Wind-SpecialDer Föhn in den Alpen

Dr. Michael Sachweh

 · 28.12.2022

Der Föhn kann Kopfschmerzen bereiten - und sei es durch Rotationen wie hier bei Balz Müller
Foto: Alain Luck

Wenn man glaubt, vom Münchner Stadtrand aus die Skifahrer in den bayerischen Alpen sehen zu können – dann ist Föhn. Und die Kopfschmerz-Intensität gleicht einem Morgen nach einer durchzechten Wies‘n-Nacht. Doch der Föhn bringt neben guter Fernsicht und warmen Temperaturen auch reichlich Wind. Nicht nur in Bayern, Österreich und der Schweiz, wie hier zur Freude von Balz Müller am Urnersee.

Favonius nannten die alten Römer im Alpenraum einen ungewöhnlich milden Wind, der von den Bergen herabkommt. Daraus entwickelte sich der Name „Föhn“, der für einen warmen Fallwind steht. Aus den Alpen kennen wir diesen Wind besonders von der Nordseite her, wo während einer Überströmung des Hauptkammes aus südlichen Richtungen die Täler an der Nordseite samt Alpenvorland einen Einbruch trockener und warmer Luft erleben – häufig begleitet von sonnigem Wetter und lebhaften Winden (Südföhn).

Die ursprüngliche Wortbedeutung hieß jedoch „milder Westwind“. Wie kommen die alten Lateiner bloß darauf, von Westwind zu sprechen, mag man sich fragen? Haben sie es vielleicht mit der Himmelsrichtung nicht ganz so genau genommen? In Wirklichkeit dürfte ihre Beobachtung aber doch stimmen. Denn vermutlich stammt der Name für unseren Föhn aus dem oberitalienischen Piemont. Hier, am Fuße der Westalpen, profitiert man nicht nur von Ausläufern des Nordföhns, sondern hat auch noch einen eigenen Föhn. Und der kommt mit den Westwinden – Föhnproduzenten sind die bis zu 4000 Meter hohen Grajischen Alpen und die Meeralpen.

Föhn entsteht auf der Lee-Seite von Gebirgen

Föhn entsteht auf der Leeseite von Gebirgen, wenn eine lebhafte Strömung gegen den Gebirgszug gerichtet ist. Aus physikalischen Gründen erwärmt sich die Luft beim Abstieg in Richtung Täler kräftig, im wolkenfreien Raum sogar um beachtliche ein Grad pro hundert Höhenmeter Abstiegsstrecke. Dieser Prozess löst auch die meisten Wolken auf, die sich durch den Luftmassenstau auf der anderen Gebirgsseite gebildet haben.

Für Wassersportler ist der sehr böige, oft abrupt einsetzende Föhnwind eine Herausforderung. Selten sind Locals mit ihrer Kenntnis der lokalen Wetterküche so gefragt wie bei Föhnwetter.

Wenn der Föhn über den Bodensee fegt, dann hat Local David Jeschke Spaß. Foto: Privat
Wenn der Föhn über den Bodensee fegt, dann hat Local David Jeschke Spaß.

Typische Wetterkarte

Nehmen wir als Beispiel den Föhn der Alpennordseite (Südföhn): Voraussetzung dafür ist eine südliche Luftströmung in den drei bis vier untersten tausend Metern der Atmosphäre. Dafür brauchen wir tiefen Luftdruck über Westeuropa und höheren Luftdruck zum Alpenostrand hin, wobei der Tiefdruck bei uns überwiegt. Eine klassische Föhnwetterlage entsteht, wenn sich die Kaltfront eines Atlantiktiefs von Frankreich her dem Alpenraum nähert. Im Vorfeld der Front wehen oft Winde aus Süd bis Südwest. In der Situation hüllen sich die südalpinen Berge in Wolken ein, und es regnet oder schneit länger anhaltend (Stau-Wetterlage). Während der Schlechtwetter-Himmel über der Alpennordseite plötzlich aufreißt – und böige Südwinde trockene Wärme in die Täler, sogar bis weit ins Alpenvorland und ihre Seen, tragen.

Auch bei Hochdrucklage kann es zu Südföhn kommen, sofern der Schwerpunkt des Hochs östlich der Alpen liegt, so dass sich an der Westflanke des Hochs eine südliche Luftströmung etablieren kann. Im Unterschied zum klassischen, vom Tiefdruck beeinflussten, Föhn beschränkt sich der Föhn oft auf die untersten tausend bis zweitausend Meter der Atmosphäre. Dieser sogenannte seichte Föhn reicht nicht bis ins Alpenvorland hinaus, und beschränkt sich oft nur auf die randalpinen Täler und Seen.

Am Urnersee – dem in Nord-Süd-Richtung gelegene Teil des Vierwaldstätter Sees– schlägt der Föhn mit seiner ganzen Härte zu. Foto: Roger Gruetter
Am Urnersee – dem in Nord-Süd-Richtung gelegene Teil des Vierwaldstätter Sees– schlägt der Föhn mit seiner ganzen Härte zu.

