Thomas Pfannkuch
· 12.10.2026
Es ist ein strahlender Vormittag am Strand von Cabarete. Der Wind nimmt bereits an Fahrt auf, und die ersten Wingfoiler ziehen ihre Bahnen über das türkisblaue Wasser der Dominikanischen Republik. Mittendrin: Frances Rivera. Wer sie beobachtet, sieht eine technisch versierte Sportlerin, die ihren Wing mit Leichtigkeit führt. Erst beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass Frances’ Weg aufs Foil alles andere als gewöhnlich war.
„Ich bin ein Inselmädchen“, erzählt die 38-Jährige mit einem Lächeln. In Puerto Rico geboren und aufgewachsen, war der Ozean für sie nie nur eine Kulisse, sondern ein Lebensraum. Schon früh zeigte sich ihr außergewöhnliches sportliches Talent. Bereits im Alter von zwölf Jahren gehörte sie zu den schnellsten Schwimmerinnen ihrer Altersklasse und trat international für ihre Heimat an. „Seit ich jung war, war ich in den Wassersport involviert“, erinnert sie sich. Neben dem Leistungsschwimmen gehörten Surfen, Boogie-Boarding und Freitauchen zu ihrem Alltag. Mitte 2007 begann sie dann mit dem Kitesurfen.
Diese tiefe Verwurzelung im Wasser sollte sich später als lebenswichtig erweisen. Ein schwerer Unfall im Januar 2011 führte zum Verlust ihres linken Unterschenkels – eine Zäsur, die nicht nur körperliche, sondern vor allem mentale Stärke erforderte. Frances ist eine Veteranin der US-Armee, und der Weg zurück in den Sport war geprägt von dem, was sie „stubbornness“ – pure Hartnäckigkeit – nennt.
Der Übergang vom Leben als körperlich uneingeschränkte Athletin zur amputierten Sportlerin war ein mentaler Kraftakt. Frances spricht offen über die dunklen Phasen. „Ich habe gelernt, mich anzupassen, nachdem ich einen Vorgeschmack darauf bekommen hatte, wie die endlose Spirale der Depression aussieht“, reflektiert sie. Sie erkannte, dass die einzige Alternative zur Traurigkeit darin bestand, aktiv zu werden, Dinge auszuprobieren und sich der Herausforderung zu stellen, „auch wenn man am Anfang darin versagt.“
Bemerkenswert ist, dass sie bereits im Mai 2011 wieder Kiten war, nachdem sie mit einer Beinprothese versorgt wurde. Ihre Kraft, Ausdauer und ihr Leistungsniveau hatten drastisch nachgelassen. Aber in ihr steckte eine so große Leidenschaft und Liebe zum Kiten, dass es ihr lieber war, unerträgliche Schmerzen zu ertragen, als aufzugeben. Besonders schmerzhaft war für sie der Kampf mit dem eigenen Ego. „Zu wissen, dass man etwas früher problemlos konnte und es jetzt plötzlich extrem schwer ist, hat meine Seele verletzt“, gesteht sie.
Egal wie oft man hinfällt, am Ende des Tages bist du draußen in der Natur, auf dem Ozean, und das allein ist schon ein Sieg!”
Heute hat sie diese Einstellung transformiert. Geduld und unzählige Wiederholungen sind nun ihre Werkzeuge. Für Frances ist Wassersport mehr als nur körperliche Ertüchtigung: „Es ist ein großartiger Ort für jeden – egal wie oft man hinfällt, am Ende des Tages bist du draußen in der Natur, auf dem Ozean, und das allein ist schon ein Sieg.“
Aktuell lebt Frances in Miami und arbeitet als Sales Representative für verschiedene Wind- und Wassersportmarken. In Cabarete ist sie als Teilnehmerin des jährlich im Juni stattfindenden Cabarete Wing Fests, einem fünftägigen „Ocean Festival“, welches Sport, Lifestyle und eine globale Gemeinschaft verbindet. Sie tritt dort seit dem ersten Jahr des Festivals als Inklusions-Motivatorin auf und hat miterlebt, wie das Event gewachsen ist und 2026 erstmals Teil der Surf Foil World Tour (SFT) war.
Im Jahr 2024 begann Frances mit dem Wingfoilen, wobei sie auch noch heute mit ganz spezifischen Hürden zu kämpfen hat. „Die größten Herausforderungen bestehen für mich als unterschenkelamputierte Sportlerin darin, den richtigen Druck und die richtige Balance zu finden“, erklärt sie. Während gesunde Sportler über die Nervenbahnen ihrer Füße und Knöchel konstantes Feedback über den Druck auf dem Board erhalten, muss Frances dieses Gefühl mühsam rekonstruieren.
Foilen hat mir lange Zeit den Hintern versohlt.”
