Pro Am-Rennen auf dem Ringkøbing FjordDas erste Mal Regatta - als “Weekend Warrior” beim Waterz Long Distance

Tobias Frauen

 · 13.09.2026

Das Waterz-Festival in Hvide Sande gilt als größtes Wassersport-Festival Skandinaviens. Wir waren beim Long Distance-Rennen dabei
Foto: Waterz/ilostawavein79
Beim Waterz Festival in Hvide Sande war ich zum ersten Mal bei einer Regatta am Start. Drei Tage voller toller Begegnungen, kleiner Erfolgserlebnisse und extremer Bedingungen.

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Bitte nicht! Warum ausgerechnet jetzt? Ich stehe auf meinem 107-Liter-Brettchen, dümple vor mich hin und versuche, mich irgendwie ins Gleiten zu pumpen. Aber keine Chance, hier geht gerade gar nichts. Etwa 100 Meter vor mir geht am Startboot die grüne Flagge hoch und die ersten schießen Vollgas über die Startlinie. Ich aber schaukele wie ein Entenküken auf den Wellen hin und her, ohne großartig vorwärts zu kommen. Das hatte ich mir anders vorgestellt.

Das erste Mal Regatta

Rückblende: “Auf sowas hätte ich irgendwie auch mal Bock”, dachte ich schon öfter mal, wenn ich vom Racer of the Sea, dem Defi oder anderen Fun-Regatten las. Mit Wettkampf-Windsurfen hatte ich selber bislang nie viel am Hut, aber das Revival der One Hour-Regatten in diesem Frühjahr gab nochmal einen Zusatz-Anschub. Andere (Männer) in meinem Alter kaufen sich überteuerte Edel-Fahrräder oder fachsimpeln plötzlich über Siebträger-Kaffeemaschinen - vielleicht ist der plötzliche Drang, um Bojen zu fahren, mein Symptom der Midlife-Crisis? Für DWC und Racer of the Sea passen die Termine nicht zum Familien-Kalender, aber zufällig stolpere ich über das Long Distance-Rennen beim Waterz-Festival in Hvide Sande. Dort, beim größten Wassersport-Festival Skandinaviens, wollte ich ohnehin immer mal vorbeischauen. Das Long Distance-Rennen auf dem Fjord ist dabei das Herzstück: Von Hvide Sande Richtung Ringkøbing, ein Schlag etwa fünf bis sieben Kilometer, zwei Tage mit je zwei Rennen, bis zu 100 Starter. Profis und Hobby-Surfer gehen hier gemeinsam an den Start, das Set-up ist bewusst einfach gehalten. Den Spot kenne ich seit über 20 Jahren, und die Kollegen in der Redaktion finden die Idee, als “Weekend Warrior” das erste Mal eine Regatta mitzufahren und darüber zu schreiben, auch nicht komplett blöd. Los geht’s, let’s do this!

​Worldcup-Sponsor Citroën stellt mir für den Trip an den Ringkøbing Fjord einen ihrer Holidays-Camper zur Verfügung, der für vier Tage meine Heimat sein wird. Und da mein privater Quiver nicht wirklich Race-tauglich ausgestattet ist, darf ich mich im Lager von Goya-Importeur Tom Eierding bedienen. Echtes Race-Zeug will ich mir nicht antun, eher komfortabel cruisen. „Nimm den Carrera, der ist leicht zu fahren und damit bist du dann am Ende auch schnell“, rät er. Klingt gut, mit 127 und 107 Litern kann ich die komplette Bandbreite an Bedingungen abdecken. Bei den Segeln denke ich zunächst „Go Big“, schließlich will ich gut angepowert über den Fjord heizen und nicht zwischendurch einparken. Doch als in der Windvorhersage für das Race-Wochenende zuverlässig Knoten-Werte mit einer 3 vorne auftauchen, orientiere ich mich eher nach unten und wähle eine Palette an camberlosen Freerace-Segeln von 5,8 bis 7,8 – und, als letzten Fluchtpunkt, packe ich noch ein 5,0er Wavesegel von zuhause mit ein. Was ich mir für mein Debüt vornehme? Solange ich durchhalte und halbwegs würdevoll ins Ziel komme, bin ich zufrieden. Und wenn es dann noch nicht der letzte Platz wird, sondern ich irgendwo im letzten Drittel lande, wäre das ein Erfolg!

