Windsurfen in PeruLebenstraum Pacasmayo - Andrea Hoeppner über die Welle ihres Lebens

SURF Redaktion

 · 11.01.2026

Wer träumt nicht von einem kraftvollen Cut Back  in einer perfekten Welle? Andrea Hoeppner hat  sich diesen  Traum erfüllt.
Foto: Veranstalter
Andrea Hoeppner holte in den 80er- und 90er-Jahren drei WM-Titel und tourte um den Globus. 2005 gründete sie ihre Agentur für Sport- und Markenkommunikation, wurde Mutter, heiratete und lebt seither in einem Spagat zwischen Familie und Karriere. Einen ganz großen Windsurf-Traum hat die 56-Jährige schon lange im Kopf gehabt und ihn sich jetzt erfüllt – bis auf ein kleines Missgeschick.

Text: Andrea Hoeppner

Viele von euch glauben wahrscheinlich, dass du als Ex-Profi auf immer und ewig auf einem krassen Niveau windsurfen kannst. Ich kann euch sagen, das ist nicht so, zumindest nicht bei mir. Du kannst aber dafür sorgen, dass Windsurfen auf immer der schönste Sport der Welt bleibt. „Never Not Windsurfing. How to Defeat Age and Keep the Stoke Alive“ ist der wunderschöne Titel des Buches von Sascha Lange, das jetzt auf den Markt kommt. Das soll künftig mein Motto sein, und das will ich jetzt mit 56 Lebensjahren endlich angehen.

Als Ex-Profi in einem Camp mitmachen?

März 2025, Witsands, Kapstadt: Der Wind reicht nicht zum Windsurfen, zumindest nicht für mich. Schade, denn die Wellen sind eigentlich ganz schön und auch nicht zu böse. Also raus mit dem Wingding. Dafür wiederum sind die Wellen in Kombination mit meinem Fahrkönnen ganz schön böse. Kabumm! Nach einer Minute und noch vor dem ersten Aufstehversuch ist die Session für mich vorbei und mein Wing Geschichte. Das war es dann für heute und den Rest des Urlaubs. „Wie kann man so doof sein?“, schießt es mir gerade durch den Kopf, als ich Ex-Worldcupper Flo Jung treffe, der gerade von einer gelungenen Wingsession an Land kommt. Wir kommen ins Gespräch über geplatzte Träume und Träume, die man sich noch erfüllen will. In meinem Alter geht es viel um die Bucketlist, oder zu Deutsch: Löffelliste.

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Bei mir steht seit sieben Jahren ganz oben, einmal in Peru am Strand von Pacasmayo diese unglaublich perfekte, lange und scheinbar gutmütige Welle abzureiten. Zumindest sieht sie sanft aus. Und vor ungefähr drei Jahren ist ein weiteres Ziel hinzugekommen: einmal in Chicama, ebenfalls in Peru, auf einem Foilboard die Dünung abreiten. Aber alleine dahinzufliegen, ohne dass ich mich auskenne, traue ich mich plötzlich nicht mehr. Ist es das Alter? Da sagt Flo: „Ich mache da ein Camp im September, komm doch mit.“ Ich? Als Ex-Profi in einem Camp? Wahrscheinlich kann ich da trotzdem einiges lernen, aber mit Menschen, die ich nicht kenne? So mit morgens zusammen Yoga, Atemübungen und Gruppendynamik? Womöglich bin ich die älteste Teilnehmerin. Bin ich überhaupt fit genug dafür?

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Meine spontane Reaktion war „Nein! Auf keinen Fall! Ich mache mich doch nicht lächerlich.“ Eine Woche später dachte ich: Wäre schon cool. Aber ein Blick auf die Waage und in den Spiegel sowie in die Statistiken meiner letzten Surfurlaube macht mir schnell klar, dass ich dafür etwas an meinem Lifestyle ändern muss, sonst blamiere ich mich wirklich. Aktuell glaubt mir doch kein Mensch, dass ich mal Surfprofi war. Okay, die Eigenwahrnehmung und die Fremdwahrnehmung gehen diesbezüglich auseinander. Von außen mag das immer noch ganz passabel aussehen, was ich da fabriziere – für mein Alter und dafür, dass ich eine Frau bin. Oh, wie ich diese Zusätze hasse und immer gehasst habe! Ich spüre aber, dass ich keine 30 mehr bin und das gute Leben auf den Hüften Spuren hinterlassen hat. Vermutlich kennt jeder normale Mensch über 45 dieses Gefühl in unterschiedlicher Ausprägung. Das sind keine guten Voraussetzungen, um die Bucketlist mit Spaß anzugehen.

