Windsurfer LT-EM am Attersee50% Racing, 50% Fun

Lasse Brudek

 · 26.07.2026

Mehr als 120 Starter kamen zur Windsurfer LT-EM an den österreichischen Attersee
Foto: Christian Bratsch
Fast 30 Deutsche, 16 Nationen und eine gemeinsame Reise an den Attersee. Warum die Windsurfer-LT-Europameisterschaft weit mehr war als eine Regatta – selbst als der berühmte Rosenwind ausblieb. Europameister Lasse Brudek erzählt von einem herausragenden Event.

Themen in diesem Artikel

Wer fährt mit? Wer fährt wann? Kann mich jemand mitnehmen? Wie ist wohl das Wetter? War schon einmal jemand da? Wo ist der Campingplatz? Wieso ist eigentlich der Sprit so teuer? Fragen über Fragen – und eine EM, die bereits Monate im Voraus in einer Chatgruppe beginnt. Ende Mai ging es dann aber wirklich los: Eine kleine deutsche Surfkarawane machte sich auf den Weg Richtung Österreich. Fast 30 Fahrer, vom Jugendlichen bis zum ehemaligen Olympiateilnehmer, vom Titelkandidaten bis zum Regattaeinsteiger. Der Plan: 50 % Racing · 50 % Fun!

Schon beim ersten gemeinsamen Abendessen wurde klar, dass diese Rechnung bei jedem etwas anders ausfällt und trotzdem aufgeht. Denn beim Windsurfer LT geht es nicht nur darum, wer die Wettfahrt oder das Event gewinnt. Es geht um die Menschen, mit denen man trainiert, reist und am Ende mal wieder viel zu lange auf Wind wartet. Die Europameisterschaft war deshalb weniger ein einzelnes Event als der Höhepunkt einer ganzen Community-Reise.

Windsurf-Sessions wie Fußballtraining

Bereits Ende der Saison 2025 begannen die Vorbereitungen. Mehr Sessions auf dem Windsurfer LT, bei Druck ebenso wie bei Flaute. Gerade die Flautentage sind mental eine eigene Disziplin. Man schaut aufs Wasser, schaut noch einmal aufs Wasser und hofft, dass sich in den vergangenen zehn Sekunden heimlich drei Knoten dazu geschlichen haben. Allein würde man an solchen Tagen häufig am Strand bleiben. In der Gruppe funktioniert das anders. Unsere Mittwochsregatta steht im Kalender wie Fußballtraining: Die Verabredung gilt, also geht es aufs Wasser. Ob zwei oder sieben Windstärken, ob Topspeed, erste Gleitfahrt oder Starttraining – jeder ist dabei, jeder lernt von jedem und jeder pusht den anderen.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

In Wilhelmshaven besitzt der Verein mittlerweile elf komplette LT-Vereinsboards samt Riggs, die Mitglieder kostenlos nutzen können. Rund 30 Fahrer starten auch auswärts. Die lokale Mittwochsserie kommt in der Jahresrangliste über alle Boardklassen regelmäßig auf etwa 100 Starter. Auch mein Training lebt davon. Gym, Rennrad, Starts, Manöver und viele Stunden bei wenig Wind: Allein fällt es immer mal schwer die Motivation hochzuhalten. Gemeinsam wird aus „Heute ist eigentlich zu wenig Wind“ die einfache Ansage: „Start ist um 18 Uhr!“

Zu Ostern trafen sich mehr als 30 Fahrer aus den Niederlanden und ganz Deutschland zum Trainingslager in Lauwersoog. Sechs Tage Training, für einige von uns sogar zwei Wochen. Wind gab es reichlich: Für die Pros ein Traum, für die Aufsteiger zeitweise eher Überlebenstraining. Tagsüber stand Wasserzeit auf dem Plan, abends die Manöveranalyse – der Zeitpunkt, an dem die Geschichten größer und der Muskelkater kleiner geredet werden. Am Ende ist es ja irgendwie immer ein geiler Surftag! So wurde während des Trainingslagers aus einzelnen Saisonplänen für viele von uns ein gemeinsames Projekt. Die Fahrt zur EM als nächste Etappe.