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​Donnerstag, 3.September

Um mich auf dem geliehenen Material eingrooven zu können, bin ich bereits am Vortag nach Dänemark gefahren. Nach einer entspannten Nacht im Camper und einigen Online-Meetings mache ich mich auf zum Spot. Das Rennen findet in Hvide Sande Nord statt, direkt an der Surfstation Westwind. Einige Zelte sind schon aufgebaut, überall wird noch gewerkelt. Als Ersten treffe ich Birger aus Ebeltoft, der schon öfters beim Rennen mitgefahren ist. „Die Windrichtung ist ideal“, sagt er beim Blick auf den vom ablandigen Westwind spiegelglatt gebügelten Fjord. „Wenn es zu südlich wird, ist es viel zu kabbelig!“ Ich fange an aufzubauen, schließlich will ich heute das Material bestmöglich einstellen. „Die Einstellung des Equipments ist sehr wichtig, um durchzuhalten und nicht zu sehr zu verkrampfen“, hatte uns PWA-Racerin Justine Lemeteyer mal in einem Ratgeber für Long Distance-Rennen mit auf den Weg gegeben. Feintuning ist sonst nicht so meine Sache, ich habe mir aber vorgenommen heute besonders gründlich zu sein. Zunächst geht es mit 7,2 und dem großen Board ganz ordentlich, allerdings ist der Wind noch sehr böig. Zwischen Vollgas und Einparken ist auf den ersten Schlägen alles dabei, erst allmählich wird es stabiler. Schnell merke ich, wie sinnvoll ein weiterer Tipp von Justine ist: “Schlaufen eng!” Ich stelle sie kleiner und kleiner, bis ich wie in einer Skibindung ans Board genagelt stehe. Würde ich auf dem Wave- oder Freemoveboard nie so machen, hier gibt es jedoch die bestmögliche Kontrolle. Nachdem ich die vorderen Schlaufen noch weiter nach außen gesetzt habe, ist die Einstellung perfekt. Auch Birger ist schon draußen, wir liefern uns ein paar Duelle, sind dabei ähnlich schnell – sehr schön, zumindest mit ihm kann ich einigermaßen mithalten. Ich bin heiß aufs Rennen!

Um die langen Schläge möglichst entspannt zu fahren, stelle ich das geliehene Material sorgfältig einFoto: Tobi FrauenUm die langen Schläge möglichst entspannt zu fahren, stelle ich das geliehene Material sorgfältig ein

Langsam wird auch das 7,2er zu groß und ich wechsle auf 6,6 und eine kleinere Finne. Am Strand treffe ich Brendan Lorho und seinen Vater, der Speed-Youngster ist für die IFCA-EM hier und fährt auch beim Long Distance mit. Von den 48 km/h auf meiner GPS-Uhr ist er mäßig beeindruckt, fügt aber höflich hinzu, dass das für mein Freerace-Material gar nicht so schlecht sei. „Der Start ist das Wichtigste“, gibt er mir fürs Rennen mit auf den Weg. „Wenn du da hinterher fährst, kannst du das nicht mehr aufholen!“ Draußen schiebt sich der junge Franzose dann direkt neben mich und fordert mich zum Duell. Während mein 6,6er langsam zu groß wird und ich alle Hände voll zu tun habe, die Kontrolle zu behalten, hängt Brendan an seinem 7,5er, als ob es ein leichtes Schulungssegel sei. Nach einem Run holt er dann richtig dicht und zieht problemlos weg. Gut, der Mann ist ein paar Hausnummern zu groß für mich – aber immerhin hat er mich auf fast 52 km/h Top-Speed gepusht.