Die Welle von Pacasmayo gilt als eine der längsten der Welt und ist dabei sogar verhältnismäßig einfach zu surfen.Foto: VeranstalterDie Welle von Pacasmayo gilt als eine der längsten der Welt und ist dabei sogar verhältnismäßig einfach zu surfen.

“Du musst dahin!”

Doch erst mal muss ich klären, ob das alles zeitlich überhaupt möglich ist. Mein Mann und unsere Tochter sind es leid, immer wieder diese Posts und Reels ansehen zu müssen, die ich ihnen jeden Tag mit der Bemerkung weiterleite, dass wir da unbedingt hinmüssen. „Nein, Mama, nicht wir müssen da hin, du musst da hin, damit dieses Gejammer endlich aufhört!“

Das klingt nach Freibrief. Also buche ich mir bei Surf & Action zum ersten Mal in meinem Leben eine Pauschalreise mit Surf Camp, oder „Learnival“, wie es offiziell heißt. Nun gilt es, nur noch eine Hürde zu nehmen, nämlich in vier Monaten so fit zu sein, dass sich Flug und Kosten auch lohnen. Ich will nicht nach zwei Tagen mit dem Muskelkater meines Lebens am Strand sitzen oder mich direkt in der ersten Welle verletzen.

Die richtige Vorbereitung für den Lebenstraum

April 2025 Manchester, irgendein 08/15-Business-Hotel: Nachdem ich das Camp gebucht hatte, muss ich nun noch Surftrainer Sascha Lange anrufen. Denn mir ist klar, dass ich für Trainingspläne und Motivation Hilfe benötige. Vier Monate klingt lang, aber es ist auch ein weiter Weg. Ich komme mir erbärmlich vor, meinen körperlichen Zustand mittels diverser Fragebögen offenzulegen und auch noch zuzugeben, dass ich eigentlich zu viel Alkohol trinke und viel zu gern ungesunde Dinge esse. Ich kenne Sascha ja kaum. Doch er war der Meinung, das sei alles halb so schlimm und ich sei da in bester Gesellschaft.

Ernsthaft und mit einem Ziel habe ich zuletzt vor 25 Jahren trainiert. Nach dem Karriereende habe ich alle Trainingspläne weggeschmissen, meinen Pulsmesser abgelegt, Sport nur noch zum Spaß gemacht und oft genug auch gar nicht. Das muss ich jetzt ändern, sonst werde ich nicht auf der Welle alt, sondern auf dem Sofa oder, noch schlimmer, gar nicht alt.

​Nach der Karriere habe ich alle Trainingspläne weggeschmissen und Sport nur noch zum Spaß gemacht.”

Mit einem ziemlich anstrengend aussehenden Trainingsplan in meinem Google-Drive-Ordner geht es Mitte April nach Manchester. Dort findet das Sales Meeting zur Vorstellung der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2026 unseres Kunden Craghoppers statt. Tag eins meines neuen Trainingsplans fällt ausgerechnet auf eine Geschäftsreise. Aber ich kann ja nicht schon am ersten Tag schwänzen. Wenn ich jetzt nicht anfange, wird es immer enger mit der Zeit. Außerdem hat Sascha sich extra die Mühe gemacht, einen Plan zu erarbeiten, den ich überall umsetzen kann, also auch in jedem Business-Hotel auf Reisen. Der Wecker klingelte absurd früh, der Hotelboden ist hart und eklig. Learning für nächstes Mal: Yogamatte mitnehmen! Nach einer Stunde schleppe ich mich, am ganzen Körper zitternd, aber bestens gelaunt zum Frühstück. Den Muskelkater auf dem Rückflug nach Hamburg werde ich nicht vergessen, und mein Kollege auch nicht. In Amsterdam haben wir fast unseren Anschluss verpasst, weil ich nicht schnell genug laufen konnte.

Mit einem speziellen Trainingsplan machte sich Andrea fit für die längste Welle der WeltFoto: VeranstalterMit einem speziellen Trainingsplan machte sich Andrea fit für die längste Welle der Welt

Windsurfen ist cool - aber anstrengend...

