Andreas Erbe
· 30.04.2025
Der VDWS (Verband Deutscher Wassersport Schulen) feierte im vergangenen Jahr seinen 50. Geburtstag. 1974 war er noch als Verband Deutscher Windsurfing Schulen gegründet worden, kümmert sich aber heute auch um die Ausbildung im Kite-, Wing-, SUP-, Jollen- und Cat-Bereich und ist mittlerweile auch international tätig. Insgesamt sind über 540 Wassersportstationen in über 35 Ländern an den VDWS angeschlossen. Der Verband setzt die Standards bei der Lehrerausbildung, der Qualität der angeschlossenen Schulen und der Weiterentwicklung des Grundscheinsystems der verschiedenen Sportarten und bietet seinen Mitgliedsschulen zahlreiche Serviceleistungen an. Auch wenn neue Sportarten im Laufe der Jahre mit ins Programm aufgenommen wurden, bleibt Windsurfen immer noch die mit Abstand größte Sparte des Verbandes. Seit 2019 ist Dirk Muschenich Geschäftsführer des VDWS. Dirk hat selbst eine erfolgreiche Regattakarriere hinter sich und viele Jahre mit seiner eigenen Firma Windsurf- und Kite-Camps veranstaltet.
Windsurfen ist seit jeher und nach wie vor mit Abstand die größte Sparte im VDWS. Beim Windsurfen lagen wir zu Spitzenzeiten bei 40.000 bis 42.000 Grundscheinen. Im Moment liegen wir bei 35.000 bis 37.000. Das hat sich über die letzten zehn Jahre langsam so entwickelt und kam nicht von heute auf morgen. Wir gehen aber davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer von Surfschülern gibt, die zwar einen Kurs machen, ihn aber nicht mit einem Schein abschließen. Besonders bei den Schulen im Ausland steht der Grundschein nicht so sehr im Fokus. Aus der Erfahrung gehen wir davon aus, dass tatsächlich nur ein Drittel der Surfschüler am Ende des Kurses einen Grundschein macht.
Da fragen wir auch bei den Schulen nach und bekommen ganz unterschiedliche Antworten. Bezeichnend ist in den letzten drei Jahren die Rückmeldung von den Hotspots, dort, wo viele Schulen nebeneinander stehen, viel Konkurrenz, viel Vergleich besteht. Dort ist die Verweildauer, also die Zeit, die sich der Kunde nimmt, um eine neue Sportart anzugehen, egal welche es ist, einfach immer kürzer geworden. Da ist Windsurfen nur eine von vielen Sportarten. Hast du dir für den Einsteigerkurs vor zehn Jahren noch zehn Stunden Zeit genommen, kommen heute viele Leute und nehmen sich nur noch zwischen zwei und vier Stunden Zeit. Das bedeutet, dass man innerhalb dieser vier Stunden etwas tun muss, um demjenigen klarzumachen, dass er auf dem richtigen Weg ist und er nicht sein Heil im Mountainbiken oder einer alternativen Sportart sucht. Mit dieser Erkenntnis haben wir das Thema neu auf die Agenda genommen und versuchen, es von mehreren Seiten aufzuzäumen. Wir möchten die Lehrer auch ermutigen, vielleicht mal in eine andere Richtung zu denken und diese auch tatsächlich anzugehen. Das heißt, wir stellen gerade die Lehrpläne für die Einsteigerschulung auf die Probe und sind seit Kurzem schon in einer Probephase.
Ich glaube, dass es dafür mehrere Gründe gibt. Ich neige immer dazu, erst mal vor der eigenen Türe zu kehren, bevor man anfängt, auf andere Leute zu zeigen. Einer der Gründe, was den VDWS angeht, ist sicherlich die Tatsache, dass die Quantität, also die Nachfrage insgesamt im Einsteigerbereich für viele Jahre und Jahrzehnte derartig hoch war, dass sich der Unternehmer Wassersportschulbetreiber gefragt hat, warum soll ich mich denn auf andere Bereiche konzentrieren, die eventuell fördern und Kundenbindungen herstellen? Also Themen, die eigentlich für einen Dienstleister klassisch sind, sind da eigentlich eher unter den Tisch gefallen, weil so viele Interessenten vor der Tür standen, dass man eigentlich immer wieder zum Start zurückgehen konnte und wieder ein volles Haus hatte. Kunden längerfristig zu binden hätte bedeutet, dass ich qualifiziertere Lehrer und spezielleres Material brauche. Ich müsste mir vielleicht auch mal konzeptionell andere Gedanken machen. Eventuell wäre ich auch wirtschaftlich gar nicht mehr so ideal unterwegs, weil ich kleinere Gruppen kreieren müsste, um es organisieren zu können. Dementsprechend ist für viele tatsächlich der einfachste Weg, wieder zum Start zurückzugehen. Das ist sicher der Vorwurf, den man sich selber machen muss. In den Bereichen Industrie und Medienimage ging die Entwicklung immer mehr in Richtung höher, schneller, weiter. Ein Faktor, der speziell Einsteiger entweder sehr motiviert oder sie furchtbar erschreckt. Die Schere geht immer mehr auf, weil immer weniger sich wirklich motiviert fühlen und immer mehr sich eher erschreckt fühlen, wenn sie eine Monsterwelle oder einen Riesensprung sehen.
