Wer an Mainz denkt, denkt zuerst an Fastnacht oder den Rhein, Wellen und Wind findet man dort nicht wirklich. Doch genau dort begann die Windsurf-Geschichte von Sebastian Bail. Heute lebt der 22-Jährige in Kiel, studiert BWL, schreibt an seiner Bachelorarbeit und gehört mittlerweile zu Deutschlands besten Wave-Windsurfern. Ende September feierte er seine Worldcup-Premiere auf Sylt. Wir haben mit ihm über seinen Weg, seine Motivation und die Faszination Welle gesprochen.
Ich komme ursprünglich aus Mainz und bin vor drei Jahren nach Kiel gezogen. Offiziell fürs Studium, aber natürlich auch weil’s hier einfach mehr Wind, Wellen und eine coole Surf-Community gibt.
(Lacht) Ja, stimmt, dort gibt’s wirklich nicht viel Wind und noch weniger Wellen. Über meinen Vater bin ich im Urlaub zum Windsurfen gekommen. Wir waren früher im Urlaub häufig an der Costa Brava unterwegs. Das Windsurfen hat auch bei mir ganz klassisch begonnen: Segel hochziehen, runterfallen und wieder rauf. Auf einem kleinen Baggersee konnte ich dann regelmäßig zu Hause weiterüben. Über die Kidscamps von Vincent Langer habe ich dann später auch andere Jugendliche kennengelernt, die schon Regatten gefahren sind. Diese haben mich motiviert, in der Jugendklasse BIC Techno 293 meine ersten Wettkämpfe in der Region zu fahren.
Genau. Ich bin ziemlich viele nationale Regatten, auf verschiedenen Seen, aber auch an Nord- und Ostsee gefahren. Ich fand das Wettkampf-Feeling schon immer super. Dieses Batteln gegeneinander, das hat mich total gereizt, und dort konnte ich auch ein paar Erfolge wie den deutschen Meistertitel in der U17 feiern. Aber ich hatte abseits vom Bojenkurs schon immer mehr Spaß auf dem Shortboard und nutze die freie Zeit auf dem Wasser selten zum Regattatraining.
Das war ungefähr im Jahr 2021. Da habe ich beschlossen, nicht mehr an Racing-Regatten teilzunehmen, sondern mich komplett auf die Disziplin Wave zu konzentrieren. Nach meinen ersten Forward- und Backloops war ich überwältigt von dem Gefühl und fing an, weiter an meinen Moves zu üben. In demselben Jahr nahm ich ebenso am ersten Jugend-Worldcup teil, das war eine mega Erfahrung und unterstrich meine Entscheidung nochmals.
Eher wegen des Windes. (Lacht) Ich habe schon als Jugendlicher immer gesagt: Wenn ich groß bin, ziehe ich nach Kiel. Ich kannte die Szene ein bisschen, und man hört ja ständig, dass Kiel so eine Art Windsurf-Mekka in Deutschland ist. Als das Studium dann anstand, war klar: Da spricht nichts dagegen. Auch nach dem Abitur habe ich immer mehr Freundschaften durch nationale Wettkämpfe wie den DWC oder die Danish-Open-Serie schließen können. Diese Verbindungen haben die Entscheidung, nach Kiel zu ziehen, natürlich noch gestärkt.
Ich arbeite als Werkstudent, was mir viel Flexibilität gibt. Mein Studiengang ist zum Glück auch recht frei in der Zeiteinteilung. Wenn Wind ist, gehe ich auf das Wasser, entweder nachmittags, am Wochenende oder während „uninteressanter“ Vorlesungen. Wir haben hier eine coole Crew in Kiel, viele studieren auch, und wir machen Fahrgemeinschaften zu den Spots. Das macht’s einfach: gemeinsam raus, Surfsessions teilen, zusammen Gas geben und viel Spaß haben.
Unfassbar! Ich hab ganz spontan ein paar Tage vor dem Event durch meinen dritten Platz beim deutschen Windsurfcup auf Sylt im Juni die deutsche Wildcard erhalten. Das war natürlich mega! Allein zum ersten Mal auf der großen Bühne zu stehen und mit den Pros den Spot zu teilen ist einfach unbeschreiblich!
