Défi, von hintenZwei Bayern beim legendären Rennen

SURF Redaktion

 · 11.09.2022

Défi, von hinten: Zwei Bayern beim legendären RennenFoto: Jean Souville

Andreas Dachsberger und Michael Bürger waren beim Défi 2022 dabei. Das Ziel: Mal eben den 1200 anderen Surfspezln zeigen, wo der bayerische Hammer hängt. Ob das geklappt hat? Nun ja, lest selbst...

Das Défi ist der Traum vieler Windsurfer. 1200 Teilnehmer, ein Ziel: heil durchkommen! Zwei bayerische Hobbysurfer, Andreas Dachsberger und Michael Bürger, waren dabei und berichten vom Rennen ihres Lebens.

Noch 1200 Kilometer bis Gruissan. Mit dem Hänger im Schlepp bedeutet das 17 Stunden Fahrzeit. Mein Rücken jubelt in freudiger Erwartung, neben mir beginnt Mike leise zu schnarchen. Défi Wind 2022. Warum tun sich zwei biedere Familienväter, am Ende ihrer besten Jahre, eigentlich so etwas an?

Rückblende: Vor 32 Jahren bin ich mein erstes Langstrecken-Race gefahren – das legendäre Ledge to Lancelin an der Westküste Australiens. Der Start war mies, und der Erfolg überschaubar. Aber wenn man hinten bei den langsamen Racern startet, kann man eine Stunde lang überholen. Was für ein Spaß, ich war geflasht. Schnell war der Entschluss gefasst, die bedeutendsten Long-Distance-Races zumindest einmal im Leben zu surfen: die One Hour am Gardasee, den Down Wind Dash in Langebaan/Südafrika, den Insel-Marathon am Chiemsee – und das Défi Wind in Gruissan/Frankreich. Zwei Jahre hatte mir Corona die Défi-Chance genommen, aber 2022 sollte es klappen. Der Fun ist größer, wenn du mit Freunden unterwegs bist – klar. Aber wer von meinen Surfspezln, die alle auf Regatten pfeifen, lässt sich motivieren?

Da ist zuerst Mike vom Tegernsee, 55 Jahre, Bauingenieur, verheiratet, zwei Kinder, absolut surfbesessen. Was für ihn spricht: Er ist immer gut drauf, bereit für Extrameilen. Was gegen ihn spricht: Er kann die Foil-Halse! Und ich leider nicht. Dann ist da Mirko vom Tegernsee, 51 Jahre, Toningenieur. Was für ihn spricht: Noch besser drauf als Mike. Was gegen ihn spricht: Er sieht aus wie Robby Naish in seinen besten Jahren. Da sind wir bei den Damen nur dritte Wahl. Dann ist da Jonas, 25 Jahre, Physiker im Endstudium. Er hält den Speed-Rekord am Tegernsee. Was für ihn spricht: Super nett, kann einfach alles, lässt sich von alten Männern volltexten (obwohl er es selber besser wüsste). Was gegen ihn spricht: Er fährt mich in Grund und Boden. Also begebe ich mich auf Animationstour: „Défi ist geil, ich zahle den Sprit, muss man zumindest einmal im Leben gesurft sein, ich organisiere das Apartment, bla, bla, bla.“ Als Erster winkt Jonas ab, er muss sich auf der Uni volltexten lassen. Dann gibt mir Mirko einen Korb. Regatta ist einfach zu hektisch für ihn. Aber Mike gibt mir das Ja-Wort – zaudert fast gar nicht - und schlägt ein.

Mike und Andi, die beiden erfolgreichsten Tegernseer der Defi-Geschichte.Foto: Andreas Dachsberger
Mike und Andi, die beiden erfolgreichsten Tegernseer der Defi-Geschichte.