Wirkungsgebiet

Entgegen der landläufigen Meinung tritt Föhnwetter nicht nur an der schweizerisch-deutsch-österreichischen Alpennordseite auf, sondern überall auf den Leeseiten der Gebirgszüge, wo die Berge überströmt werden.

In manchen Regionen prägen Föhnwetterlagen durch ihre große Häufigkeit sogar die Vegetation. Berühmt ist der argentinische Zonda-Föhnwind im Lee der südlichen Anden. Die dominierenden Westwinde sorgen dort auf der chilenischen Stauseite der Berge für dichte Regenwälder und auf der patagonischen Leeseite der Berge für Steppenlandschaften.

Föhn-Varianten gibt es auch in den Anden, den Rocky Mountains – und sogar in Norwegen.

Der Föhn der nordamerikanischen Rocky Mountains vermag als Chinook den Schnee in kürzester Zeit zum Schmelzen zu bringen. Und im Südwesten Grönlands, am Fuße des grönländischen Hochplateaus, überrascht er bei einsetzenden Ostwinden mit einem plötzlichen Temperaturanstieg auf bis zu 20 Grad!

Nicht so häufig, aber kaum weniger spektakulär, gibt’s Föhneinbrüche in Mitteleuropa. Bei ausgeprägter Nordwestwetterlage bescheren die Skanden, die Berge Norwegens, den Stränden vom Skagerrak bis runter nach Rügen schönstes Wetter – dank des Föhneffekts (Skandenföhn). Bei einer südlichen Luftströmung entsteht Föhn an der Alpennordseite. Von diesen Südföhn-Episoden sind mehr oder weniger alle Spots nördlich des Alpenhauptkammes betroffen – von den Seen Lac du Bourget, Lac d‘Annecy und Genfer See im Westen über den Bodensee und die bayerischen Seen (wie Starnberger See und Chiemsee) bis hin zu den ober- und niederösterreichischen Gewässern ganz im Osten – wie dem Traunsee oder dem Erlaufsee.

Hochsaison

Mit Blick auf unsere nordalpinen Seen ist Föhn das ganze Jahr über möglich. Da das Luftdruckgefälle der Hauptmotor der Föhndüse ist, und der Föhn oft durch sich aus Westen nähernde, markante Tiefausläufer getriggert wird, tritt Föhn besonders oft in der wechselhafteren Jahreshälfte auf – also in der Zeit von Oktober bis April.

Dabei bilden die Monate Oktober und November sowie März und April die Hochsaison des Föhns. Föhnwetterlagen treten zwar auch im Winter relativ häufig auf, doch da verhindern oft zähe Kaltluftseen in den Tälern und über dem Alpenvorland den Durchbruch des warmen Fallwinds bis herunter zum Spot.

Manchmal stapeln sich die klassischen Föhnwolken übereinander und sorgen für einzigartige Formationen am Himmel. Foto: Gernot Osterloh
Manchmal stapeln sich die klassischen Föhnwolken übereinander und sorgen für einzigartige Formationen am Himmel.

Typische Wind- und Wetterbedingungen

Der Föhn tritt, wie es sich für einen Fallwind gehört, überraschend abrupt ein – ähnlich der Bora. Während sein adriatisches Pendant jedoch als kalter Fallwind gilt und dort (verglichen mit der normalen Wärme der Adrialuft) als kühl empfunden wird, treibt der Föhn die Temperaturen in die Höhe – und das oft ziemlich abrupt. Auf dem oberbayerischen Kochelsee zum Beispiel wird das Quecksilber bei Einbruch eines kräftigen Föhns zum Senkrechtstarter. Ein veritabler Wärmeschub von zehn auf 20 Grad innerhalb von 30 Minuten ist dort dann keine Seltenheit. Typisch für Fallwinde treffen die Böen also plötzlich am Spot ein. Es gibt kaum Warnzeichen vor den Böen – außer dass sich am südlichen Ufer des Sees mit einem Mal die Bäume biegen, und Schaumkronen auf dem Wasser auftauchen. Und wenn‘s krass kommt, dann hebt das vor einer Minute noch ruhige Wasser als lange Gischtfahne in die Luft ab. Der Föhn ist also ein Überfall aus dem Nichts.

Der Föhn fällt ohne Vorwarnung über die Seen im Alpenvorland her.

Das einzige Warnzeichen, das den Böen unmittelbar vorausgeht, ist ein rascher Temperaturanstieg. Dass generell eine Föhnwetterlage herrscht, ist am Himmelsbild oft klar zu erkennen: Trotz niedrigen Luftdrucks ist der Himmel bei guter Sicht überwiegend blau (oder es zeigen sich höchstens einige, hohe Wolkenfelder). Markenzeichen des Föhns sind vereinzelte, oft sehr seltsam anmutende Wolken, die ziemlich dünn sind und sich mit einem scharfen Umriss vom wolkenfreien Raum abgrenzen. Mit ihrer Form ähneln sie den Plattfischen oder Linsen, im Fachjargon deshalb auch „Altocumulus lenticularis“ genannt. Diese Wolken gelten weltweit als sicheres Fallwind-Zeichen – sei es in der Pampa Argentiniens am Fuße der Anden oder im Alpenföhn.

