SURF
· 31.05.2026
Text: Lisa Kloster
Der Winter fühlt sich dieses Jahr irgendwie anders an. Normalerweise bin ich um diese Zeit in Tarifa, viel auf dem Wasser, viel unterwegs. Dieses Jahr ist das anders. Ich bin bei meinem Freund in Griechenland, baue meinen Van aus und verbringe zum ersten Mal seit Langem fast so viel Zeit zwischen Werkzeug und Holzplatten wie auf dem Wasser. Wobei sich das hier erstaunlich gut ergänzt – aber dazu später mehr. Ich baue also gerade meinen neuen Van zum ultimativen Windsurf-Mobil aus, und während ich hier zwischen Dämmung, Kabeln und halb fertigen Möbeln sitze, denke ich mir immer wieder: „Okay... was hast du dir da eigentlich vorgenommen?“
So sehr ich meinen alten VW-Bus geliebt habe, gab es ein paar Dinge, die mich immer mehr eingeschränkt haben.”
Wer mich kennt, weiß nämlich: Ich habe meinen alten VW-Bus (T4) geliebt. Baujahr 2000, komplett mechanisch, kein Schnickschnack, nichts Digitales, und genau das war das Beste daran. Wenn irgendwas nicht funktioniert hat, konnte man es meistens irgendwie selbst lösen. Nicht, dass ständig etwas kaputt war, im Gegenteil, der kleine Motor war gefühlt unkaputtbar. Aber diese kleinen Situationen unterwegs gehören einfach dazu. Zum Beispiel auf Fuerteventura. Ich wollte gerade in einen Kreisverkehr einfahren, schalte runter in den zweiten Gang und plötzlich: nichts mehr. Kein Gang ging rein. Keine Chance. Kompletter Rührstab. Ich stand also überraschend schnell ziemlich blöd mitten im Geschehen, bis eine Minute später die spanische Polizei vorbeikam und mich kurzerhand aus dem Kreisverkehr schob. Am Straßenrand habe ich mir das Ganze dann angeschaut und am Ende mit einem Stück Draht gefixt. Nicht schön, aber effektiv und robust genug, um die Zeit zu überbrücken, bis das Ersatzteil drin war. Und genau das habe ich an diesem Auto geliebt. Dieses Gefühl, dass man sich zu helfen weiß, egal, wo man gerade steht.
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Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass der Van für mich nicht mehr nur ein Auto ist. Ich verbringe eigentlich meine gesamte Zeit darin. Ich arbeite dort, esse dort, schlafe dort und liege nach langen Sessions oft noch mit dem Laptop im Bett, während draußen der Wind weiter-ballert. Und dann merkt man irgendwann: So richtig Bewegungsfreiheit hat man nicht. Viele haben immer gesagt, ich würde wie in einer Sardinenbüchse schlafen – ganz unrecht hatten sie nicht. Das Surfmaterial nimmt einfach extrem viel Platz ein. Ich habe zwar über die Jahre wirklich gute Tetris-Skills entwickelt und jeden Zentimeter genutzt, aber sobald man zu zweit unterwegs ist, wird es einfach eng. Richtig eng. Und das war am Ende der Punkt. Nicht, weil ich plötzlich alles perfekt oder luxuriöser haben wollte, sondern weil klar wurde: Wenn ich zusammen mit meinem Freund reisen will, dann funktioniert das so nicht mehr.
Also stand ich über Weihnachten wieder in Deutschland, um meinen neuen, größeren Van abzuholen. Einen Opel Movano L4, H2 aus 2024. Der Gedanke, irgendwann auf einen größeren Van umzusteigen, war schon länger da. Ich arbeite seit knapp einem Jahr ortsunabhängig im digitalen Marketing, vor allem im Social Media-Bereich für einen Surfshop. Dazu kommen immer mal wieder Projekte rund ums Windsurfen. Gleichzeitig war mein Leben im VW-Bus ziemlich minimalistisch, sodass ich mir über die Zeit etwas zurücklegen konnte. Und als sich dann noch ein ziemlich guter Deal beim Autohaus ergeben hat, war klar: Jetzt oder nie. Einen kleinen Teil habe ich mir dafür auch von meinem Papa geliehen. Vor allem, weil er mich ziemlich in die Richtung geschubst hat, lieber einmal in ein neueres Auto zu investieren, als später ständig Reparaturen zu haben.
Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Dass ich keine zwei Tage später mit einer Stichsäge und Klebepistole in der Hand vor exakt diesem fast neuen Van stehen würde und ernsthaft darüber nachdenken müsste, ob ich bereit bin, zwei riesige Löcher in mein neues Auto zu schneiden.