Im Vergleich zu Konkurrenzsportarten wie Kiten oder Stand-up-Paddeln braucht man beim Windsurfen einfach mehr Durchhaltevermögen. Kiten hat einfach den Vorteil, dass diverse Zwischenschritte, die beim Windsurfen dauern, bis du sie erreichst – in den Schlaufen stehen, ein Trapez anhaben, im Trapez eingehängt sein und dann eine gewisse Dynamik zu erfahren –, beim Kiten alles vom Start an passiert. Und beim Windsurfen brauchst du einfach deine 20, 30 Stunden, bis es mal so weit ist und da braucht man Durchhaltevermögen, das heutzutage bei vielen Menschen eher weniger ausgeprägt ist. Ein weiterer Grund ist, dass das Material, das wir beim Einsteigen verwenden und was auch gut und richtig ist, das so zu verwenden, zu unattraktiv ist, um die Leute bei der Stange zu halten. Der Sprung zum nächstattraktiveren Material ist bei Weitem zu groß. Da fehlt der Transfer, um den ihr euch als Magazin extrem bemüht, mit dem „Bleib dran!“-Heft für die Surfschulen und mit diesem Sonderheft.
Wie gesagt, als Schulungsbretter sind sie für den Beginn gut geeignet. Aber sie sterben auch langsam aus, weil sie nicht mehr produziert werden und die Schulbetreiber werden langsam nervös, weil es keinen guten neuen Ersatz gibt. Wer sich da frei im Markt orientieren kann, also mit seiner Schule nicht an eine bestimmte Marke gebunden ist, der findet zwar Kompromisse, aber die sind halt nicht befriedigend. Und wenn dann ein Hersteller mit stolzgeschwellter Brust zwei neue Einsteigerboards oder Einsteigerkonzepte vorstellt, habe ich dann mal provokativ gefragt, was ist denn an den Brettern neu, die ihr gemacht habt? Ich sehe da ein 30 bis 40 Jahre altes Konzept vor mir. Und da hat sich nichts geändert, außer vielleicht die Farbe oder meinetwegen auch das Material. Optisch ist das ein uraltes Konzept, was ihr da habt. Wo ist das Novum für den Windsurfsport? Da hat mein Gegenüber erst mal große Augen gemacht. Diese Diskussion zieht sich im Detail immer weiter und der springende Punkt ist, dass, egal mit welchem Hersteller du sprichst, immer die Antwort kommt: „Aber wir haben doch eine Lösung. Wir haben doch dieses 170-Liter-Brett!“ Aber leider haben sie keine Ahnung, was die Anforderungen eines Einsteigers wirklich sind. Die wissen nicht, dass der Einsteiger sich zentriert auf ein Brett stellt und heilfroh ist, dass er den richtigen Punkt gefunden hat. Dort bewegt er sich partout die nächsten zehn Stunden nicht mehr weg. Das kriegst du beim Einsteiger erst mal nicht aus dem Kopf. Das heißt, die Musik muss da spielen, wo der Kunde steht. Und ich muss nicht weiterhin und blindlings davon ausgehen, dass der Kunde irgendwas tun muss, um vielleicht in den Bereich zu kommen, wo die Musik schöner spielt. Und alle Konzepte, die es im Moment auf dem Markt gibt, basieren darauf, dass der Kunde seinen Standpunkt an den weiter hinten liegenden Druckpunkt des Brettes anpassen muss. Dafür braucht er aber 30 bis 40 Stunden. Das heißt, da tut sich eine riesige Lücke auf: Von Stunde eins bis zehn wird er in der Einsteigerschulung mit dem Anfängerbrett betreut. Wenn er Spaß daran findet, soll es dann irgendwie weitergehen. Er kauft sich ein schickes Aufsteigerbrett, egal von welchem Hersteller, bekommt dann aber Material, mit dem er eigentlich von seinen Voraussetzungen her gar nicht klarkommt. Er braucht einfach weitere 20, 30 Stunden, um dann irgendwann mal auf die Spielwiese weiter hinten auf dem Brett zu kommen. Die Geduld hat keiner. Das verstehen die Hersteller durch die Bank weg nicht. Du kannst mit Shapern reden, du kannst mit Marketingleuten reden, du kannst mit Leuten reden, die sogar was mit Schulung zu tun haben – deren Denke findet irgendwo hinten auf dem Brett statt, im letzten Drittel der Gesamtlänge des Brettes. Aber da hält sich unser Einsteiger die ersten 30 Stunden nicht auf, das kann er gar nicht.