Kleines Besteck gesucht

Bereits zwei Wochen nach Anmeldebeginn sind 800 Plätze weg. Ganz billig ist der Spaß nicht. 150 Euro Startgeld sind sofort fällig. Dazu kommt eine französische Rennlizenz mit Versicherung und eine ärztliche Bestätigung, dass man körperlich in der Lage ist, an Windsurf-Regatten teilzunehmen. Insgesamt stehen knapp 200 Euro auf der Uhr. Mike und ich stellen den Wecker und sind unter den ersten, deren Anmeldung bestätigt wird. Genial. Jetzt heißt es, sich vorzubereiten. Körperlich, mental, familiär, beruflich, materialtechnisch. Beide surfen wir seit 40 Jahren. Wir wissen, wo man den Mastfuß reinschraubt. Aber wir sind Leichtwind-Surfer. 17 Knoten sind am Tegernsee Sturm. Das Défi startet aber erst ab 20 Knoten – da können wir unsere 10er-Leichtwindfetzen getrost zuhause lassen. Woher kriegt man Défi-taugliches Material? Mike wird als erster fündig. Sein Kumpel Lines hat alles, was das Herz begehrt (unter anderem eine 98 Liter RRD-Rakete und Mach-2-Segel von Severne in Mini-Größen). Ich gehe einkaufen. Idee: Ich rufe bei meinem Lieblingshersteller GunSails an und gebe ihm die einmalige Gelegenheit, den Sieger des Défi 2022 zu unterstützen. Scheinbar ist Thorsten, der für das Marketing bei GunSails verantwortlich ist, im Umgang mit Größenwahnsinnigen geschult. Total freundlich bietet er mir Konditionen, die in etwa dem Weihnachtsrabatt entsprechen.

Gestählte Körper

Körperlich sind wir bestens gerüstet. Wenn es eine Einzelwertung für alternde, bayerische Bierbauchträger gibt, rollen wir das Feld von hinten auf. Aber reicht unsere Kondition für 40 Starkwind-Kilometer am Stück? Wollen wir riskieren, dass wir erst bei Einbruch der Dunkelheit über die Ziellinie schwimmen? Nein, hier geht es um die Ehre der oberbayerischen Gebirgssurfer! Also werden die alten Muskeln gestählt. Mike kann Joga! Und ich bin zweiter Vorstand des Skiklubs Reichersbeuern. Damit habe ich den Schlüssel zur Kraftkammer. Ein ausgeklügeltes Konditionsprogramm soll unsere Bürostuhl-Ärsche in Form bringen. Lauf- und Schwimmeinlagen sorgen für die nötige Ausdauer. Dreimal pro Woche Kraftkammer plus Zusatzsport ist der Plan. Einstellung ist alles – leider. Das geplante Trainingspensum in der Kraftkammer haben wir eingehalten. Aber im Monat, nicht in der Woche.

Road Trippin‘

Viel zu wenige Surftage später geht es ab nach Gruissan. Wahnsinn, was Sieganwärter von heute alles mitschleppen müssen: Insgesamt haben wir sechs Boards, acht Gabeln, acht Segel, acht Masten, massenhaft Finnen, vier Neos, Helme, Prallschutzweste und unzähliges Kleinzeug dabei. Alles wird in meinem Surfanhänger verstaut. Lebensmittel, Klamotten, Schlafsäcke und Kuscheltiere wandern in meinen Kombi. Gruissan ist eine schnuckelige Kleinstadt mit der kompletten Infrastruktur, die ein Surfer braucht. Supermarkt, Tankstelle, Restaurants, Freizeitpark mit Piratenschaukel und Wasserrutsche. Daneben gibt es eine Burg, einen Hafen und unzählige Ferienhäuser. Im Winter eine Geisterstadt, im Sommer eine Ferienmetropole. Zwischen Gruissan und dem Meer liegen zahlreiche Teiche, in denen Salz gewonnen wird und Kiter spielen dürfen. Direkt am Meer, wie ein Außenposten am Strand, liegt Gruissan Plage.

Gruissan Plage, üppig belüftet durch den Tramontana aus den PyrenäenFoto: Jean Souville
Gruissan Plage, üppig belüftet durch den Tramontana aus den Pyrenäen