Nach dem Einfahren bin ich heiß aufs Rennen

Das Setup passt, die Herausforderung ist aber die lange Strecke. Gezielt fahre ich ewig lange Schläge die Küste entlang, um zu schauen, ob ich auch dauerhaft gut auf dem Board stehe. Plötzlich werde ich abrupt langsamer und bremse immer weiter ab, als ob ein Gummiband an der Finne hängt. Seegras, na toll. Ich hab so viel Zeug dabei, eine Seegrasfinne leider nicht. Auf dem Rückweg muss ich das Kraut mehrfach abstreifen, bis das Wasser endlich wieder frei wird. Hoffentlich reißt der Wind nicht zu viel los, was dann morgen im Fjord treibt…

Es wird immer windiger, und ich baue tatsächlich noch das kleinste Besteck auf: 107 und 5,8. So was fahre ich sonst nur mit drei Schlaufen und drei Finnen, aber ich bin schon nach wenigen Metern „hooked“: Das Brettchen hängt leicht am Fuß und fliegt über die Finne, das Segel ist voll angepowert, aber noch gut zu halten. Inzwischen sind immer mehr Racer auf dem Wasser, im Fernduell mit einer DEN-Segelnummer habe ich das Gefühl, kaum langsamer zu sein. Zwischendurch gehe ich kurz zur Einschreibung, kriege mein Lycra und ein offizielles Bild - fühlt sich an wie ein Worldcup-Profi. Ich bin heiß und gehe nochmal für ein paar Schläge raus, aber langsam sind die Akkus leer, und vernünftigerweise sollte ich meine Energie für morgen sparen. Um die Batterien wieder aufzuladen, gönne ich mir ein großes Fischbrötchen und schiebe mir hinterher noch eine Tafel Schokolade rein, bevor ich im Camper in den Schlafsack krieche.

Die ganze Region unterstützt das Waterz-Festival

Freitag, 4. September

Endlich geht es los! Ich fahre früh zum Spot und baue das 7,8er auf – laut Vorhersage soll es zunächst etwas weniger Wind geben und gegen Mittag ganz einschlafen, bevor es am späten Nachmittag nochmal reichen könnte. Samstag soll es mit deutlich über 30 Knoten dann heftig werden. Alle bauen auf, die letzten holen ihre Lycras ab, viele kennen sich und schnacken in kleinen Grüppchen. „Die Dänen machen das einfach toll“, schwärmt DWC-Racer Oliver Schott, der seit der ersten Auflage beim Waterz am Start ist. „Die Stimmung ist immer super!“ Direkt neben mir parken Lasse aus Nyborg auf Fyn und einige andere Jungs aus seinem Surfclub: “Wir kommen immer mit mehreren hierher”, erzählt Lasse. Inspiriert vom Waterz haben sie vom Surfclub Nyborg sogar ein eigenes Long Distance-Rennen ins Leben gerufen, das ”Great Belt Race” im Schatten der großen Brücke.

Beim Skippers Meeting erklärt Wettfahrtleiter Søren die verschiedenen Flaggen, die Startprozedur und den Kurs. Bei dieser Windrichtung, ablandig aus West, wird parallel zur Küste gefahren, entweder Richtung Norden oder Richtung Süden, Start und Ziel liegen draußen direkt vor der Surfschule. Und wie lang wird das Rennen? „Ungefähr fünf bis sieben Kilometer“, erklärt Søren. „Wir schauen, wie die Bedingungen sind. Wenn der Wind knapp ist, möchte ich euch nicht fünf Kilometer weit draußen haben, wenn es doch nicht mehr reicht.“ Ich versuche mir die Signale einzuprägen und stelle an meiner Uhr einen Fünf-Minuten-Countdown ein.

