Tobias Frauen
· 29.04.2026
Als komplette Newcomerin auf dem iQFOiL zu Olympia? Das klingt absurd, war aber die Mission der Schweizerin Elena Šandera. Filmemacher Jonas Nellissen hat die 21-Jährige dabei begleitet und jetzt den Film „The Wind In Her Hands“ herausgebracht. Der 80-Minüter hat auf Festivals abgeräumt und läuft seit Kurzem bei Amazon Prime und Apple TV. Am 7. Mai läuft der Film im Rahmen des Cinemare-Festival in der Hansa48 in Kiel, Tickets und Infos dazu findet ihr hier: cinemare.org
Dabei ist “The Wind In Her Hands” keine typische Sport-Doku: Mit langen, künstlerischen Einstellungen und eingeschobenen Gedicht-Rezitationen wird eine weitere Ebene geschaffen, die über den Wettkampf hinausgeht. Elena thematisiert ihre Probleme mit Magersucht und eine erlebte Vergewaltigung, und macht im Laufe der Dreharbeiten eine spürbare Entwicklung durch. Wir haben mit Elena und Jonas über „The Wind In Her Hands“ und Elenas Olympia-Kampagne gesprochen.
Jonas: Als meine Tochter etwas älter wurde, wollte ich wieder mehr selbst Windsurfen und bin dabei in die Windsurfer-Insta-Bubble geraten. Darüber bin ich auf Elena gestoßen und fand ihr Projekt gleich faszinierend, in so kurzer Zeit zu Olympia zu wollen. Kurz vor der WM 2023 in Den Haag haben wir dann zum ersten Mal miteinander gesprochen und vereinbart, dass ich dorthin komme und wir es mal probieren. Zu dem Zeitpunkt gab es auch noch die Option, dass vielleicht eine NDR- oder SRF-Doku daraus werden könnte. Letztendlich war ich froh, dass es keine TV-Doku wurde, sondern wir einen eigenen Stil finden konnten.
Elena: Ich habe mich gefreut, aber habe auch gedacht, was will er über mich erzählen, da gibt es ja eigentlich nichts. Bei Sportler-Dokus denke ich an Serena Williams oder Roger Federer, die richtig Großen, die schon alles erreicht haben, und da habe ich mich selbst überhaupt nicht gesehen. Der Grund, warum ich ja gesagt habe, war eher, weil ich gesehen habe, dass auch Jonas einen Traum hat: Er möchte einen Dokumentarfilm machen, und ich habe meinen eigenen Traum, und wenn ich da Jonas mit meiner Story unterstützen kann, dann will ich das machen.
Jonas: Ich würde sogar sagen, dass Elena mich ganz besonders gepusht hat. Ganz oft stand ich vor der ethischen Frage, wie weit kann ich eingreifen, wie nah darf ich herangehen, weil ich auf keinen Fall das sportliche Ergebnis beeinflussen wollte. Besonders die sensiblen Themen hätte man nicht im Rahmen eines Wettbewerbs angesprochen. Ich wollte aus unterschiedlichen Gründen unbedingt mal einen langen Dokumentarfilm machen, der eher künstlerisch-kreativ ist, und habe das dann in dieser Geschichte gesehen. Dabei war sie für mich an diesem Punkt in meinem Leben eine große Inspiration. Jemand, der so resilient ist und sich auch mit den Fallhöhen, die man selbst erst auf dem Weg entdeckt, auseinandersetzt und dadurch weiter wächst. Ob ich für Elena so wichtig war, das wage ich zu bezweifeln (lacht).
Elena: Ich sehe den Dokumentarfilm als ein richtig großes Geschenk. Die eigene Journey als Film zu haben, über eine sehr wichtige Zeit in meinem Leben, ist super cool!
Jonas: Nein, ich war immer komplett alleine. Das hatte in allererster Linie Budgetgründe, zum anderen ist das natürlich bei Dokumentarfilmen aber auch von Vorteil, denn je schmaler das Ganze ausfällt, desto weniger fällt es auf, selbst für die ProtagonistInnen. Manchmal wäre es aber toll gewesen, hätte ich noch einen zweiten Operator gehabt. Eine Person, die an Land ist und eine, die auf dem Presseboot filmt. So musste ich mich dann immer entscheiden, weil ich nach der Stunde iQFOiL noch dreieinhalb Stunden auch alle anderen Klassen auf dem Presseboot angucken musste, bevor ich wieder im Land war, und dann war Elena schon weg. Ich musste immer überlegen, was ist heute wichtiger, Land oder Wasser?
