den Aloha Classic auch zukünftig nicht entgehen lassen – dafür machen sie zu viel Spaß.
Alle Maui-Events! Sie sind nice and easy für mich, weil ich hier wohne. Zu Fidji würde ich auch nicht Nein sagen. Die Pro-Tour allerdings ist für mich abgeschlossen. Die habe ich 25 Jahre lang gemacht. Und ich hatte eine Menge Spaß.
Doch. Ich würde sogar weitermachen. Aber mittlerweile ist es schier unmöglich, dabei etwas Geld zu verdienen, und mit vierzig und Familie ist das eben auch wichtig.
Richtig schwer. Ich glaube, ich habe es noch gar nicht begriffen. Gestern traf ich Matteo (Iachino), er meinte: „Also dann, bis bald in Pozo!“ Ich sagte: „Nicht für mich!“ Worauf er nur antwortete: „Yeah, right!“ Er konnte es nicht glauben. Ich auch nicht. Kein Wunder, denn bisher war der Worldcup mein Leben.
Ich will bei NeilPryde enger in der Entwicklung arbeiten, viel in Jaws surfen. Oder Videos produzieren.
Windsurfen ist mein Leben. Was erwartest du: dass ich jetzt nur noch wandern gehe und Singvögel beobachte?
Oh ja, das schmerzt. Das schmerzt sehr! Vielleicht tue ich mich deswegen so schwer damit, aufzuhören. Ein Titel wäre toll gewesen. Ich war dicht dran – Verletzungen vermasselten das Ganze. Vielleicht muss man irgendwann aufhören, einem Titel nachzujagen – das mache ich jetzt.
1. Als ich den Worldcup in Fuerteventura gewonnen habe. Ich war irre jung, erst 19, und ich dachte, dass das der erste von vielen Siegen sein würde. Falsch gedacht. Es blieb bei dem einen Worldcupsieg.
2. Ich führte in der Disziplin Supercross, hatte den Titel schon sicher – und stürzte. Titel traum vorbei! Der Moment tat weh.
3. Der Aloha Classic kürzlich. Ich schaffte es ins Finale, meine Freunde waren alle da, meine Familie und die Kids, denen ich Windsurfen beibringe. Das hat mich sehr berührt – es fühlte sich an, als wäre Windsurfen „the big thing“.
Das ist bitter. Die Preisgelder sind auf 20.000 Dollar geschrumpft, die geteilt werden zwischen Männern und Frauen. Das heißt: Selbst wenn du gewinnst, kriegst du nur 2.000 Dollar. Das reicht nicht mal fürs Flugticket. Außer deine Sponsoren zahlen alle Kosten.
Eben! Ich glaube zwar, es war gut, dass wir die IWT in die WWT transformiert haben mit mehr Events an verschiedenen Orten. Andererseits explodieren so die Kosten. Ich kann mir kaum vorstellen, wie das ein junger Windsurfer hinkriegen will. Im Klartext: Du surfst zehn Jahre lang Worldcup, kannst nix sparen und hast danach weder Studium noch Ausbildung. Selbst wenn du heutzutage einen guten Sponsorenvertrag kriegst, sind das maximal 30.000. Und davon gehen 25.000 an Reisekosten drauf.
Das war ein großes Glück, ich konnte was ansparen.
Sagen das manche? Quatsch! Bis ich 18 war, wurde ich tatsächlich von meinen Eltern unterstützt. Mein Vater hatte eine Dachdeckerei und konnte es sich leisten. Doch mit dem 18. Geburtstag war Schluss damit.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon gute Sponsorenverträge. Mein Vater hatte immer ein Auge drauf, dass ich mein Geld nicht sinnlos ausgebe, sondern sinnvoll anlege! Dafür bin ich ihm sehr dankbar.
Mein Vater hatte immer ein Auge drauf, dass ich mein Geld nicht sinnlos ausgebe, sondern sinnvoll anlege!”
Ich vermisse alles. Vor allem dass sie mich motiviert hat zu trainieren. Mancher Maui-Surfer verabscheut die Kanaren mit den Hardcore-Bedingungen. Mich spornt selbst das an. Die Pro-Tour erzeugte in mir einen irren Drive. Nicht vermissen werde ich die Warterei ohne Wind und den Check-in am Airport.