Das war schon verrückt. Einerseits war es natürlich ein Traum, weil Philip für mich immer ein Vorbild gewesen ist. Andererseits war abzusehen, dass ich gegen ihn kaum eine Chance hätte, außer vielleicht durch einen Mastbruch. Aber das war auch gar nicht mein Ziel. Ich wollte einfach das ganze Event aufsaugen und möglichst viele Tipps und Erfahrungen für die Zukunft mitnehmen.
Total besonders. Auch bei Wind und Regen standen da Hunderte am Strand, haben zugeschaut, Fotos gemacht, Fragen gestellt. Das war total nahbar und begeisternd. Es ist Wahnsinn zu sehen, wie sehr die Leute diesen Sport feiern. Auch wenn die ersten Tage durch den Windmangel ruhig waren, hatten wir zum Ende hin ein super Event.
Sehr wichtig. Windsurfen ist für mich kein Einzelsport. Wenn du mit Freunden die Session teilst, dich gegenseitig pushst und Tipps gibst, das ist das Beste überhaupt. Alle sind hilfsbereit und nett. Egal ob Anfänger oder Pro. Diese Community motiviert mich total.
(Lacht) Ja, auf jeden Fall! Die Partys bei den Contests sind legendär. Das gehört einfach dazu. Am Tag Vollgas auf dem Wasser, abends mit der Crew feiern, lachen und Geschichten erzählen. Das sind die Momente, die in Erinnerung bleiben. Es ist einfach ein super Mix aus Sport, Lifestyle und Freundschaft.
Ich bin eigentlich über meinen Vater aufs Brett gekommen – auf einem Baggersee bei Mainz.”
Ich mag den Wettkampfgedanken total. Sich zu messen, zu lernen, Neues auszuprobieren und aus der Komfortzone gehen zu müssen pusht einfach. Aber ich sehe im Windsurfen nicht nur die Ergebnisse. Für mich geht’s um das Erlebnis: Reisen, neue Leute, neue Bedingungen und Freude an dem zu haben, was ich tue. Ich will immer dazulernen, und wenn’s am Ende noch ein guter Heat ist, umso besser.
Das ist eine gute Frage. Den Winter werde ich auf jeden Fall an der Nord- und Ostsee verbringen. Es gibt für mich eigentlich kein „zu kalt“. Aber trotzdem wäre mein Traum, nach der Abgabe meiner Bachelor-Arbeit im Januar Zeit in wärmeren Gewässern zu verbringen. Aktuell spiele ich mit dem Gedanken, nach „Down Under“ beziehungsweise Westaustralien oder wieder nach Kapstadt zu fahren. Aber erst mal steht noch Uni im Vordergrund und ein paar gute Sessions in Deutschland oder Dänemark.
Absolut! Ich verbringe neben dem Windsurfen auch viel Zeit auf dem Rennrad oder gehe joggen, um fit zu bleiben. Im kommen-den Jahr hoffe ich wieder an dem einen oder anderen Weltcup teilnehmen zu können. Die kanarischen Events kenne ich noch von den Jugend-Worldcups, wo ich zu den Pros hinaufgeschaut habe. Dort einen Startplatz zu bekommen wäre echt mega! Aber auch die nationalen Events möchte ich nicht verpassen.
Mein erster gelandeter Frontloop. Das war so ein langer Prozess, und als es dann endlich geklappt hat, war’s einfach pure Freude. Die Session habe ich zusammen mit meinem Vater geteilt, und den Tag werde ich definitiv nicht mehr vergessen. Ich glaube, solche Momente kennt jeder Wassersportler. Man muss unfassbar viel Disziplin und Ausdauer mitbringen, wird aber am Ende eben auch doppelt so stark belohnt.
Einfach machen. Fahrt kleine Contests mit, lernt Leute kennen, lasst euch inspirieren und teilt eure Sessions. Die Szene ist superoffen, jeder hilft jedem. Allein surfen ist cool, aber zusammen ist es einfach noch schöner. Also: Just go for it!
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