Text: Arnaud Dechamps
Meine erste Begegnung mit Rémi Villa geht auf das Jahr 1993 zurück, in der Bretagne, an der École Nationale de Voile in Quiberon. Er war bereits ein Spitzen-Racer und ich war gerade bei Planchemag angekommen, um mich um die Tests zu kümmern. Natürlich habe ich ihn für ein paar Testfahrten rekrutiert. Einige Jahre später trafen wir uns wieder – er war mittlerweile zu Starboard gewechselt, während ich seine Boards testete. Rémi ist ein Arbeitstier, ein Wettkämpfer, der ein offenes Ohr für Fahrer und Tester hat. Vor einigen Jahren hatte ich das Glück, Starboard in der Nähe von Bangkok zu besuchen, wo er mit seiner thailändischen Frau und ihrem Sohn Alex in einem Haus am See lebt, nur einen Katzensprung vom Unternehmen entfernt. Jedes Gespräch mit ihm ist ein wahres Vergnügen, das stets von unserer gemeinsamen Leidenschaft für das Windsurfen, die Technik und schöne Geschichten geprägt ist. Im Frühjahr trafen wir uns beim „Défi“ in Gruissan wieder. Das war eine zu schöne Gelegenheit, um mit ihm noch einmal auf seinen unglaublichen Werdegang zurückzublicken, und vor allem, um ihn mit euch zu teilen.
Rémi ist ein Arbeitstier, ein Wettkämpfer, der immer ein offenes Ohr für Fahrer und Tester hat.”
Das ist eine schöne Geschichte und etwas ganz Besonderes. In meinen ersten Berufsjahren auf Martinique war ich eine Art Handelsvertreter. Tief in meinem Herzen hatte ich schon immer den Wunsch, im Segelsport zu arbeiten, am liebsten im Windsurfen. Und dann, bei einer Weltmeisterschaft im Jahr 2000 in Thailand, wurde Svein Rasmussen (Anm. d. Red.: Gründer im Jahr 1994 und Eigentümer der Marke Starboard) auf mich aufmerksam, als ich – nachdem ich drei Masten zerbrochen hatte – in vielen Läufen unter den ersten zehn von 140 Teilnehmern landete. Zu dieser Zeit war ich bereits seit 1996 Vertriebspartner für Starboard auf Martinique, ohne Svein zu kennen. Den Vertrieb für Starboard hatte ich über Jean-Louis Colmas erhalten (Anm. d. Red.: der Shaper aus Neukaledonien, der die Herstellung von Windsurfboards bei Starboard revolutionierte, indem er ein 0,6 mm dickes, laminiertes Furnier aus australischer Kiefer verwendete, um ein besseres Verhältnis von Gewicht zu Festigkeit zu erzielen), den ich sehr gut von den Wettkämpfen kannte. Ich hatte ihn angerufen, weil ich auf Martinique ein Board von Starboard gesehen hatte, das leichter war und besser lief als mein Slalomboard von Van den Berg. Ich rief Jean-Louis an, der mich mit Svein in Kontakt brachte, und bestellte drei Boards. Und damit kam der Vertrieb ins Rollen. Im Anschluss an diese Weltmeisterschaft lud mich Svein ein, drei Tage in seinem Testzentrum in Thailand zu verbringen, wo ich gemeinsam mit ihm experimentierte. Er schätzte meine Ansichten, ich schlug Änderungen vor, die sich als lohnenswert erwiesen. Von da an boten mir Svein und Tiesda an, regelmäßig zum Testen nach Thailand zurückzukommen. Das lief dann etwa drei- bis viermal im Jahr für jeweils zwei Wochen. Dabei ging es zu dieser Zeit insbesondere um die Formula-Bretter (Anm. d. Red.: ein Meter breite Bretter für Segel von 9 bis 11 m²). Später wechselte ich zu den Raceboards und dann zum Slalom.
Alles lief gut, ich wohnte auf Martinique und reiste regelmäßig zu Starboard nach Thailand. Dann änderte sich mein Leben schlagartig: Bei mir wurde ein Akustikus-Tumor diagnostiziert, der mich fast das Leben gekostet hätte. Das war im Jahr 2007. Ursache war die zu intensive Nutzung des Handys am Ohr. Ich war ständig am Telefon, vor allem im Auto – man brät sich damit in Lichtgeschwindigkeit das Gehirn an. Außerdem ließ ich mein Handy auch im Schlaf eingeschaltet neben meinem Kopf liegen – das sind Dinge, die man auf keinen Fall tun sollte. Der 3,8 Zentimeter große Tumor in meinem Innenohr war wirklich gefährlich. Leider gab es Komplikationen während der Operation, die eigentlich sechs Stunden dauern sollte, aber sie mussten mich erneut betäuben. Und es dauerte zwölf Stunden …
Im Januar 2008 erhielt ich einen Anruf, der mein Leben komplett verändern sollte.”