Ende Mai 2025, Surf-Festival, Fehmarn: Die ersten Wochen Training liegen hinter mir. Es ist erstaunlich, wie viel Spaß es macht, wenn die Fortschritte spür- und sichtbar sind. Die gesündere Ernährung zeigt auch auf der Waage erste Effekte. Das frühere Aufstehen fällt mir mit dem früheren Sonnenaufgang jetzt leichter. Ich bin überzeugt davon, dass auch das attraktive Ziel viel Energie in mir freisetzt.

Seit meinem letzten Trainingsplan vor 25 Jahren hat sich in der Trainingswissenschaft einiges getan, und ich bin beeindruckt, wie viele Übungen Sascha auf Lager hat, die speziell beim Windsurfen helfen. Ich gehe zu Hause nur noch extrem selten windsurfen. Die letzten zwei Jahre hatte ich hier nicht einmal mehr Wave-Material.

Ich war nur noch wingen. Das ist nicht so anstrengend und ich kann es direkt vor der Haustür häufiger machen, als in der Welle zu windsurfen. Außerdem ist es etwas Neues und ich mache schnell Fortschritte. Aber wenn ich in Peru in die Wellen will, sollte ich dies mit dem Windsurfer machen, das kann ich einfach besser. Folglich führt kein Weg daran vorbei, auch als Vorbereitung den Gabelbaum wieder häufiger in die Hand zu nehmen.

Die erste Gelegenheit bietet sich auf dem Surf-Festival. Ich erwische mich, wie ich genau das sage, was sonst nur rückfällige Kiter sagen: „Mann, ist das cool, aber Windsurfen ist ja unglaublich anstrengend!“ Im Vergleich zum März in Kapstadt geht es schon besser – sogar mit diesem anstrengenden Slalomboard. Das motiviert mich ungemein, und ich besorge mir auch gleich neues Wave-Material für den Sommer auf der Ostsee. Jetzt müssen nur noch Freizeit und Wind auf denselben Zeitraum fallen, dann gibt es keine Ausreden mehr.

Leichtwind-Training auf dem Retro-Windsurfer

Juli/August 2025, Hamburger Sommerferien auf Fehmarn: Die Familie kommt diesmal leider etwas kürzer, denn Mama macht ja diesen Quatsch mit ihrer Bucketlist und hat nicht genug Urlaubstage. Der Wind lässt auch zu wünschen übrig, aber ein guter Windsurfer trainiert bei jedem Wind. Das hat schon mein ehemaliger Trainer Hanspeter Lange gesagt. Also hole ich den 3,60 Meter langen Retro-Windsurfer aus dem Schuppen. Ich hatte ganz vergessen, wie schön es ist, bei drei Windstärken an der Küste entlangzucruisen. Und wenn man dann noch das Trapez weglässt und ein paar Pumpschläge macht, hat es auch einen ordentlichen Trainingseffekt.

Packen für Pacasmayo

Ende August 2025, Hamburg/Chiclayo: Endlich geht es los. Wenn ich früher maximal drei Stunden vor Abflug anfing zu packen, beginne ich jetzt drei Tage vorher und im Kopf noch viel früher. Was hat Flo geschrieben? Abends kann es auch mal frisch sein, also gut, das Fleece muss doch mit und eine zweite lange Hose vielleicht auch. Wie viel Kilogramm darf das wiegen? Irgendwie schaffe ich es, alle Bekleidung im Handgepäck zu verstauen und wirklich nur die Surfsachen einzuchecken. Mein Set-up: ein Starboard Hyper 88, ein echtes „Down-the-Line-Waveboard“, 4.6er und 5.0er Severne S-1, ebenfalls radikale Wave-Segel. Für den Fall, dass der Wind zu schwach ist, nehme ich auch den AK Phazer 65 mit dem 880er Plasma-Foilset, meine „One-size-fits-all-Wing-Kombi“, mit. Und zur Sicherheit diesmal direkt zwei Wings. Beim Check-in steht mir der Schweiß auf der Stirn. Ist das jetzt wirklich die Aufregung oder noch die Wechseljahre? Mit mehr Glück als Verstand geht alles für schmales Geld mit. Schon 21 Stunden später lande ich in Chiclayo. Ich fühle mich schlimmer als bei meinem ersten Hawaii-Trip mit 18 Jahren, der damals aber 45 Stunden dauerte und eine Nacht inmitten meines Haufens an Surfgepäck am Flughafen von Los Angeles beinhaltete.

