Gar nicht so einfach, den neuen Wave-Weltmeister zu erwischen. Statt nach dem Titelgewinn erst mal die Korken knallen zu lassen, tüftelt Marc Paré schon wieder an neuen Segeldesigns. Und das nicht unter Palmen auf Maui, sondern im kalten Schweden, im Hauptquartier seines Sponsors Simmer Style. Jede Minute Tageslicht und jeder Windhauch wird zum Testen genutzt, der Rest der Zeit ist mit Meetings und Entwicklungsarbeit gefüllt. An einem späten Abend schaffen wir es dann doch, mit Marc zu sprechen. Unser Kollege John Carter hatte in diesem Fall die Nase vorn und Marc direkt nach dem Finale auf Maui zum Gespräch erwischt – so erlebt ihr den neuen Wave-Weltmeister im Interview gleichzeitig mit viel Emotion nach dem Contest und etwas reflektiertem Abstand ein paar Wochen später.
Vielen Dank! Es fühlt sich unglaublich an, und es ist eine riesige Erleichterung nach all den Jahren harter Arbeit auf dieses Ziel hin. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass ich schon wirklich verstanden oder realisiert habe, was ich da erreicht hab. Ich habe noch nicht wirklich darüber nachgedacht, ich war einfach auf andere Dinge fokussiert. Vielleicht wird es irgendwann einsickern. Aber im Moment schaue ich einfach nach vorne, darauf, neue Dinge zu tun und mich zu verbessern. Keine Zeit, zurückzublicken.
Auf Maui bin ich mit ein paar Freunden nach dem Contest Sushi essen gegangen. Meine anderen Freunde wollten mit mir feiern gehen, aber ich bin auf Ricardos Couch eingeschlafen. (Lacht) Nach all der Anspannung hat mein Körper, sobald er die Chance hatte loszulassen, einfach alles aufgeholt. Ich war noch nicht zu Hause in Spanien, aber meine Eltern sind nach Schweden gekommen und haben mich überrascht. Mein Chef hat das eingefädelt. Dann hat Surfers, der lokale Shop in Varberg, eine Party organisiert – das war wirklich schön. Es war etwas Besonderes und toll, dass die Surf-Community in den Shop gekommen ist, um zu feiern!
Ich war einfach sehr fokussiert, habe mein Ding gemacht und mich auf mich konzentriert, um mein bestes Windsurfen zu zeigen und meine Führung so gut wie möglich zu verteidigen. Wir wissen alle, wie gut Braw in Ho’okipa surft, also wollte ich ihm keinen Raum lassen und es auf keinen Fall ihm überlassen. Am Ende hatte ich es nicht selbst in der Hand, wie ich es wollte, aber gleichzeitig bin ich superglücklich mit meinem Windsurfen während des gesamten Events – Fünfter beim Aloha zu werden und natürlich den Weltmeistertitel zu holen!
Es war schon vor Maui sehr eng, denn auch wenn ich vorne lag und punktemäßig einen guten Vorteil hatte, war es nicht unrealistisch, dass Braw noch aufholen würde. Als ich nicht ins Finale kam, war ich echt wütend und am Boden zerstört. Für mich fühlte es sich an, als hätte ich dort den Titel verloren. Wie schon gesagt, mein Plan war, es nicht Braw zu überlassen – ich wollte meinen Platz verteidigen, indem ich in die Top 3 komme, und es selbst klarmachen. Deshalb war die Niederlage extrem schwer zu verkraften, da der Titel so nah war. Aber ich war überglücklich, dass am Ende doch alles zu meinen Gunsten ausging!
Ich glaube, ich war schon lange nicht mehr so enttäuscht, auch wenn ich immer noch Chancen hatte. Ja, ich habe geweint und versucht, die Niederlage zu verarbeiten. Ich habe meine Familie angerufen und im Auto gechillt und Formel 1 geschaut, damit ich keinen Herzinfarkt bekomme, während das Event weiterläuft … Aber vor dem Finale habe ich meinen Vater angerufen, und er sagte mir, ich solle das Finale anschauen und, egal wie es ausgeht, jeden Moment genießen. Also habe ich das getan, und ich kann nicht beschreiben, wie unglaublich, nervenaufreibend und besonders das war. Dort mit meinen Freunden zu sitzen, die mich angefeuert haben, und meine Eltern am Telefon zu haben war einfach unfassbar besonders. Ein Moment, den ich nie vergessen werde. Die Nerven, die Freude, die Erleichterung, die Liebe … Es war einfach ein extrem intensiver und einzigartiger Moment.