Einmal entlang der Bojen zur Halsentonne und zurück - der Kurs ist simpelFoto: Tobi FrauenEinmal entlang der Bojen zur Halsentonne und zurück - der Kurs ist simpel

Noch gibt es keine Startsequenz, draußen ballern aber einige hin und her, also schnappe ich mir mein Zeug und fahre auch raus. Leider reicht es nicht, um richtig ins Fahren zu kommen. Mit 8,6 halten sich einige im Gleiten, das 7,8er reicht bei meinem Gewicht nicht ganz. Im Dümpeln schaue ich mir die Startlinie aus der Nähe an und ernte ein leicht mitleidiges Schulterzucken von der Besatzung des Startbootes, als diese ihre Bojen einpacken und wieder Richtung Strand tuckern. Nach elendig langem Dümpeln gegen den Wind komme auch ich irgendwann wieder an Land und ziehe mich erstmal um. Windpause abwarten, am Nachmittag soll es ja nochmal aufdrehen.

Vorbild Cold Hawaii

In der Wartezeit treffe ich mich mit Katrine Kock-Frandsen, die das Waterz-Festival organisiert. Sie erzählt von den Anfängen des Waterz-Festivals 2010: “Die Idee kam von einem Praktikanten bei der Gemeinde Hvide Sande, der gesehen hatte, was in Cold Hawaii auf die Beine gestellt wurde.” Das Ziel sei gewesen zu zeigen, was die Region in Sachen Wassersport bieten könne. Weil vor allem große Namen ziehen, war von Anfang an der Plan, bekannte Events an den Ringkøbing Fjord zu holen - dreimal war die PWA schon zu Gast, dieses Jahr auch zum wiederholten Mal eine große IFCA-Meisterschaft.

Der Rückhalt ist groß, viele regionale Unternehmen sind als Partner bei Waterz an Bord. “Vielen Menschen hier ist klar, dass über den Wassersport – sei es Windsurfen, Kitesurfen oder was auch immer – viele Leute hierherkommen. Und diese Gäste kommen oft mehrmals im Jahr, bleiben etwas länger und geben etwas mehr Geld aus als ein normaler Tourist, also lohnt sich die Investition.” Dieser Support ist nicht nur durch Logos auf den Plakaten sichtbar, sondern auch ganz praktisch: Kurz nach unserem Gespräch kommt spontan ein Bauunternehmer mit seinem Radlader vorbei, um die durchweichten Wiesen und Wege mit einer Ladung Kies wieder passierbar zu machen. Außerdem sind etwa 100 bis 120 Freiwillige aus dem Ort beim Festival aktiv. “Wir arbeiten eng mit lokalen Sportvereinen zusammen; wir zahlen ihnen eine kleine Spende, und sie sorgen dafür, dass Aufgaben wie Auf- und Abbau oder die Reinigung erledigt werden”, erzählt Katrine, die 2014 die Organisation übernommen hat.

Der Traum: Ein großer Wettkampf auf der Nordsee

Das Long Distance-Rennen auf dem Fjord ist das Herzstück von Waterz, dazu steht traditionell noch ein SUP-Rennen auf dem Plan. Seit zwei Jahren neu im Programm ist ein Spaß-Rennen mit Gummi-Tieren und ein Turmspringen am Hafen. “Es war ein Wunsch, dass Waterz in der Stadt sichtbarer sein sollte”, sagt Katrine. Ihr Traum ist, dass auch die Nordsee-Spots in Hvide Sande ein Teil des Waterz werden: “2021 hatten wir dort den Kiteboard-Cup - das erste Jahr, in dem es überhaupt keinen Wind gab. Das würde ich aber noch gerne verwirklichen – einen richtig großen, guten Wettkampf direkt am Meer zu haben, wäre fantastisch.”

Turmspringen am Hafen gehört ebenfalls zum Waterz-Festival - das Gummitier-Rennen fiel dem Sturm zum OpferFoto: Waterz/ilostawavein79Turmspringen am Hafen gehört ebenfalls zum Waterz-Festival - das Gummitier-Rennen fiel dem Sturm zum Opfer

Was sind Katrines Highlights aus über zehn Jahren, die sie an der Spitze der Waterz-Crew steht? “Es gibt mehrere, wie vor zwei Jahren und auch 2019: Bei beiden Events gab es einen dieser Tage, an denen es einfach richtig heftig zugeht. Ich finde diese Tage sehr spaßig, sehr unterhaltsam, weil es den Fahrern gefällt, die Crew liebt es, und alles wird ein bisschen spannender. Das Team, die Boote, die Anker, die Ausrüstung, die Fahrer – alles wird bis an seine Grenzen getestet. Und wenn alle am Ende ein breites Lächeln im Gesicht haben, ist das für mich immer ein riesiges Hochgefühl!”

