Winter-ZielJeri und Brasilien zur Regenzeit - zur falschen Zeit am richtigen Ort?

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 · 11.07.2026

Wie ein Skatepark: Brasiliens Norden bietet zuverlässigen Wind und moderate, gleichmäßige Wellen
Foto: Axel Reese
Der Nordosten Brasiliens gehört zwischen Juli und November zu den verlässlichsten Revieren der Welt. Aber lohnt sich auch ein Besuch zu Beginn der „Regenzeit“ ab Weihnachten? Spotreporter Axel Reese war dort und meint: Auf jeden Fall!

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Wenn es eine Sache gibt, an der es im Nordosten Brasiliens nicht mangelt, dann ist es Wind. Von Juli bis in den Dezember hinein hat man im Bundesstaat Ceará quasi eine Windgarantie von 100 Prozent. Dabei gilt folgende Faustregel: Je weiter nördlich der Spot gelegen ist, desto höher ist auch der durchschnittliche Windspeed. Das bedeutet, dass man grundsätzlich an den weit nördlich gelegenen Spots, wie zum Beispiel Jericoacoara und Maceio, den stärksten Wind erlebt – in den Monaten August, September, Oktober und November pfeift es hier täglich mit etwa 25 bis 35 Knoten.

Auch wenn bereits der Spätsommer in Brasilien eine extrem hohe Windquote aufweist, beginnt die Hauptreisezeit für Windsurfer aus Europa erst so richtig mit den Monaten Oktober und November, also dann, wenn es zu Hause kalt wird und die Sehnsucht nach Sonne und Wärme die Wassersportfans über den Atlantik treibt. Bereits vor Weihnachten ebbt der Ansturm dann wieder spürbar ab, denn Ceará hat den Ruf, dass mit dem Jahreswechsel die Regenzeit einsetzt und der Wind nicht mehr verlässlich weht.

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Aber was bedeutet das konkret? Sitzt man dann bei strömendem Regen in der Flaute und Weihnachten fällt buchstäblich ins Wasser? Oder wird hier auf höchstem Niveau gejammert und man kommt in den Genuss von leeren Spots und immer noch genügend Wind? Wir haben mit langjährigen Kennern gesprochen, die eine genaue Sicht auf die Wind- und Wetterverhältnisse haben.

Wind ist so sicher wie das Amen in der Kirche

Einer, der es wissen muss, ist Fabio Nobre, Gründer und Eigentümer des renommierten Club Ventos in Jericoacoara. Fabio lebt seit rund 30 Jahren in Jeri und hat den Wandel des Ortes von einem kleinen, abgelegenen Fischerdorf zu einem internationalen Hotspot für Windsurfer, Kiter und Wingfoiler miterlebt und mitgestaltet.

Für ihn ist Jericoacoara ein Spot, der gleich mehrere Vorteile in sich vereint: An erster Stelle steht natürlich die Windzuverlässigkeit: Von Juli bis Dezember weht der Wind nahezu jeden Tag derart konstant, dass ein Check der einschlägigen Windvorhersage-Websites für viele Wassersportler schlicht nicht notwendig ist, um sich zu informieren. Dass es windig wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Hinzu kommen die besonderen Bedingungen auf dem Wasser. Sowohl Jericoacoara als auch das etwas südlich gelegene Icaraizinho liegen an sogenannten Point Breaks. Eine felsige Landzunge schützt die Bucht, in der man surft, während draußen im Atlantik der Windswell entsteht. Das Ergebnis sind gleichmäßige Wellen, deren Größe je nach Monat und Tageszeit variiert, die aber fast immer vorhanden sind. Kombiniert mit warmem Wasser – Neoprenanzüge sind ganzjährig überflüssig – und einem sonnigen, tropischen Klima entsteht ein Setup, das weltweit seinesgleichen sucht.

