Mit dem Lesen der Windvorhersagen beginnt für viele Wassersportler der Tag. Darüber, ob die Bedingungen an bestimmten Spots passen, entscheiden aber, neben der Windstärke, viele weitere Faktoren. Die App KiteReady will bei der Interpretation der Daten helfen und konkrete Empfehlungen geben. Wann es ein “Go” gibt, verrät der Entwickler der App, Cedric Le Goupil.
Ich bin auf dem Wasser groß geworden. Mein Vater hatte ein Boot, und ich habe schon als kleiner Junge angefangen, erst im Optimist, später im 420er. Das Gleiten hat mich seitdem nie mehr losgelassen. Vom Kiten habe ich fünfzehn Jahre lang geträumt, bevor ich mich getraut habe. Erste Stunde vor zweieinhalb Jahren, in Portugal, zusammen mit meinen Kindern. Zurück zu Hause habe ich mir sofort Material gekauft, und dann ging es los. Aber: Jede Session ist bei mir eine echte Logistikfrage. Ich wohne zwei Stunden von den Spots entfernt. Es muss mit meiner Arbeit zusammenpassen und mit dem Terminplan der Kinder. Wie alle anderen studiere ich Windguru, Windy und Windfinder. Und wie alle anderen bin ich damit ein paar Mal auf die Nase gefallen. Eine Windrichtung, die ich falsch gelesen hatte, Böen, die Gezeiten. Einmal bin ich zwei Stunden bis zum Brouwersdam gefahren, fest überzeugt, dass es perfekt wird. Ich kam an, aber das Wasser sah aufgrund der Gezeitensituation völlig anders aus als in meiner Vorstellung. Ich bin wieder abgefahren, ohne aufs Wasser zu gehen. Auf der Rückfahrt dachte ich mir, es muss doch einen einfacheren Weg geben, auf einen Blick zu sehen, ob die Bedingungen zu mir passen. Fahre ich beruhigt hin, oder bleibe ich zu Hause? Aus dieser Frage ist KiteReady entstanden.
Das sind hervorragende Tools, und ich nutze dieselben öffentlichen Modelle wie sie. Ich mache keine eigene Vorhersage, ich interpretiere sie. Das anschaulichste Beispiel ist dieses: Windy sagt dir 18 Knoten Nordwest an. Es sagt dir nicht, dass dieser Nordwest an genau diesem Spot side-onshore ist. Und genau das entscheidet, ob du losfährst oder nicht. Dieselbe Windrichtung ist an einem Spot perfekt und am nächsten, zehn Kilometer weiter, unfahrbar. Diese Übersetzung nimmt dir niemand ab.
Ich mache keine eigene Vorhersage, ich interpretiere sie
Drei Dinge bilden die Bewertung: die Windstärke im Verhältnis zum nutzbaren Windfenster dieses Spots für dein Level, die Richtung, gelesen im Verhältnis zur tatsächlichen Küstengeometrie, und die Böen. Und drei Dinge setzen die Bewertung sofort auf null, noch vor jeder Rechnung, weil es da um Sicherheit geht und nicht um Komfort: zu viel Wind, ablandige Richtung, Gewitter. Die Gezeiten werden angezeigt, fließen aber nicht in die Bewertung ein. Das mag überraschen, schließlich haben sie mir die Session versaut, von der ich eben erzählt habe. Aber die Qualität der Gezeitendaten ist nicht überall gleich, und ich will keine Session freigeben oder verurteilen auf Basis von Daten, denen ich nicht an jedem Spot traue. Sie informieren den Fahrer, sie entscheiden nicht für ihn.
Bei den Daten selbst verlasse ich mich nicht auf ein einziges Modell. Ich kombiniere mehrere - ECMWF, ICON, GFS, dazu je nach Region ein regionales Modell, und nehme den Median als Konsens. Die Abweichung zwischen den Modellen dient mir als Maß für die Verlässlichkeit, und sie wird angezeigt: Wenn die Modelle sich widersprechen, sollst du das wissen. Und überall dort, wo ich eine Messstation habe, vergleiche ich die Vorhersage über rund neunzig Tage mit dem tatsächlich gemessenen Wind und korrigiere den Fehler des Modells. Noch ein Unterschied, und der zählt: du kannst deinen Spot abonnieren und dich benachrichtigen lassen, sobald er für dein Level auf grün springt. Windy weckt dich nicht, um dir zu sagen, dass es morgen früh bei dir läuft.
