Tobias Frauen
· 07.03.2026
Der Mann hat beruflich viel mit Zahlen zu tun, könnte man sagen. Doch statt seelenloser Excel-Listen sind es bei Andy Velbinger E 334, G 141, K 89 oder E 95 – die Segelnummern der World Cup-Profis. Andy bedruckt mit seiner Firma Tramontana Grafixx fast alles, was ihm unter die Finger kommt, die Segelnummern sind dabei eigentlich eher ein Hobby. Mit einem Transporter mit Druck-Maschine und Design-Rechner steht Andy beim World Cup auf Sylt direkt neben dem Materialzelt, unter den Fahrerinnen und Fahrern hat sich längst herumgesprochen, dass sie dort kurzfristig Segelnummern bekommen können. „Wenn ich eine Datei bekomme, dann sind die Sticker ein paar Stunden später fertig“, erzählt Andy. „Meistens haben die Fahrer eigene Design-Vorstellungen. Wenn nicht, helfe ich da auch gerne!“
Ursprünglich gehört Andy aber nicht wegen seiner Segelnummern fast zum Inventar beim World Cup Sylt. Seit über zehn Jahren druckt er mit Tramontana Grafixx nahezu alles, was die Besucherinnen und Besucher vom World Cup sehen. Von den Sponsoren-Stickern über Fahnen und Werbebanner an den Zäunen bis hin zu großflächigen Planen für die Container und Aufbauten. „Auf dem Eventgelände sind 160 Flaggen von uns zu sehen, das sind etwa 540 Quadratmeter“, rechnet Andy vor, „außerdem mehr als 400 Quadratmeter Segelsticker.”- ein Mann der Zahlen eben.
Doch Andy druckt nicht nur, er sorgt auch dafür, dass die Sticker an den richtigen Stellen angebracht sind. Während des ganzen Events kontrolliert er die Segel der Profis, jeder muss bestimmte Sticker in seine Segel geklebt haben. Wenn er jemanden erwischt, wird demonstrativ ein neuer Sticker an die Gabel geklemmt. „Wir kennen unsere Kandidaten schon, die sich gerne mal ein zweites Mal bitten lassen“, so Andy augenzwinkernd. Besonders akribisch ist er, wenn die Windvorhersage einen richtig guten Wettkampftag verspricht. „Segelsticker halten eigentlich erst nach ein paar Stunden richtig. Deswegen wollen wir natürlich, dass alle Fahrer möglichst schon einen Tag vorher die Segel fertig machen!“
Denn die Haltbarkeit der Sticker ist das, was die Tramontana-Produkte von vielen anderen Anbietern unterscheidet. „Vor über zehn Jahren bekam ich einen Anruf von den Organisatoren des World Cups auf Sylt“, erinnert sich Andy. „Damals lösten sich die Sticker reihenweise und schwammen im Meer herum. Das war für die Veranstalter ein Desaster.“ Andy versprach, es besser zu machen – und lieferte Material, das „bombenfest hält, egal ob bei Regen, Sturm oder vier Grad“. Seitdem produziert er für nahezu alle großen Tourstopps der PWA und Kite-Tour GKA.
„Ich komme eigentlich aus der Fliegerei“, erzählt Andy mit einem Grinsen, das verrät, dass er diese Geschichte schon oft erzählt hat. Zwei Jahrzehnte lang arbeitete er in der Luftfahrt, plante Flugrouten, berechnete Treibstoffmengen und koordinierte Crews. „Wir haben im Grunde dafür gesorgt, dass die Piloten wissen, was sie da oben tun müssen.“ Als 2008 ein Freund fragte, ob man eigentlich auch Sticker in Kites kleben könne, war die Idee geboren. Andy begann zu tüfteln – zunächst nebenbei, dann - nicht ganz freiwillig – aber mit wachsender Leidenschaft, als seine Fluggesellschaft 2015 Insolvenz anmeldete und Andy plötzlich in der Luft hing.