Einzigartige Atmosphäre

Doch es ist nicht nur das Windsurfen selbst, das Jeri so besonders macht. Fabio beschreibt eine Atmosphäre, die man eher fühlen als erklären kann: sandige Straßen, kaum Verkehr, kleine Hotels und Restaurants, Künstler, Musiker und ein kreatives Nachtleben. Der Alltag verlangsamt sich spürbar, Tag und Nacht gelten dieselben Regeln – Boardshorts, Flip-Flops, fertig. Genau dieses Gefühl der Entschleunigung ist für viele Windsurfer ein Argument, um immer wieder hierherzukommen.

Was den Wind betrifft, relativiert Fabio den Begriff „Hochsaison“. Die garantierte Windsaison reiche von Juli bis Dezember, mit dem stärksten Wind im September. Der Oktober und November seien vor allem deshalb so beliebt, weil viele Europäer dem schlechten Wetter zu Hause entkommen wollten und dieser Zeitraum, sich in den letzten beiden Jahrzehnten zu „der“ Reisezeit für den Nordosten Brasiliens entwickelt habe. In diesen Monaten kommen Windsurfer meist mit 4,0er bis 4.5er Segeln aus. Der Verlauf des Monats Dezember markiert zwar das Ende der Starkwindphase mit 25 bis 35 Knoten, dennoch sind auch dann noch sehr kräftige Tage möglich – etwas größere Segel können sinnvoll sein, sind aber kein Muss.

​Das Wort “Regenzeit” verliert vor Ort schnell seinen Beigeschmack.

Tage mit Wind unterhalb der Gleitgrenze sind, laut Fabio, auch noch über den Dezember hinaus sehr selten. Selbst der oft skeptisch betrachtete Januar bietet noch viele Windtage, dazu größere Wellen und weniger Windsurfer auf dem Wasser, erzählt er. Und auch das Wort „Regenzeit“ verliert vor Ort schnell seinen Schrecken. „Regen“, das bedeutet im Nordosten Brasiliens meist kurze, lokale Schauer – häufig nachts oder früh morgens. Überwiegend ist es eher die Bewölkung, die den Wind kurzfristig dämpft. Der eigentliche Höhepunkt der Regenzeit liegt klar in den Monaten März und April. Bezeichnend: Zum Zeitpunkt dieses Interviews Anfang Januar hatte Fabio seit Mai keinen einzigen Regentropfen erlebt.

Konstanter Wind, moderate Wellen – diese Kombi macht Spots wie Jeri massentauglich.Foto: Axel ReeseKonstanter Wind, moderate Wellen – diese Kombi macht Spots wie Jeri massentauglich.

​Spots wie ein Skatepark

​Eine sportlichere Perspektive liefert Jacopo Testa, italienischer Freestyle-Profi und WM-Dritter 2025. Seit einigen Jahren verbringt er regelmäßig die Monate von Oktober bis zum Jahreswechsel in Jericoacoara und Maceió. Für ihn sind diese Spots das perfekte Trainingsrevier: starker, täglicher Wind und Bedingungen, die auch für die Disziplin Freestyle wie gemalt sind. Jacopo vergleicht die Spots mit einem Skatepark, der immer geöffnet hat: perfekte Bedingungen, jeden Tag – es liegt allein am Surfer, was daraus gemacht wird.

Die durchschnittliche Windstärke geht im Dezember etwas runter. Die Quote ist aber immer noch viel besser als auf den Kanaren oder in Tarifa.

Im Oktober und November weht der Wind seiner Erfahrung nach fast täglich mit 30 bis 35 Knoten, meist zwischen spätem Vormittag und Nachmittag. Im Dezember, so berichtet er, verändert sich das Bild leicht: Extrem starke Tage werden seltener, doch etwa 18 bis 25 Knoten bleiben die Regel. Gleichzeitig kommen im Dezember oft lange, saubere Wellen mit großen Abständen an – ein Traum für alle, die Manöver mit Wellen kombinieren wollen. Gesurft wird dann – auch noch über Weihnachten und den Jahreswechsel hinaus – überwiegend mit dem 4,4er Freestyle Segel, je nach Tageszeit auch mal kleiner oder etwas größer. Windlose Tage zählt Jacopo über mehrere Monate hinweg an einer Hand ab – und das ausdrücklich mit seiner Betrachtung, die Weihnachten und Neujahr einschließt.