Durch den Druckunterschied zwischen den in der Ferne leuchtenden, kalten Pyrenäen (zum Défi lag noch Schnee auf den Gipfeln) und dem sich aufheizenden Mittelmeer (25 Grad Luft während des Défi) faucht dieser Götteratem mit oft über 40 Knoten vom Land auf die offene See. Während des Défis sind über 150 ausgebildete Wasserretter auf ihren Jetskis und Schlauchbooten unterwegs und holen dich raus, wenn‘s sein muss. Das ist gut zu wissen, denn am nächstgelegenen Ufer weht die algerische Flagge. Weil ich ursprünglich nicht wusste, ob mich jemand zum Défi begleiten würde und ich halt a bisserl geizig bin, hatte ich ein winziges Einzimmer-Appartement am Rand von Gruissan gebucht. Als sich Mike opfert, mit zum Défi zu kommen, bleib ich bei dem Quartier – es stand ja „für 2 Personen“ im Prospekt. Dass die zweite Person neben der Couch auf dem Boden schlafen muss, stand da nicht. Windfinder checken! Gott liebt uns! Wir können erstmal gründlich die Lage checken und drei Tage trainieren –wenn der Forecast stimmt. Und der stimmt, denn Windfinder hat immer recht!

Vorbereitung ist...

... das halbe Leben. 6:00 Uhr aufstehen – Bäcker – Frühstück – und los. Je früher man eintrudelt, desto besser ist der Stellplatz für Auto und Materialanhänger. Gruissan Plage hat vier große Parkplätze – musst du auf den letzten, bedeutet das bis zu zehn Gehminuten zum Strand. 20 Minuten gehen fürs Laufen drauf, wenn man noch mal umriggen musst – Stress! Der Vormittag am ersten Regattatag ist dem Einchecken gewidmet. Jeder bekommt jetzt die berühmte Défi-Tasche mit Nummern-Shirt (inklusive aufgedrucktem Vor- und Zunamen!) und den Responder. Mit diesem Teil überprüfen die Veranstalter, ob nach jedem Rennen auch alle einigermaßen heil an Land zurückgekehrt sind. Ein- und Auschecken ist deshalb erste Défi-Pflicht.

Beim Skippers-Meeting startet der Countdown für die Rennen. Exakt eine Stunde später rast das Startboot die Linie entlang.Foto: Jean Souville
Beim Skippers-Meeting startet der Countdown für die Rennen. Exakt eine Stunde später rast das Startboot die Linie entlang.

Bevor es losgeht, erklärt man uns an der großen Bühne alles zum Rennablauf. Meine Glatze glüht hilflos in der Sonne. Neben mir steht Philip Köster und lässt sich mit einer Seelenruhe erklären, wo hier die Toiletten stehen. Hut ab. Neben dem deutschen Champion hat quasi der gesamte Worldcup-Tross der PWA beim Défi haltgemacht. Auf Schritt und Tritt laufen einem Jungs wie Jordy Vonk oder Maciek Rutkowski vor die Nase. Hier zu starten ist ungefähr so, als wenn Hobby-Skifahrer beim Kitzbüheler Hahnenkamm-Rennen teilnehmen und sich mit Marcel Hirscher matchen würden. Wahnsinn.

Der Countdown läuft

Der Countdown für das erste Rennen wird angezählt. Jetzt noch eine Stunde, und Mike und ich dürfen endlich zeigen, wo in Bayern der Hammer hängt. Natürlich haben wir unsere Responder am Auto vergessen. Stress! Welches Segel wählen? Worldcupper und Muskelviech Taty Frans wählt ein 4,7er. Der hat keine Ahnung. Mein geliebter Windfinder sagt eindeutig, dass zum Start der Wind für eine Stunde auf 19 Knoten fallen wird. Und was der Windfinder sagt, stimmt immer! Ich ziehe mein Gun GSR 6,4 aus der Tasche und stelle mir vor, wie alle weinen, mit kleinen Segeln rumdümpeln, und ich dem Feld davonheize. Mike geht derweilen zum Angst-Pieseln und setzt auf sein altbewährtes 4,5er Segel.

Noch zehn Minuten bis zum Start. Mike und ich schleifen unser Equipment zum Wasser. Beachstart. Die erste Böe reißt mir das Rigg sofort aus der Hand. Macht nichts - ich wollte sowieso in die andere Richtung. Beim Start nehme ich dicht und sehe das berühmte Startboot von Lee anrauschen. In zweiter Reihe gehe ich über die Startlinie. Als ich nach einem meiner kapitalsten Schleuderstürze wiederauftauche, hat der Wind mein Material gut 20 Meter nach Lee geschleudert. Aus dem Augenwinkel sehe ich 1200 Windsurfer in Richtung Port-la-Nouvelle entschwinden. Macht nichts. Euch krieg ich alle noch. Als mir der Orkan das vierte Mal den Wasserstart versaut, beginne ich, an Windfinder zu zweifeln. Keine Chance. Inzwischen bin ich weitere 100 Meter abgetrieben. Demütig hebe ich die Arme zur Aufgabe.

