Windsurf-FoilenFreeride- oder Freerace-Foil - was macht glücklicher?

Stephan Gölnitz

 · 03.10.2026

Es kann so schön sein: Mit Freeride-Foils lässt sich entspannt fliegen, wenn andere noch stehen.
Foto: Sonja Duschek
Freeride- oder Freerace-Foil? Beide Konzepte versprechen viel Spaß bei wenig Wind. Zwei Testtage am Windlimit und wir wissen, welches Set-up leichter fliegt, welches schneller ist und warum nicht immer das „sportlichste“ Material die beste Wahl ist.

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“Du bist aber gut weggekommen.“ Das höre ich an diesem Leichtwind-Gardaseetag gleich mehrfach. Dabei bin ich alles andere als mit einer Materialschlacht unterwegs. Gerade einmal ein 5,6er Freemovesegel, ein Severne Alien 120 und darunter ein 1400er Red Wing. Mehr braucht es heute nicht. Während selbst zahlreiche Wingfoiler überwiegend warten statt zu starten, fliegen draußen eigentlich nur die IQ-Foiler.

Schon auf dem Weg zum Wasser fühlt sich alles angenehm unkompliziert an. Das Board ist leicht und handlich, das kleine Segel wiegt kaum etwas. Dass ich die Aufholleine vergessen habe, fällt erst im Wasser auf. Kein Problem. Das leichte Rigg lässt sich auch einfach am Mast aus dem Wasser ziehen. Es sind genau diese Kleinigkeiten, die den Charakter eines Set-ups ausmachen.

Freeride-Foil: Fliegen, wenn andere noch auf die Böe warten

Entscheidend wird dann der erste Pumpversuch. Das Segel ist bewusst nahezu ohne Loose Leech aufgebaut, das Profil wirkt richtig schön bauchig. Genau so entwickelt das Segel schon bei minimalem Wind erstaunlich viel Vortrieb. Statt hektisch loszureißen, beginne ich mit langen, ruhigen Pumpschlägen. Das Board beschleunigt langsam, bis plötzlich dieser magische Moment kommt: Ein kurzer Kick mit dem hinteren Fuß und der große Frontflügel hebt das Board bei vielleicht zwölf oder dreizehn Stundenkilometern aus dem Wasser – der Rundflug kann beginnen. Natürlich fährt sich so ein großer Freeride-Flügel völlig anders als ein sportliches Freeracefoil. Er lässt sich nicht extrem ankanten, vielleicht zehn oder fünfzehn Grad, mehr braucht es aber auch gar nicht. Das Kippmoment des Foils mit der kompakten Outline („low aspect“) bleibt angenehm gering. Und genau deshalb harmoniert der Flügel so gut mit dem nur 74 Zentimeter breiten Alien Board. Nichts wirkt nervös oder überfordert. Stattdessen zieht das Foil entspannt Höhe und vermittelt vom ersten Meter an Vertrauen.

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Fahrtechnik Foil:

Der Hammer allerdings sind die Halsen. Ich kenne kaum eine Kombination, die dich einfacher, länger und sicherer durch die Kurven trägt. Selbst wenn das Foil dennoch einmal kurz aufsetzt, nimmt der Bug die Landung sauber auf, das Foil zeigt keinerlei Zicken und läuft einfach weiter. Genau dadurch entsteht ein unglaublicher Downwind Flow. Man reiht Halse an Halse, die Geschwindigkeit ist nebensächlich. Die ist auch nicht spektakulär. Im Schnitt über eine Stunde gut 23 km/h, in der Spitze knapp über 32 km/h. Mit einem Finnenboard wäre man im Vollgleiten sicher schneller. Aber genau das ist der Punkt: Geschwindigkeit fühlt sich auf dem Foil völlig anders an: 30 km/h sind beim Freeride Foiling die neuen 40. Und während andere überhaupt noch auf die stärkere Böe warten, fliegt man bereits über den See. In gewisser Weise ist man damit dann doch der Schnellste.

Spielerisch, kraftsparend und immer in Bewegung

Das leichte 5,6er Segel trägt dabei seinen Teil zum „Free“foil-Feeling bei. Es ist spielerisch, kraftsparend und so leicht, dass ich auf tiefen Raumwindkursen oft gar nicht eingehakt fahre. Nach einer Stunde auf dem Wasser fühlen sich Arme und Schultern immer noch frisch an. Mit einem großen Finnen-Set-up hätte ich an diesem Tag wahrscheinlich hauptsächlich gestanden und in den Böen sehr angestrengt angepumpt – wenn überhaupt. Genau hier spielt das Windsurffoil seine größte Stärke aus: Es eröffnet Sessions, die mit der Finne schlicht nicht stattfinden würden.