So sehr ich meinen T4 geliebt habe, gab es irgendwann ein paar Dinge, die mich im Alltag immer mehr eingeschränkt haben. Vor allem, weil ich einen Großteil meines Lebens im Van verbringe und meistens mit ziemlich viel Material unterwegs bin. Deswegen war für mich klar: wenn ich nochmal neu ausbaue, dann mit ein paar ganz konkreten Verbesserungen.
Ich habe über die Jahre ziemlich gute Tetris-Skills entwickelt und nutze jeden Zentimeter.”
Der Plan war eigentlich von Anfang an klar: Wenn ich die zwei Seitenfenster einbaue, dann in Deutschland. Einfach, weil mir schon vorab klar war, dass ich mir dieses erste große Loch allein nicht zutraue. Einmal falsch angesetzt, einmal verrutscht, und man hat ein wirklich großes Problem. Zum Glück gibt es dafür jemanden, der nicht nur Zeit hatte, sondern sich auch handwerklich ziemlich gut auskennt: meinen Papa. Was wir zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht ganz auf dem Schirm hatten, war, wie sehr uns das Wetter den Zeitplan vorgibt. Der Kleber für die Fenster braucht über zehn Grad, damit er richtig funktioniert. Und genau diese Temperaturen gab es in der Zeit kaum. Am Ende blieb exakt ein Tag übrig, an dem es überhaupt warm genug war: zwei Tage nach der Abholung. Und ja, das war gleichzeitig der Geburtstag von meinem Papa. Also haben wir den Van abgeholt und sind direkt rein ins Projekt. Wir haben vorher natürlich alles so gut es geht vorbereitet. Gemessen, angezeichnet, erneut gemessen, Videos geschaut, überlegt, wie wir vorgehen. Trotzdem ist dieser Moment, in dem man die Stichsäge ansetzt, ein ganz eigener. Da gibt es kein Zurück mehr. Das Stresslevel war auf jeden Fall bei uns allen echt hoch. Als die Löcher dann drin waren, ging alles relativ schnell. Metallschutz drauf, Kleber vorbereiten, Fenster einsetzen, fixieren und fest anpressen.
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Viel Zeit, den ersten Schritt zu feiern, hatten wir nicht, denn wir waren insgesamt nur etwa eine Woche in Deutschland. Danach sollte es recht zügig wieder zurück nach Griechenland gehen. Hauptgrund waren tatsächlich die Temperaturen. Viele der nächsten Schritte beim Ausbau hängen einfach davon ab, dass es nicht zu kalt ist. Dazu kam, dass wir natürlich auch wieder aufs Wasser wollten. Also waren wir kurze Zeit später wieder auf der Straße, diesmal auf dem Weg Richtung Süden. Nicht über die Fähre, sondern über den Landweg durch Ungarn, Serbien und Nordmazedonien. Das spart Geld, ist aber definitiv auch ein kleines Abenteuer für sich. Der Van hatte noch keine Isolierung, keine Heizung, nichts. Und genau in diesen Tagen ist es richtig kalt geworden. Eine Nacht hatte es minus zehn Grad. Es war also weniger ein gemütlicher Roadtrip und mehr ein „Okay, da müssen wir jetzt durch“. Nach einer rauen viertägigen Reise waren wir dann zurück bei meinem Freund in Griechenland. Dort ging es im Grunde direkt weiter. Statt erst mal anzukommen, standen wir zwischen einem Haufen Kartons. Viele Teile hatte ich schon in Deutschland besorgt und mitgenommen. Wir haben dann mit den Dachfenstern losgelegt, danach kamen die Bodenkonstruktion und die Isolierung. Und dabei kam dann relativ schnell die nächste Erkenntnis: Selbst Dinge, die auf dem Papier einfach wirken, dauern in der Realität deutlich länger. Planen, tausendmal alles neu überdenken, zuschneiden, anpassen, sauber arbeiten, alles so bauen, dass es am Ende wirklich passt.
Nach den ersten Schritten hatte ich kurz das Gefühl, wir sind ganz gut im Plan. Fenster drin, Dachfenster auch, Boden angefangen. Es sah langsam nach Fortschritt aus. Bis dann der erste richtige Regentag kam. Nach einer regnerischen Nacht sind wir morgens in den Van und haben direkt eine Pfütze am Eingang entdeckt. Natürlich habe ich erst gehofft, dass das noch vom Vortag ist, aber dann habe ich die Tropfen unter dem Seitenfenster gesehen. Wir haben uns nur angeschaut und dachten nur: „Oh no, shit!“. Im ersten Moment ist das ein richtig beschissenes Gefühl. Du hast gerade erst alles eingebaut, dir viel Mühe gegeben, und dann merkst du, dass es nicht dicht ist. Also erst mal das gemacht, was man in so einem Moment macht: gegoogelt. Und das hat es ehrlicherweise nicht besser gemacht. Die einen sagen, man muss das Fenster wieder komplett rausnehmen.