Da die sensorische Rückmeldung des linken Fußes fehlt, muss sie sich auf visuelle Reize und die Propriozeption ihrer Hüfte und ihres Kniegelenks verlassen. „Es bedeutet einfach, dass ich etwas länger brauche, um eine Fertigkeit zu entwickeln. Als Wassersportlerin liebe ich es. Es ist es absolut wert“, sagt sie mit der Gelassenheit einer Frau, die gelernt hat, dass Zeit relativ ist. Das Foilen selbst beschreibt sie humorvoll als harten Lehrmeister: „Foilen hat mir lange Zeit den Hintern versohlt“. Doch die Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Mittlerweile sieht man sie bei fast allen Wind- und Wellenbedingungen auf dem Foil.
Ihr Equipment ist dabei hochspezialisiert. Ihre Prothesen sind oft Eigenkonstruktionen oder Modifikationen. Sie nutzt spezielle Komponenten, die gegen die korrosive Wirkung des Salzwassers resistent sind. Zudem kommen oft Keile zum Einsatz, um den Standwinkel auf dem Board so zu korrigieren, dass Hüfte und Knie nicht übermäßig belastet werden.
Frances Engagement beschränkt sich nicht auf ihre eigenen Erfolge. Seit vielen Jahren arbeitet sie intensiv mit verwundeten Kriegsveteranen zusammen. Sie organisiert Events, um Menschen mit den unterschiedlichsten körperlichen Einschränkungen zurück in den Sport zu bringen. „Über die Jahre hinweg hat das etwa 20 bis 30 Kiter und Winger hervorgebracht“, berichtet sie stolz. Auch wenn die Zahlen im Vergleich zum Breitensport klein wirken mögen, ist jeder einzelne dieser Sportler ein Beweis für die Kraft der Rehabilitation durch den Ozean.
Sie ist überzeugt, dass die Community des Wassersports im Wandel begriffen ist. „Vor zehn Jahren gab es vielleicht nur ein paar Leute mit Einschränkungen, die Kiten oder Wingfoilen gehen, heute sieht man international immer mehr“, beobachtet sie. Frances sieht sich hierbei als Vorreiterin für Sichtbarkeit. Ihr Credo: „Sichtbarkeit erzeugt Neugier.“ Je mehr Menschen mit Behinderungen auf dem Wasser zu sehen sind, desto mehr wird das Gefühl von „Ich kann das auch“ in die Köpfe anderer getragen.
Frances hat einen Traum, der weit über die Strände von Cabarete hinausgeht. Sie wünscht sich eine offizielle Struktur für Athleten mit körperlichen Einschränkungen. „Es wäre fantastisch, eine eigene Klasse für Menschen mit Behinderungen zu sehen, zum Beispiel bei Wingfoil-Rennen. Das wäre ein Traum“, sagt sie.
Sie erinnert sich an eine Initiative vor einigen Jahren, die versuchte, ein paralympisches Programm für Kiter aufzubauen. Frances wurde damals sogar für das US-Team ausgewählt. Doch das Projekt verlief im Sande. Heute hofft sie, dass der Boom des Wingfoilens eine neue Chance bietet. „Es wäre unglaublich, wenn die verschiedenen Organisationen eine paralympische Klasse entwickeln würden“, fordert sie. Für Frances geht es dabei nicht nur um Medaillen, sondern um die professionelle Anerkennung der Leistungen von Para-Athleten.
Wenn Frances Rivera nach einem Rat für andere Menschen mit Behinderungen gefragt wird, dann ist ihre Antwort überraschend direkt: „Mein wichtigster Rat ist: Sei stur!“ In einer Welt, die oft barrierefrei erscheint, aber für Menschen mit Handicaps ständig neue Hürden aufbaut, ist diese Sturheit ihre stärkste Waffe. „Probiere es einfach weiter, bis es klappt und Sinn ergibt. Gehe in deinem eigenen Tempo. Das ist deine Reise, du musst dich mit niemandem vergleichen.“
Ihr Weg zeigt, dass der Wassersport eine transformative Kraft besitzt. Von der depressiven Phase nach der Amputation bis hin zur gefragten Markenbotschafterin, Regionalvertriebsleiterin für Südamerika bei Eleveight und Profi-Sportlerin war es der Wind und das Wasser, die ihr Leben verändert haben. Für Frances ist der Ozean ein Ort der Heilung und des Erfolgs. „Fürchte dich nicht vor dem Unbekannten“, lautet ihr abschließender Appell. „Lass dich voll und ganz auf den Prozess ein und sei offen. Es wird dein Leben definitiv verändern.“
Frances Rivera ist mehr als nur eine Athletin mit einem Handicap. Sie ist eine „pure Waterwoman“, deren Geschichte uns alle daran erinnert, warum wir diesen Sport lieben: wegen der Freiheit, die er uns bietet, und der Herausforderungen, die uns wachsen lassen. Sie repräsentiert eine Generation von Sportlerinnen und Sportlern für die Barrieren nur dazu da sind, mit technischer Finesse und einer gesunden Portion Sturheit überwunden zu werden.
Wenn man Frances beim Wingfoilen in der Bucht von Cabarete beobachtet, wird klar: Sie lebt die Freiheit, die dieser Sport bietet. Sie beweist, dass man zum Fliegen über das Wasser keine zwei Beine braucht – sondern vor allem ein Herz, das stur genug ist, niemals aufzugeben.
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