Heute wird es aber noch kein neues Highlight für die Historie geben: Ab 15:00 sollte der Wind eigentlich aufdrehen, die AP-Flagge baumelt aber nur müde am Mast. Wie im Worldcup wird in Halbstunden-Schritten der “First Possible Start” weiter vertagt. Das Einzige was zunimmt, ist der Regen. Schließlich wird per Flaggensignal und über die WhatsApp-Gruppe verkündet, dass es heute keine Rennen mehr geben soll. Schade, ich war absolut heiß und hätte vor dem Sturm-Tag gerne ein Rennen in einigermaßen normalen Bedingungen gefahren.

Den ersten Start versemmelt

Samstag, 5. September

Die Nacht im Camper war nicht sehr erholsam, permanent haben Sturmböen am Bus gerüttelt und zwischendurch sintflutartigen Regen über den Platz gepeitscht. Ich bin froh, unten auf der Liegefläche und nicht im Aufstelldach gelegen zu haben. Ausschlafen ist nicht drin, also fahre ich wieder früh zum Spot und baue in den kurzen Regenpausen auf. Die Frage ist, wird der Wind zu stark, um Rennen zu fahren? Habe ich Material, das klein genug ist? Und, vor allem: Kriege ich selber es hin, rauszugehen und durchzuhalten, oder ist das eine Hausnummer zu groß für mich? Am Vormittag ist der Wind noch einigermaßen gnädig, und passend zum Start kommt sogar die Sonne raus. Das 6,6er ist noch gut fahrbar, das kleine Board passt super dazu. Nach ein paar Test-Schlägen und dem Skippers Meeting fahre ich zur Startlinie und positioniere mich so, dass ich den Großteil des Feldes im Blick habe. Im Gegensatz zum Tipp von Brendan habe ich nicht den Ehrgeiz, genau zum Startschuss über die Linie zu fahren. Im allerersten Rennen einen General Recall zu produzieren, würde ich doch gerne vermeiden.

Start zu Rennen Nummer eins, mit ordentlich Lehrgeld.Foto: Waterz/ilostawavein79Start zu Rennen Nummer eins, mit ordentlich Lehrgeld.

Als der Start freigegeben wird, passiert - nichts. Ich sehe, wie die grüne Flagge hochgeht und dümple vor mich hin. So viele Gedanken habe ich mir darüber gemacht, dass zu viel Wind sein könnte, und ausgerechnet als es endlich losgeht, hänge ich in einem Windloch fest. Das darf doch nicht wahr sein! Aber dem Großteil des Feldes geht es genauso, als ich mich umschaue, sehe ich jede Menge andere im Schneckentempo auf die Startlinie zudümpeln. Ich pumpe, falle ab, erwische eine Böe und quetsche mich knapp am Startboot vorbei doch noch über die Startlinie. Doch direkt danach mache ich einen ziemlich blöden Fehler, weil ich die Hand von der Gabel nehme, um einmal kurz am Trapez zu zupfen. Dabei hakt sich aus Versehen das Trapez aus und ich liege im Teich. Richtig dumm, richtig ärgerlich. Schnell ordnen, wasserstarten und weiter! Das 6,6er ist voll angeblasen, aber noch gut kontrollierbar, ich kann Gas geben und bin endlich im Rennen. Mit Vollgas geht es Richtung Norden (zum Glück abseits der Seegrasfelder), ich bin mitten im Pulk und sehe eine bunte Mischung aus altem und neuem Material, Slalom- und Freeride-Zeug und alt und jung. Das macht echt Spaß!