Es ist ein ziemlich großer Kontrast. Auch wenn ich im Laufe der Jahre viel Zeit auf Maui verbracht habe, um zu trainieren, brauche ich immer ungefähr eine Woche, bis ich in Ho‘okipa wieder vollständig im Rhythmus bin. Es geht nicht so sehr um die Moves oder Turns, die man fährt, sondern mehr um das Timing mit der Welle und in meinem Fall besonders darum, die richtigen Wellen auszuwählen – zwischen all den anderen Fahrern, die ebenfalls versuchen, die besten Wellen zu bekommen.
Ich habe mehr Zeit auf der Nordsee verbracht als zu Hause auf der Welle. Das ist mein Spielplatz.”
Nicht viel. Ich war an diesem Tag aufgeregt. Viele meinten, es sei zu gefährlich, die Wellen brechen gegen die Mauer. Aber ich habe mehr Zeit auf der Nordsee verbracht als zu Hause in der Welle. Das ist mein Spielplatz. Ich hatte den Monat vorher ganz alleine genau in solchen Bedingungen trainiert. Das hat mich beruhigt. Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht. Ich war vorbereitet, also hatte ich keine Angst. Ich war irgendwie entspannt, weil es nichts Neues für mich war, ich wusste genau, worauf ich mich einlasse. Das hat mir so eine gelassene mentale Haltung gegeben, dass ich es auf eine seltsame Art richtig genossen habe.
Es kommt ganz natürlich. Dieser Weltmeistertitel hat mir ein paar Dinge klargemacht. Die Leute haben mein Potenzial deutlicher gesehen als ich selbst, weil ich alles einfach aus Überzeugung tue. Außerdem macht die ganze Entwicklungsarbeit Spaß – es ist Windsurfen, ich mag es einfach. Wahrscheinlich haben andere mir eher zugetraut, Weltmeister zu werden, als ich. Ich habe einfach durchgezogen und meine Arbeit gemacht. Ich tue das nicht, um zu gewinnen oder berühmt zu werden. Mein Antrieb ist die Leidenschaft fürs Windsurfen!
Ja, auf jeden Fall. Das passiert ständig. Ich wäre jetzt zum Beispiel lieber in Chile, würde gute Wellen surfen und mit meinen Freunden grillen. Und natürlich gibt es persönliche Opfer – Familie, Freunde, Beziehungen. Am Ende ist es ziemlich egoistisch. Man wird zu einer recht egoistischen Person, auch wenn man das nicht will. Aber das muss sein, wenn man vorankommen und besser werden will.
Ja, aber erst seit meiner Fußverletzung habe ich einen richtig guten gefunden. Und ich habe dieses Jahr gemerkt, dass ich in den Heats viel präsenter war. In der Vergangenheit bin ich im Wettkampf oft wie in einem Traum, in einem Nebel gefahren. Frag mich nicht, warum – ich glaube, es hat damit zu tun, sich selbst besser zu verstehen, zu reifen, älter zu werden. Das sieht man ja bei vielen Fahrern: Sie werden stärker, wenn sie älter werden. Es geht darum, die Emotionen im Griff zu haben.
Es fühlte sich gut an, und ich glaube, ich kann einen Teil des Erfolgs darauf zurückführen. Wir vertrauen uns alle gegenseitig sehr, jeder arbeitet gefühlt an einer Million Dingen gleichzeitig und gibt sein Bestes. Alle arbeiten praktisch von Montag bis Sonntag. Wir verlassen uns aufeinander. Das hat mir eine gewisse Ruhe gegeben, weil sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um mir das bestmögliche Material zu geben. Gleichzeitig gebe ich zurück, wo ich kann. Wir alle geben 200 Prozent. Es ist natürlich jede Menge Arbeit, aber es ist viel entspannter und erfüllender in diesem kleinen Team!
Seit letztem Jahr, seit ich mir den Fuß gebrochen habe, verbringe ich zwischen den Reisen ziemlich viel Zeit hier. Für mich haben sich die Dinge ein bisschen verändert. Es geht nicht mehr nur ums Reisen und um Wettkämpfe wie früher. Ich bin viel stärker in das Segeldesign eingebunden – mittlerweile so sehr, dass ich anfange, einige der Dateien selbst zu bearbeiten. Ich bin auch allgemein mehr in die Marke involviert, vor allem in die Produktentwicklung. Obwohl es ein kleines Unternehmen ist, versuchen wir alle, unser Bestes zu geben. Ich denke, das trägt langsam Früchte, und das ist schön.