Man muss sich doch nur selber fragen: Wann hattest du den ersten Kick, wann ist das eigene Fieber entstanden beim Windsurfen, wann entsteht das Fieber bei deinen Kindern oder bei Freunden und Bekannten? Wann war der Punkt, an dem man sagt, jetzt kriege ich schnellere Atmung, jetzt fängt das Herz an zu rasen, Adrenalin bis in die Haarspitzen und so weiter? Und das ist nun mal beim Windsurfen klassischerweise das Gleiten und die Gleitschwelle. Wir müssen irgendwie ein Gefühl vermitteln, was nah dran ist oder idealerweise das Gleiten selber ist. Und das müssen wir so früh wie möglich tun, dann haben wir die Leute einmal infiziert, ab da will jeder wieder auf diesen Trip zurück.
Mir ist das eigentlich egal und ich bin ja auch gar kein Techniker oder Shaper. Früher, als ich professionell gesurft bin und getestet habe, hat mein Hersteller immer gesagt, erzähl mir nicht, warum irgendwas passiert, erzähl mir, was passiert. Für das Warum bin ich als Techniker, Segelmacher, als Borddesigner, als Profilexperte oder sonst irgendwas zuständig. Ich kann das Warum erklären und entsprechend einbauen. Du musst mir sagen, was da gerade passiert, und ich überlege mir dann, was ich tun kann, damit es besser wird an der Stelle. Übertragen kann ich heute sagen, da, wo die Musik für den Einsteiger spielt. Da ist es egal, welcher Brett-Typ es ist, breit, kurz, lang oder was auch immer, in der Mitte der Gesamtlänge des Brettes, da spielt die Musik, da hält man sich auf im Volumenschwerpunkt des Materials und genau da muss dieser Effekt erreichbar sein.
Immer mehr Einsteiger fühlen sich von einer Monsterwelle oder einem Riesensprung eher erschreckt.”
Da bleibt ja eigentlich nur die Chance, das Foil mit ins Spiel zu bringen. Dahin geht auch der Gedankengang. Man muss aber wieder weg von diesem leistungsorientierten Gedanken eines Foils, sondern muss eben denken in Aspekten, die für den Einsteiger förderlich sind. Wir reden ja physikalisch über dünne und dicke Profile, über Querkräfte und was weiß ich was alles. Alles, was für den Spitzensportler oder den leistungsorientierten Sportler negativ ist, wäre für den Einsteiger positiv. Eine hohe Querkraft, eine geringe Druckpunktstabilität und so weiter, das sind alles Aspekte, die dem Einsteiger helfen, die ihn fördern, die aber der Fortgeschrittene partout nicht haben möchte. Wir müssen wirklich über eine ganz andere Denkweise an die Sache rangehen. Du sagst, zehn Knoten oder zwölf Knoten ist das Gleitlimit bei klassischem Material. Ja, ist es. Aber wenn ich da auf das Board ein Segel draufstelle, was einen Riesenbauch hat, was weich ist ohne Ende, vielleicht gar nicht durchgelattet ist und so weiter, dann ist erstaunlicherweise diese Schwelle schneller zu knacken als mit einem Segel, was eben sehr stabil ist und vielleicht dann auch noch bei 20 Knoten funktioniert. Ich darf gar nicht den Anspruch haben, dass das Material in höheren Windbereichen bei höheren Geschwindigkeiten überhaupt noch funktionieren soll.
Würde der Einsteiger sanft aus dem Wasser geliftet, würde er merken, da passiert gerade etwas Cooles.”