Das Versprechen vom Rosenwind

Der Attersee liegt im oberösterreichischen Salzkammergut. Er ist rund 23 Kilometer lang, etwa 47 Quadratkilometer groß und bis zu 171 Meter tief. Das Wasser leuchtet in karibischen Farben und besitzt Trinkwasserqualität. Postkartenkulisse ist als Beschreibung fast untertrieben. Berühmt ist der See für den Rosenwind. Bei sonnigem Wetter baut sich diese Thermik normalerweise ab Mittag aus Nordost auf und erreicht häufig etwa vier Beaufort. Besonders an der Ostseite zwischen Kammer und Weyregg kann sie sich an den Berghängen verstärken. In der Theorie klingt das nach täglich 15 Knoten und sorgenfreiem Racing. Viele von uns kamen daher bereits einige Tage früher an, um sich einzufahren und das Revier kennenzulernen.

Die bunten Segel sorgten auf dem Attersee für eine großartige KulisseFoto: Irene SchandaDie bunten Segel sorgten auf dem Attersee für eine großartige Kulisse

Doch in der Praxis wird man bekanntlich häufig vom Wettergott überrascht: In der Woche vor unserer Anreise hatte es noch geschneit. Der plötzliche Temperaturanstieg brachte die Wetterlage komplett durcheinander und der Rosenwind war offenbar im Homeoffice. Selbst die Starboote schafften am Wochenende bei ihrer Regatta nur zwei Wettfahrten. Aus zwei geplanten Einfahrtagen wurden so zwei Tage mit gelegentlichem Materialtragen und der einen oder anderen Rennradausfahrt zum Café am Nordufer. Das waren Momente, in denen wir ganz kurz über die Logik des Regattasports nachdachten: Zu Hause haben wir einen hervorragenden Spot. Trotzdem investieren wir Geld, Urlaubstage und viele Stunden Autofahrt, um hier auf Wind zu warten. Wir sind alle total verrückt – aber eben gemeinsam verrückt.

What a start!

Die EM begann mit einer Eröffnungszeremonie: Fahnenträger, Musik, Buffet und Teams aus 16 Nationen. Deutschland stellte nach den Niederlanden das zweitgrößte Team. Nach einem kurzen Check-in ging es auf die Waage. Weil wir auf identischem Material fahren, sorgen Gewichtsklassen für faire Rennen. Ich hatte mich über den Winter in Gruppe B gefuttert und mein Ziel war klar – na ja, fast: Top Ten auf jeden Fall, besser ein Platz auf dem Podium. Europameister wäre aber auch schon geil. Mein Ziel war also bewusst flexibel. Viele internationale Fahrer kannte ich noch nicht und konnte sie nur schwer einschätzen. Das änderte sich an der ersten Luvtonne. Ich lag auf Platz drei, arbeitete mich weiter nach vorn und gewann das Rennen. Aus dem flexiblen Ziel wurde ein Fixes: Europameister!

Das zweite Rennen holte mich sofort zurück auf den Boden. Nach einer schlechten ersten Kreuz erreichte ich die Luvtonne erst ungefähr auf Platz 10. Am Ende wurde es noch Rang sechs. Im dritten Rennen folgte wieder ein Sieg. Für mich war es ein Start, wie ich ihn mir erträumt hatte! Es folgten ein fantastisches Abendessen und eine gesellige Runde auf der Terrasse. Auf einem großen Bildschirm liefen bereits die Fotos der ersten Wettfahrten und gemeinsam lachten wir über die besten Gesichtsausdrücke.

Wenn Warten Teil des Programms wird

In den nächsten Tagen folgte das große Hoffen auf Thermik: aufbauen, beobachten, Startverschiebung, wieder beobachten. Es gab zeitweise mehr Meinungen als Böen. Statt des versprochenen Rosenwinds bekamen wir meist drehende sieben bis 15 Knoten. In einem weiteren Kursrennen lag ich vorn, verpasste jedoch taktisch die richtigen Momente und fiel auf Platz drei zurück. Als der Wind am zweiten Tag für weitere Kursrennen zu inkonstant wurde, war es Zeit für die Freestylesession. Ähnlich wie bei der PWA, wird hier im K.-o.-System gefahren. Ich qualifizierte mich für das Finale der Top Vier. Dort bekommt jeder allein eine dreiminütige Supersession. Ich war als Letzter dran und nach ungefähr anderthalb Minuten gab der Wind auf, was meine Moves definitiv nicht verbesserte.

Classic Freestyle auf dem Windsurfer LTFoto: Between Waves and BirdsClassic Freestyle auf dem Windsurfer LT

Trotzdem wurde die gesamte Session zur Show. Die Stege waren voll, jeder Move wurde bejubelt und natürlich auch jeder Sturz – völlig egal, welcher Fahrer aus welcher Nation gerade auf dem Wasser war. Es war eine Riesenparty und lieferte jede Menge Inspirationen für neue Moves.