Nein. Dafür sorgen meine Söhne. Beide wollen Kai Lenny werden. (Lacht) Sie verbringen jede Minute auf dem Wasser und wollen den Papa dabeihaben.
Oh ja, das Video hatte ich eine Million Mal angeschaut. Später ist Jason ein Freund geworden, von dem ich alles über Board-und Segel-Tuning gelernt habe. Der Typ ist so fokussiert und voller Antrieb. Davon habe ich mir eine Scheibe abgeschnitten. Natürlich hat mich sein Style immer geflasht, noch heute. Zum Beispiel wenn wir towsurfen gehen.
Levi Siver. Er hat den meisten Flow, macht genau das Richtige an der richtigen Stelle der Welle. Und Brawzinho (Marcilio Browne) natürlich. Mit ihm gehe ich am häufigsten surfen. Was Springen betrifft: Marino (Gil Gherardi) und Philip Köster. Auch Marc (Paré) hat einen coolen Style. Overall würde ich sagen: Brawzinho.
Alles! Selbst wenn die Wellen nur schulterhoch sind, hab ich Spaß. Aber logisch, von kopfhoch bis „Giant Jaws“, wenn ich wählen darf.
Nein. (Lacht) Manche mögen nur Waveriding, doch ich habe auch irre viel Spaß beim Springen.
Der Double-Forward oder Push-Forward. Push-Forwards sind so selten, weil du viel Wind und die richtige Rampe brauchst – daher gefallen sie mir so gut. Doch an einem normalen Tag verpasst dir ein Double-Forward einen gewaltigen Dopamin-Buzz. Double-Forwards sind nicht zu schlagen, auch wenn ich schon Tausende davon gemacht habe. Ich mache sie noch immer – zum Spaß, auch wenn niemand filmt oder zuschaut.
Kein Wunder, Typen wie Josh Stone waren die Pioniere – anfangs mit der falschen Technik! Ricardo Campello war der Erste, der die Technik des Forwards raushatte. Jetzt tut es nicht mehr so weh wie damals. Nun, wo ich keine Wettkämpfe mehr fahre, muss ich nicht mehr mit einem 5.0er Segel über eine miese Rampe einen Double-Forward machen. Jetzt nur noch mit perfekter Welle.
Das ist es ja – nein! Mir fällt nichts ein, was dir so einen Adrenalin-Kick verpasst mit so überschaubarem Risiko wie ein Double-Forward. Das ist das Tolle am Windsurfen, du kannst relativ gefahrlos richtig verrückte Stunts machen.
Exakt. Ich weiß, es ist schwer, wirklich gut zu werden im Windsurfen. Aber dann ist das Verhältnis Risiko–Belohnung am höchsten. Da ist Windsurfen ungeschlagen. Du wirbelst durch die Luft. Geht’s schief, fällst du ins Wasser.
Doch. Ich habe mir ein paarmal die Füße gebrochen, doch das war alles. Eine gute Bilanz bei all der Action.
Mein erster Pushloop. Als Jugendlicher in England kam ich selten zum Windsurfen. In einem PWA-Video vom Worldcup Sylt sah ich Josh Stone einen Pushloop springen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt vier oder fünf Backloops gelandet. Als ich zwei Monate später wieder windsurfte, sprang ich über die erste Welle einen Pushloop – landete und surfte weiter. Ich bin fast geplatzt vor Glück!
Viel leichter.
Im Wettkampf nicht, da mache ich nur Sprünge, die viele Punkte bringen. Doch aus Spaß schon. Zum Beispiel Tweaked Pushloops für Fotoshoots, weil die cool aussehen und recht easy gelingen.
Stalled Forwards. Die erschrecken mich jedes Mal heftig – dafür ist das Glücksgefühl danach umso größer.
Die Jaws-Erlebnisse verschmelzen, daher kann ich einen einzelnen Glücksmoment nur schwer rauspicken. Was ich weiß: Die erste Welle in Jaws macht mir so viel Angst, dass ich sie abreite, als hätte ich einen Stock im Arsch.