Die anderen sagen, man kann es irgendwie von außen nachdichten. In den Kommentaren streiten sich alle. Das Problem war, dass wir wirklich keine Lust hatten, das Fenster wieder rauszureißen. Den ganzen Kleber wieder ab, alles noch einmal von vorne. Gleichzeitig wollte ich aber auch keine halbe Lösung, bei der man später von außen sieht, dass da einfach irgendwas drübergeschmiert wurde. Also haben wir ein paar Tage überlegt und dann doch eine Variante gefunden, die im ersten Moment etwas nach einer Bastellösung klang, aber am Ende richtig gut funktioniert hat. Wir haben ein etwas flüssigeres Dichtmittel genommen und es vorher im heißen Wasserbad angewärmt, damit es noch besser fließt. Dann haben wir die Spitze von der Kartusche erhitzt, weichgemacht, flachgedrückt und so gebogen, dass wir tatsächlich tief genug hinter das Glas gekommen sind. Also haben wir da eine richtige „Dichtungswurst“ hingesetzt, tief genug, dass man von außen nichts sieht, aber genau da, wo vorher das kleine Loch war. Zwei Tage später kam dann der Härtetest. Wasserschlauch, voller Druck, direkt auf die Naht gehalten. Und zum Glück: alles dicht. Ich glaube, das war einer dieser Momente, in denen man kurz merkt, wie erleichtert man eigentlich gerade ist. Und gleichzeitig lernt man dabei unglaublich viel und nutzt seine Kreativität, um Lösungen zu finden, die man so in keinem YouTube-Video sieht.
Das sind für mich die wichtigsten Punkte im Windsurf-Van. Warum die Garage für mich so entscheidend ist, hat mit einer ziemlich wilden Erinnerung aus meiner Kindheit zu tun: Leucate, viel Wind, so richtig viel Wind. Wir hatten damals ein Wohnmobil und die Boards waren auf dem Dach. Was vorerst normal klingt, wird bei 50 Knoten zum Albtraum. Ich weiß noch genau, wie der Wind während einer Session immer stärker wurde, bis es plötzlich richtig heftig war. Wir haben gar nicht mehr darüber nachgedacht, mein Board wieder aufs Wohnmobil zu wuchten. Stattdessen waren wir einfach nur dankbar, dass die Familie von Balz Müller angeboten hat, mein Board in ihren Anhänger zu legen. Drei Leute hielten den Deckel fest, alles hat gewackelt, und trotzdem ist ein Board einfach weggeflogen. Seitdem war für mich klar, dass ich, wenn ich irgendwann mein eigenes Wohnmobil habe, mein Material einfach rausziehen will. Ohne Klettern, ohne Chaos, ohne Risiko. Deswegen geht meine Garage jetzt über die komplette Breite vom Van. So, dass einige Boards Platz finden, ohne dass ich oben im Bett das Gefühl habe, unter der Decke zu kleben. Das war mir extrem wichtig. Genauso wie der Punkt, möglichst wenig Platz zu verschwenden. Keine dicken Verkleidungen, keine unnötigen Konstruktionen, die einfach nur Raum fressen. Im T4 habe ich schon gelernt, wie viel man mit guter Planung rausholen kann. Diesmal wollte ich es noch konsequenter machen.
Und auch das Thema Feuchtigkeit nehme ich, wie eingangs erwähnt, sehr ernst: nasse Neos, salzige Boards, Kondenswasser – das sammelt sich alles irgendwo. Deswegen habe ich mir vorgenommen, wirklich alles Holz, das ich verbaue, mit Bootslack zu behandeln (große Empfehlung an alle, die selbst ausbauen). Gerade im Bereich der Garage, aber eigentlich überall. Der Lack ist zwar teuer, aber nach den letzten Jahren weiß ich, dass sich das lohnt. Genauso der PVC-Boden, den ich an den Seiten ein paar Zentimeter hochziehen will, damit Wasser gar nicht erst irgendwo drunterlaufen kann. Solche Dinge sind am Anfang nicht das Erste, woran man denkt. Aber genau die machen später den Unterschied.