Zuerst kommt der Kulturschock

29. August 2025, Pacasmayo, Peru: In halsbrecherischem Tempo und ohne Rücksicht auf Fußgänger, Hunde und Tuc-Tucs, nur gebremst von Schlaglöchern und Sleeping Policemen geht es vom Flughafen direkt nach Pacasmayo. Kulturschock. Ich war in Argentinien und Brasilien und habe auch nicht damit gerechnet, dass Peru in puncto Straßenverkehr, Architektur und Landschaft mit Kapstadt mithalten könnte, aber dass es so karg, staubig und vollgemüllt ist, hätte ich nicht erwartet. Ein schlechtes Gewissen befällt mich, eigentlich darf man solche Reisen gar nicht mehr machen. Mein CO2-Fußabdruck ist bis an mein Lebensende ruiniert. Das hätte ich mir früher überlegen müssen.

Surf, eat, sleep, repeat – Pacasmayo hat außer seiner legendären Welle nicht allzu viel zu bieten. Ein paar Bücher gehören unbedingt ins Gepäck.Foto: VeranstalterSurf, eat, sleep, repeat – Pacasmayo hat außer seiner legendären Welle nicht allzu viel zu bieten. Ein paar Bücher gehören unbedingt ins Gepäck.

Nun bin ich hier, und als ich ankomme, gehen die ersten Windsurfer gerade aufs Wasser. Schlagartig fällt alle Müdigkeit von mir ab und ich kann es kaum erwarten, aufs Wasser zu kommen. Wer weiß, ob es in den nächsten Tagen auch so windig ist? Also muss jede Minute genutzt werden. Aus der Camp-WhatsApp-Gruppe weiß ich, dass auch andere Teilnehmerinnen schon ein paar Tage vor dem offiziellen Start hier sind. Es fällt mir nicht schwer, das Paar aus Nordrhein-Westfalen zu identifizieren und Kontakt aufzunehmen. Meine ersten Bedenken zerstreuen sich schnell. Die beiden sind zwar ein paar Jahre jünger als ich, aber auch wirklich keine 30 mehr und echte Frohnaturen. Weil beide schon zwei Tage hier sind, lasse ich mich gleich in die Besonderheiten des Reviers einweisen. Sandbänke, Fischernetze, Strömung, alles unproblematisch. Dafür, dass alle gesagt haben, dass hier Gleitwind eine absolute Seltenheit ist, ballert es ganz gut. Auf jeden Fall bin ich mit meinem 5.0er-Segel direkt vom Strand weg voll im Gleiten und in zwei Schlägen oben am Point. Die erstbeste Welle ist direkt meine. Zum Glück ist es noch leer am Point. Eigentlich sollte ich lieber still sein und es gar nicht schreiben, aber es ist ja sicher auch nicht immer so fantastisch hier.

Jede Welle pures Glück

Meinen ersten Turn fahre ich noch sehr vorsichtig, den zweiten schon etwas besser, dann noch einen und noch einen, immer mutiger. Irgendwann höre ich auf zu zählen, verbinde die Sections und reite meine erste Welle, bis ich wieder unten am Ausgangspunkt bin. Mein Herz pumpt mit allem, was noch geht, und ich könnte vor Glück schreien. Mann, ist das geil! Nach zwei Stunden bin ich erschöpft, aber glücklich. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Wenn das der einzige Tag mit Wind bliebe, hätte es sich schon gelohnt – ach nee, doch nicht, bitte gebt mir mehr davon!

In den nächsten Tagen kommen die anderen Teilnehmer und unsere Camp-Trainer Flo Jung und Nick Spangenberg an. Auf Nick habe ich mich besonders gefreut. Ich bin ihm auf der boot Düsseldorf und in Kapstadt ein paarmal begegnet und er ist mir als ein sympathischer und sehr reflektierter junger Mensch aufgefallen. Sein Lehramtsstudium betreibt er wirklich ernsthaft, und trotzdem startet er im Worldcup. Das beeindruckt mich. Nebenher hat er sich sehr flinke Finger zur Drohnen-und Kamerasteuerung antrainiert und ein gutes Auge für schöne Schnitte und Bilder entwickelt. Deswegen ist er die perfekte Ergänzung zu Flo Jung als Camp-Trainer.