Freeride-Foils sind die ersten, die zuverlässig ins Fliegen kommen. Wer sauber pumpen kann, lässt damit selbst viele Wingfoiler hinter sich.”

Ein kleiner Lernpunkt bleibt trotzdem. Die 32-Zentimeter-Trapeztampen, die an der Gabel hingen, sind eindeutig zu kurz. Wer entspannt foilen möchte, sollte deutlich längere Tampen wählen. Das gibt dem Körper mehr Spielraum und ermöglicht es erst, das Board auch im Trapez eingehängt weit vorn zu belasten. Mit dem Set-up wird der See zum großen Spielplatz. Ich kreuze kilometerlang hoch bis ans Pier und wieder zurück, ändere den Kurs spontan von hoch am Wind auf tiefen Vorwind, ohne dass die Geschwindigkeit nennenswert einbricht. Für mich ist genau das die Essenz des Freeride-Foilens: leichtes Material, kleine Segel, wenig Kraftaufwand und maximal viel Zeit in der Luft. Mit einem Segel bis etwa 6,7 Quadratmeter dürfte diese Kombination zu den frühesten gehören, die überhaupt zuverlässig ins Fliegen kommt. Wer sauber pumpen kann, lässt damit an echten Leichtwindtagen selbst viele Wingfoiler hinter sich.

Freerace-Foil: Speedfeeling mit Hürden

Ein paar Tage später folgt der komplette Gegenentwurf am Walchensee. Spiegelglattes Wasser, nur feine Böen zeichnen hellblaue Streifen auf die Oberfläche. Zwei oder drei Wingfoiler kämpfen sich übers Wasser. Am Ufer heißt es: „Heute fahren eigentlich nur die mit Siebener- und Achter-Wings.“ Windlimit also.

Mit einem Freerace-Foil wirst du richtig schnell - musst allerdings auch hart dafür arbeitenFoto: Sonja DuschekMit einem Freerace-Foil wirst du richtig schnell - musst allerdings auch hart dafür arbeiten

Diesmal kommt jedoch ein ganz anderes Konzept zum Einsatz: großes Foilboard, 800er Starboard Racefoil und ein 7,2er Gunsails Rapid. Schon die ersten Pumpversuche zeigen, dass hier andere Regeln gelten. Ich pumpe, noch einmal, noch einmal – nichts passiert. Das Racefoil verlangt Geschwindigkeit. Erst wenn das Board richtig Fahrt aufgenommen hat, entwickelt der kleinere Flügel genügend Auftrieb. Wer zu früh versucht abzuheben, fällt sofort wieder runter. Einmal aufs Foil gearbeitet, verändert sich das Bild schlagartig. Plötzlich läuft das GPS auf knapp 40 km/h. Das Racefoil fühlt sich vom ersten Moment an sportlich an. Das Board liegt stabil in der Luft, lässt sich kräftig ankanten und vermittelt typisches Freerace-Gefühl. Du fühlst dich einfach sauschnell – mit ein wenig überschießender Fantasie fast wie Tom Cruise beim Tiefflug in Top Gun 2. Man hängt aber auch mit Druck im Trapez, arbeitet aktiv gegen das Segel und merkt: Hier geht es nicht um entspanntes Dahingleiten, sondern um Performance.

Für einen Freerace-Flügel muss das Board wirklich passen. Am besten ein Foilboard – und vor allem auch breit genug.”

Dafür verlangt das Material auch deutlich mehr Aufmerksamkeit. Die Halse muss sauber gefahren werden, denn unter einer bestimmten Geschwindigkeit fällt das Foil konsequent vom Himmel. Das große Freeride-Foil verzeiht Fehler, das kleine Racefoil belohnt Präzision. Auch beim Segel zeigt sich ein klarer Unterschied. Zum Anpumpen genügt grundsätzlich jedes gutmütige, camberlose Freeride-Segel. Entscheidend ist vor allem ein ruhiger Druckpunkt. Jede Druckpunktwanderung überträgt sich nämlich direkt über Mast und Board auf das Foil und macht das gesamte System unruhig. Wer dagegen häufig im absoluten Windminimum unterwegs ist, profitiert beim Durchgleiten von einem (Foil-)Cambersegel. Das stabilere Profil hält auch dann noch Vortrieb aufrecht, wenn der Wind längst unter die eigentliche Fluggrenze gefallen ist.