Was ich nicht sehe, sind die orangen Bojen, die die Richtung zur Halsentonne markieren sollen. Also fahre einfach weiter hinter den anderen her, um grob in der Linie zu bleiben - kann ja nicht so falsch sein. Als ich dann endlich eine der Bojen entdecke, ist sie ganz weit in meinem Rücken. Ich bin viel zu weit in Lee und muss kräftig Höhe pressen. In diesem Moment kommt mir dann der Führende entgegen. Das heißt, fast die Hälfte der Strecke ist geschafft und die Halsentonne kann nicht mehr weit sein. Ich presse, presse, presse, presse Höhe, werde dadurch langsamer, und bin plötzlich mitten in einem Pulk von anderen Fahrern, denen es genauso geht wie mir. Ich würge irgendwie eine Halse um die Tonne und hänge mich wieder ein. Der Schlag zurück zum Ziel ist dann grandios: Vollgas am Segel hängen, das Board fliegt, die Sonne scheint. Ich überhole ein paar Leute, und werde meinerseits ein paar Mal überholt. Ist. Das. Geil! Als ich später meinen Namen auf der ausgehängten Ergebnis-Liste suche, habe ich zunächst die Befürchtung, ich wurde nicht gewertet oder meine Startnummer war nicht lesbar. Statt auf der zweiten Seite entdecke ich mich dann erstaunlich weit oben: Platz 29! Ich bekomme das Grinsen kaum noch aus dem Gesicht.

Rennen Nummer zwei im Survival-Mode

Während wir uns mit den leckeren Sandwiches des örtlichen Bäckers stärken, zieht ein weiterer Schauer durch, der Wind dreht auf Sturmstärke auf. Den 22 bis 26 Knoten, die offiziell vom Startboot gemeldet werden, glaubt niemand so richtig, die Messtation am Hafen meldet später Böen bis zu 40 Knoten. Einer der Nyborger geht mit einem 5,6er Wavesegel raus und kommt wenig später kopfschüttelnd mit dicken Backen zurück. Alle holen das kleinste Zeug raus was sie haben, Wave-Youngtimer statt neuem Race-Material. Einige Leute fahren auch gar nicht mehr, weil sie nichts Kleineres haben. Ich baue mein 5,0er Wavesegel auf, ziehe es ratzeflach, Mastfuß nach vorne und mache einen kurzen Testschlag. Es geht irgendwie, aber Spaß macht das nicht. Ich bin in einem Mindset wie beim Marathon: Durchhalten, sich selber ein bisschen quälen und Hauptsache ankommen.

Schon das Abfallen in Richtung Startlinie ist nicht ganz einfach. Die letzten Minuten vor dem Start steht ein Großteil des Feldes im hüfttiefen Wasser und wartet einfach, um keine Kräfte zu verschwenden. Ich stelle mich dazu, der Wind zerrt am Segel, das Brett hebt fast ab. Als die ersten losfahren, steige ich auch auf, um Windlöcher muss ich mir dieses Mal keine Sorgen machen. Ich fahre einigermaßen zeitnah über die Linie, mitten hinein in ein absolutes Inferno: Das Wasser ist vom kurzen, steilen Chop und den Heckwellen der anderen Surfer unfassbar aufgewühlt und komplett weiß, die Oberfläche ist pures Chaos, das Board zappelt und das Segel jenseits jeglicher Kontrolle. Der Wind hat im Vergleich zum Vormittag ein bisschen gedreht, so dass der Kurs etwas östlicher Richtung Ringkøbing auf den offenen Fjord hinausgeht. Mit jedem Meter wird der Chop größer, Komfort-Zone sieht anders aus. Es geht nur noch darum, das Board irgendwie unten zu halten, bei jeder Welle will der Wind es herumreißen. Ich bin mehrfach ganz kurz vor einem Crash, Arme und Schenkel brennen schon nach kurzer Zeit, die Fußgelenke werden von dem zappelnden Board maximal gefordert. Dieses Mal sehe ich auch die Markierungsbojen und weiß, ein Viertel des Hinweges ist geschafft, dann die Hälfte. Kurz darauf zerreißt es mich dann doch, die kleine Zwangspause für Arme und Beine nehme ich aber gerne.