Mit jeder Welle wurde Andrea mutigerFoto: VeranstalterMit jeder Welle wurde Andrea mutiger

Tow-In in Chicama

1. September 2025, Chicama, Peru: Letztendlich sind alle Teilnehmenden schon ein paar Tage früher da. Meine Bedenken aus der Vorbereitung sind zerstreut, und wir verstehen uns direkt so gut, dass wir schon vor dem offiziellen Start einen gemeinsamen Ausflug unternehmen. Ein Tagestrip nach Chicama. Mit Surfboards, Wings und dem ganzen Foilgelöt ist im Auto kaum noch Platz für uns. Der Spot sieht wirklich so aus wie auf den traumhaften Videos. Die haben ausnahmsweise mal nicht übertrieben. Wir leisten uns den Luxus eines Shuttlebootes, welches zuerst den Wellenreitern aus der Gruppe zu paddelarmem Spaß verhilft und anschließend Flo und mich zum Tow-In-Foilen anschleppt. Beim dritten Versuch foile ich die erste Welle runter. Ich schaffe es sogar, den Blick auf die unglaubliche Küstenlandschaft und die vorbeiziehenden Pelikane zu richten. Unfassbar – davon kann ich gar nicht genug bekommen!

Party-Wellen und systematisches Training

2. bis 7. September 2025, Pacasmayo: Der Wind kommt jeden Tag ab Mittag, als würde ein Schalter umgelegt – teilweise reicht er sogar für das 4.6er. Also heißt es, mit den Kräften zu haushalten, damit jeder Tag genutzt werden kann. Schnell sind wir in unserem Rhythmus: vormittags eine Theoriestunde, anschließend etwas Lesefreizeit und dann ab aufs Wasser. Mit der Zeit ließ ich mich auch darauf ein, die Videoanalysen bestmöglich zu nutzen und mir konkrete Aufgaben und Ziele für meine Sessions zu stellen. Einmal Sportlerin, immer Sportlerin. Mein Ehrgeiz war geweckt, und in einer Gruppe auf dem Wasser zu sein, sich gegenseitig anzufeuern und Komplimente zu machen, ist einfach zehnmal schöner als alleine. Am allerbesten sind die Wellen, die man teilt. Ich genieße „Zöpfchenfahren“ mit Nick oder Flo, und eine ganz besondere „Party wave“ mit Laia aus Spanien wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Laia betreibt eine Sport- und Skischule in den Pyrenäen und hat im Sommer etwas mehr Zeit für Wassersport. Mit Mitte dreißig ist sie noch jung genug, ihre Grenzen auszutesten, und mit einer Furchtlosigkeit gesegnet, die ihresgleichen sucht. An unserem letzten Tag in Pacasmayo beginnt der Drei-Sterne-Worldcup, und Laia und Isabel lassen sich überreden, mitzufahren. Laia fährt souverän auf Platz zwei und beschließt, künftig häufiger im Worldcup zu starten, Isabel wurde Vierte.

Mein Bedarf, an Wettbewerben teilzunehmen, ist für den Rest meines Lebens gedeckt, außerdem hatte ich mir zwei Tage zuvor bei einem Sturz leider eine Fußverletzung zugezogen, die mir zwei Tage Pause bescherte. Danach war mein Fuß in einer Fußschlaufe nicht so gut aufgehoben und ich verlegte mich ein paar Tage auf das Wingfoilen ohne Schlaufen.

Punta Luna: Abgeschiedenes Paradies mit Traum-Ambiente

8. bis 13. September 2025, Punta Luna: Um dem Worldcup-Zirkus und dem Betrieb auf dem Wasser aus dem Weg zu gehen, hatte Flo unser Camp so geplant, dass wir die letzten Tage an einem anderen Spot verbringen würden. In Punta Luna ist die Welle etwas kräftiger und der Wind meistens etwas stärker. Der Spot ist nur mit Offroadern zu erreichen, und es gibt in dem als Nationalpark ausgewiesenen Gebiet genau eine Möglichkeit zu wohnen. Unser erfahrenster Camp-Teilnehmer, Philipp, war letztes Jahr schon mal dort und schwärmt seit Tagen davon. Entsprechend hoch sind unsere Erwartungen. Die Fahrt dauert natürlich länger als gedacht, entsprechend ausgehungert, durstig und verstaubt kommen wir dort an. Das schöne Fachwerkhaus mit seinen großzügigen Schlafzimmern, einem Outdoor-Wohn- und -Esszimmer mit offener Küche direkt auf dem Strand übertrifft alle Erwartungen.