Der Folgetag blieb komplett ohne Rennen. Die Reise stand trotzdem nie still.Wir fachsimpelten, tunten Material, vermaßen Boards und Segel, genossen weiteres hervorragendes Essen, tranken ein oder zwei Bier auf der Clubterrasse und erlebten Sonnenuntergänge, die jeden fehlenden Lauf erstaunlich schnell vergessen ließen. Beim Warten auf dem Wasser machten wir Scherze, packten Freestyletricks aus und erklärten der Regattaleitung aus sicherer Entfernung, was sie natürlich besser machen müsste. Eine Kernkompetenz jedes Regattafahrers.

Der Marathon, der alles veränderte

Beim Marathon gingen alle Gruppen gemeinsam auf den Kurs: mehr als 120 Segel auf einer Startlinie, ungefähr 90 Minuten Sollzeit und nur ein Hauch Wind. Mein Plan für das bevorzugte Pin-End scheiterte vollständig. Für die Seite war ich zu spät, für die andere viel zu weit hinten. Kurz gesagt: komplett verkackt. Also pumpte ich durch die Mitte, dorthin wo (fast) niemand hinwollte. Der Weg zahlte sich aus. An der ersten Tonne war ich Achter, an der Leetonne Fünfter. Auf dem letzten Schenkel ging der Puls dann noch einmal jenseits der 200er-Marke. Im Ziel stand Platz drei im Gesamtfeld und Platz eins in Gruppe B. Die Monate im Gym, auf dem Rad und auf dem Wasser waren plötzlich nicht mehr Vorbereitung, sondern dieser eine Moment – der Moment, in dem man weiß, dass sich alles gelohnt hat. Im Hintergrund hörte ich Bruce Kendall rufen: „The guy with the pink sail is a pumping machine.“ Vielleicht habe ich dabei auch die eine oder andere Freudenträne verdrückt.

​Für die eine Seite war ich zu spät, für die andere viel zu weit hinten. Kurz gesagt: komplett verkackt.”

Und das Schönste? Mehr als 120 Starter führen zwangsläufig zu zahllosen Ergebnisanalysen und abendfüllenden Gesprächen darüber, welche Seite die bessere war und was man auf jeden Fall hätte anders machen müssen. Es ist das gemeinsame Philosophieren, aus dem die besten Geschichten entstehen. Besonders solche, bei denen abends noch akribisch das Board repariert wird und am nächsten Tag auf dem Wasser auffällt, dass niemand mehr an die Entlüftungsschraube gedacht hat. Geschichten, bei denen es manchmal etwas dauert, bis alle wieder darüber lachen können.

Europameister!

Am letzten Tag wurde bis zur letzten Minute gewartet. Ein echter Nervenkrimi. Kurz vor Ablauf der Startbereitschaft ging es dann noch einmal aufs Wasser: eine letzte Wettfahrt. Mein Start war gut, die Kreuz überhaupt nicht. Drei Winddreher verpasst, Platz zehn an der ersten Tonne und mehr als 200 Meter Rückstand auf die Spitze. Am Ende reichte Platz sechs im Rennen für den EM-Titel in der Gewichtsklasse B. Ein Traum wird Realität.

Natürlich erinnern wir uns an Tonnenduelle und Zieleinläufe. Noch stärker bleiben jedoch die Dinge dazwischen: die Reise, die Kulisse, die gemeinsamen Essen, unvergessliche Momente auf dem Wasser und unsere gemeinsame Zeit. Mehr als 120 Starter aus 16 Nationen schenkten sich auf dem Wasser nichts und saßen abends am selben Tisch, um miteinander anzustoßen.

„50 % Racing, 50 % Fun“ ist deshalb keine exakte Rechnung. Manche reisen mit 90 % Ehrgeiz an, andere mit 100 Prozent Lust auf eine gute Woche. Entscheidend ist, dass alle am selben Start stehen. Der LT schafft nicht nur Rennen, sondern auch Verabredungen, Trainingsgruppen, Reisen und Freundschaften.

2026 stehen in Deutschland 14 Ranglistenregatten im Kalender, mehr als 60 Fahrer sind bereits in der nationalen Rangliste erfasst. Vom 7. bis 9. August findet mit dem Windsurfer Festival in Wilhelmshaven das größte deutsche Event statt – mit Racing, Camping, BBQ und Livemusik. Die Community reist also weiter. Infos und Anmeldung unter manage2sail.com


Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Meistgelesen in der Rubrik Windsurfen