Surf Testteam
· 28.04.2026
Vor Kurzem haben wir 20 Gabelbäume aus Carbon und Aluminium vorgestellt und im Labor vermessen. Dabei traten deutliche Unterschiede hinsichtlich Biegekurve, Durchmesser und Steifigkeit zutage.
Die Steifigkeit dient den Herstellern oft als wichtiges Verkaufsargument. Auf der Messbank waren die Unterschiede auf den ersten Blick groß: Auf 2,10 Meter ausgezogen und mit 20 Kilo Gewicht belastet zog sich die weichste Alugabel knapp 3,5 Zentimeter auseinander, das steifste Carbonmodell nur 1,3 Zentimeter. Marketing-Spezialisten würden das, ohne mit der Wimper zu zucken, als 2,6-fache Steifigkeit anpreisen. Das wäre nicht mal falsch, aber auch keine Aussage darüber, ob das auf dem Wasser überhaupt noch Vorteile bringt.
Der Griffdurchmesser der Testgabeln lag zwischen 28 und 33 Millimetern inklusive Belag – was dagegen jeder auch ohne besonderes Fingerspitzengefühl bereits beim Aufriggen deutlich spürt. Wir wollten deshalb wissen, wie sich die Messwerte in der Praxis niederschlagen: Ist eine ultrasteife Carbongabel wirklich so herrlich knackig in den Händen, dass man den dickeren Durchmesser verschmerzen kann? Oder ist „super-stiff“ am Ende vielleicht sogar super-sinnlos? Fünf Vertreter aus dem Labortest sollten auf dem Wasser die Antworten liefern:
Am Testtag lässt es der Passatwind auf Tobago krachen: 17 bis 22 Knoten, da darf man die 7,7er Testsegel gerne etwas flacher ziehen und in den Böen schon mal dicke Backen machen. Die Testgabeln sind bei dieser Segelgröße etwa halb ausgezogen. Also einhaken, dichtholen und einige schnelle Runs und Halsen hinlegen. Ein paar Pumpzüge können ebenfalls nicht schaden. Wie flext die Gabel dabei? Wie kraftvoll muss man zupacken? Nach sechs Durchgängen treffen wir uns zum Austausch.
„Dass die Goya Carbon auf der Messbank die steifste Gabel ist, spürt man auch auf dem Wasser sofort“, resümiert Tester Tobi Frauen, „da bewegt sich auch beim Anpumpen gar nix. Allerdings wirkt die Gabel für mich ziemlich klobig, vor allem wenn ich bei der Halse weit nach hinten auf das sehr dicke Endstück greife.“
Dass auch Alugabeln richtig steif sein können, beweist die Unifiber Alu HD. Hier sind nicht nur die Holme spürbar steif, „sondern auch der Sitz der Gabel mit dem soliden Kopfstück am Mast“, stellt Tester Manuel Vogel fest. „Genau wie die Goya-Carbongabel fühlt sich auch die Unifiber Alu für mich ziemlich wuchtig an, was an den dicken Holmdurchmessern und dem höheren Gewicht liegt. Für Racer, die den Verstellbereich voll ausreizen, mögen die Prioritäten anders sein. Ich würde zum Freeriden, auch mit einem Cambersegel, den Fokus immer auf Griffkomfort und Gewicht legen“, schlussfolgert Manuel.
Carbongabeln verbiegen bei Stürzen und Landungen nicht. Steifigkeit ist für mich zweitrangig. Privat benutze ich daher eine dünne Carbongabel.” (Manuel Vogel)
Genau diese Kombination aus dünnem Durchmesser, geringem Gewicht und guter Steifigkeit verkörperte im Test die GunSails-Select-Carbongabel. „Hier greift man auch beim Halsen auf einem dünnen Rohr, was sehr angenehm ist. Zudem merkt man, dass die Schwungmasse beim Schiften und Rotieren des Segels niedriger ist. Dass diese Gabel knapp ein Kilo leichter ist als die steifsten Modelle von Goya oder Unifiber, merkt man auf dem Wasser deutlich stärker als die kleinen Einbußen bei der Steifigkeit“, stellt Manuel Vogel fest.
Selbst die dünnste Alugabel, die Duotone Silver Mega Slim, punktete bei unseren Testern. „Beim Anpumpen und im Chop merkt man zwar eindeutig, dass die Gabel stärker flext als jede Carbongabel“, erzählt Tester Frank, „aber ich fahre dadurch nicht langsamer oder gleite später an. Die Steifigkeit reicht mir zum Freeriden absolut aus. Auch bei meinen Kunden im Shop spielt es meistens eine untergeordnete Rolle, wie steif eine Gabel ist, da geht es fast immer um leichtes Gewicht und Holmdurchmesser.“
Im Surfshop fragt kaum ein Kunde nach der steifsten Gabel. Es geht immer nur um den Durchmesser und das Gewicht.” (Frank Lewisch)
Die NeilPryde Carbon E 2.6 entpuppte sich in der Praxis als ähnlich guter Kompromiss wie die GunSails-Gabel. Preislich liegt die Gabel, mit nicht ganz 100-prozentigem Carbonanteil, unter den High-End-Racegabeln – und auch im durchgehenden schlanken Durchmesser. Es fehlt das martialische Endstück mit den armdicken Variorohren, „das eigentlich auch kein Freerider oder Freeracer braucht“, wie Tester Stephan meint. „Auch für unsere Freerace-Tests sind solche Gabeln mehr als steif genug und dabei gut zu greifen.“
Die in der Messung festgestellten Unterschiede bei der Steifigkeit sind beim Surfen fühlbar – aber oft zweitrangig. Statt eines bocksteifen Gefühls entscheiden vor allem Griffdurchmesser und Gewicht über den Spaß auf dem Wasser. Ist „super-stiff“ also super-sinnlos? Nicht unbedingt, denn wer noch ein paar Kilo mehr auf die Waage bringt (als unsere Tester zwischen 80 und 91 Kilo) und mit großen Segeln den Verstellbereich der Gabeln ausreizen möchte, sollte in jedem Fall zu einer richtig steifen Carbon-Racegabel greifen.
Für alle, die auf das letzte Quäntchen Steifigkeit verzichten können – und das dürften die meisten Freerider und Freeracer sein –, sind dünne Carbongabeln der ideale Kompromiss aus Handling, Fahrspaß und trotzdem noch sehr guter Steifigkeit. Man kann zudem nahezu den vollen Verstellbereich ausreizen, ohne Angst vor verbogenen Holmen zu haben. Alugabeln bleiben die preiswerteste Alternative mit meistens mehr als passabler Steifigkeit. Den Verstellbereich sollte man bei Alurohren aber nicht komplett ausreizen: nicht nur weil Alugabeln dabei deutlich mehr an Steifigkeit verlieren, sondern auch aus Gründen der Haltbarkeit, weil man bei einem Schleudersturz unter Umständen mit einem verbogenen Aluholm am Ende doch noch draufzahlt.