Das traumhafte Haus in Punta LunaFoto: VeranstalterDas traumhafte Haus in Punta Luna

Besser geht es nicht? Doch! Das Haus wird von drei unfassbar herzlichen Schwestern betrieben, die sich gefühlt den ganzen Tag darum kümmern, dass es uns an nichts mangelt. Leider sind die drei etwas kamerascheu. Nach der etwas einfacheren Unterkunft in Pacasmayo wirkt dies hier wie Fünf-Sterne-Superior-Kategorie, da kann mich auch das Salzwasser in der Dusche nicht schocken. Wo soll das Süßwasser auch herkommen mitten in der Wüste? Die Vollpension mit aus frischen regionalen Zutaten gekochtem Essen ist ebenfalls vom Allerfeinsten. Dazu ein Sternenhimmel, wie ich ihn noch nie gesehen habe, und ein Vollmondaufgang, der aussieht wie ein Sonnenaufgang.

Kleinere Wellen, aber mehr Wind in Punta Luna

Doch wir sind zum Windsurfen da und nicht zum Faulenzen. Punta Luna schenkt uns jeden Tag reichlich Wind. Zweimal hätte ich sogar gern ein kleineres Segel gehabt. Die Wellen sind tatsächlich recht klein, aber dafür kraftvoller und der Wind ziemlich offshore. Eine gute Gelegenheit, mein Down-the-Line-Wellenreiten zu verbessern, wäre da nicht die Sache mit meinem Fuß. In der Annahme, ich hätte mir nur die Bänder gedehnt, hatte ich mich mit dem mitgereisten Apotheker Alex über die entsprechenden Maßnahmen und Medikamente beraten und diese noch bei der Inka-Pharma-Apotheke in Pacasmayo besorgt. Mein Plan für Punta Luna war, wie in alten Profi-Zeiten die Schmerzen zu ignorieren und auf dem Wasser noch mal alles zu geben – kaputtgehen kann ja nichts mehr. Zugegeben, nicht meine schlaueste Idee, aber lohnenswert, denn so war ich jeden Tag auf dem Wasser.

Dummerweise stellte sich im Nachhinein heraus, dass ich mir doch einen Bruch eines Mittelfußknochens zugezogen hatte. Vielleicht gut, dass ich das nicht wusste, denn das war wirklich der beste Surf-Trip meines Lebens. Ich habe noch nie auf einer Reise jeden einzelnen Tag Wind und Wellen von dieser Qualität gehabt. Eventuellen Nachahmern sei gesagt: Das scheint eine absolute Ausnahme gewesen zu sein. Alle Locals und Revierkenner sagen, dass man normalerweise beim Rausfahren fast nie im Gleiten ist und ein sehr großes Waveboard braucht. Angeblich gibt es auch Tage ganz ohne Wind. Dann kann es schwierig werden, denn Pacasmayo hat als Ort nicht viel zu bieten. Für Leute, die Surf-Eat-Sleep-Repeat machen wollen, der perfekte Spot, wenn die Bedingungen passen. Wenn nicht, empfehle ich viel Lesestoff und nette Gesellschaft.

Was ist das nächste Ziel?

Was steht auf eurer Bucketlist? Ich habe noch Chile, Neuseeland und Mauritius vor mir. Dafür trainiere ich weiter. Mit einem attraktiven Ziel kann man in seinem Leben auf jeden Fall eine ganze Menge erreichen. Ich würde mich freuen, wenn ich dazu beigetragen habe, dass sich mehr von uns alten Windsurfern häufiger aufs Wasser wagen. Ganz nach dem Motto: Keeping the stoke alive!

Auch 2026 bietet Flo Jung mehrere seine Camps an den besten Spots der Welt an. Infos und Daten findet ihr hier: Flow Experience Camps mit Flo Jung

Camps und Learnivals für alle Könnenstufen, an den besten Spots für schnelle Erfolge, gibt es bei Surf & Action: www.surf-action.com/events


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