Ich bin auch an der Board-Entwicklung beteiligt, aber dort läuft es etwas anders. Ich gebe Feedback und Ideen, und dann arbeiten wir gemeinsam daran. Aber bei den Segeln bin ich inzwischen in der Lage, selbst im Programm Details zu verändern. Es ist toll, hier zu sein und Zeit mit Tomas (Persson, dem Haupt-Segeldesigner bei Simmer) zu verbringen. Er ist sehr motiviert, mir alles beizubringen und Wissen weiterzugeben. Ich genieße diesen Teil wirklich sehr und finde ihn extrem bereichernd. Früher, wenn ich eine Segeldatei geöffnet habe, war das für mich einfach ein Haufen kleiner Segelbahnen – völlig unverständlich. Und jetzt weiß ich genau, was ich da sehe!
Ja, das ist der Plan. R&D ist ein großer Teil dessen, was ich mag und was mich motiviert. Ich habe schon immer viel und gerne getestet, aber noch schöner ist es, zu verstehen, was man fährt. Es ist definitiv nicht einfach, es braucht Zeit. Vielleicht bin ich manchmal zu perfektionistisch und verliere mich etwas in den Details, aber ich glaube, das ist etwas Positives.
Grundsätzlich beginnt man mit der Outline, dann kommt die Mastkurve, und von dort aus muss man die Schnittlinien anpassen. Es sind all diese kleinen Details. In letzter Zeit haben wir viel mit verschiedenen Materialien und neuen Konstruktionen gespielt – das hat eine ganz neue Welt eröffnet. Lange wurden nur bekannte Materialien verwendet und vieles war recht mathematisch. Jetzt müssen wir ganz anders denken, weil das neue Material sehr sensibel ist und davon beeinflusst wird, wie wir es platzieren und wie die Bahnen geschnitten sind. Wir analysieren viel, um das beste Layout zu finden und wie wir die Fasern anordnen. Und wir bauen gerade eine neue Leading Edge ins Segel. Es ist immer ein Abwägen zwischen Dämpfung und Steifigkeit. Ich verrenne mich da manchmal ein bisschen, aber ich liebe es.
Ich denke, die Basis ist da, aber es wird Veränderungen und Verbesserungen geben – vor allem in Sachen Konstruktion und Materialien, die das Segel leichter machen und in einem größeren Windbereich funktionieren. Ich denke, dahin geht es jetzt.
Ich bin kein Mega-Talent, das alles aus dem Gefühl heraus kann. Ich bin analytischer, überlege, wie ich Dinge verbessern kann.”
Natürlich wäre es schön, einen weiteren Titel zu holen. Aber ich will mich nicht darin verrennen, denn ich glaube, dann beginnt man Mist zu bauen. Wenn ich gut fahre und wieder gewinne – super. Wenn nicht, gebe ich trotzdem mein Bestes. Meine Schwächen verbessern, am Material arbeiten. Wenn man etwas nur für den Titel tut, könnte ich jetzt einfach loslassen und sagen: Das war’s. Aber dafür mache ich das nicht. Mein Ziel ist es, immer weiter besser zu werden, mein Material zu verbessern, sodass ich besser und intuitiver surfen kann.
Ich wollte schon immer nach Alaska! Das wäre ein teures Projekt, aber irgendwann mache ich das! Bei den Moves würde ich gerne bei Wind von rechts so gut werden wie auf der anderen Seite und richtig konstant. Und wenn ich bereit bin und alles passt, warum nicht einen Triple versuchen? Es ist ein Balanceakt, sich nicht zu verletzen und trotzdem volles Risiko zu gehen. Ich bin kein Mega-Talent, das einfach alles aus dem Gefühl heraus kann. Ich bin analytischer. Ich schaue mir Dinge an, studiere sie, überlege, wie ich sie verbessern kann. Natürlich braucht man auch ein bisschen die „Einfach machen“-Einstellung, um besser zu werden, aber ich versuche, alles kalkuliert und unter Kontrolle zu halten.
Farrell, der Besitzer von O’Shea, ist letztes Jahr leider verstorben. Als er in den Achtzigern und Neunzigern Wettkämpfe fuhr, hatte er immer so einen bunten Neoprenanzug. Es war ein Tribute. Farrell hat mir sehr geholfen, zurück zu Simmer zu kommen, er hat mich sehr gefördert. Anfangs fand ich das Design extrem. Ich wusste nicht, ob ich den überhaupt tragen konnte, weil ich normalerweise nicht so gerne auffalle. Viele Leute wollten ihn kaufen, aber die Jungs bei O’Shea sind sich nicht sicher, ob man so was am Homespot wirklich tragen würde. Er ist ziemlich extrem, sehr viele Farben.