Als ich aufwachte, sagten mir die Ärzte, dass es fraglich wäre, ob ich wieder laufen könnte. Ich riss mir alles vom Leib und rannte sofort den Flur entlang, um sicherzugehen, dass ich laufen konnte. Ich rannte und stieß dabei gegen die Wände auf beiden Seiten des Flurs, weil ich mein Gleichgewicht verloren hatte. Svein und Tiesda gehören zu den ganz wenigen, die mich im Krankenhaus besucht haben, was mich sehr berührt hat.
Im Januar 2008 erhielt ich einen Anruf, der mein Leben komplett verändern sollte. Svein rief mich an, um mir eine Vollzeitstelle bei Starboard in Thailand anzubieten. Noch am selben Tag, um 18 Uhr, saß ich im Flugzeug. Da mich Innovation begeistert, war ich schon immer in der Produktentwicklung tätig und habe Marken, für die ich selbst gefahren bin – wie Van den Berg, Fanatic oder F2 – regelmäßig beraten; diese haben meine Empfehlungen für ihre zukünftige Weiterentwicklung geschätzt. Man muss auch wissen, dass ich schon 1985 mein erstes Board geshaped habe, ein Slalom-Board. Danach habe ich 1987 mein erstes Division-2-Board gebaut, das halbhohl war.
Davor haben wir zu Hause am Strand zusammen mit meinem Vater und meinem Onkel zwei Boote gebaut. Ich kümmerte mich um alle Carbonteile. Alle Spanten, das Design der Schwertkiele, der Ruder – all diese Dinge. Die Spanten fertigte ich aus ausrangierten, gebrochenen Nautix-Gabelbäumen. Denn ich war damals noch bei Nautix als Regattasegler und für die Entwicklung von Gabelbäumen und Masten tätig.
Nach dem Anruf habe ich mit meinem Vater darüber gesprochen. Er sagte zu mir: „Mach das!“ Meine Mutter war ganz anderer Meinung. Als ich bei Starboard in Thailand ankam, war ich einfach nur Assistent von Tiesda You in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Tiesda war sehr, sehr engagiert, er war der Produktmanager. Wir hatten unzählige Ideen, es sprudelte nur so, es gab etliche Prototypen, es ging in alle Richtungen. Am Anfang wohnte ich eineinhalb Jahre lang bei Svein. Und so arbeitete ich wie ein Verrückter. Das ging eineinhalb Jahre lang, sieben Tage die Woche. Es war heftig. Ich war zu dieser Zeit sehr viel in Pattaya, um zu surfen, weil ich mich um die Forschung und Entwicklung und die Tests der großen Boards kümmerte. Nach und nach hat mir Svein immer mehr Verantwortung übertragen. Ich bin Stufe für Stufe aufgestiegen. Heute bin ich sozusagen R&D-Manager und Produktmanager für alles rund ums Windsurfen, aber auch für Foilboards, Wing-Boards und SUP.
Meine Priorität waren von 2000 bis 2007 die Formula-Bretter. Ich arbeitete sehr eng mit Tiesda und den vier Shapern zusammen, die wir damals hatten. Als ich mich 2008 in Thailand niederließ, begann die Formula-Serie ein wenig ins Stocken zu geraten, und ich kümmerte mich um die iSonic-Slalom-Boards, die einen spektakulären Aufschwung erlebten.
Sie waren bekannt für ihr schnelles Gleiten und ihre Beschleunigung, aber es fehlte an Höchstgeschwindigkeit. Zusammen mit Cyril Moussilmani (Ex-Worldcupper, Anm. d. Red.) haben wir fantastische Arbeit geleistet; wir sind zu zweit um die ganze Welt gereist. Es war ein Leben in Saus und Braus: viele Reisen, viele Flüge. Dadurch konnte ich die Boards unter allen möglichen Bedingungen testen. Außerdem haben wir uns dazu gezwungen, sie mit allen Arten von Segeln auszuprobieren, um sicherzugehen, dass unser Board mit jeder Marke funktioniert. Wir haben das sehr ernst genommen, um sicherzustellen, dass unser Board ein echtes Multitalent ist.