Sofort schießt ein Schlauchboot der Wasserrettung in meine Richtung. Meine Rettungsengel fordern mich auf, den Mastfuß zu lösen. Inzwischen sind wir 300 Meter vom Ufer entfernt und die See wird ruppiger. Der junge Franzose am Steuerstand lenkt das Boot so, dass sein älterer Kollege mein Board ins Boot hieven kann. Ich darf mich neben den Steuerstand setzen und werde alle drei Sekunden gefragt, ob alles okay ist. Der ältere Retter zerrt nun mein Rigg aufs Boot – oder vielmehr: Er versucht es. 6,4 m² bei 40 Knoten darf man nicht unterschätzen. Kaum ist die Mastspitze leicht angehoben, geht mein unerschrockener Lebensretter mit einem astreinen Backloop über Bord. Ich möchte helfen, muss aber weiter Sitz machen. Ob es mir gut geht, fragt der Steuermann. Ja! – aber dein Matrose und mein Rigg sind am Absaufen! Ich soll weiter Sitz machen. Der im Wasser schwimmende Retter wird von seinem Kumpel ins Boot gezogen. Er hat einen Schuh, nicht aber seine gute Laune verloren.

Über 150 Wasserretter auf Booten und Jetskis stellen beim Défi Wind sicher, dass niemand verloren geht.Foto: Steve Laubaney
Über 150 Wasserretter auf Booten und Jetskis stellen beim Défi Wind sicher, dass niemand verloren geht.

Mike hat super performed. Mit seinem 80er Slalombrett und einem 4,5er Wavesegel ist er zwar nicht ganz optimal gestartet, hat aber auf der Strecke Hunderte Plätze gut gemacht. Platz 480 bei 1290 Teilnehmern! Die Ehre des Oberlands ist gerettet. Sauber! Ich muss noch den Weg der Scham zum Auschecken antreten. Gewonnen hat den Lauf Antoine Albeau – aber die beste Performance haben unbestritten meine Retter abgeliefert: danke, Jungs! Mike hat Mitleid und übernimmt für heute die Küche. 500 Gramm Spaghetti Carbonara und einen Liter Rotwein später fallen wir auf unsere lauschige Schlafcouch.

Kleine Brötchen

Der nächste Tag beginnt wie der letzte geendet hatte. Es hackt mit 35 Knoten. Skippers Meeting um 9:30 Uhr. Mit Spaghettibauch und Rotweinschädel ganz schön hektisch. Brav ziehe ich mein 4,7er Gun Torro auf – ich darf mir keinen Totalausfall mehr leisten. Mike nimmt wieder sein 4,5er. Dann der Start. Mike sieht das erste Mal das Startboot live die Linie hinauffetzen. Ich geh vor dem kleinen Hafen, der nach meiner Berechnung fünf Minuten von der Startline entfernt ist, baden. Totale Windabdeckung in Kombination mit Zu-blöd-zum-Dümpeln. „Jaaaaa Andi, das machst Du super!“ Zehn Minuten und zwei Schotstarts später nehme ich die Verfolgung des Feldes auf. Wartet nur – das Unheil kommt immer von hinten! Da bleibt es aber heute auch. Schön brav wähle ich die 150-Meter-an-der-Boje-vorbei-Halsen-Variante. Im Stehbereich umdrehen und nach gepflegtem Wasserstart einen großen Bogen um die 150 Spaßvögel machen, die sich an der Boje zum Massenbad verabredet haben.

Der Vorteil von einem schlechten Start? Man kann die ganze Zeit überholen.

Auf der Strecke läuft es gut. Mein Material gibt alles und hilft mir trotz Übergewicht den Speed des hinteren Feldes zu halten. Platz 738. Zieht man eine Viertelstunde Startschwimmen und meine Halse-Stehzeiten ab, hätte ich auch 735er werden können – aber „hätt‘ i, war i, dat i“ , wie wir in Bayern sagen. Mike wird ausgezeichneter 524ster und lässt die Korken knallen. Aus den Anzügen, Kekse fressen, Coca-Cola und Wasser wie Kühe saufen und im Auto eine Stunde schnarchen – das Leben kann so schön sein.