“Anfangs ging es nur darum, so viel wie möglich auf dem Wasser zu sein”

Vom trapezlosen Freeride-Foiler „Brian Talma 2.0“ (hier beim surf-Camp 2020) zum Vollblut-Racer und retour. Christian Breidbach kann auf eine  turbulente Foil-Karriere schauen.Foto: Stephan GölnitzVom trapezlosen Freeride-Foiler „Brian Talma 2.0“ (hier beim surf-Camp 2020) zum Vollblut-Racer und retour. Christian Breidbach kann auf eine turbulente Foil-Karriere schauen.

Einer, der vom Freeride-Foil bis zum krassesten Racefoil alles geflogen ist, ist Christian Breidbach, Teilnehmer bei den surf-Foil-Camps 2018-2020. „Auf dem ersten Naish-Foil ging es anfangs nur darum, mit dem Foil so viel wie möglich auf dem Wasser zu sein, so wie ganz früher mit dem Windsurfer“, erinnert sich Christian. „Am Gardasee habe ich mal ein Video gemacht. Alles steht, nur einer foilt. Das war ich. Dann kamen irgendwann die iQ-Foiler und waren viel schneller. Da habe ich mir auch so ein iQ-Foil gekauft, mit einem 79 Zentimeter breiten Foilboard. Das war von der Kontrolle sogar besser als das Naish, wegen der langen Fuselage. Das nächste Upgrade war fällig, als ich hörte, wie schnell die Patrik-Foils sein sollen. Da habe ich mir den 550er Frontflügel gekauft. Das ging zum Fahren. Aber zum Anpumpen für mich als Freizeitsurfer extrem schwierig. Und das Material ist so sensibel zu trimmen. Ich konnte mal ein paar Trainingsstunden bei PWA-Racer Bruno Martini mitmachen. Die anderen Profis sind zehn Minuten gefoilt und dann wurde geschraubt und getrimmt. Dazu habe ich als Privatsurfer keine Lust.

Race Foil is scho‘ geil, aber du kommst aus‘m Schwitzen nimmer raus.” (Christian Breidbach)

Und Halsen? Die sind auf dem 550er Flügel eigentlich nicht fahrbar, wenn man das nicht das ganze Jahr macht. Der Speed war natürlich super. 50 km/h geknackt. Aber beim Naish hast du oben gestanden, mit einer Hand an der Gabel und mit dem Segel den Speed reguliert. Auf dem Race regulierst du nichts mehr. Du fährst immer Vollgas, hängst im Trapez mehr oder weniger nach vorn voll drin. Das ist schon geil, aber du kommst aus dem Schwitzen nicht raus. Ich rüste jetzt wieder ab – Richtung Freerace. Ich habe mir einen 750er Patrik-Flügel gekauft, deutlich schöner zum Fahren, und in der Halse nicht ganz so anspruchsvoll.“

Fazit: Freerace oder Freeride - womit foilt es sich schöner?

Am Ende stehen zwei Konzepte, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Das Freeride-Set-up schenkt Freiheit, Leichtigkeit und unendlich viel Flugzeit. Das Freerace-Set-up liefert Speed und das sportliche Gefühl, permanent am Limit zu fliegen. Das eine verführt zum entspannten Cruisen über den ganzen See, das andere macht jede Böe zur Startbahn für den nächsten Geschwindigkeitsrausch. Und genau deshalb haben beide ihre Berechtigung.


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Stephan Gölnitz

Stephan Gölnitz

Redakteur surf

Stephan Gölnitz stammt aus Bochum und kam 1996 als Testredakteur zum surf-Magazin nach München. Der Diplom-Ingenieur für Werkstofftechnik begleitet seit seinem Volontariat nahezu alle Materialtests – auf dem Wasser und seit über zehn Jahren auch als Fotograf – mit Stationen u. a. am Gardasee, in Langebaan, Ägypten und Tobago. Privat surft er am liebsten mit dem Foil am Walchensee, gelegentlich in der Welle, und widmet sich außerdem dem SUP auf Fluss- und Mehrtagestouren.

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