Nicht du schaust zehnmal am Tag nach, sondern der Spot meldet sich bei dir
Das ist der Kern der Sache, und du legst den Finger genau auf die richtige Stelle. Es gibt drei Level: Anfänger, Fortgeschrittene, Könner. Das ist kein Filter über einer einzigen Bewertung, sondern die ganze Rechnung ändert sich. Das nutzbare Windfenster ist nicht dasselbe. Eine ablandige Richtung ist für einen Anfänger ein völlig anderes Problem als für einen erfahrenen Fahrer. Die Toleranz gegenüber Böen verschiebt sich. Und beim Anfänger lösen bestimmte Situationen eine Sicherheitsabwertung aus, etwa Wassertiefe oder Wellen. Das Ergebnis: Derselbe Zeitraum, derselbe Spot, dieselbe Stunde kann für einen Könner grün und für einen Anfänger rot sein. Genau das habe ich gesucht.
246 Spots in 49 Ländern, davon rund hundert in Europa. Deutschland ist bei mir noch deutlich unterrepräsentiert, das ist der nächste Ausbauschritt: Fehmarn und die Ostseeküste.
Deine Frage trifft ins Schwarze, denn genau da liegt die ganze Schwierigkeit. Ein Spot in der KiteReady-App entsteht nicht dadurch, dass man einen GPS-Punkt auf eine Karte setzt. Ich trage viele Daten zusammen, die überall verstreut herumliegen, oft unstrukturiert, und validiere die Windsektoren eines Spots von Hand: welche Richtungen sind geeignet, welche sind ablandig, welche auflandig?Entscheidend ist, was passiert, solange diese Validierung nicht erfolgt ist: der Spot zeigt überhaupt keine Farbe. Er erscheint als neuer Spot, ohne Bewertung. Diese Regel umgehe ich nie. Wenn ich mich irre und eine Richtung für geeignet halte, die in Wahrheit ablandig ist, zeige ich ein schönes Grün, das jemanden aufs offene Meer schickt. Aktuell sind 231 von 246 Spots validiert. Die anderen fünfzehn warten. Es gibt eine zweite Korrektur, diesmal bei der Windstärke. Wo ich eine Messstation habe, vergleiche ich das Modell über rund neunzig Tage mit dem tatsächlich gemessenen Wind und korrigiere die Abweichung. Aber im Kern hast du recht: es gibt Dinge, die kein Modell je sehen wird. Ein Fahrer hat mir zu Sotavento geschrieben, dass es für Anfänger zwar machbar ist, der Wind dort aber wegen der Sideoff-Lage böig ist und die Lagune sich nur zeitweise füllt. Das sagt dir kein Wetterdatensatz der Welt. Dafür muss man dort gewesen sein. Genau deshalb würde ich gerne mit Schulen zusammenarbeiten. Niemand kennt ein Revier besser als die Leute, die dort jeden Tag unterrichten.
Die Schwellenwerte sind auf das Kiten geeicht. Die Daten darunter sind für alle dieselben, Wind, Böen, Richtung zur Küste, Gezeiten. Aber das nutzbare Windfenster und die Art, die Richtung zu lesen, sind beim Windsurfen andere. Ein Windsurfer wird die Grundinformation aber trotzdem nützlich finden. Die Bewertung selbst ist eine Kiter-Bewertung, und so sollte man sie auch lesen. Wingfoilen liegt am nächsten, und das ist wohl die erste Disziplin, auf die ich die App ausweiten werde, wenn es läuft. Windsurfen kommt vielleicht danach, aber davon verstehe ich weniger, und das sage ich dir lieber, als so zu tun, als ob.
Es ist eine Web-App, du musst also nichts aus einem Store laden. Du öffnest kiteready.app im Browser, wählst deinen Spot und dein Level, und los geht's. Zum Nachschauen brauchst du kein Konto. Du kannst sie dir auch auf den Startbildschirm deines Handys legen, dann verhält sie sich wie eine richtige App. Und wenn du ein Konto anlegst, kannst du deine Spots abonnieren und bekommst eine Benachrichtigung oder eine E-Mail, sobald die Bedingungen für dein Level auf grün springen. Das ist der Teil, den ich am liebsten mag, weil er die Logik umdreht: Nicht du schaust zehnmal am Tag nach, sondern der Spot meldet sich bei dir. Das Ganze ist kostenlos. Und der Bewertungsteil, der dir sagt, ob du heute an deinem Spot rausgehen kannst, soll kostenlos bleiben. Da kommt kein Abo drauf.

Redakteur surf
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