Heute ist Ägypten eine der beliebtesten Surf-Destinationen, 1990 sind noch weite Teile der Küste des Roten Meeres unbekannt. Ein Team der Surf-Akademie mit Wolfhard Smit, Dirk Muschenisch, Andrea Hoeppner und einigen Surflehrern machte sich auf den Weg, um neue Spots südlich von Safaga zu entdecken, surf durfte dabei sein. teils ist die Küste noch militärisches Sperrgebiet, ohne Genehmigung kommt man nicht weit. Die Mühe lohnt sich: “Fast nach jeder Kurve staunen wir über eine neue Traumbucht”, teils mit Welle, teils als riesige Stehreviere. Die Einheimischen in der Stadt Qusier bestaunen die “flippigen Surf-Klamotten” der Truppe, einige scheue Beduinen bestaunen wenig später sogar das Auto.
Der März war traditionell der Termin für die große boot-Nachlese. In der “Hölle 12”, dem Basar der Surf-Händler, prügelten sich die Massen um “zweitklassigen Messeschund”. Etwas gesitteter ging es bei den Herstellern zu: Jimmy Lewis shapte jeden Tag in einem gläsernen Kasten live ein Board und war sogar im ZDF Sportstudio zu Gast, Walter Eichler und Axel Ohm präsentierten die neue Marke “On” mit Shapes aus dem Computer, Fanatic polarisiert mit schwarz-lastigen Designs, und North kauft einem Händler 100 “Schrottsegel” ab, um den Markt zu bereinigen.
Für die meisten Hobby-Surfer sind sie einfach da, doch die Profis haben auch 1990 schon längst das Tuning-Potenzial entdeckt, dass verschiedene Segellatten bieten. surf testet exemplarisch an einem F2 Slalom-Segel, dass mit Edel-Stangen aus GFK und Carbon getunt wird. Erster Eindruck: Bei Leichtwind haben die Serien-Latten einen Vorteil, bei Hack dann die extrem steifen Carbon-Stäbchen - allerdings leidet die Manöverfreundlichkeit. Fazit: gute Segellatten müssen nicht unbedingt teuer sein, auch günstige “Strangware” kann mithalten, wenn sie sinnvoll profiliert wird.
“Scheiße”, dachte sich Heinz Schäfer, 1983 DDR-Meister im “Brettsegeln”. “Jetzt wo ich endlich auf die Ostsee darf, kommen die Westsurfer auch.” Tatsächlich herrscht im ersten Frühling nach dem Mauerfall eine extreme Aufbruchstimmung, auch unter den Windsurfern. Die Zeit zwischen November 1989 und der Einheit am 3. Oktober 1990 wirkt aus heutiger Perspektive wie eine skurrile Parallelwelt: die Grenzen sind offen, doch die DDR als eigener Staat existiert noch. Die auf Improvisation angewiesenen Ost-Surfer können endlich Serien-Material kaufen, reisen und ohne Einschränkungen die eigenen Spots entdecken. Die westdeutschen Surfer wittern im Osten leere, unentdeckte Spots, die Locals fürchten, dass ihnen dort die wenigen Plätze in Hotels und auf Campingplätzen weggenommen werden. Fernreisen sind wegen der schwachen Ostmark kaum drin. Umso eifriger wird das Material aufgerüstet und trainiert, um bei den ersten gesamtdeutschen Regatten, die ab 1991 geplant sind, mithalten zu können. Wiedervereinigung auf der Regattabahn? “Die im Westen sollen sich warm anziehen!”
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