Der Wipe-Out von Adam war krass. Ja, ich habe auch fiese Wipe-Outs erlebt – beim Surfen und Windsurfen in Jaws.
Eine große. Ich war der erste Brite, der Jaws surfte. Deswegen machte ein englisches Magazin einen fetten Artikel über mich. Der brachte mir viel Aufmerksamkeit. Ich wurde auch häufig für The Biggest Wave nominiert. Von dieser Welle aber habe ich mein Leben lang geträumt – und irgendwann bin ich sie geritten. Das alleine ist schon eine irre Story.
Von der Welle habe ich mein Leben lang geträumt. Und irgendwann bin ich sie geritten. Das alleine ist eine irre Story.”
Abgefahren, oder? Doch nicht nur die Welle, auch Menschen halfen meiner Karriere. Wie Martin Brandner. Martin war Brand Manager bei JP. Er holte mich ins Team, half mir bei Verhandlungen und unterstützte mich, wo er nur konnte. Noch heute schickt mir Martin Glückwünsche, wenn ich bei einem Event gut abschneide – ein super Typ!
Vielleicht dass ich nicht nur Athlet war, sondern Verletzungspausen nutzte, um zum Beispiel Filme zu schneiden oder eine Webseite zu programmieren. Das mache ich noch heute für NeilPryde.
Stimmt. Ich habe spät mit Wellenreiten angefangen. Allerdings gehe ich seit Langem jeden Tag zum Wellenreiten – ich surfe okay. Meine Kinder kriegen das besser hin, sie surfen jetzt schon irre gut. Ich hab großes Glück, dass die zwei Buben genauso ins Windsurfen und Surfen vernarrt sind wie ich.
Oh ja, meine Frau kommt oft zu kurz. Alles dreht sich bei uns ums Meer. Das ist schon eine ziemlich egoistische Obsession.
Kraft-und Beweglichkeitstraining. Das ist irre wichtig. Das habe ich schon bei meinen zwei älteren Brüdern gelernt. Sie waren olympische Ringer. Mein Vater hat uns alle trainiert. So was prägt. Zudem weiß ich, dass du extreme Sachen nur machen kannst, wenn du fit bist. Deswegen: Sei fit! Windsurfen ist ein körperlich fordernder Sport mit hohen Kräften, die plötzlich auf deine Knie und Knöchel wirken.
Ich weiß, dass du extreme Sachen nur machen kannst, wenn du fit bist. Deswegen: Sei fit!”
Ich gehe abends nicht mehr weg, denn meine Buben wachen früh auf. Ich trinke viel Wasser, wenig Kaffee und will das Gläschen Rotwein ab und an zukünftig auch weglassen.
Hatte ich. Doch mit Kindern ist das schnell passé.
Nee. Wingen ist eine lustige Nummer. Am Gardasee fasse ich keinen Windsurfer an, da bin ich nur am Wingen. Aber wenn’s Wellen und Wind gibt, ist Windsurfen nicht zu schlagen.
Ich sehe da kein Problem. Ich würde mich erst in Kanaha warm surfen und die Etikette lernen, damit ich niemandem die Welle nehme. Doch dann spricht nix dagegen. Ich arbeite auch als Coach und gehe bei meinen Clinics regelmäßig nach Ho‘okipa.
Tausende Male. Am Anfang landete ich fast jeden Tag auf den Rocks.
Drei von ihnen sind auch auf den Rocks gelandet.
Ja, die drei haben ihr Material geschrottet. Es war ihr letzter Tag, der Wind eher schwach, doch sie wollten unbedingt in Ho‘okipa raus – und sind alle schnurstracks auf den Rocks gelandet.
Auf der Welle beginnen die Leute zu früh mit dem Abreiten, statt zu warten, dass die Welle steil genug ist. Nur so kannst du die Kraft der Welle zu nutzen. Beim Bottomturn schieben die wenigsten die Segelhand auf dem Boom nach hinten und legen das Segel flach. Mit diesen drei Tipps surft jeder gleich ’ne Klasse besser – garantiert!