Erlösung: Die Ziellinie!Foto: Waterz/ilostawavein79Erlösung: Die Ziellinie!

Ein Tag fürs Waterz-Geschichtsbuch

Nächster Meilenstein ist die dritte Markierungsboje, schließlich sehe ich dann auch die Halsentonne. Juhu, ich habe zumindest den ersten Teil geschafft! Halsen ist völlig unmöglich, sobald ich mich aushake und versuche, in die Kurve zu gehen, zerhaut es mich wieder. Als ich wieder aufsteige sehe ich, dass rund um die Tonne alle anderen auch im Wasser liegen und sich kurz ausruhen - es geht allen gleich. Auf dem Rückweg fahren wir genau in die tiefstehende Sonne hinein, das Wasser spiegelt und die Oberfläche ist kaum erkennbar. Man muss jede Sekunde 100 Prozent konzentriert sein, sobald man auch nur ein Minimum an Konzentration verliert, droht sofort ein Crash. Der Chop kommt schräg von vorne und wird immer noch größer, ich hebe bei jeder Welle ab, das Brett zappelt an den bis zum Zerreißen angespannten Füßen. Ich bin extrem froh, die Schlaufen so eng gemacht zu haben. Ein paar Mal ist es unfassbar knapp, nur mit viel Glück bleibe ich irgendwie auf dem Board. Wegen der Sonnenspiegelung und der Gischt sehe ich die Markierungsbojen kaum, sondern fahre wieder meinen Vorderleuten hinterher und hoffe, dass die nicht zu viel Höhe pressen und ich Richtung Ziellinie nochmal abfallen muss.

Etwa sieben Kilometer bis kurz vor Ringkøbing führt der Kurs im zweiten Rennen.Etwa sieben Kilometer bis kurz vor Ringkøbing führt der Kurs im zweiten Rennen.

Mit brennenden Armen und Beinen schaffe ich es irgendwie ins Ziel. Kaum über die Linie, luve ich direkt an und fahre in den stehtiefen Bereich, um erstmal durchzuschnaufen. Ich bin froh, dass es vorbei ist und gleichzeitig stolz, das Rennen unter diesen Bedingungen geschafft zu haben und einigermaßen gut durchgekommen zu sein. Dass es so extrem wird, war eigentlich gar nicht geplant. Wie nach einem Marathon werde ich von Glückshormonen durchflutet, und habe abermals ein fettes Grinsen im Gesicht, als ich an Land komme. Nach und nach kommen alle an den Strand, alle reden miteinander und tauschen sich aus, “Wie war es bei dir, was bist du gefahren, wie oft hat es dich zerlegt?” Einer der Nyborger sagt, das sei das härteste Rennen gewesen, was er je gefahren sei. Ein paar Leute müssen von den Booten eingesammelt werden, zum Glück ist niemandem was passiert. Mein Parkplatz-Nachbar Lasse hat Gabel und Brett zerlegt und ärgert sich ein bisschen. Die Platzierung ist am Ende eher zweitrangig, aber Platz 22 im zweiten Rennen und 23 im Gesamtranking übertreffen alle meine Erwartungen. Das war einer dieser extremen Tage für das Waterz-Geschichtsbuch, und definitiv nicht mein letztes Rennen - beim nächsten Mal dürfen es dann aber gerne ein paar Knoten weniger sein!

Geschafft!Foto: Tobi FrauenGeschafft!

Infos zum Festival: waterz.dk

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Redakteur

Tobi verantwortet alles Digitale – von der surf-Webseite bis zu den Social-Media-Kanälen – und sorgt täglich für frischen Bild- und Videocontent. Seine Surf-Wurzeln reichen vom Münsterland über Ijsselmeer, Brouwersdam und Sylt bis nach Kiel und Heidkate. Heute lebt er seit über zehn Jahren in Hamburg als „Weekend Warrior“ und ist so oft wie möglich mit Campingbus und Familie unterwegs – bevorzugt an Ostsee, SPO, Dänemark sowie in Finnland, Schweden oder Sardinien.

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