Das kennt der Einsteiger ja noch gar nicht, den erschreckt das nicht. Würde der sanft aus dem Wasser geliftet, würde er merken, da passiert gerade was Cooles und vielleicht ein großes Fragezeichen haben. Garantiert würde der Puls hochgehen und Adrenalin produziert, aber es muss nicht das reinrassige Gleiten, Fliegen sein, wie wir das kennen. Deshalb war die Idee zu sagen – da habe ich ein bisschen schwarz-weiß gemalt bei der Ansprache an die Hersteller – denkt mal an ein Profil, das richtig fett ist. Denkt an ein Profil, das eine Aspect Ratio hat, die klein, die rund ist und so weiter, weil das effektiver fürs Angleiten ist. Warum sollte der Flügel keine Spannweite von anderthalb Metern haben? Denkt mal an ein Profil, was eventuell mit einer ganz dicken Schaumschicht ummantelt ist, damit man sich nicht dran verletzen kann. Oder das ganze Foil ist weich. Ich brauche keine Stabilität, ich möchte keine Performance haben. Ich möchte nur ein Gleitgefühl vermitteln. Wenn dieser Kick gleich zu Beginn der Schulung kommt und die Leute leuchtende Augen haben, dann schrauben wir das Ding wieder ab, stecken wieder ein Schwert rein und können zurückkommen auf unsere ursprüngliches Basisthemen – wo kommt der Wind her, wo kann ich hinfahren, wie drehe ich das Ding auch mal irgendwann? Alles Aspekte, die auch auf dem Foil theoretisch möglich wären, aber gar nicht im Fokus stehen. Im Fokus steht nur ein Aspekt. Und der muss mit dem identischen Material funktionieren, in das ich im Schwertkasten ein Foil-System und auch ein klassisches Schwert montieren kann. Es ist wichtig, dass die Stationen nicht noch mal etwas extra kaufen müssen. Denn dann gehen sie sofort wieder auf Nummer sicher und holen lieber ihre alten Schätze raus und hübschen sie ein bisschen auf. Die meisten Surfschulbetreiber sind nicht sehr mutig oder experimentierfreudig.
Wir müssen uns ernsthaft die Frage stellen, wie wir Windsurfen wieder sexy machen.”
Wir haben vor ein paar Jahren festgestellt – das wäre natürlich bei näherer Betrachtung schon früher feststellbar gewesen –, dass die Surfschulbetreiber immer älter werden. Das sind die alten Namen, die man seit jeher kennt und irgendwie hörst du kaum was von neuen Namen. Wir waren uns mit Blick auf die Geburtsdaten der einzelnen Kandidaten ziemlich einig, dass das nicht ewig so weitergehen kann und wird.
Aber wie sieht eigentlich eine Nachfolgeregelung aus? Seit zwei Jahren zeigen wir im Managementseminar beispielsweise auch unterschiedliche Modellvarianten, wie die Nachfolge geregelt werden kann, wie man sich frühzeitig darum kümmert, dass man eben sein Geschäft so führt, dass es nachvollziehbar ist. Damit jemand, der von außen draufguckt, einen realistischen Eindruck bekommen kann und nicht nur vom Bauchgefühl abhängig ist. Nach und nach findet jetzt dieser Generationswechsel statt und plötzlich sitzen in dem Managementseminar junge Leute drin, die gerade eben Windsurfing Hamburg oder Windsurfing Wulfen übernommen haben. Die gehen mit einem ganz anderen Blickwinkel an die Geschichte ran und sagen wörtlich: „Du, jetzt müssen wir uns mal ernsthaft die Frage stellen, wie wir das Surfen wieder sexy machen können, weil sexy sind die anderen Sportarten – das sieht alles irgendwie geil aus. Aber beim Windsurfen fühle ich spontan keine Erregung.“ Das ist die neue Generation und wir haben da eine gewisse Chance, aus den alten Verfahrensweisen rauszukommen und vielleicht doch mal was anderes als den alten HiFly-Primo weiter als Einsteigerbrett künstlich am Leben zu halten. Die Chance, denke ich, kann man jetzt nutzen, sollte man nutzen.
Wenn ich mir dann noch den Beisatz erlauben darf: Im Moment geht es der Windsurf-Industrie nicht wirklich gut, aber da sind ein Arbeitsfeld und eine Zielgruppe, die von keinem einzigen Hersteller betreut oder bearbeitet werden – nicht mit vollem Einsatz. Jeder macht so ein bisschen was, aber das sind immer nur Abfallprodukte, die in dem Segment landen. Wenn einer von denen den Mut hätte zu sagen, da gebe ich jetzt mal richtig Gas. Was hätte der für eine Spielwiese vor sich? Er hätte einen enormen Vorsprung, wenn er sich trauen würde. Aber sie bleiben alle bei ihren alten Leisten und machen alle immer wieder genau das Gleiche, was sie schon seit Jahrzehnten machen. Also das ist mein persönlicher Eindruck. Chancen für etwas Neues, Erfolgreiches wären da.
Redakteur surf