“Wir sind in Italien! Im August! Da brauchst du höchstens einen Shorty“ – die Antwort von Testleiter Stephan kam damals ziemlich bestimmt und mit leicht vorwurfsvollem Unterton. Dabei hatten wir als norddeutsche Tester-Neulinge doch nur gefragt, ob wir zum Testen am Gardasee einen 4/3er Langarm-Neo mitnehmen sollten. Eine Woche später cruisten wir dann tatsächlich bei schönem Südwind auf großen Boards über den warmen See – natürlich im Shorty. Das böse Erwachen kam am nächsten Morgen. Um 6:00 Uhr sprangen wir mit unseren Shortys aufs kleine Freestyleboard – der Plan war ein Fotoshooting im Morgenlicht. Das Problem: Über Nacht hatte starker Nordwind den See einmal komplett umgedreht. Trotz milder Lufttemperaturen bibberten wir bei jedem Crash und gefühlten 14 Grad Wassertemperatur an diesem Morgen mehr als im Winter an der heimischen Nordsee. In der Folge beteten wir jede Nacht für Flaute am Morgen, aber der Wechsel von Frieren am Morgen und Schwitzen am Nachmittag sollte bei diesem Test zur Normalität werden. Die Frage, welches System man im Sommer für sich wählt, hängt demnach von mehreren Faktoren ab:
Wenn du stundenlang und ohne reinzufallen übers Wasser cruisen kannst, solltest du dich primär an den Lufttemperaturen orientieren. Liegst du umgekehrt bei jeder zweiten Wende im Bach, sind eher die Wassertemperaturen das entscheidende Kriterium für die Wahl des passenden Neos. Außerdem werden beim Aufsteigen aufs Brett die Knie und Schienbeine stärker malträtiert – ein Neo mit langen Beinen kann dann auch bei Hitze Gold wert sein.
Bei 25 Grad und 12 Knoten Wind mit dem Foil über den See zu fliegen, da kann ein Shorty ideal sein. Umgekehrt fühlt sich die gleiche Temperatur bei 30 Knoten Wind oder Sessions in der Welle deutlich kühler an. An tropischen oder karibischen Spots ist die Funktion der Surf-Wear komplett anders: Statt den Körper warm zu halten, ist hier eher der Sonnenschutz wichtig. Je nach Revier und Fahrkönnen soll die Klamotte aber auch vor Schürfwunden oder aufgescheuerten Knien beim Klettern aufs Board schützen. Gleichzeitig droht bei zu viel Kleidung leicht der Hitzestau unterm Neo.
Die richtige Neo-Wahl hängt auch vom Fahrkönnen und den Bedingungen ab.
Wir haben den Markt sondiert und exemplarisch unterschiedliche Konzepte miteinander verglichen.
Neos mit langen Beinen und kurzen Armen gibt es schon mit zwei Millimetern Neopren, das vor Windchill im Schatten schützt, aber nicht allzu dick aufträgt. Die Knie und Schienbeine sind geschützt, die Arme haben Bewegungsfreiheit – müssen aber auch eingecremt werden. Optional kann noch ein Lycra darübergezogen werden. Vorteil: So einen Anzug kann man auch an Nord-und Ostsee im Sommer zum Leichtwind-Cruisen oder SUPen mal verwenden.
Böse Zungen fühlen sich bei den knappen Einteilern an Borat erinnert, doch die ringerartigen Kombis haben durchaus ihre Vorteile. In tropischer Hitze sitzen sie gut und stellen einen guten Kompromiss zwischen Neopren und dünnen Boardshorts dar. Diese Unterzieher sind zwischen einem und maximal zwei Millimetern dick und verschwinden unter Short und Lycra komplett. Zudem kann man mit solchen Unterziehern auch seinen Langarmneo nach dem Zwiebelprinzip für tiefe Temperaturen upgraden. Auch als Thermo-Tops erhältlich.
Einfach nur das Trapez umschnallen und ab aufs Wasser. In karibischen Revieren oder während des Sommers rund ums Mittelmeer, wird dieser Traum Realität, wenn Luft- und Wassertemperatur addiert an der 50er-Marke kratzen. Wichtig zu wissen: Lycra-Shirts kühlen auf der Haut, wodurch selbst hohe Temperaturen über 25 Grad auf dem Wasser als frisch empfunden werden können. Tipp: Am besten kann man mit einem Thermo-Unterzieher upgraden.
Die kurzen Hosen aus Neopren sind ein Relikt aus Zeiten des Sitztrapezes, sie waren angesichts der Gurte durch die Leistengegend damit angenehmer zu tragen. Im Gegensatz zu manchen Boardshorts scheuern Neo-Hosen auch nicht zwischen den Schenkeln. Lassen sich ebenfalls gut mit Lycra kombinieren und führen selbst in der Karibik nicht zum Hitzestau.
Kurze Beine, kurze Arme: Der Körper bleibt eingepackt, die Extremitäten sind frei. Bietet weniger (Sonnen-)Schutz als ein Steamer, auch die Knie liegen frei. Wer oft aufs Board krabbeln muss, wird an den Knien schnell spüren, dass dies hierfür nicht das ideale System ist. Positiv: Bei grenzwertigen Temperaturen bleibt die Körpermitte noch ausreichend warm und unter dem Trapez gibt es noch etwas Polsterung.
Optimal für alle, die noch oft aufs Brett klettern müssen und die Beine gegen den rauen Standlack schützen wollen – das betrifft den Einstieg ins Windsurfen genauso wie das Foilsurfen, wo der Wind oft nicht zum Wasserstarten ausreicht. Shortys mit 3/4-Beinen schützen die Knie, bieten aber ansonsten ähnlich viel Bewegungsfreiheit wie reine Shortys. Auch hier darf allerdings der Sonnenschutz an den Beinen nicht vergessen werden.
Genau wie der Steamer eine Variante, die auch zu Hause noch getragen werden kann: Die kurzen Beine geben Bewegungsfreiheit, die langen Ärmel schützen dabei vor Sonne, denn Arme und Schultern brennen meist schneller auf als die Beine. Gerade für ruppige Spots mit viel Wind ideal – nicht umsonst sieht man diese Variante häufig in Pozo. Auch zum Wellenreiten eine gute Sache.
Ein Klassiker aus den Kindertagen des Windsurfens: Der Long John ist eine Art Latzhose, wahlweise mit oder ohne Reißverschluss. Sehr ähnlich dem Steamer, mit viel Schutz für die Beine. Damit ideal, um verletzungsfrei an Deck zu klettern oder auch fürs Foilen. Der Oberkörper ist dafür ausreichend belüftet. Vorsicht – die freiliegenden Schultern brennen schnell auf, die Kombination mit einem Lycra ist daher sehr empfehlenswert.
Sommerneos sind häufig etwas einfacher ausgestattet als die Winterkollektion. Bei warmem Wasser wie auf Sardinien im Sommer reicht ein günstiger Shorty ohne verklebte Nähte. Bei kaltem Wasser und warmer Luft (zum Beispiel am Gardasee) sind dichte Nähte am Sommergewand ein angenehmer Luxus. Auch gut abdichtende Abschlüsse an Armen und Beinen lassen beim kurzen Tauchbad weniger Wasser rein. Zum Wingfoilen, aber auch für Windsurf-Aufsteiger kann ein 3/4 langer Anzug mit soliden Knieverstärkungen sehr hilfreich sein, nämlich dann, wenn man häufig aufs Board krabbeln muss.

Redakteur surf
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.