Elena: Nein, gar nicht. Ich bin es eigentlich gewohnt, vor der Kamera zu sein, ich mache selber auch viel bei Instagram. Aber als ich den Film gesehen habe, waren ein paar Sachen drin, bei denen ich nicht wusste, ob ich das nochmal so sagen würde, wäre ich mir mehr bewusst gewesen, dass da eine Kamera war. Aber gleichzeitig bin ich auch froh, dass es extrem authentisch ist. Ich habe mich nie verstellt, aber es gab gewisse Momente, wo es schon schwer war zu wissen, da läuft jetzt eine Kamera.
Jonas: Das hat sich während der Dreharbeiten entwickelt. In Den Haag war das noch nicht so stark, aber man kann sehen, wie sich später die Bildsprache verändert hat. Für mich war das toll, ich mag diese typischen Festival-Dokumentarfilme, die künstlerischen Dokumentarfilme, weil sie Fragen stellen, statt sie zu beantworten. Später kamen mehr und mehr Ideen dazu, wie ich das umsetze. Ich habe eine gewisse Bildsprache und eine Erzählweise, die ich mir schon vorher so etabliert habe, aber die hat sich erst an diesem Langfilm so richtig manifestiert. Zum Beispiel das Rezitieren der Gedichte, das kam relativ spät dazu. Ich habe gemerkt, wir brauchen noch eine andere Ebene für dieses Trauma, was da unten schlummert und hochkommt, und für das, was in Elena in der Zeit passiert ist. In den langen Einstellungen, die zwischendurch immer mal wieder zu sehen sind, in den Zäsuren, soll man sich eher mit seinen eigenen Gedanken auseinandersetzen, als dass man vorgekaut kriegt, was jetzt als nächstes passiert oder wie man sich gerade zu fühlen hat.
Elena: Ich kann mich gut daran erinnern, beim letzten Interview bei mir zu Hause hat Jonas mir plötzlich ein paar Zettel gegeben und gesagt, lies mal diese Gedichte vor. Ich habe mich gefragt, wie kann man das einbinden? Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, worauf er da hinaus will. Aber ich finde es extrem cool, wie es rausgekommen ist. Und ich habe ihm voll vertraut, dass er da seine Vision hat. Es ist nicht mein Film. Er erzählt meine Story, aber Jonas entscheidet, wo der Film hin will.
Elena: Dass ich auf dem iQFOiL starte, war eigentlich eine einfache Entscheidung. Ich war im Sommer 2020 am Gardasee und habe zum ersten Mal die italienischen Teams gesehen, wie die da trainiert haben. Das war beeindruckend, das Feld mit genau den gleichen Segeln und gleichen Brettern zu sehen. iQFOiL hat mich einfach fasziniert. Ich habe auch mal in den PWA-Worldcup hineingeschnuppert, aber das fand ich langweilig, weil damals immer nur Downwind-Slalom gefahren wurde. Ich finde diese andere Ebene mit Strategie und Taktik einfach extrem interessant im iQFOiL. Gleichzeitig ist das ohne Erfahrung auch extrem schwer, das ist eine Ebene, die Jahre braucht, um das aufzubauen. Und Olympia ist halt das höchste Ziel, das du haben kannst. Ich meine, wenn man die Chance hat, dabei zu sein, wer würde da Nein sagen?
Für mich war immer klar, ich kann mich nicht als Sportlerin verkaufen, weil ich keine guten Resultate habe. Ich habe das Projekt an sich vermarktet, das hat ziemlich gut funktioniert.”