Um 14:00 Uhr ist das nächste Skippers-Meeting. Gleiche Segelgröße, gleiche Chance. Das 4,7er zieht sauber bei 35 Knoten. Überholen und überholen lassen. Langsam arbeite ich mich durch die hintersten Reihen. Macht richtig Spaß – und am Ende verbessere ich meine Position auf 702. Na also. Mike bleibt am Start etwas kleben, ist aber wieder deutlich schneller als ich. Platz 434. Die beste Platzierung, die je ein Tegernseer beim Défi 2022 erreicht hat. Auschecken und Abbauen. Im Fahrerlager sieht man lauter ähnliche Gesichtsausdrücke. Beglücktes Lächeln mit einem Hauch von Totalerschöpfung. 80 Kilometer bei 35 Knoten gehen an keinem spurlos vorbei.

Vom Start geht es rund zehn Kilometer in Richtung Port-La-Nouvelle. Nicht selten bläst es an der Wendemarke nochmal fünf bis zehn Knoten stärker.Foto: Jean Souville
Vom Start geht es rund zehn Kilometer in Richtung Port-La-Nouvelle. Nicht selten bläst es an der Wendemarke nochmal fünf bis zehn Knoten stärker.

Heute Abend haben wir uns zum Essen mit Michi aus München verabredet. Ein sauschneller Mann, der unter den Top-400 fährt. Er ist so in unserem Alter und zum x-ten Mal beim Défi. Michi weiß genau, was er will und setzt es penibel um. So hat er den einzigen Stellplatz mit Naturrasen ergattert, mit Patrik Diethelm die Vorteile seiner Bretter diskutiert, und weiß immer genau, wann, wo, welche Party läuft. Bereitwillig führt er uns in die letzten Geheimnisse des Défi ein. Bier sollen wir meiden. Das ist in Bayern besser, und hier viel zu teuer. Stattdessen empfiehlt er uns den lokalen Wein, von dem er uns gleich eine ganze Menge anbietet. Wein gegen den Durst – tolle Idee, an die ich mich auch noch am nächsten Morgen erinnern werde. Was Michi aber in meinen Augen von allen Défi-Teilnehmern abhebt: Er ist der einzige Starter, der statt einer Regattauhr mit einer Rolex an den Start geht. Mit einer echten! Alle Achtung.

Der nächste Morgen lässt keine Ruhepause erwarten. Wieder blauer Himmel, wieder 25 Grad und wieder Wind, der uns den Sand in die Augen haut. Mein französischer Nachbar meint, dass der Wind heute zwar noch immer satt, aber nicht mehr ganz so stark ist. Was der Windfinder dazu sagt, ist mir inzwischen wurscht. Ich schnapp mir das 6,4er Gun GSR. Angriff! Mike schüttelt mitleidvoll den Kopf und nimmt wieder sein 4,5er. Der Start geht wie immer in die Hose. Ich schaue dem Feld, nach ausgiebiger Körperwäsche vor dem Hafen, wieder einmal hinterher und begebe mich mit gedämpfter Stimmung auf die Verfolgungsreise. Und da passiert es! Der Wind fällt in sich zusammen! Vielleicht 18 Knoten – das nennen sie in Gruissan Flaute! Das halbe Feld kommt aus dem Gleiten. Ich peitsche los. Das erste Mal in meinem Leben. Ich gleite und die anderen stehen. Geeeiiiil.

Bei bis zu 40 Knoten wird der Start zum Lotteriespiel. Wer zu früh dran ist, kommt dem Starboot in die Quere. Wer zu spät kommt, riskiert, in den Abwinden von 1000 anderen Surfern zu versauern. Das Gute: Man hat danach 40 Kilometer, um aufzuholen.Foto: Jean Souville
Bei bis zu 40 Knoten wird der Start zum Lotteriespiel. Wer zu früh dran ist, kommt dem Starboot in die Quere. Wer zu spät kommt, riskiert, in den Abwinden von 1000 anderen Surfern zu versauern. Das Gute: Man hat danach 40 Kilometer, um aufzuholen.