Eine Föhn-Episode am Nordrand der Alpen dauert im Sommer selten länger als ein bis zwei Tage, von Herbst bis Frühjahr kann es durchaus mal drei bis vier Tage in Folge föhnig sein.

Unser Südföhn verabschiedet sich oft ebenso abrupt, wie er mal am Spot auftauchte. Der Wind dreht dann meist auf West, mitunter begleitet von Regenfällen, die von Mai bis September auch ziemlich kräftige Gewitter mit im Gepäck haben können.

Verstärkungsfaktoren

Je kräftiger das Luftdruckgefälle und damit die Überströmung des Gebirges ist, desto heftiger der Föhn. Als Faustregel für den Föhn in Tirol und am bayerischen Alpenrand wird die Luftdruckdifferenz zwischen Bozen und Innsbruck genommen: Liegt der Bozener Druck mindestens vier Hektopascal (hPa) über dem von Innsbruck, kann mit Föhn gerechnet werden. Bei einer Differenz von 8 hPa und mehr geht‘s heftig zur Sache – mit Sturmböen in den Föhntälern und einem Föhn, der weit über den Münchner Raum hinausreicht, mitunter bis zur Donau. Mindestens genauso entscheidend für die Stärke des Föhns ist neben dem Druckgefälle die topografische Lage des Spots. Dabei gilt:

  • Je näher am Alpenrand, desto heftiger und häufiger vermag der Föhn (bis in die tiefen Lagen der Täler und des Alpenvorlands mit den Seen) durchzubrechen.
  • Richtig stürmisch kann es in den Tälern am Alpenrand und in den Alpen werden, wenn die Orientierung des Tals in etwa der Überströmungs-Richtung der Alpen entspricht. So gilt zum Beispiel der Nord-Süd-orientierte Teil des schweizerischen Vierwaldstättersees zwischen Ingenbohl und Flüelen ( wo das Tal der Reuss zum See hin mündet) als berüchtigte Föhndüse, bei rein südlicher Überströmung der Alpen. Beim Bodensee ist das Südostufer – etwa zwischen Bregenz und Rorschach, wo das breite Rheintal auf den See mündet – bei Süd- und Südwestwinden besonders von Föhnstürmen betroffen. Heftige Föhnböen sind aus demselben Grund auch vom Tiroler Achensee bekannt, dort vor allem bei einer Süd- bis Südostströmung.
Der Kochelsee ist einer der Kandidaten, die vom Föhn mit voller Wucht getroffen werden. Ein purer Spaß ist das Surfen im sehr böigen Wind aber nicht immer. Foto: Felix Greis
Der Kochelsee ist einer der Kandidaten, die vom Föhn mit voller Wucht getroffen werden. Ein purer Spaß ist das Surfen im sehr böigen Wind aber nicht immer.

Störfaktoren

Alles, was das den Föhn erzeugende Luftdruckgefälle über den Bergen abbaut, schwächt auch den Fallwind. Im Falle des Südföhns der Nordalpen kann dies durch eine Abschwächung des Westeuropa-Tiefs ebenso hervorgerufen werden wie durch eine Abschwächung des Hochs im Osten. Ein Blick auf den Trend der aktuellen Luftdruckwerte (wird der Druckunterschied zwischen Bozen und Innsbruck geringer?) in Wetterportalen wie WetterOnline hilft bei der Beurteilung des Föhntrends.

Eine komplette Beendigung der Föhnlage, der sogenannte Föhn-Zusammenbruch, ist an den nordalpinen Spots zu erwarten, wenn die Kaltfront des Westeuropa-Tiefs von Westen her den Spot erreicht. Anzeichen dafür ist eine zunehmende Bewölkung, später tauchen im Westen des Spots Regenfälle auf. Ein Blick auf die aktuellen Wettermeldungen und das Wetterradar hilft, um das Föhnende abschätzen zu können. Achtung: Im Sommer können sich Föhnböen und heftige Gewitterböen der nachfolgenden Front die Klinke in die Hand geben!

Föhn – warmer Kraftprotz

So sieht eine klassische Föhnlage auf der Wetterkarte aus: Von Süden drückt schlechtes Wetter mit viel Regen gegen die Südalpen. Überströmt die Luft dann den Alpenhauptkamm, erwärmt sie sich auf der Nordseite kräftig und rast als Fallwind in die Alpentäler – und bis ins Alpenvorland.

Foto: Delius Klasing Verlag
Foto: Delius Klasing Verlag

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