Moderate Winde weiter im Süden

Auch zwei Autostunden weiter südlich, etwa in Emboaca, zeigt sich ein ähnliches Bild, wenn auch mit moderateren Windstärken. Dennis Petersen vom Hotel Vento-Vinte berichtet, dass im Oktober und November hier der Wind mit durchschnittlich 18 bis 25 Knoten bläst. Über Weihnachten und den Jahreswechsel sinkt die durchschnittliche Windstärke auf etwa 13 bis 20 Knoten, doch die Häufigkeit bleibt hoch: An durchschnittlich fünf von sieben Tagen sei das Windsurfen möglich. Kurze Unterbrechungen durch Wolken oder kurze, meist morgendliche Regenschauer gehören dazu, änderten aber nichts an der grundsätzlichen Überlegenheit im Hinblick auf die Windwahrscheinlichkeit gegenüber vielen Spots, wie zum Beispiel den Kanarischen Inseln oder Tarifa. Einen zusätzlichen Vorteil der Zeit über Weihnachten und dem Jahreswechsel sieht Dennis darin, dass auf dem Wasser weniger los ist und die Wellen höher und druckvoller sind, als in der Hochsaison im Oktober und November.

Auch Cumbuco, eine Autostunde nördlich von Fortaleza, bietet über Weihnachten zumindest noch sehr konstante Leichtwindbedingungen. Manfred „Manni“ Spuck, der seit 30 Jahren in Brasilien lebt, und früher mal in Brasilien Fanatic-Boards importierte, beschreibt ein Zusammenspiel aus Wind, Strömung und thermischen Effekten durch die aufgeheizten Dünen: „Selbst im Januar sind hier an den meisten Tagen elf bis 15 Knoten die Regel. Erst ab Mitte Februar lässt der Wind mit zunehmender Regenzeit spürbar nach – und selbst dann selten für längere Zeit am Stück“, erzählt Manni Spuck.

Die Uhren ticken im Nordosten Brasiliens gefühlt etwas langsamer als sonst. Einem entspannten Jahreswechsel steht hier also nichts im WegFoto: Axel ReeseDie Uhren ticken im Nordosten Brasiliens gefühlt etwas langsamer als sonst. Einem entspannten Jahreswechsel steht hier also nichts im Weg

Brasilien über Weihnachten – das Fazit

Ein Weihnachtsurlaub zum Windsurfen im Nordosten Brasiliens ist genau genommen kein Risiko, sondern eine bewusste Entscheidung für etwas andere, oft vielseitigere Bedingungen. Der Wind ist nicht mehr so stark, weht aber weiterhin sehr konstant. An den Spots hat man etwa fünf bis acht Knoten weniger Wind im Vergleich zum Oktober und November – was man im Hinterkopf haben sollte, wenn man die Boardbag packt. In Cumbuco, dem südlichsten Punkt, hat man zum Jahreswechsel im Durchschnitt noch etwa elf bis 15 Knoten Wind, in Emboaca, zwei Autostunden nördlich von Cumbuco und damit etwa auf halber Strecke nach Jeri gelegen, erlebt man noch etwa 13 bis 20 Knoten. Ganz im Norden, also in Jericocoara, Tatajuba und Maceio herrschen zu dieser Zeit Windgeschwindigkeiten von 18 bis 25 Knoten vor. Man surft also nicht mehr mit den kleinsten Segelgrößen, was ja aber auch ein Vorteil sein kann.

Regenschauer gehören zum tropischen Rhythmus, sind aber kein Urlaubs-Killer. Diese kurzen Regengüsse ziehen meist nachts oder am Morgen durch und es kann danach auch länger bewölkt sein. Im schlechtesten Falle halten sich diese Wolken bis in den Verlaufe des Tages hinein, aber irgendwann reißt es auf und der Wind setzt ein. Wer den Mythos der „plötzlichen Regenzeit“ hinterfragt, flexibel bleibt und sein Material anpasst, entdeckt im Dezember, bis weit in den Januar hinein, ein Zeitfenster, das sportlich wie atmosphärisch überzeugt – und das weit mehr bietet, als sein Ruf vermuten lässt.


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