In der zweiten Hälfte des ersten Schlages überlegt es sich der Tramontana wieder – und die Flaute ist vorbei. 30 Knoten. Aber ich bin an der ersten Tonne so zwischen Platz 100 und 200. Wahnsinn , was für ein Gefühl. Zurück heizen nach Gruissan. Wow – das Top meines Segels twistet die Hammerböen weg und die kleinen Wellen überfliegt mein Board mit einem wilden Stakkato. Tak, tak, tak, tak. Mein ganzer Körper vibriert. So sehr, dass es mir die Kontaktlinse raushaut! Verdammter Mist. Ich habe altersschwache 4,5 Dioptrien und muss mich jetzt mehr auf meine Ohren als auf meine Augen verlassen – und das inmitten einer Horde wildgewordener Adrenalinsurfer, die mit 60 Sachen übers Wasser donnern. Nicht angenehm. Aber irgendwie kann ich meine Position halten und leite die nächste Halse ein.

Tak, tak, tak, tak. Mein ganzer Körper vibriert. So sehr, dass es mir die Kontaktlinse raushaut!

Peng – mit lautem Knall bricht die Umlenkrolle des Trimmsystems am Schothorn. Normalerweise halte ich mich mit Kritik am Material zurück. Hab ich in meiner Regattajugend gelernt. Eine geschlagene Viertelstunde fädle ich fluchend und tauchend die Trimmschot aus und verknote sie irgendwie, damit das Rigg die nächsten 20 Kilometer übersteht. Tut es auch, aber der Spitzenplatz ist futsch. Nach der Zieldurchfahrt will ich weinen – oder dem Hersteller der Rolle eine Briefbombe schicken. Aber auf der Fahrt bis ans Ufer wird mir klar, dass es eigentlich völlig wurscht ist, mit welcher Platzierung ich finishe. Das Gefühl bei 30 Knoten, Sonnenschein und türkisem Wasser an Hunderten Racern vorbeigeflogen zu sein, kann mir nie wieder jemand nehmen, egal, ob ich 200er oder 800er werde. Mike ist wieder schneller als ich – den Titel schnellster Mann vom Tegernsee 2022 hat er so gut wie in der Tasche.

A votre santé!

Eigentlich habe ich geschworen, nie wieder auf den Windfinder zu schauen – aber der Forecast für den letzten Tag ist so klar, dass wir darauf vertrauen, keine Regatta mehr fahren zu müssen. Heute Party, morgen ausschlafen! Die Partys hatten wir ja bisher aus Konditionsgründen ausgelassen. Wir lagen mit Krämpfen auf der Matte, während im Fahrerlager der Bär steppte. Das muss heute anders werden. In Erwartung eines feucht-fröhlichen Abends bleibt das Auto zuhause. Rock-Mucke, beste Laune, Bier in Strömen - Bayernherz, was willst Du mehr?! Und alle sind sie da: Ben Proffitt, Ben Severne, Maciek Rutkowski... Entschuldigen Sie bitte, darf ich ein Autogramm für meine Oma haben? Sie heißt Helga, kleiner Spaß!

Zwei Stunden nach dem angesetzten Skippers-Meeting steigen wir am Sonntag aus den Federn und geben gegen Mittag unsere Responder ab. Gewonnen hat das Défi Wind 2022 übrigens Nicolas Goyard, der Wunder-Foiler. Ich glaube, er hat mit diesem Sieg den Untergang der Finne im Racing besiegelt. Speedkini-Sieger Andy Laufer wird grandioser 37er. Michi, der Rolex Rider, wird fantastischer 426er. Mike, die Kanone vom Tegernsee, vielumjubelter 533er, und ich muss meiner Frau gestehen, dass ich als 718er der langsamste bin, den ich kenne. Egal, es war das Rennen meines Lebens!

Text: Andreas Dachsberger

Partys gehören beim Défi dazu. Hier trifft man auch viele Worldcupper, die man auf dem Wasser meist nur von hinten zu sehen bekommt.Foto: Jean Souville
Partys gehören beim Défi dazu. Hier trifft man auch viele Worldcupper, die man auf dem Wasser meist nur von hinten zu sehen bekommt.