Auch wenn sich gerade viel um den Van-Ausbau dreht, ist der Winter für mich natürlich nicht einfach Windsurf-Pause. Im Gegenteil. Normalerweise bin ich um diese Zeit in Tarifa, das ist seit meinem Abi mein fester Rhythmus geworden. Winter heißt für mich Tarifa. Viel Wasserzeit, viel Wind, aber ehrlicherweise auch viele Tage, an denen man einfach nimmt, was man bekommt. Tarifa kann richtig gut sein, keine Frage. Aber oft ist es eben auch choppy, böig, und wenn man wirklich perfekte Freestyle-Bedingungen will, muss schon einiges zusammenpassen. Oft war ich dann auch einfach Wellenreiten oder mal Kiten, weil der Wind nicht ganz das gemacht hat, was man sich gewünscht hätte.
Dieser Winter in Griechenland fühlt sich komplett anders an. Ich war im Schnitt viermal die Woche Windsurfen. Das liegt vor allem daran, wie sich der Wind hier im Winter verhält. Im Sommer kennt man den Meltemi, den konstanten Nordwind. Im Winter ist das Ganze deutlich wechselhafter. Der Nordwind kommt immer noch durch, oft richtig stark, für 3,6 oder 4,0, dafür aber kalt. Man steht morgens am Spot, zieht sich den Neo an und merkt schon beim ersten Windstoß, dass das heute kein gemütlicher Tag wird. Aber natürlich will ich mich darüber nicht beschweren, denn in den Postings von meinen Freunden habe ich Schneeberge in Deutschland gesehen.
Und dann gibt es den Südwind. Der fühlt sich komplett anders an. Wärmer, weicher, oft um die 20 Grad, und bringt plötzlich Spots zum Funktionieren, die man so gar nicht auf dem Schirm hat. Die Locals haben auch immer wieder gesagt, dass wir diesen Winter ungewöhnlich viel Südwind hatten. Für mich hätte es also nicht besser laufen können. Ein Spot, der dadurch richtig oft funktioniert hat, war Anavyssos. Eine Bucht, Onshore-Welle, nicht riesig, aber genau richtig. Die Wellen haben nicht diese rohe Power wie am Atlantik, sondern eher saubere, kleine Kicker. An einen bestimmten Tag erinnere ich mich noch ziemlich genau. Der Wind war stabil, die Wellen liefen sauber in der Bucht, und zwischen den Wellen war die Wasseroberfläche flach wie ein Pfannkuchen. An dem Tag habe ich meinen ersten Airskopu gestanden. Das sind so Momente, die man schwer erklären kann. Es ist nicht nur der Trick an sich, sondern dieses Gefühl davor und danach. Man probiert es immer wieder, scheitert, kommt wieder raus, und irgendwann klappt es einfach. Und in dem Moment ist alles andere egal. An anderen Tagen bin ich auch mal Waveboard gefahren und habe meinen ersten Taka geslidet, aber die meiste Zeit war ich tatsächlich auf meinem Freestyleboard unterwegs. Klar, der Südwind ist schwerer vorherzusagen und kann auch mal nach einer Regenfront einfach wieder weg sein. Aber wenn er da ist, sind es oft genau diese Tage, die hängen bleiben. Warm, guter Wind, gute Laune auf dem Wasser.
» Die To-do-Liste ist noch lang – aber auch die Liste an Reisezielen im Kopf wird immer länger.«
Und genau das macht diesen Winter gerade so besonders. Ich arbeite frühmorgens, stehe dann in der Van-Baustelle zwischen Werkzeug und Holzplatten, baue irgendetwas weiter und ein paar Stunden später bin ich auf dem Wasser und abends kocht die griechische Oma von meinem Freund noch mein liebstes Veggie-Moussaka und fragt mich danach ganz selbstverständlich, ob der Wind heute gut war. Sie hat letzten Sommer schon die PWA-Livestreams geschaut und kennt mittlerweile mehr Tricks als meine Eltern. Zwischendurch wird auch noch Videomaterial geschnitten und hochgeladen (Danke an alle, die mir so liebe Nachrichten zu unserem letzten Video „Chaos Club 2025“ gesendet haben!). Und auch wenn sich dieser Mix gerade ziemlich gut anfühlt, wächst gleichzeitig die Vorfreude auf das, was kommt. Der Van ist noch nicht fertig und die To-do-Liste noch lang, aber die Liste an Reisezielen im Kopf wird auch immer länger. Ob Kanaren, Marokko oder zunächst weiter auf die griechischen Inseln – ich bin gespannt, wo es uns als Erstes hinzieht, und halte euch auf dem Laufenden.