Zu diesem Zeitpunkt war Velbinger allerdings nicht allein. „Ich hatte unglaubliches Glück“, sagt er rückblickend. Zahlreiche Firmen und vor allem Freunde standen ihm mit Rat, Tat und Vertrauen zur Seite, darunter auch ein Big Player wie Boards & More: „Sie haben früh an die Idee geglaubt und mir den nötigen Rückenwind gegeben.“
Aus dem anfänglich nebenberuflichen Start, wurde in kürzester Zeit ein Vollzeitjob – schließlich trug er die Verantwortung für seine eigene kleine Familie. Es mussten nicht nur haftstarke, sondern auch abziehbare Klebefolien entwickelt werden, die den hohen Belastungen von Salzwasser, UV-Strahlung und Sand standhalten – und trotzdem nachhaltig sind. „Für mich fängt Nachhaltigkeit damit an, dass die Sachen halten. Die Sticker dürfen sich nicht lösen und dann im Meer schwimmen, das ist die absolute Grundvoraussetzung.“
In der Tramontana Grafixx-Werkstatt in Vorarlberg stehen inzwischen sechs Druckmaschinen, jede optimiert für ein anderes Material. Vinyl, Stoff, Spezialfolien für Wing- und Kite-Material – alles wird sorgfältig kalibriert. „Jedes Material nimmt die Farbe anders auf. Wir drucken nichts einfach so. Jede Maschine hat ihr eigenes Profil“, erklärt Andy. Und jedes neue Material auf dem Markt – wie beispielsweise das extrem leichte und stabile Gewebe Hookipa, das seit Kurzem im Wing-Bereich verwendet wird – erfordert wieder neue Drucktechniken. Sein Team ist klein – fünf Leute, drei davon Freelancer. „Das ist für uns besser so“, sagt Andy. „Wir sind extrem saisonabhängig. Von Oktober bis März ist es etwas ruhiger.“ Doch die Sommermonate gleichen das aus: Dann arbeitet er fast durchgehend, vom Kitesurf World Cup bis zu den Events in Südafrika.
Doch die Events sind quasi nur das Nebengeschäft, hauptsächlich arbeitet Tramontana Grafixx mit vielen Herstellern zusammen: Werbematerialien wie Beach Flags, Liegestühle oder Bekleidung werden mit Logos versehen, Kites werden mit neuen Entwürfen bedruckt, um die Wirkung der Designs im echten Leben zu testen – oder aber um schon Werbebilder produzieren zu können, bevor die neuen Modelle final sind. „Das spart ein wenig Entwicklungszeit“, erzählt Andy. Außerdem werden für zahlreiche Profis die Sponsoren-Logos in Kites und Segel gedruckt. Die entsprechenden Dateien sind immer parat, so dass direkt losproduziert werden kann.
Abseits vom Mainstream kommen manchmal auch skurrile Aufträge herein: ein russischer Millionär wollte Kites für seine Tochter haben – in lila und mit Einhörnern. „Das war technisch grenzwertig, aber wir haben’s möglich gemacht. Am Ende sah er echt gut aus.“ Oder der ein Auftrag für ein bekanntes Modeunternehmen aus München, das für einen Werbespot komplett schwarze Kites mit goldenem Logo anfragte. „Ich habe gleich gesagt: Das ist nix, womit man wirklich kiten gehen sollte. Aber für den Werbefilm sah es spektakulär aus.“
Einen seiner spektakulärsten Jobs hat Andy im Vorfeld der Olympischen Spiele 2024 abgeliefert: „Das Team USA hat mich über WhatsApp an einem Sonntagabend angeschrieben, wie schnell wir das vorgeschriebene Länderkürzel in 16 Kites drucken könnten“, erzählt er. „Das olympische Team hat noch am selben Abend einen Kurier losgeschickt, der am Montagmorgen mit allen Kites bei uns ankam, und wir haben diese über den Tag fertig gemacht. Abends hat er sie wieder bei uns abgeholt und ist zurück nach Marseille zurückgefahren!“
Ob USA-Schriftzug oder großformatige Plakate und Flaggen: Andy und Tramontana Grafixx tragen zu einem großen Teil bei, wie Events von den Zuschauern wahrgenommen werden. Immer mit viel Liebe zum Detail: Andy checkt persönlich, ob Logos richtig positioniert sind, ob Sponsorenflächen gut wirken. „Wir denken einfach mit“, sagt er. „Wenn ich sehe, dass ein Logo unglücklich platziert oder von irgendetwas verdeckt wird, weise ich darauf hin, dass es eventuell anders besser aussehen könnte.“ Sobald der Aufbau abgeschlossen ist, ist der größte Teil seiner Arbeit getan: „Wenn ich sehe, dass beim World Cup alles steht, alles hält und die Fahrer glücklich sind – dann weiß ich, wofür ich’s mache“, sagt Andy. „Das ist mein Moment.“ Und danach widmet er sich den Segelnummern…
Unter tramontanagrafixx.com könnt ihr mit Andy und seinem Team in Kontakt treten!

Redakteur