Elena: Für mich war immer klar, ich kann mich nicht als Sportlerin verkaufen, weil ich keine guten Resultate habe. Ich habe das Projekt an sich vermarktet, das hat ziemlich gut funktioniert. Ich habe vor allem mit Leuten gesprochen, die selbst Windsurfer waren oder immer noch Windsurfer sind. Ich glaube, dieser olympische Traum lässt sich ziemlich gut verkaufen, weil viele Leute den selber mal hatten. Als Sportlerin und Sportler hat man immer diesen Druck, zu performen, den hatte ich nicht. Ich war nicht die Beste in der Welt und muss oben bleiben, damit meine Sponsoren mir treu sind, sondern ich habe Leute, die dabei sind wegen der ganzen Reise. Wenn es schlecht läuft, schauen die nicht nur aufs Papier, sondern fragen, woran es liegt und wie sie mich noch unterstützen können.
Elena: Klar! Ich glaube, die hat man immer, egal mit was man macht. Es gab viele Rückschläge, aber ich glaube nicht mehr als bei anderen. Ich bin froh, dass mir zu Beginn nicht bewusst war, worauf ich mich da einlasse, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich hatte vielleicht Vorstellungen, die waren ein bisschen zu übermütig und ja, ich habe mir vielleicht zu früh zu hohe Ziele gesetzt. Und trotzdem, glaube ich, bin ich nur so weit gekommen, weil ich mir so hohe Ziele gesteckt habe. Für mich ist es immer okay, zu scheitern. Ich gebe lieber alles und dann funktioniert es nicht, als mich vorsichtig ranzutasten und dann aufzugeben, wenn es nicht klappt, damit es nicht peinlich wird. Das ist nicht mein Style.
Elena: Extrem viel. Ich arbeite jetzt zum Beispiel mit einem Mentalcoach zusammen, dort liegt immer noch mit Abstand mein größtes Problem. Technisch bin ich eigentlich voll dabei, Wenden, Halsen, Speed, es ist alles da. Was mir extreme Schwierigkeiten macht in jedem Wettkampf, ist das Mentale. Ich entwickle mich im Training stark, aber im Wettkampf schaffe ich es nie, einen Durchbruch zu haben. Ich bin mental nicht so flexibel, um mich extrem schnell an die Konditionen anzupassen, wenn es böig wird oder der Wind dreht. Und wenn ich das analysieren und verändern kann, dann wird das auch für den Rest meines Lebens extrem hilfreich sein.
Jonas: Es war relativ schnell klar, dass das eine Rolle spielen muss. Es gibt diese äußere Reise, die Olympia-Qualifikation, und die innere, die für mich viel entscheidender ist. Schon im ersten Interview in Den Haag haben wir zumindest über die Anorexie gesprochen und ich habe deutlich gemacht, dass wir über viele Themen sprechen werden. Für alles brauchte man dann den richtigen Moment. Da war in Lanzarote mehr Ruhe drin, und das Abschlussinterview in Zürich war natürlich nochmal in einer ganz anderen Atmosphäre. Für mich war es dann hilfreich, die Podcast-Folge von „World of Windsurfgirls“, in der Elena zum ersten Mal über den sexuellen Missbrauch erzählt, als Zitat zu nutzen, weil das so ein unmittelbarer Moment war. Bei meinem Zürich-Besuch fiel dann interessanterweise der Satz, dass die Scham die Seite wechseln muss – noch bevor Gisele Pelicot den gesagt hat. Und ich glaube, insofern entspricht die offene Darstellung auch dem Willen von Elena.
Elena: In den Interviews habe ich die Kamera ziemlich schnell vergessen, das waren auch fast mehr Gespräche zwischen dir und mir, Jonas. Da war es dann einfach, mich auf das Thema einzulassen. Wenn ich dann merke, dass andere Leute das gesehen und gehört haben, ist es schon was anderes. Aber bis jetzt hatte ich nur zum Glück positive Nachrichten. Und es ist auch nichts, was mich beschämt, vielmehr finde ich es eigentlich extrem befreiend, wenn alles, was ich erlebt habe, jetzt da draußen ist. Es gibt nichts mehr, was ein Geheimnis ist, sondern alles, was ich bin, was ich erlebt habe, das kann man angucken. Und das heißt, es liegt nicht mehr allein auf meinen Schultern.
Ich habe das Gefühl, ich schulde es anderen Frauen, die nicht darüber sprechen können oder nicht unterstützt wurden, dass ich das Thema an die Öffentlichkeit bringe.”