Seit 2010 war ich dann auch für die Entwicklung der Freerace-, Freeride- und Freewave-Modelle zuständig, in Zusammenarbeit mit Tiesda, Svein und dem Shaper Albert Pijoan, die natürlich ebenfalls an diesem Prozess beteiligt waren. Das war wirklich Teamarbeit. Um 2017/2018 herum beschloss Tiesda, sich ganz aufs Foilen zu konzentrieren, wodurch die Stelle des Produktmanagers für Windsurfen frei wurde. Ich übernahm daraufhin zusätzlich die Entwicklung der Waveboards, weiterhin mit Albert Pijoan als Shaper bei Starboard. Später wechselte Albert zu Severne, und seit 2023 entwickle ich Waveboards nun selbst. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die komplett überarbeiteten Serien Ultra und Hyper auf den Markt gebracht.
Ich erinnere mich, dass ich für das iSonic 107 dreizehn Prototypen gebaut habe – das ist mein Rekord. Dabei habe ich viel gelernt, denn wenn man viele Prototypen baut, erkundet man viele Richtungen und versteht vieles besser. Natürlich gibt es auch viele Fehlschläge, aber aus Fehlern lernt man am meisten. Und so konnte ich mir eine Matrix erarbeiten, die es mir nun ermöglicht, Boards mit minimalem Aufwand zu entwickeln. Seit mehreren Jahren arbeite ich mit CFD, das ist ein großer Schub. CFD (Anm. d. Red.: Computational Fluid Dynamics) ist ein Fachgebiet, das numerische Modellierung und Computersimulation nutzt, um die Strömung von Fluiden in der Aerodynamik und Hydrodynamik zu analysieren.
Seit 2018 gibt es bei Starboard keinen Shaper mehr. Wir entwerfen das Board am Computer auf der Grundlage aller Parameter, die wir in Form von CFD-Dateien, Videos und Testberichten erhalten haben. Anschließend wird das Design an die CNC-Maschine weitergeleitet, also ausgeschnitten (Anm. d. Red.: Der Computer steuert automatisch Werkzeugmaschinen – wie Fräsmaschinen, Drehmaschinen, Bohrmaschinen usw. –, um anhand von Dateien präzise und wiederholbare Teile herzustellen).
Wir verfügen mittlerweile über eine hervorragende CNC-Anlage, und sobald der Kern des Boards fertiggestellt ist, bringen wir ihn in die Konstruktionsund Prototypenwerkstatt, um die Laminierung durchzuführen: Dabei handelt es sich um den Fertigungsschritt, bei dem verschiedene Schichten aus Verbundwerkstoffen, wie Glasfaser und Carbon, auf den Kern des Boards aufgebracht und mit Harz verklebt werden. Derzeit arbeiten drei Mitarbeiter an der Laminierung für Windsurf-Boards. Sobald dieser Schritt abgeschlossen ist, wird das Board an verschiedenen Orten weltweit getestet. Das ist natürlich der empirische Teil des Testprozesses.
Heute leite ich die gesamte Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Das heißt aber nicht, dass ich alle Boards selbst herstelle – ganz und gar nicht! Meine Rolle ist die eines Produktmanagers: Ich leite die Werkstatt in ihrer Gesamtheit.
Da sind wir zu siebt. Dazu habe ich ein Team, das sich um die Produktion im Cobra-Werk kümmert. Wir entwickeln unsere Produkte hier bei Starboard, und Cobra ist lediglich unser Dienstleister für die Herstellung der Boards. Das Werk liegt nur etwa 45 Minuten von hier entfernt. Ich fahre jeden Donnerstag dorthin, um vor dem Versand die Qualitätskontrolle der Produkte durchzuführen und mich über verschiedene laufende Projekte und Fragen auszutauschen.
Für ein iSonic 107 habe ich mal dreizehn Prototypen gebaut – das ist mein Rekord.”
Das sind etwa 1000 Euro, natürlich weniger als in Europa üblich. Als ich in Thailand ankam, gab es einen erheblichen Vorteil: Der Baht war damals sehr schwach. Ein Euro war 48 Baht wert. Heute muss man wissen, dass ein Euro 36 Baht entspricht. Das ist überhaupt nicht mehr dasselbe. Man hatte automatisch ein viel größeres Budget, was interessante Gewinnspannen ermöglichte und es erlaubte, zu einem wettbewerbsfähigen Preis zu verkaufen. Das war fantastisch: Man hatte eine Idee, legte los, und selbst wenn man scheiterte, lernte man etwas daraus. Heute ist die Lage aufgrund des Baht, der im Vergleich zum Euro besonders stark ist, viel angespannter.
Es geht nicht darum, die ultimative Leistung anzustreben, sondern den Fahrern ein Höchstmaß an Gelassenheit zu vermitteln, damit sie sich während des Rennens ganz auf sich und ihre Taktik konzentrieren können. Sie müssen sich keine Gedanken um ihre Ausrüstung machen, weil sie volles Vertrauen haben.
Text: Arnaud Dechamps
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