Elena: Ja, auf jeden Fall. Ich spreche oft auf Instagram über Feminismus und Frauenrechte, aber so spezifisch, dass ich eine Vergewaltigung erlebt habe, das habe ich nie so genau angesprochen. Ich habe es erlebt, aber es ist nicht unbedingt ein Teil von mir, sondern es ist geschehen und ich konnte es glücklicherweise verarbeiten. Weil ich mich geöffnet habe, ist da Vieles zurückgekommen. Ich hatte das extrem lange unterdrückt. Danach konnte ich wochenlang nicht alleine schlafen. Ich konnte nicht Auto fahren. Es ist einfach alles hochgekommen. Ich musste dann schnell in Therapie und habe alles verarbeitet. Mittlerweile ist es auch voll okay. Aber ich hatte diese Unterstützung und das Umfeld, in dem ich darüber sprechen konnte und durfte. Deswegen habe ich auch das Gefühl, ich muss darüber offen sprechen. Weil ich es kann. Ich durfte es verarbeiten. Und darum habe ich das Gefühl, ich schulde es anderen Frauen, die nicht darüber sprechen können oder nicht unterstützt wurden, dass ich das Thema an die Öffentlichkeit bringe.
Elena: Viele Leute sprechen mich auf den Events an und sagen, dass sie den Film gesehen haben. Aber auch von vielen Frauen bekomme ich längere Messages, die mir sagen, wie cool, dass du so offen darüber sprichst. Aber ich glaube, das Windsurfen wird so ein bisschen vergessen, weil die Magersucht und der sexuelle Missbrauch am meisten Aufmerksamkeit bekommen.
Elena: Für mich war ganz klar, ich will nicht aufgeben, ich war so nah dran, ich will weitermachen. Und auch der Weg für mich als Person ist sehr wichtig, wie ich mich jetzt weiterentwickle. Wenn ich ein paar Szenen sehe im Film, denke ich, was für ein Baby ich damals noch war. Und es ist für mich im Moment einfach der richtige Weg. Ich studiere nebenbei Healthcare Management und ich bin auch immer noch offen dafür, vielleicht zurück in die Medizin zu gehen. Aber im Moment fühlt es sich richtig an, da weiterzugehen und ich habe das Gefühl, dass ich noch viel zu geben habe und ich noch nicht da bin, wo ich sein könnte.
Jonas: Es gibt Ideen dazu, aber das verfolgen wir gerade nicht aktiv. Dafür bräuchten wir irgendeine Art von Förderung, als Eigenproduktion wäre das nicht mehr machbar, denn dieser Film war für mich finanziell und zeitlich ein riesiger Invest. Aber wir hatten natürlich die logische Idee, wie geht's jetzt nach L.A.? Die großen Themen haben wir angepackt, jetzt könnte das Sportliche mehr in den Fokus rücken. Was ich auch spannend fände, wäre eine so eine Art Porträt-Serie, die eher in der Fleet spielt als nur bei Elena. Ich hatte am Anfang auch noch die Ambition, das Surfen zu erklären um es noch mehr Leuten nahezubringen.
Warnt nicht eure Töchter, sondern erzieht eure Jungs!”
Jonas: Ja, ich hoffe. Zum Einen bin ich Perfektionist und selten zufrieden. Ich hätte mir noch viel mehr gewünscht. Auf der anderen Seite denke ich auch immer wieder, für diese kleine Indie-Produktion läuft es doch ganz gut. Wir waren auf einigen Festivals, haben bei jedem Screening auch einen Preis gewonnen. Die meisten Surffilme kommen in meiner Wahrnehmung aus der Motivation der Athleten selbst heraus und sind somit oftmals eher ein Imagefilm. Längere Filme, wie zuletzt etwa die Dunkerbeck-Doku „Born to Windsurf“ gibt es selten. Aber in erster Linie hoffe ich, dass der Film und seine Themen gesellschaftspolitisch nicht nur die Bubble bedient, sondern vielleicht auch dem einen oder anderen Jugendlichen oder jungen Menschen ein bisschen den Kopf und das Herz öffnet. Warnt nicht eure Töchter, sondern erzieht eure Jungs. Und ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt dabei!
Mehr zu “The Wind In Her Hands” und den Protagonisten unter videoproduktion-siehste-film.de und bei Instagram:

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